Der Begriff der Karikatur, unter der wir bildliche Satire verstehen, ist italienischen Ursprungs. "Caricare" heißt "überladen, überfrachten" - also übertreiben. So kann man die Karikatur (englisch: cartoon) als komische Überhöhung des charakteristischen Wesenszuges eines (politischen) Zustandes oder einer Person verstehen.

 

Die Ursprünge

 

Humor ist uralt, spätestens seit Homer existiert er auch im Schrifttum. In der griechischen wie römischen Antike  finden sich auf Amphoren und Friesen bildliche Darstellungen mit schon grotesken Elementen, die als früheste Karikaturen gelten können. Es waren Unikate. Erst mit der Erfindung des Buchdrucks konnte die Karikatur eine größere Verbreitung erfahren. Erstes Dauerthema im 16. ud 17. Jahrhundert war der Streit zwischen den Konfessionen. Katholiken wie Protestanten setzten die Karikatur als Waffe im gegenseitigen Schlagabtausch ein. Vor der Etablierung einer Zeitungspresse waren es vor allem die Flugblätter, auf denen bevorzugt das Papsttum und im Vorfeld der Französischen Revolution das Königshaus angegriffen wurden.

 

Das neunzehnte Jahrhundert - erste Blütezeit der Karikatur

 

Vor allem in Frankreich blühte die bildliche Satire auf. Dafür stehen vor allem Honoré Daumier und Grandville (eigentlich Jean Ignace Isidore Gerard), die eine klare politische (republikanische) Position bezogen, den Klerus und das Spießbürgertum attackierten. Auf Daumier geht vor allem das Bild des Birnenkönigs zurück, mit dem er den Bürgerkönig Louis Philippe nach seiner Kopfform verewigte. Helmut Kohl hatte also einen berühmten Vorläufer, der allerdings weniger Spaß verstand. Daumier musste wegen dieser Zeichnung sechs Monate ins Gefängnis. Grandville hat Berühmtheit auch deshalb erlangt, weil er - in schon fast enzyklopädischem Ausmaß - Menschen in Tiergestalten schlüpfen ließ.  Das Parlament veranschaulichte er mit verblüffender Respektlosigkeit: Auf der Linken saßen die giftigen Schlangen und Stechwespen, in der Mitte die (katholischen) Schafe, auf der Rechten die Ochsen.

 

 

 

 

 

 

 

Schule
Grandville: Schule

Grandville: Schule

Honore Daumier: Der Birnenkönig
Daumier: Der Birnenkönig

Daumier: Der Birnenkönig

In Großbritannien hatte sich die satirische Zeitschrift "Punch" etabliert, in Frankreich waren es "Charivari" und "La caricature", in Deutschland muss man den "Kladderadatsch" erwähnen und den Simplicissimus, der im Jahre 1896 in München das Licht der Welt erblickte.

 

Der Simplicissimus - eine bewegte und wechselhafte Geschichte

 

Vier Hauptfeinde machten die Schöpfer der Satireschrift, Albert Langen und Th. Th. Heine, gleich zu Beginn aus: Dummheit, Misantropie, Prüderie und Frömmelei. Das Blatt, welches ursprünglich weniger satiregeneigt sein wollte, sondern sich mehr der ernsteren Kunst verbunden sah, schrieb und zeichnete auch gegen die spezifisch teutonische Obrigkeitshörigkeit an - und wurde folgerichtig mit Prozessen wegen Majestätsbeleidigung überladen. Konfiskationen und Verbote standen bald auf der Tagesordnung, nicht nur im wilhelmischen Deutschland, sondern auch in Österreich-Ungarn. Doch schon bald erkannten die pfiffigen Herausgeber, dass sich durch inszenierte Zensur die Auflage rapide steigern ließ. So erklären sich Erfolg und wachsende Popularität der Zeitschrift, die die Staatsautorität regelmäßig und stilsicher durch den Kakao zog.   Der "Simplex" beschäftigte neben Heinrich und Thomas Mann, Hermann Hesse, Gustav Meyrink, Erich Mühsam und Hugo v. Hoffmannsthal auch so herausragende zeichnerische  Talente wie George Grosz, Olaf Gulbransson, Bruno Paul, Freiherr von Reznicek, Heinrich Zille und Eduard Thöny.Gulbransson hat durch seinen dünnen Strich die Karikatur unverwechselbar revolutioniert, Frhr. Ferdinand von Reznicek zeichnet sich durch unnachahmliche Eleganz aus, bei Bruno Paul  gerieten die Zeichnungen nachgerade zu Anklagen gegen soziale Ungerechtigkeiten. Und Heinrich Zille steht für das "Milljöh".

 

Frhr.v.Reznicek: Bavarian Schuhplattler

Die Auflage im frühen zwanzigsten Jahrhundert übersprang zuweilen die 80.000-Leser-Marke, für die damalige Zeit ein sensationelles Ergebnis. Doch mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges  schien sich alles zu ändern: Patriotismus, Militarismus und Kriegseuphorie waren jetzt gefragt. Der Simplex passte nicht mehr ins Bild. Doch in der Stunde größter Resignation kam einigen Mitarbeitern die "Erleuchtung": Der Zeiten- und Wertewandel sei kein Debakel, sondern in Wirklichkeit eine unwiderbringliche Chance. Man könne nun die Satire in den Dienst der nationalen Sache stellen, man werde davon profitieren! Und so obsiegte schnöder Kommerz über Haltung. Das Blatt zeigte jetzt nicht mehr den schnöselnden preußischen Offizier, sondern bediente die gewünschten Klischees: Geschwätzige Italiener, besoffene Russen, ungewaschene Montenegriner und lustgeile Franzmänner waren nun die Zielscheiben. Nach Kriegsende und Revolution versuchte die Zeitschrift, zur alten Ausrichtung zurückzufinden. Das gelang allerdings nicht - unter den Folgen von Versailler Vertrag und Weltwirtschaftskrise wollte kein linker Humor mehr aufkommen. Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten unterfiel auch der Simplicissimus der "Gleichrichtung". Nachdem die jüdischen Mitarbeiter komplett hinausgeworfen worden waren, geschah der zweite Umfall. Das Blatt wurde zu einer üblen Hetzpostille der Nazis. Die faschistische Karikatur schlachtete vor allem das Feindbild des Juden aus.

Nach Kriegsende gab es den Versuch einer Neugründung unter dem Namen "Der Simpl" in München, der jedoch nach einem nur vierjährigen Siechtum verstarb.

 

Bildquellen: Wikipedia (sämtlich gemeinfrei)

 

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