Das Märchen in Mittelalter und Neuzeit

Ähnlich verhält es sich mit der erhaltenen nichtreligiösen Literatur des Mittelalters – diese enthält primär Schwänke und Fabeln. Einzelne Erzählungen weisen allerdings mehr oder weniger stark ausgeprägte Märchenmotive auf. Die im 14. Jahrhundert verfasste Versdichtung "Asinarius" beinhaltet eine Geschichte vom Tierbräutigam, die mitunter als erstes europäisches Märchen bezeichnet wird und in nacherzählter Form als "Das Eselein" Eingang in die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm fand. Einzelne Märchen wie "Dornröschen" klingen bereits schemenhaft in Ritterromanen an, die Einflüsse keltischer sowie über die Kreuzzüge in unsere Breitengrade gelangter orientalischer Erzählungen aufweisen.

Es bleibt allerdings die Frage nach der Henne und dem Ei: Griff die höfische Dichtung des Mittelalters auf bereits existierende mündlich tradierte Märchen aus dem Volk zurück oder schuf sie aus Elementen von Mythos, Legende und Sage erst den Märchenstil?

Märchensammlungen – Straparola, Basile und Perrault

Mitte des 16. Jahrhunderts erscheint in Venedig Giovanni Francesco Straparolas Sammlung "Ergötzliche Nächte", unter deren 73 primär mündlich überlieferten Erzählungen sich 21 Märchen finden – unter anderem "Der Gestiefelte Kater" und "Der Zauberlehrling". 1634/36 folgt eine posthum publizierte Sammlung von Giambattista Basile. Die 50 Erzählungen enthalten zahlreiche ursprüngliche Versionen von Märchen wie "Aschenputtel", "Rapunzel", "Allerleihrau" und "Schneewittchen". In Deutschland fehlen zunächst Belege für Vertreter der Gattung Märchen, einzig die im Simplicissimus von Grimmelshausen verankerte Erzählung vom Bärenhäuter kann als solches angeführt werden. Die nächste große Quelle der Märchenforschung stammt aus Frankreich: Die sieben 1696/97 mit einer weiteren Erzählung veröffentlichten Volksmärchen von Charles Perrault, unter ihnen beispielsweise "Blaubart", "Rotkäppchen" und "Frau Holle".

Feenmärchen der Madame D'Aulnoy und Volksmärchen von Musäus

Ein Jahr später erschien eine weitere Sammlung durch Madame D'Aulnoy. Im Lauf des 18. Jahrhunderts boomt das Kunstmärchen in Gestalt der Feenmärchen – von Frankreich schwappt die Welle nach Deutschland über. Ein Meilenstein in der Geschichte des Märchens ist die von Jean Antoine Galland geleistete Übersetzung der "Märchen aus 1001 Nacht" nach einer syrischen Handschrift des 14. Jahrhunderts. Die zehn zwischen 1704 und 1712 veröffentlichten Bände wurden schnell berühmt und lösten eine Mode von Erzählungen im orientalischen Stil aus. In Weimar setzte Johann Karl August Musäus den Feenmärchen 1782/86 seine "Volksmärchen der Deutschen" entgegen.

Jacob und Wilhelm Grimm – die Kinder- und Hausmärchen

Die "Kinder- und Hausmärchen" (1812/15) der Gebrüder Grimm lösten in vielen Ländern eine neue Phase des Märchensammelns aus. Jacob und Wilhelm Grimm sammelten in der Tradition von Herders "Naturpoesie" vor allem in Hessen mündliche Erzählungen – wobei die Entstehungsgeschichte selbst märchenhafte Züge annahm. Eine andere berühmte deutsche Märchensammlung entstand mit dem "Deutschen Märchenbuch" (1845) vom Ludwig Bechstein.

Zahlreiche weitere folgten. Zwischen Buchdeckeln gepresst überlebten die Märchen den Untergang des gemeinsamen Erzählens an Feuerstellen, in Wirts- und Wohnstuben – und fanden eine neue wohlige Heimat in den Kinderzimmern. Heute kann der Märchenfreund nicht nur auf europäische und orientalische Märchen, sondern auf neue und alte Märchen aus aller Welt zurückgreifen. Diese erzählen nicht nur von der Suche nach und der Hoffnung auf Glück hier wie dort, sondern spiegeln immer auch ein Stück Kultur des jeweiligen Landes wider.

ThomasSedlmeyr, am 13.12.2014
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