Drogen, Gangs und scharfe Waffen - Wie hart ist der gefährliche Job deutscher Türsteher wirklich?

Freitag, kurz vor 23 Uhr. Eine schwarze Limousine hält vor einem Nobelhotel in Frankfurt am Main. Zwei gut gekleidete Männer steigen aus und betreten kurze Zeit später die Lobby des Gebäudes. Es sind Karsten S.* und Murat K.* (Namen geändert), beide 34 Jahre alt, beide verheiratet und beide Gesellschafter eines privaten Sicherheitsunternehmens. Es ist der Auftakt ihrer allnächtlichen Tour durch das Nachtleben der Großstadt, der Beginn ihres Streifzuges durch Frankfurts Hotels, Clubs und Szenebars, dem "Spielfeld", wie sie es scherzhaft nennen. Ihr Job hingegen ist alles andere als ein Spiel. Sie schützen mehrere Diskotheken, Bars und Hotels sowie ein exklusives Tanzlokal der Großstadt vor ungebetenen Gästen, Drogendealern und gewalttätigen Jugendgangs. Nicht selten kommt es hierbei zu brutalen Schlägereien und gefährlichen Übergriffen auf die beiden Firmeninhaber und ihr rund 40-köpfiges Team.

"Es gehört mittlerweile leider zum Arbeitsalltag sich mit stark alkoholisierten und nicht selten äußerst aggressiven Personen auseinanderzusetzen und dabei auch tätlich angegriffen zu werden. Immer öfter sind dabei auch Messer, Schlagstöcke und sogar Schusswaffen im Spiel die für uns lebensgefährlich sein können!" erzählt Karsten S. mit besorgtem Blick. Der zwei Meter große Firmenchef arbeitet seit mittlerweile über 15 Jahren im Sicherheitsgewerbe und hat sein Handwerk unter anderem während einer Spezialausbildung in Israel erlernt. Seit vier Jahren ist er aufgrund der gefährlichen Tätigkeit im Milieu sogar Inhaber eines  Waffenscheins und trainiert  seine Fertigkeiten wöchentlich auf dem Schießstand des Schützenvereins in dem er Mitglied ist. Wirklich wohl fühlt er sich nach eigenen Angaben mit der Waffe am Gürtel allerdings nicht. Vielmehr sei sie ein notwendiges Übel, da die Welt des Nachtlebens von Jahr zu Jahr gefährlicher werde. Auch sein Partner Murat hat seit einiger Zeit eine gültige Waffenlizenz. "Ohne den Schein wird man ja heute in der Branche gar nicht mehr  für voll genommen!" erläutert er und begründet seine Aussage mit den Vorgaben einiger Auftraggeber.  "Da heute ja fast jeder zweite hier im Milieu eine illegale Waffe einstecken hat, wie sollten wir unseren Kunden dann plausibel machen, dass wir sie auch ohne Waffen schützen können? Die lachen uns ja aus." plaudert Murat aus dem Nähkästchen und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Der muskulöse Geschäftspartner und Freund von Karsten S. stammt ursprünglich aus der Türkei und lebt seit seinem vierten Lebensjahr in Deutschland. Eine ähnliche Ausbildung wie sein Partner, die ihn für den Personenschutz qualifiziert, hat er laut eigenen Angaben zwar nicht, allerdings kann er andere Qualitäten vorweisen die für diesen Job wichtig sind, wie er sagt.

"Ich spreche drei Sprachen fließend, betreibe seit meinem neunten Lebensjahr intensiv Kampfsport und kann mich benehmen!" fügt er lächelnd hinzu und lenkt das Thema wieder auf sein Sicherheitsunternehmen.

Zwischen acht und zwölf Euro pro Stunde verdienen die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes im Schnitt. Nicht gerade viel wenn man die unzähligen Gefahren des Jobs bedenkt. "Dabei ist die Arbeit unserer Jungs weitaus gefährlicher als die eines Polizisten!" fügt Karsten S. hinzu während er sich sein Sakko von der Stuhllehne nimmt. Anscheinend ist es Zeit für den Streifzug durch die Nacht und weitere Einblicke in die Welt der Türsteher. Die Uhr verrät mir, dass es mittlerweile fast Mitternacht ist. Auf dem Weg zum Auto erklärt Murat mir kurz die gesetzliche Grundlage ihrer Arbeit.

"Wir handeln nur auf Grundlage der Jedermanns-Rechte, haben dabei kaum Befugnisse aber dafür eine Menge Pflichten und viele Dinge auf die wir besonders gut achten müssen. Im Gegensatz zu uns beiden haben unsere Jungs außerdem eine recht mickrige Bewaffnung." Er rümpft kurz die Nase, zwinkert mir zu und fährt dann fort: "Zumindest wenn man das Mal mit der typischen Standardbewaffnung der meisten Jugendgangs vergleicht."

