Kindheit - schöne, ferne unvergessene Zeit

Kindheit - schöne, ferne, unvergessene Zeit

Vieles, was man im Laufe der Jahre verdrängt hat, fällt einem plötzlich wieder ein, je älter man wird. Manches hingegen bleibt jedoch für immer unvergessen. Wunderschöne Impressionen längst vergangener Kindertage...

Wenn ich an "früher" denke - dann fehlt diesbezüglich auch nicht die Erinnerung an meine Zeit, die ich bei meiner Urgroßmutter verbrachte.

Da sind so viele kleine Einzelheiten, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen - so wunderbare Erinnerungen an ein kleines Stück heile Kindheit.

 

Oft sehe ich mich im großen Bett meiner Urgroßmutter liegen, zugedeckt mit einem extra dicken Gänse-Daunenfederbett. Ich mochte die dicken Federbetten eigentlich gar nicht, da die Federn hin und wieder so sehr piksten. Meine liebe Uroma wusste natürlich Abhilfe und so bekam ich zunächst eine weiche mollige Decke, bevor das Federbett folgte. War der Winter einmal sehr rau und ich fror trotz Decke und Federbett, weil der Ofen im Schlafzimmer einst nie benutzt wurde, dann holte meine Uroma eine Wärmflasche aus der Küche, hüllte diese in ein Geschirrtuch und ich bekam schnell warme Füße.

Uromas Teddybär, dessen "Fell" schon abgegriffen und speckig war, dem ein Knopfauge fehlte, was ihm ein sehr verwegenes Aussehen verlieh als auch die wunderschöne alte Puppe mit den etwas verfilzten Haaren, dem Porzellankopf und dem seidenen Kleidchen, durften keineswegs in meinem Bett fehlen.

Auf Uromas Nachtschränkchen stand immer eine Porzellanfigur - das "Gänselieschen" - und ein Bild, im vergoldeten Rahmen, welches ein engelhaftes, pausbäckiges Mädchen zeigte. Dort, auf dem Nachttisch lag auch das dicke, abgegriffene Buch mit der Geschichte vom "Stülpner Karl".

Jeden Abend las mir meine Uromi die Geschichten vom Stülpner Karl vor. Ich verstand sie eigentlich gar nicht. Doch meine Urgroßmutter las nicht einfach nur. Sie erzählte die Geschichte von Karl Stülpner, so anschaulich und spannend, dass ich nie genug davon bekam. Allerdings schlief ich auch recht schnell dabei ein. Vielleicht war dies der Grund, weswegen ich nicht so richtig verstehen konnte, wer der Karl Stülpner war und was ihn so interessant machte.

Jahre später - als ich schon erwachsen war - meine geliebte Uroma nicht mehr am Leben - holte ich ihr altes Buch "Die Legende vom Stülpner Karl" hervor, und begann zu lesen. Mir gefiel die Geschichte allerdings gar nicht mehr, denn ich musste sie selbst lesen. Doch plötzlich - wie aus weiter Ferne - vernahm ich auf einmal die vertraute Stimme meiner verstorbenen Uroma, die mir aus dem dicken Wälzer vorlas. Augenblicklich war ich wieder das kleine Mädchen im riesengroßen Bett, welches andächtig ihrer Stimme lauschte, während ihm vor Müdigkeit die Augenlider schwer wurden.

Ich erinnere mich auch, als wäre es gestern erst gewesen, an meinen Ball, den meine liebe Uroma mir zum Geburtstag schenkte als ich drei Jahre alt wurde. Es war ein kleiner hellblauer Gummiball mit pastellfarbenen großen Punkten, mittig mit einem weißen Streifen versehen, der so herrlich in die Höhe springen konnte. Im Laufe der Jahre jedoch verlor mein Ball seine klaren Farben.

