Allen einen Spiegel vorgehalten

Osman, das ist der Schriftsteller und Satiriker Osman Engin, der im Deutschen Taschenbuch Verlag (dtv) zwiefach Geschichten, "Briefe aus Alamanya" veröffentlicht hat, die ein Spiegel sind – in doppelter Hinsicht. Die zweimal im Monat an den Onkel in der fernen Türkei gerichteten Briefe erzählen in humorvoller Form von oft nur halb gelungen Integrationsbemühungen im Deutschland des 20. und 21. Jahrhunderts, von geheimen Sehnsüchten, von Heimweh. Sie halten den deutschen Gastgebern einen Spiegel vor, und den Nachkommen der Gastarbeiter aus den 1960er Jahren genauso. Und hinter dem aufkommenden Lachen verbirgt sich häufig ein nur kaum zerquetschtes Tränchen.

Gastarbeiter – mit Skepsis empfangen

Wer heutzutage Özil oder Gündogan zujubelt, vergisst inzwischen die Anfänge leicht. In Deutschland leben knapp sieben Millionen Ausländer. Der größte Teil, nämlich 1,6 Millionen, kommt aus der Türkei. Sie kamen als "Gastarbeiter" in der Folge eines vor 55 Jahren, im Jahr 1961, geschlossenen Anwerbeabkommens, obwohl zunächst Skepsis herrschte: Sie kamen aus einem völlig anderen kulturellen und religiösen Hintergrund. Und mussten sich deshalb einem strengen Auswahlverfahren unterziehen.

Vom Swingerklub zum Karneval

Heute sind bis zu 55 Jahre Integrationsbemühen ins Land gegangen. Der türkisch-stämmige Arzt, der ein Herzkatheder setzt, ist genauso "normal" geworden wie der Fußballprofi oder das Mitglied im Kleingartenverein. Und doch – in vielerlei Hinsicht bleiben Un- oder Missverständnisse – und die spießt Osman Engin in seinen Briefen an den "lieben Onkel Ömer" in Anatolien auf. So beispielsweise nach dem Motto; Wenn 20 Leute gemeinsam Unsittliches treiben, dann sind sie in einem "Swingerklub", wenn es 20 Millionen tun, "dann heißt das Karneval". Osman wundert sich über den "Tag der Arbeit", den Valentinstag oder Weihnachten – und zeigt dabei denen in Alamanya eigentlich auf, wie hohl viele ihre Riten geworden sind. Und dann kommt auch Heimweh auf, ein bisschen so, wie es der Sänger Jürgen einmal in seinem Songtext ausgedrückt hat: "Heute fährt die 18 nicht nach Brühl – nein, bis nach Istanbul, Istanbul, wir packen lecker Kölsch ein und den Liegestuhl…"

Der türkische Kleingartenverein

Und weil das ein Traum ist, wird der Türke in Alamanya Mitglied in einem Kleingärtnerverein mit den bekannt strengen Regeln; aber weil er gleichzeitig "unter sich" bleiben will, ist es ein Kleingärtnerverein nach deutschen Bestimmungen – aber einzig mit türkischen Mitgliedern. Mit Döner und allem Drum und Dran, aber kurz geschorenem Rasen. Da lässt sich Heimweh ein bisschen vergessen.

"…und iss genug Knoblauch"

Aber dieser Osman vergisst nicht, jeden seiner Briefe an den Onkel in der fernen Heimat mit einem besonderen Gruß zu beschließen: "Ich küsse Dir, Tante Ülkül und allen Älteren in unserem schönen Dorf ganz herzlich mit großem Respekt die erfahrenen Hände… Pass gut auf Dich auf, bleib gesund und iss genug Knoblauch, Dein Dich über alles liebender Neffe aus dem sehr kalten Alamanya".

 

 

 

Autor seit 1 Jahr
89 Seiten
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