Einziger Trumpf der Sicherheitsdienste sei die mittlerweile recht gute Zusammenarbeit mit der Polizei und dem Ordnungsamt betonen beide. Mit Hilfe der Beamten sei es ab und an wesentlich einfacher, beispielsweise Hausverbote oder Platzverweise durchzusetzen. Ansonsten aber könnten die Behörden nicht selten auch Probleme machen. Dies sei beispielsweise dann der Fall, wenn es um neue Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes ginge, welche nun mal nicht selten eine bewegte Vergangenheit aufweisen würden. "Für uns ist einzig und allein wichtig, dass unsere Leute ein reines Führungszeugnis haben, also nicht schwerwiegend vorbestraft sind. Ob die in ihrer Jugend mal eine CD geklaut haben interessiert mich aber nicht wirklich. Hauptsache sie versuchen mich nicht zu beklauen, dann gibt's was auf die Ohren!" betont Karsten S. während er die Luxuslimousine in Richtung Innenstadt lenkt.

Trotz der im Moment durchgängig guten Auftragslage im Sicherheitsgewerbe klagen immer mehr Unternehmen der Branche über einbrechende Umsätze, was laut Einschätzung von Karsten und Murat vermutlich daran liegen dürfte, dass immer mehr Firmen auf den Markt drängen und die Preise kaputtmachen. Allerdings treffe dieser Trend nicht auf die eigene Firma zu. Wöchentlich würden Anfragen für neue Aufträge reinkommen, die man gar nicht mehr alle annehmen könne. "Wir haben einfach nicht genügend Leute und das, was sich da ab und an bei uns bewirbt...naja, da kann man neun von zehn Bewerbern ungesehen absagen. Der Job an der Tür ist nun mal nichts für Rentner oder alkoholabhängige Langzeitarbeitslose!" erklärt Murat und winkt spöttisch ab. Mir fällt plötzlich eine gewisse Anspannung bei den beiden Männern auf. Irgendwie hat sich die Atmosphäre in den letzten Minuten verändert. Während ich noch nachdenke stoppt Karsten den Wagen und wir steigen aus.

"Poison-Club*"(*Name geändert) steht in leuchtender Schrift über dem Eingang der Diskothek, vor der Karsten und Murat ihre Mitarbeiter in eher freundschaftlicher Art und Weise begrüßen. Nach Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis sieht das hier für mich auf den ersten Blick jedenfalls nicht aus. Soll es auch nicht, erklärt Karsten mir eine Minute später.

"Wir behandeln uns untereinander wie Freunde. Wenn es ernst wird, dann muss ich demjenigen vertrauen können der auf meinen Rücken aufpasst -  das funktioniert aber nicht, wenn ich in dessen Augen nur der verhasste Chef bin!"

Klingt irgendwie logisch, auch wenn ich nicht weiß warum. Wir betreten den Laden und drehen eine kurze Runde. Mir fällt auf, dass hier scheinbar ein Überschuss an Frauen herrscht, was ich aus eigenen Erfahrungen mit Clubs und Diskotheken eher umgekehrt kenne. "Wir achten darauf, dass immer mehr Frauen als Männer eingelassen werden. Wo viele Frauen sind, wollen alle Kerle hin. Unsere Aufgabe ist es dann nur noch, nach dem Aschenputtel-Prinzip auszusortieren." erklärt Murat mir grinsend und wohl wissend, dass ich dieses Prinzip nicht kenne. Noch bevor ich nachfragen kann fährt er fort.

"Ist ganz einfach. Die Guten, in dem Fall gut betuchten, dürfen rein und die Schlechten, nach weniger aussehenden Männer, bleiben draußen! Den Blick dafür entwickelt man mit der Zeit."

