Die Ursprünge der Fabel bei Aesop und Phädrus

Vereinzelte Fabeln und fabelähnliche Formen sind unter anderem von den Sumerern sowie aus dem indischen und arabischen Altertum bekannt. Wir bleiben der Einfachheit halber in der europäischen Tradition. Hier gilt die von dem griechischen Dichter Hesiod (um 700 v. Chr.) in "Werke und Tage" angeführte Geschichte vom Habicht und der Nachtigall als älteste überlieferte Fabel. Die erste Fabelsammlung wiederum stammt aus dem 6. Jahrhundert vor Christus. Als ihr Verfasser gilt der phrygische Sklave Aesop, dessen historische Existenz jedoch nicht gesichert ist.

Durch den Griechen Phädrus (erste Hälfte 1. Jh.) gelangten die aesopischen Fabeln nach Rom, wurden ins Lateinische übersetzt und zum Teil umgedichtet. Phädrus hebt bereits den lehrhaften Charakter der Fabel hervor – sie soll Irrtümer beseitigen und den Geist schärfen. Über Babrios (zweite Hälfte 1. Jh.), Avian (um 400 n. Chr.) und den sog. Romulus (5. Jh.) wurde die Sammlung jeweils bearbeitet und ergänzt.

Fabeln im Mittelalter – Träger christlicher Moral

Im Mittelalter dienten alte und neue Fabeln – wie auch die Legende – primär der Vermittlung christlicher Moral. Sie wurden in Predigten und Beispielsammlungen sowie als Mittel der Illustration und Argumentation auch in größere literarische Kontexte eingebaut (z.B. Herger, Hugo von Trimberg). Wichtige Stationen der deutschen Fabeltradition bilden im Mittelalter der Stricker (Mitte 13. Jh.), Boner (erste Hälfte 14. Jh.), Heinrich Steinhöwel (15. Jh.) und Sebastian Brant (um 1500).

Während der Reformationszeit sind vor allem Burkhard Waldis und Erasmus Alberus von Bedeutung. Luther selbst schrieb einige Fabeln, die er mit Verweis auf die biblischen Gleichnisse als didaktisch sinnvoll erachtete. Um 1600 erschienen bis dato unbekannte Fabeln des Phaedrus, zehn Jahre später publizierte Neveletus eine Sammlung europäischer Fabeln.

Neuzeitliche Einflüsse von Fontaine, Lessing und Gellert

Der nächste wichtige Impuls kam aus Frankreich: Dort veröffentlichte Jean de la Fontaine zwischen 1668 und 1694 eine große Anzahl eigener, oft ausschweifender Fabeln in freien Versen. Diese zeichneten sich durch Witz und eine neue Leichtigkeit aus, und entfalteten mit etwas Verzögerung auch im Deutschland der Aufklärung eine Vorbildwirkung. Es kam zu einer Rennaissance der Fabel: Antoine Houdar de la Motte, Daniel Stoppe und andere publizierten eigene Sammlungen, Gottsched bemüht sich in seinem berühmten Werk "Versuch einer Critischen Dichtkunst" (1751), die Gattung von der antiken Tradition zu lösen und neu zu definieren.

Dagegen verwehrte sich Gotthold Ephraim Lessing. Der berühmte Dichter und Denker veröffentlicht nach einem Studium der antiken und mittelalterlichen Fabeltradition 1759 eine eigene Sammlung und beharrt auf dem Kriterium epigrammatischer Kürze. Langzeitwirkung entfaltete jedoch der in moralisch-erbaulichen Verserzählungen aufgehende und auf die bürgerliche Tugendlehre zielende Fabeltypus Christian Fürchtegott Gellerts.

Die Fabel als pädagogisches Werkzeug der Moderne

Im 19. und 20. Jahrhundert wurde die Fabel zum pädagogischen Werkzeug und stofflich durch ähnliche Erzählformen aus aller Welt erweitert. Von einigen zeitkritischen Dichtungen abgesehen, ging die Fabel somit in die Kinderliteratur über und führt heute ähnlich der Volkssage ein Schattendasein. Moderne Fabeldichtungen stammen unter anderem von Schnurre, Arntzen, Blumenberg und dem Amerikaner James Thurber.

