Wie das Lager Mühlberg entstand

Die Geschichte des Gefangenenlagers Mühlberg begann 1939. In Riesa stationierte Pioniereinheiten sowie Kriegsgefangene aus Polen und Frankreich errichteten ein Barackenlager. Es befand sich ungefähr vier Kilometer außerhalb von Mühlberg, nahe der Ortschaft Neuburxdorf. Die Bauten wurden erstaunlich nachhaltig ausgeführt, denn die Baracken für jeweils mehrere hundert Menschen standen auf massiven Steinfundamenten. Offenbar war das Lager für eine dauerhafte Nutzung vorgesehen. Es gab Verwaltungstrakte, Wirtschaftsgebäude, medizinische Bereiche und sogar ein Leichenhaus. Konzipiert wurde das Lager für rund 10 000 Inhaftierte. Die durchschnittlichen Belegungszahlen überschritten diesen Wert jedoch deutlich. Mühlberg galt als ein besonders solide organisiertes Lager. Eine Eigentümlichkeit waren zudem während beider Diktaturen die kulturellen Aufführungen, beispielsweise das Gefangenen-Theater. Dies alles darf jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass im Lager Mühlberg Folter, Zwangsarbeit, Krankheit und Hunger herrschten, die tausende Menschen das Leben kosteten.

Das Lager STALAG IV B

Die Nationalsozialisten errichteten das Lager zur Unterbringung von Kriegsgefangenen, welche in der Regel Zwangsarbeit leisten mussten. Für zahlreiche Gefangene war Mühlberg zudem Durchgangsstation, ehe sie den Arbeitskommandos anderer Lager im Deutschen Reich zugeteilt wurden. Insgesamt sollen das STALAG IV B schätzungsweise 300 000 Gefangene durchlaufen haben. Etwa 3000 von ihnen überlebten nicht und wurden auf dem nordöstlich gelegenen Kriegsgefangenenfriedhof von Neuburxdorf begraben. Nach Kriegsende wurden die sterblichen Überreste einiger Opfer in die jeweiligen Heimatländer überführt.

Nicht zufällig war die überwiegende Anzahl der Toten sowjetischer Herkunft. Gemäß nationalsozialistischer Ideologie galten sie als minderwertig und wurden besonders schlecht behandelt. Wer als sowjetischer Soldat das Lager überlebte, war allerdings kaum besser dran. Gefangene galten nach Ansicht Stalins als Feiglinge oder Deserteure. Sie wurden daher gegen Kriegsende von ihren eigenen Landsleuten verhört, nach Sibirien deportiert oder hingerichtet. Besonderen Repressionen durch deutsche Bewacher waren auch italienische Gefangene ausgesetzt. Ihnen legte man "Verrat" zur Last, da Deutschlands Verbündeter Italien 1943 kapituliert hatte.

Das sowjetische Speziallager Nr. 1

Die Rote Armee erreichte das Lager am 23. April 1945 und befreite die Angehörigen der anderen Nationalitäten. Nach deren Abzug kam es zu Plünderungen, ehe sowjetische Behörden hier über das Schicksal der eigenen Landsleute entschieden. Das Lager Mühlberg diente in dieser Zeit auch als Durchgangsstation für Angehörige der so genannten Wlassow-Armee.

Ab Herbst des gleichen Jahres wurde das Gelände schließlich als Speziallager Nr. 1 betrieben. Hatte sich der politische Terror bisher mühsam unter dem militärischen Deckmantel versteckt, schlug er nun ganz offen zu. Das Lager füllte sich mit (zum Teil jugendlichen) Zivilpersonen beiderlei Geschlechts, die unter absurden Anschuldigungen als Bedrohung des Kommunismus angesehen wurden. Eine rechtsstaatliche Ermittlung der Vorwürfe unterblieb. Das Paradoxe daran: Tatsächlich befanden sich einige Nazi-Funktionäre im Lager. Ihnen unterstand die interne Verwaltung!

Die Verhältnisse im Speziallager Nr. 1 nahmen nun endgültig katastrophale Ausmaße an. Die Todesraten schnellten in die Höhe. Rund 6700 der etwa 22000 Inhaftierten starben. Niemand machte sich mehr die Mühe, Verstorbene geordnet beizusetzen. Jeweils im Morgengrauen wurden sie nackt und anonym in riesige Massengräber am Lagerrand verbracht. Das alles geschah innerhalb von nur drei Jahren. In dieser Zeit wurden zudem rund 3000 Gefangene nach Sibirien abtransportiert. Als im Sommer / Herbst 1948 die Auflösung des Speziallagers Mühlberg begann, brachte das vielen Überlebenden nicht die ersehnte Freiheit. Sie wurden stattdessen in Eisenbahnwaggons verladen. Ihr Ziel: Das nun unter kommunistischer Regie weiter betriebene Konzentrationslager Buchenwald.

Wie die DDR Unrecht vertuschte

Das verlassene Lager war nun dem Verfall preisgegeben. Die mittlerweile gegründete DDR ließ es 1950/51 endgültig abreißen. Der roten Staatsführung mit ihrem Anspruch auf Menschlichkeit war die Lagergeschichte natürlich peinlich. Das Schweigen offizieller Stellen über diese Stätte der Repression half allerdings nicht. Zu viele Menschen wussten, was geschehen war. Der mehrfache Stacheldrahtzaun hatte nie verhindern können, dass Informationen aus dem Lager nach außen gelangten. Angehörige der Opfer legten auf dem Gelände immer wieder Blumen nieder, welche staatlicherseits allerdings umgehend entfernt wurden. Zudem soll es bei Feldarbeiten zu gelegentlichen Knochenfunden gekommen sein. Das Areal wurde daher kurzerhand aufgeforstet. Noch immer lässt sich dies an den unnatürlich gleichmäßigen Baumreihen erkennen.

Gedenkstein am Lagereingang

Die heutige Mahn- und Gedenkstätte

Heute liegt weiterhin Schweigen über dem ehemaligen Lagergelände. Doch es ist eine würdevolle, trauernde Stille, die zum Gedenken anregt. Vereinzelt sind zwar noch bröckelnde Fundamente sichtbar. Ansonsten jedoch hat die Aufforstung während der DDR-Zeit das Aussehen des Geländes stark verändert. Seit den frühen 1990er Jahren haben deshalb engagierte Menschen die Lagergeschichte aufgearbeitet. Schautafeln erklären viele Details. Skizzen und Fotos helfen dabei, sich die frühere Anlage vorzustellen. Ein Großteil des Geländes abseits der Wege ist von Bäumen überwachsen, zwischen denen nahezu undurchdringliches Unterholz wuchert. Dies ist auch gut so, denn jene kaum zugänglichen Bereiche lassen gefährliche Stellen wie Fundamentgruben oder Mauerreste erahnen.

Herzstück der Gedenkstätte ist jedoch der Bereich der Massengräber aus der Zeit des sowjetischen Speziallagers. Er wird optisch von einem riesigen Hochkreuz dominiert. Der Weg dahin ist gesäumt von zwei endlos scheinenden Reihen mit Namenstafeln der Verstorbenen. An viele Opfern wird zudem im umliegenden Bereich durch Kreuze oder Gedenksteine erinnert. Wer diese Gedenkstätte aufmerksam besichtigt hat, weiß, warum rechte und linke Ideologien nie wieder Macht erhalten dürfen.

Quellenauswahl:

Mahn- und Gedenkstätte Mühlberg

Orte der Repression

Margret Bechler: Warten auf Antwort, Ullstein-Verlag, 2009

Bildungsserver Berlin-Brandenburg

Autor seit 5 Jahren
97 Seiten
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