Nur zwanzig Minuten später sitzen wir wieder in der Luxuslimousine und unsere Fahrt geht weiter. Vier weitere Diskotheken und eine angesagte Szenebar stehen noch auf dem Programm der beiden Sicherheitsunternehmer. Auf der Fahrt erzählt Murat mir stolz, dass seine Leute zu den am Besten ausgebildeten Fachkräften im Rhein-Main-Gebiet gehören und auch die Ausrüstung jedes einzelnen weit über dem üblichen Standard liegt. "Das ist längst nicht überall so!" gibt er mir zu verstehen. "Nicht selten schicken Sicherheitsunternehmen ihre Leute ohne jeglichen Schutz auf das Spielfeld. Das grenzt an Fahrlässigkeit und kann mit ein wenig Pech sehr traurig enden!" betont er. Die Vergangenheit gibt ihm Recht. So wurde einer seiner Leute im letzten Jahr Zeuge eines tragischen Vorfalls, bei dem ein befreundeter Türsteher durch mehrere Messerstiche beinahe zu Tode kam. Dieses traurige Ereignis steht seither als Mahnmal über der Arbeit des gesamten Teams obgleich es nicht im eigenen Gebiet stattfand. Ein speziell ausgearbeitetes Trainingskonzept soll die Mitarbeiter des Frankfurter Sicherheitsdienstes auf solche und ähnliche Situationen vorbereiten. Einmal pro Woche trainiert das gesamte Team den Ernstfall. Spezielle Nahkampftechniken sowie der Stock- und Messerkampf stehen dabei auf dem Programm. In äußerst realitätsnahen Szenarios werden bewaffnete und unbewaffnete Angriffe nachgestellt, Massenschlägereien inszeniert und einheitliche Handlungsmuster verinnerlicht. Diese Fallbeispiele werden zu videografisch festgehalten und später gemeinsam ausgewertet.

"Wenn man plötzlich in eine reale Gefahrensituation gedrängt wird vergisst man oftmals, dass es sich um eine Schulungsmaßnahme handelt. Man reagiert nahezu identisch zum Realfall, macht Fehler oder reagiert unüberlegt. Sich anschließend selbst in dieser Situation beobachten zu können erzielt einen unterbewussten Lerneffekt." erklärt mir Karsten, der dieses Konzept selbst entworfen hat.

Wir treffen an der nächsten Diskothek ein. Ein Club, der in einem Problemviertel der Stadt liegt und dementsprechend auch ein problematischeres Publikum anzieht. Nur zehn Minuten nach unserem Eintreffen kommt es erstmals zu einer heftigen Auseinandersetzung vor dem Eingang. Einer größeren Gruppe Männer wurde der Zugang verwehrt, worauf die Jugendlichen äußerst aggressiv und wütend reagiert haben – Alarmbereitschaft. Innerhalb weniger Sekunden bemerke ich, dass plötzlich von überall her Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes in den Eingangsbereich drängen. Präsenz zeigen und Entschlossenheit demonstrieren lautet das eindeutig erkennbare Handlungsmuster der Männer. Auch Karsten und Murat stehen etwas Abseits der Lage und beobachten das Geschehen. Nach etwa fünf Minuten ist die Situation unter Kontrolle. Der Teamleiter des Security-Teams hat den Zwischenfall durch Überzeugungsarbeit bereinigt. Langsam leert sich der Eingangsbereich wieder, ich atme auf. Der Rest der Nacht verläuft glücklicherweise ruhig und ohne besondere Vorkommnisse, was aus Sicht von Karsten ein Glücksfall ist.

"In einem anderen Club der Stadt gab es eine Massenschlägerei, bei der auch ein Kollege verletzt wurde. Ich kenne den ganz gut. Jetzt liegt er im Krankenhaus." erzählt er, als sein Telefon klingelt und er die Nachricht bekommt, das genau dieser Kollege Glück hatte und mit einer Gehirnerschütterung und einigen Platzwunden davongekommen ist. Die Erleichterung der beiden Männer ist deutlich spürbar. Als wir gegen sechs Uhr morgens zurück zum Hotel kommen übernimmt die Müdigkeit langsam das Kommando. Meine beiden Begleiter legen ihre Schutzwesten ab und packen sie in den Kofferraum der Limousine. Während ich selbst mich nun auf mein warmes Bett freue bekomme ich noch mit, dass einige der "harten Jungs" nun noch gemeinsam frühstücken gehen werden um die Nacht gemeinsam ausklingen zu lassen. Auch Karsten und Murat werden dabei sein, denn Dank der Arbeit ihrer Jungs verlief diese Nacht ohne größere Probleme und das muss gefeiert werden. "In diesem Job ist jede ruhige Nacht ein Grund zu feiern!" gibt Murat mir noch mit auf den Weg. Beide verabschieden sich mit einem kräftigen Handschlag und wünschen mir alles Gute bevor sie wieder in die schwarze Limousine einsteigen und davonfahren, denn schließlich heißt es für sie und ihre Jungs schon in knapp 14 Stunden erneut: Auf in den Kampf gegen Drogen, Gangs und scharfe Waffen! 

Frankfurt bei Nacht

GeHo, am 30.03.2011
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Bildquelle:
Droemer-Verlag ("Wunder muss man selber machen" von Sina Trinkwalder - mehr als ein...)

Autor seit 5 Jahren
5 Seiten
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