Wenn's auf dem Friedhof eng wird, muss ein Beinhaus her

Man schreibt das Jahr 1720: Auf dem Friedhof des Dörfchens Bleibach im Elztal nahe Waldkirch wird es eng. Um Platz zu schaffen, werden alte Gräber ausgehoben. Für die Knochen der Verstorbenen wird eine kleine Kapelle, das Beinhaus, neben der Kirche gebaut. Dort werden die Gebeine der Toten im hinteren Bereich aufgeschichtet – sorgsam getrennt nach Schädeln, Arm- und Beinknochen. Im vorderen Bereich stehen Altar und Bänke für ein Gebet. Nur die Innendeko fehlt noch: 1723 beginnt der Kirchenmaler – vermutlich war es Johann Winter aus Waldkirch –, das hölzerne Tonnengewölbe auszugestalten. Thematisch passend entwirft er einen Totentanz, der die Betenden daran erinnert, dass auch sie jederzeit sterben können.

Fotos vom gesamten Bilderzyklus mit seinen 33 Szenen und Aufnahmen vom Innenraum der Kapelle bietet der Wikipedia-Artikel zum Bleibacher Totentanz

Als die Pest wütete: Der Totentanz als Antwort auf Katastrophen

Genügend Anregungen für sein Werk dürfte der Maler aus Waldkirch gehabt haben – und das in unmittelbarer Nähe. In Basel gab es an der Friedhofsmauer des Dominikanerklosters ein Fresko mit einem Totentanz, das den Tod in 41 Bildern zeigte. Auch die Totentanz-Darstellung von Hans Holbein d. J. (1523) war bekannt.

Seit Mitte des 15. Jahrhunderts war Gevatter Tod als Knochenmann, der die Menschen ins Jenseits holt, ein beliebtes Motiv – ob in Kirchen, auf Friedhöfen oder in Gebetbüchern. Häufig entstanden solche Darstellungen nach großen Epidemien, die ganze Dörfer fast menschenleer hinterließen. Auch der Basler Totentanz war eine Reaktion auf die schlimme Pestwelle im Jahr 1439.

Bei den Figuren hat sich der Waldkircher Künstler viel von diesen Vorbildern abgeschaut. Doch die Gewänder sind trendy, entsprechen ganz der Mode der damaligen Zeit. Die Bäuerin trägt die Tracht aus dem Elztal, die heute übrigens noch genauso aussieht.

Ein charmanter, aber unerbittlicher Geselle: der Sensenmann

Dem Tod entgeht keiner: Wer die Tafeln abschreitet, die das Bleibacher Beinhaus wie ein Fries umlaufen, begegnet Vertretern aller gesellschaftlichen Gruppen und Schichten der damaligen Zeit – und allen Altersstufen: vom Kind bis zur alten Frau, vom Papst über Kardinal und Bischof bis zum Pfarrer. Vom Kaiser bis zum Baron und Amtmann von Bleibach. Viele Berufe sind vertreten: Richter, Arzt, Kaufmann, Krämer, Koch und Bauer. Auch gesellschaftliche Randgruppen wie der Spielmann oder der Blinde sind dabei. Bei den Frauen gibt es die Edelfrau, die Äbtissin, eine Kaiserin wie auch die Jungfrau oder die Wallfahrerin.

Wirklich gern will niemand mit dem dürren Gerippe tanzen. Das ist den Figuren anzusehen, die sich winden, abwenden, den ungebetenen Besucher entsetzt abzuwehren versuchen. Und der Knochenmann? Der erweist sich als agiler Geselle mit einer ausdrucksstarken Körpersprache. Er stellt sich auf jeden Menschen ein. Das Kind lockt er mit einem roten Apfel und nimmt es väterlich an die Hand. Der Edelfrau bietet er galant den Arm, die Jungfrau umschmeichelt er wie ein frisch Verliebter. Doch das dürre Skelett kann auch ausgesprochen respektlos sein: Kaiser und Papst nimmt er umgehend alle Insignien von Macht und Würde ab, Mitra, die Krone, den Herrscherstab. Denn da ist Gevatter Tod unerbittlich. Mitkommen muss jeder – im Tod sind alle gleich.

Zuem Keyser:
Allzeit hat dir der Krieg woll glungen,
Dardurch vill Stadt und Land gezwungen.
Doch mich mit zwingst, hab schon die Cron.
Du mueßt mit mir jetzt gleich darvon.

Dessen Antwort:
Was helfen mir Stadt und Reich.
Wenn ich soll sterben allzugleich!
Du Tot, siehst kein Person nit an,
Es gilt dir Kaiser wie Bettelmann.

