Die Entstehungsgeschichte der Märchen aus 1001 Nacht im Orient

Man geht heute davon aus, dass die Erzählungen um 800 n. Chr. im Zweistromland zusammengetragen wurden. Die persische Sammlung "Hezar Efsan" – Tausend Geschichten – fand bald eine arabische Übersetzung: "Alif Laila", was übersetzt "Tausend Nächte" bedeutet. Die Zahl war dabei von Anfang an keine konkrete Angabe, sondern sollte lediglich eine große Menge ausdrücken. Zu Beginn beinhaltete die Sammlung an die 200 Erzählungen. Diese waren bereits in den bekannten Rahmen des grausamen Sultans und der klugen Wesirstochter Scheherazade eingebunden.

Die Rahmenhandlung von König Schahriyâr und Scheherazade

Nachdem der König Schahriyâr von seiner Frau betrogen wurde, hat er den Glauben an die Treue verloren. Der Gehörnte lässt fortan all seine Frauen nach der ersten Nacht hinrichten. Die Wesirstochter Scheherazade will das grausame Morden stoppen: Sie heiratet den König und erzählt ihm in der Nacht eine Geschichte, die sie an einer spannenden Stelle unterbricht – heutzutage würde an von einem geschickten Cliffhanger sprechen. Der neugierige Schahriyâr verschont Scheherazade, die ihm nun Abend für Abend ihre geschickt weitergeführten Geschichten erzählt und so ihr Schicksal immer wieder aufschiebt, bis der König nach 1001 Nacht an ihre Treue glaubt.

Der Ursprung der Märchensammlung von 1001 Nacht

Die Ursprünge dieser Rahmenerzählung und weiterer Geschichten liegen übrigens in Indien. Andere Erzählstoffe stammen aus Mesopotamien, Arabien, Persien, Syrien und Ägypten. Im Folgenden erweiterte sich die Sammlung beständig. Obendrein gesellte sich eine dritte Sammlung mit zum Teil nordafrikanischen Geschichten hinzu, deren Ursprung im Ägypten des 12. Jahrhunderts liegt.

Tausend und eine Vielfalt – Motive und Gattungen

Die unterschiedlichen Wurzeln und Einflüsse spiegeln sich in der enormen Vielfalt wieder und machen eine einfache Kategorisierung des Werkes schier unmöglich. Der heute vorliegende Stoff beinhaltet nicht nur Motive der Bibel und des Buddhismus, der Odyssee, des Alexanderromans und des Islams – er beschränkt sich auch keineswegs auf die Gattung Märchen: Viele Erzählungen lassen sich eher der Novelle, der Sage und Legende, dem Roman, der Humoreske oder Anekdote zuordnen. Zusätzlich finden sich im Gesamtwerk an die 1.300 poetische Einlagen, sowohl Einzelverse, Gedichte als auch Reimprosa.

Die Übersetzung durch Antoine Galland

In Europa erschien ein Band mit Erzählungen der Geschichtensammlung erstmals 1704 in Frankreich, in den Folgejahren wurden 13 weitere Bände veröffentlicht – zwei davon nach dem Tod des Herausgebers Antoine Galland (1646 bis 1715), der auf seinen Reisen im Orient auf eine syrische Handschrift gestoßen war und sich bis an sein Lebensende unermüdlich deren Übersetzung widmete. Dabei nahm er weitere Märchen in die Sammlung mit auf. Der französischen Ausgabe folgten bald englische und deutsche Fassungen.

Die Erzählungen aus dem Orient und das europäische Märchen

In der Romantik stießen die Märchen aus 1001 Nacht auf große Begeisterung, Motive flossen in die Volksmärchensammlung der Gebrüder Grimm ein und spielten eine wichtige Rolle für das Kunstmärchen. Dennoch erschienen erst im 19. Jahrhundert direkt aus dem Arabischen übersetzte Neuausgaben in Deutschland, unter anderem von den berühmten Orientalisten Gustav Weil (1808 bis 1889) und Richard Francis Burton (1821 bis 1890). Der Trend ging dabei hin zu Jugendausgaben, beschränkte sich jedoch keineswegs darauf: So tauchten zu Beginn der 20. Jahrhunderts erstmals auch Sammlungen mit explizit erotischem Charakter auf.

Tausend Nächte und kein Ende

Viele der Märchen aus 1001 Nacht sind noch heute ein Begriff, finden sich in Disney-Zeichentrickverfilmungen, Comics und Spielfilmen und bleiben so im allgemeinen Gedächtnis – man denke nur an die Reisen Sindbads, den Dieb von Bagdad, Aladin und die Wunderlampe sowie die Geschichte des Ali Baba. Dagegen kennen wohl nur wenige die Geschichte des Buckligen, die des jüdischen Arztes, des Schneiders oder die des Barbiers. Ein Großteil der Erzählungen steht zu Unrecht im Schatten der prominenten Vertreter. Dabei lohnt es sich durchaus, die Sammlung im Ganzen zu lesen.

Wen erst die Begeisterung packt wie den eifersüchtigen König, den lässt sie eh nicht mehr los. Und wenn der Leser auch so manchen Luxus missen muss, den der Sultan einst genossen haben mag, einen Vorteil hat er doch – er muss nicht wie jener einen ganzen Tag auf die nächste Geschichte warten.

ThomasSedlmeyr, am 04.02.2015
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Bildquelle:
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