Die Kriegsgefangenenlager Fünfeichen

Im Jahr 1938 erwarb Hitlers Wehrmacht das Landgut Fünfeichen. Dessen bisherige Eigentümerin, Olga von Maltzahn, war jüdischer Abstammung, was diesem "Landerwerb" einen seltsamen Beigeschmack verleiht. Zunächst baute die Wehrmacht 1939 eine Kaserne. Doch noch im selben Jahr, wenige Tage nach Kriegsbeginn, kamen bereits die ersten polnischen Kriegsgefangenen in Neubrandenburg an. Auf Fünfeichen begann daraufhin die Errichtung zweier Kriegsgefangenenlager namens STALAG (Stammlager) II A und STALAG II E. Die Gefangenen wurden zur Zwangsarbeit in Rüstungsbetrieben und Landgütern eingesetzt. Als ab 1941 auch sowjetische Gefangene hinzukamen, wurden diese gesondert interniert. Insgesamt waren in den Baracken von Fünfeichen während der Kriegsjahre ungefähr 55 000 bis 60 000 Menschen interniert. Sie entstammten zehn europäischen Nationen sowie den USA. Die derzeitige Forschung geht davon aus, dass rund 6000 sowjetische Insassen sowie etwa 500 Gefangene aus anderen Nationen Haft und Zwangsarbeit nicht überlebten.

Das sowjetische Speziallager Nr. 9

Am 28. April 1945 erreichte die Rote Armee die Kriegsgefangenenlager Fünfeichen. Bis September nutzte man nun das Gelände zur zwischenzeitlichen Unterbringung der befreiten Gefangenen bis zu deren Heimkehr. Doch anschließend übernahm der sowjetische Geheimdienst NKDW die Anlage und benannte sie in "Speziallager Nr. 9" um. In diesem Internierungslager fanden sich vorwiegend deutsche Männer, Frauen und Jugendliche wieder. Es handelte sich dabei um Opfer von Denunzianten oder Menschen, die man einer politisch abweichenden Auffassung verdächtigte, beispielsweise den liberal-demokratischen Schriftsteller Heinrich Alexander Stoll. Rund ein Drittel der ungefähr 15 000 Internierten starb. Diese Menschen erlagen Krankheiten und hygienisch katastrophalen Bedingungen oder verhungerten einfach.

Zwischen Juli und November 1948 wurde das Lager zwar aufgelöst, doch längst nicht alle Insassen entließ man in die Freiheit. Ungefähr 2800 Häftlinge wurden in die ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald und Sachsenhausen deportiert, welche die sowjetische Besatzungsmacht beinahe übergangslos von den Nationalsozialisten übernommen und weitergeführt hatte.

Die Jahre des Schweigens

Von der Existenz des sowjetischen Speziallagers in Fünfeichen wusste die breite Öffentlichkeit der DDR allerdings nichts. In den Jahren 1958 bis 1960 errichtete man zwar ein Mahnmal für die sowjetischen Kriegsgefangenen, dessen Architektur an das Weimarer KZ Buchenwald erinnert.

Doch dieser Ort des Gedenkens konnte seiner Bestimmung nicht gerecht werden, denn die Nationale Volksarmee (NVA) der DDR übernahm das Gelände, welches schließlich zum militärischen Sperrgebiet erklärt wurde.

Falls die DDR-Führung beabsichtigt hatte, auf jene Weise das unrühmliche Tun der kommunistischen Sowjetmacht vergessen zu machen, so gelang der Coup nahezu perfekt. Über diesen Teil der Geschichte von Fünfeichen breiteten sich Vergessen und Schweigen.

Erst mit dem Sturz des SED-Regimes kehrten die Opfer in das kollektive Gedächtnis zurück. Noch während der letzten Monate der DDR kam es zur Untersuchung der sowjetischen Massengräber.

Bildergalerie Fünfeichen

Mahnmal aus DDR-Zeiten

Nach der Wende: Die Mahn- und Gedenkstätte Fünfeichen

Im April 1991 gründeten engagierte Bürger die Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen. Ihr Symbol wurde das schräge, gestützte Kreuz, welches heute den Zugang der 1993 eröffneten Gedenkstätte bildet. Es ist ungefähr elf Meter hoch und verfügt über eine Stütze aus Edelstahl. Jene steht symbolisch für den Widerstand gegen die vernichtende Politik der totalitären Regime unter Hitler und Stalin. Die Gedenkstätte wurde über mehrere Jahre ausgebaut und dem aktuellen Forschungsstand angeglichen. Im Eingangsbereich befinden sich heute Informationstafeln sowie eine große Totenglocke. Auf seinem weiteren Weg gelangt der Besucher zum Gräberfeld der Kriegsgefangenen. Optisch dominiert wird es durch das zu DDR-Zeiten errichtete Mahnmal, einem Glockenturm, auf dessen Sockelbau eine Figurengruppe steht.

Am nahen Waldrand gabelt sich schließlich der Pfad und führt in nördlicher beziehungsweise südlicher Richtung jeweils zu den Massengräbern des sowjetischen Internierungslagers. Den Besucher erfasst bei ihrem Anblick eine seltsame Stimmung. Fünfeichen ist eben keine gewöhnliche, anonyme Gedenkstätte, denn die Toten des Lagers sind namentlich aufgeführt. Die unüberschaubare Masse ihrer Namen verdeutlicht, was hier geschah: Menschen wurden Ideologien geopfert.

Laden ...
Fehler!