 

Zuem Kinndt:
Diessen rothen Äpfel gib ich dir.
Komb mein Kind und tantz mit mir!
Den Vortantz du billich haben mußt,
Weil du das Unschuldkleydt tragen thust.

Dessen Antwort:
Den roten Äpfel kannst du mir doch schenken,
Obschon ans Tanzen nicht will denken.
Ein wenig mit mir habe Geduld,
Zu sterben hab ich noch nicht Verschuld.

Nachdenken und schmunzeln: Warum sich der Besuch lohnt

Im Bleibacher Totentanz lassen sich viele Details entdecken. Sie sind so witzig und skurril, dass man fast vergisst, dass es eigentlich ums Sterben geht. Da zieht der Tod mit der Kaiserkrone auf dem Kopf den empörten Herrscher hinter sich her oder hält dem Arzt dessen eigenes Uringlas "zur Beschau" vor Augen. Und der Koch verschüttet vor lauter Schreck sogar seinen Wein.

Eigentlich sind die Darstellungen selbsterklärend, selbst für Betrachter im 21. Jahrhundert. Ergänzend findet sich aber über jedem Bild ein Knittelvers, der aus der Feder des damaligen Dorfschullehrers, einem Studenten aus Freiburg, stammt. Die Vierzeiler verraten, mit welchen Worten Gevatter Tod die Menschen zum Tanz auffordert, und erklären die Szene. Beim Spielmann, auf dessen Geige der Tod mit der Sense spielt, ist beispielsweise zu lesen:

Mit deiner Schallmeyen thue jetzt schweigen,/ Einen Hoppertantz dir will ich geigen./ Ja, unser Spiel war gar nit gantz,/ Wenn du nit wäres bey unserem Tantz.

Apropos Musik: Blickfang des Beinhauses ist die große Darstellung eines Orchesters: Sechs vitale Sensenmänner hauen da auf die Pauke, schlagen die Trommel (mit Arm- und Oberschenkelknochen...), blasen ins Krummhorn, spielen Geige und Trompete. Okay, das ist so makaber wie skurril, aber auch bezeichnend für einen Besuch in Bleibach, bei dem man ständig zwischen Atemanhalten und Schmunzeln hin- und hergerissen ist.

Über Jahrhunderte aktuell: Der Totentanz in Kunst und Musik

Der Totentanz ist als Thema nicht nur in der Malerei zu finden. Auch Komponisten bis in die Moderne hat er inspiriert wie Franz Liszt oder Hugo Distler. Literarisch haben sich Dichter wie Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich Heine und Rainer Maria Rilke des Sujets angenommen.

Ganz aktuell hat der britische Filmemacher Peter Greenaway in Basel gerade seinen Totentanz präsentiert – nicht als Gemälde, sondern als Filminstallation: http://baslertotentanz.ch

Einen ausführlichen Überblick über die künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Totentanz bietet die Website der Europäischen Totentanz-Vereinigung - klingt nach dunklen Künsten, ist aber ein harmloser Zusammenschluss von Wissenschaftlern, Künstlern und Sammlern.

 

Und so kommen Sie nach Bleibach: Anfahrt, Führungen, Infos

Bleibach im Elztal ist ein Ortsteil der Gemeinde Gutach und liegt nordöstlich von Freiburg bei Waldkirch an der B 294, mitten im Südschwarzwald also.

Wer nicht weiß, dass es in Bleibach eine ganz besondere Totentanz-Darstellung gibt, ist schnell daran vorbeigefahren. Denn die katholische Kirche St. Georg in der Dorfstraße ist ein moderner Bau, durch den man die historische Beinhauskapelle betritt – etwas, was man von außen nicht vermuten würde. Die Kirche ist täglich geöffnet.

 

In der Kirche ist auch die Broschüre Der Totentanz in der Beinhauskapelle zu Bleibach von Hermann Trenkle gegen eine Schutzgebühr von zwei Euro erhältlich. Neben einer fundierten Einführung zu den Darstellungen sind darin auch alle Knittelverse abgedruckt sowie zusätzlich die Erwiderungen der Menschen. Sie wurden erst später verfasst und stehen deswegen nicht an der Wand des Beinhauses geschrieben. 

Die Pfarrgemeinde Bleibach bietet immer wieder Führungen zum Totentanz an. Infos auf der Webseite der Seelsorgeeinheit Mittleres Elz- und Simonswäldertal.

Fotos: Mondstein/Bearbeitung: Heimo Cörlin

Mondstein, am 18.11.2013
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Bildquelle:
Lauterbrunnen Tourismus (Wie Klöppeln Männer an den Herd brachte)

Autor seit 4 Jahren
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