Wie wirkten diese 3 Tage auf mich?

EX In bedeutet für mich immer auch eine Reise in die Vergangenheit. Bei diesem Modul bewegte ich mich zeitweise wie ein neutraler Beobachter in meinen vergangenen Krisen. Interessant war, wie sich heute rückblickend rote Fäden in der Bewältigung dieser schweren Lebenssituationen zusammenfügten, was mir damals gar nicht so bewusst war. Mein Handeln vor einigen Jahren folgte, wie ich jetzt weiß, durchaus logischen Strukturen und führte mich intuitiv aus dem Tief des Lebens heraus.

In der Kleingruppenarbeit tauchte ich weit in meine Vergangenheit ein, ohne in eine emotionale Schieflage zu geraten. Das zeigt mir, ich habe abgeschlossen und mit der Vergangenheit meinen Frieden gemacht.

Haben Sie schon einmal vesucht, mit Hilfe von 10 Substantiven eine Situation treffend zu beschreiben? Es ist ein interessantes Experiment. 10 Worte definieren eine meiner Krisen im Leben.... eine Übung, die anspruchsvoll ist und zur intensiven Beschäftigung mit dem, was einmal war, animiert.

Diese 3 Tage brachten mir einen enormen Erkenntnisgewinn, und das nicht nur in der reinen Wissensvermittlung. EX IN, das spüre ich langsam, bedeutet für mich auch noch einmal eine Zeitreise in meine Vergangenheit, ein Sortieren und Besser-Verstehen, was damals passierte.

EX IN bedeutet auch ein Fließen lassen, ja, hier schreibt ein Tantriker:), ein langsames Erleben und sich Manifestieren von neuem Wissen, das mein Denken und meine Sicht auf das Leben verändert. Dies lasse ich in Ruhe und Gelassenheit zu und nehme es für mich an. Befähigt es mich doch heute schon, tiefer und intensiver zu verstehen, wie psychische Prozesse ablaufen und wie sie "aus dem Ruder" laufen.

Und, ganz wichtig, der Austausch mit den anderen Teilnehmern bringt mich menschlich weiter, erweitert meinen Horizont. Und dafür bin ich dankbar.

 

Wie wirkt und was beinhaltet Empowerment?

Kurz gesagt, beim Empowerment entdeckt und nutzt der Betroffene die eigenen äußeren und inneren Ressourcen. Es wird die Frage gestellt, welche Möglicheiten "aus ihm selbst" existieren, um aus der Krise herauszukommen und, welche externen Hilfemöglickeiten wie Familie, Freunde usw. bestehen. Empowerment bündelt diese Angebote, um das "Erstarken aus sich selbst" positiv zu beeinflussen.

Wesentlich ist dabei eines: Die Betroffenen bekommen eine Entscheidungsmacht über ihre eigenes Leben, sie werden sich ihrer eigenen Fähigkeiten bewusst und sie gestalten und bewältigen ihr Leben zunehmend selbstbestimmt.

Aus dieser Definition heraus lassen sich die Ziele von Empowerment so bestimmen:

- Strategien und Wege für dieses unabhängige Leben entwickeln

- die eigenen Interessen und Wünsche offen zu artikulieren

- sich an gesellschaftlichen und politischen Prozessen aktiv zu beteiligen

Dabei findet Empowerment auf 4 verschiedenen Ebenen statt:

1. die individuelle Ebene, das bedeutet, persönliche Macht -- eigene Entscheidungen treffen und das Leben in die eigenen Hände zu nehmen

2. die gruppenbezogene Ebene, das Wissen, ich bin nicht der einzige Betroffene, das bedeutet, Netzwerke bilden und gemeinsam agieren

3. die strukturelle Ebene, das bedeutet, Einfluss auf die Politik, strukturelle Rahmenbedingungen und die institutionelle Macht nehmen und darin die eigenen Interessen offensiv vertreten

4. zugrunde liegende Überzeugungen, das bedeutet, die persönlich erlebte Erfahrung und das Verständnis von -- Veränderung ist machbar, aktiv leben