Das Himmelblau wurde grau, die Pastellfarben verblassten und springen konnte er schon längst nicht mehr. Doch ich liebte diesen Ball und spielte jedes Mal mit ihm, wenn ich wieder bei meiner Urgroßmutter zu Besuch war. Auch die Puppe mit dem Porzellankopf und der uralte Teddy mit dem Knopf im Ohr, saßen nach wie vor im großen Bett und erwarteten mich. Das Bild mit dem mädchenhaften Engel, welches Uroma immer im Kästchen des Nachtschränkchens verstaute, damit es nicht zerbrechen konnte, holte ich immer als Erstes hervor. "Mein Gänselieschen" und "mein Stülpner Karle" - wie Uroma ihn scherzhaft nannte - fehlten nie.

Auch als ich schon in die Schule ging, musste meine geliebte Uroma mir immer wieder die Geschichten vom Karl Stülpner erzählen, wenn ich die Ferien bei ihr verbrachte. War das Wetter einmal schlecht, schaute ich hinter der Fensterscheibe dem Wetterhahn auf dem Dach gegenüber zu, der manchmal, wenn die Sonne schien, sehr geheimnisvoll strahlte.

Jeden Morgen ging ich mit Uroma zum Bäcker zwei Straßen weiter. Sie kaufte knusprige Brötchen / Semmeln, die noch herrlich warm waren und so himmlisch dufteten, dass mir das Wasser im Munde zusammenlief. Bei meiner Urgroßmutter durfte ich etwas, was zu Hause nicht erlaubt war - ich durfte die Semmel in den Kakao "ditschen". Hm, war das lecker!

Dass Uroma ihre Semmel nur in den Kaffee tauchte, weil sie damals schon nicht mehr ein so gesundes Gebiss hatte, wusste ich doch nicht. Aber meine liebe Urgroßmutter verbot mir nicht, mein Brötchen in den Kakao zu tauchen. Jedes Mal, wenn wir in den Bäckerladen kamen, fragte die Verkäuferin - Uroma nannte sie Erna - auch gleich, ob es denn für die "süße Kleine" - jawohl, sie meinte mich - denn auch ein Stückchen "Puddingkuchen" sein durfte. Oh ja - ich liebte "Tante Ernas" Puddingkuchen. Seit meiner Kindheit habe ich noch nie wieder ein soooo köstliches Stück Streuselkuchen gegessen. Einen "echten" Streuselkuch, gefüllt mit einer dicken Schicht hausgemachten Vanillepudding, mit knusprigen Streuseln, die mit Puderzucker bestreut waren.

Ich erinnere mich auch noch sehr genau an das uralte Haus, in dem meine Urgroßmutter einst wohnte. Direkt unter dem Dach. Eine Toilette gab es damals in der Wohnung noch nicht, auch keine Heizung, nur einen Kohleofen. Aber wenn der Ofen im Wohnzimmer geheizt war, war die ganze Stube wohlig warm. Musste ich abends jedoch einmal schnell noch vor dem Schlafengehen "für kleine Mädchen" - nahm Uroma eine Taschenlampe und trug mich eine Treppe zur Toilette, in der es kein Licht gab.

Wenn meine Omi mir abends aus dem dicken Buch vorlas und ich vor Aufregung plötzlich Hunger bekam, zog sie liebevoll das Federbett bis zu meinem Kinn hoch und sagte:

"Deck` dich gut zu, damit der Hunger dich nicht findet!"

Sie blieb immer so lange auf dem Bett sitzen, bis ich meine Äuglein geschlossen hatte und der Schlaf mich ins Land der Träume beförderte! Ja, so war sie, meine Uromi. Liebevoll, besorgt, gutmütig und ganz, ganz toll. Einfach WUNDERVOLL!

Teddys, Puppen, Nostalgie - Kinderträume werden Wirklichkeit
Anmutige Puppe JaninaSteiff 111952 - Hannes Teddybär im Koffer, gold...Legler Puppe Denise
KreativeSchreibfee, am 29.01.2011
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Bild: clker.com (Wer gute Beziehungen möchte, sollte "Giraffensprache" sprechen: Gew...)
Kahei (Weihnachtsgeschenke für Dreijährige – bauen, malen, vorlesen)

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