Merkmale der Tiergeschichten – Lehrdichtung mit Pointe

Was sind nun die spezifischen Merkmale der Gattung? Zunächst ist es die Intention: Eine Fabel hat Lehrcharakter – sie dient der Unterweisung, soll eine Lebensweisheit, allgemeingültige Wahrheit oder Kritik bildhaft vermitteln und zu einem angemessenen Verhalten anleiten. Ohne viel Umschweife strebt sie meist geradlinig auf ihre Pointe zu. Viele Fabeln beinhalten dabei im Kern einen Dialog, in dem gegensätzliche Charaktere miteinander streiten oder konträre Aspekte darlegen. Andere enthalten direkte Rede im Monolog, wieder andere erzählen ausschließlich. Allgemein bedient sich die Fabel ästhetischer Elemente von Epik und Lyrik – beispielsweise Bilder, Reime und Rhythmik – und kann sowohl in Prosa als auch in Versen verfasst sein.

Weitere Fabelmerkmale – Kürze, Humor und sprechende Tiere

Typisch sind ihre Kürze und ein mit dem belehrenden einhergehender unterhaltsamer Aspekt: Getreu dem Horazschen "delectare et prodesse" wird die geistreiche Aussage meist durch Humor (v.a. Ironie, Satire) transportiert. Ein weiteres häufiges Merkmal ist das Auftreten von Tieren, denen menschliche Eigenschaften zugeschrieben werden. So ist der Fuchs üblicherweise listig, der Hase ängstlich und das Lamm friedlich. Diese Tiere (seltener Pflanzen) sprechen wie Menschen und verhalten sich auch wie solche – sie nehmen also lediglich eine stellvertretende Funktion ein. Worin liegt diese begründet?

Gestatten: Der Protagonist aus Aesops Fabel "Der Frosch und die Maus"

Verfremdung in der Fabel

Durch die Übertragung auf Tiercharaktere werden die behandelten Eigenschaften isoliert und auf diese Weise hervorgehoben. Die dabei stattfindende Verfremdung bewirkt jedoch nicht nur eine eindringliche und anschauliche Vermittlung der Botschaft, sondern betont auch die Veränderbarkeit von Verhalten sowie die Allgemeingültigkeit von richtigem Verhalten. Zugleich trägt sie zur Unterhaltung bei: Die ernste Botschaft wird in einen außergewöhnlichen Rahmen verpackt.
Des Weiteren schützt die Verfremdung oder Übertragung einen die Verhältnisse kritisierenden Autor vor Verfolgung durch die Obrigkeiten, indem sie den Protest nicht direkt adressiert und dadurch schwerer angreifbar macht.

Die Fabel – Beispielhaftigkeit und Moral

Nicht viel anders verhält es sich mit jenen Fabeln, in denen menschliche Charaktere auftreten. Diese stehen ebenfalls stellvertretend für die Gattung Mensch und menschliche Eigenschaften an sich. In einem Analogieschluss – mitunter findet sich die Moral auch am Ende kurz und prägend zusammengefasst – soll der Leser das in der Fabel angeführte Beispiel auf seine unmittelbare Lebenswirklichkeit übertragen. Dort soll die transportierte Moral oder Erkenntnis Früchte tragen: Hierin ähnelt die Fabel dem Gleichnis.

Alles in allem kann man die Fabel somit knapp als kurzen, fiktiven und erzählenden Text mit beispielhaftem Lehrcharakter und meist tierischem Personal definieren. Die Belehrung erfolgt mithilfe von Humor und ausdrucksstarken gleichnishaften Vergleichen. Unabhängig von dem immer zu berücksichtigenden zeitlichen Hintergrund besitzt die Fabel durch ihre Zielgerichtetheit, die dem Märchen ähnelnde Ort- und Zeitlosigkeit sowie ihre Prägnanz eine eigentümliche Würde.

 

ThomasSedlmeyr, am 25.11.2014
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Bildquelle:
W. Zeckai (Wie macht man eine Lesung erfolgreich?)
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Mag.a Bernadette Maria Kaufmann (Farbspiel Band 1: Weiß)

Autor seit 2 Jahren
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