Judi Chamberlin, eine amerikanische Betroffene, Psychiatrieerfahrene, Aktivistin und Pionierin einer Kampagne für positive Veränderungen in der Psychiatrie, beschreibt Empowerment folgendermaßen:

- eigene Entscheidungen treffen

- Zugang zu Informationen und Ressourcen haben

- über Handlungsalternativen verfügen

- Durchsetzungsfähigkeit sowie das Gefühl haben, etwas bewegen zu können

- lernen -- auch neue Fähigkeiten

daraus entsteht:

- aus eigener Kraft aus der Ohnmacht der Handlungslosigkeit befreien

- die eigenen Rechte kennen

- Selbstbestimmung und Autonomie erstreiten und die Regie über das eigene Leben wieder übernehmen

- das Reflektieren eigener Erfahrungen sowie weiteres Ausprobieren

Zusammengefasst: Empowerment befähigt den Betroffenen, eigenständig und selbstbewusst mit seinen Störungen umzugehen und eigene Entscheidungen für sich und sein Leben zu treffen.

Der Teufelskreis und wie sich ihm entkommen lässt

Ähnlich wie der Entstehung und Manifestierung von Angst existiert auch bei der Gabe von Medikamenten und dem Entzug der Selbstbestimmung von Betroffenen ein Teufelskreis. Doch auch dieser kann durchbrochen werden.

Wie sieht dieser verhängnisvolle Kreislauf aus:

1. Der Betroffene wird zu einem Medikament gedrängt, ohne ihn über alle Nebenwirkungen aufzuklären

2. er fügt sich in das scheinbar Unvermeidliche und trifft keine eigenen Entscheidungen mehr

3. er setzt die Medikamte später eigenmächtig ab und erlebt, als Beispiel, eine Rebound-Psychose, einen Rückfall... hier kann ein Genesungsbegleiter oder eine andere fachkundige Person mit einer Beratung ansetzen und den Kreislauf durchbrechen

4.es kommt zu einer Wiedereinweisung in die Klinik, verbunden mit Schuldzuweisungen wie " das haben wir vorher schon gewusst" oder " Du bist ja selber schuld....", damit wird der Betroffene direkt stigmatisiert und es wird ihm deutlich signalisiert, er kann nicht allein für sich Entscheidungen treffen.

5. Der Betroffene wird erneut zur Einnahme von Medikamenten gedrängt, ohne selber entscheiden zu können.

Ein Durchbrechen dieses verhängnisvollen Kreislaufes ist schon am ersten Punkt möglich, indem der Betroffene mit einbezogen und er umfassend aufgeklärt wird. Es ist sein Körper und sein Leben, es geht bei jeder Entscheidung um ihn.

Auch am dritten Punkt ist ein Durchbrechen möglich, indem hier eine Aufklärung und ein Einbeziehen des Betroffenen erfolgt. Denn die Entscheidung, die Medikation abzubrechen, zeigt ja, dieser Mensch will entscheiden, er will keine Marionette sein. Nur ihm fehlen, siehe oben, die Informationen, um sachgerecht zu entscheiden.

 

 

Warum arbeitet die Psychiatrie defizitorientiert?

Zum Schluß noch ganz kurz einige Gedanken, die auch dokumentieren, warum diese Orientierung auf die Defizite der Betroffenen eine lange Tradiion hat.

Hier liegt die Grundannahme dahinter, die Menscheh haben einen Hilfebedarf, der sich aus dem Vorhandensein von Defiziten ergibt.

Diese Defizite werden als die Vorraussetzung für eine professionelle Hilfe angesehen, aus ihnen ergibt sich auch die notwendige Finanzierung der Hilfe. Deshalb bestimmt eine stark defizitorientierte Beobachtung auch das Handeln in der Psychiatrie.

Dabei werden 4 Defizite unterschieden:

1. Motivation: ich kann tun, was ich will, es ändert sich ja doch nichts

2. Selbstwert: es existiert ein negatives Selbstbild

3. Emotion: Angst, Ausgeliefert-Sein

4. Kognition: dieses Defizit hat Auswirkungen auf spätere Lernprozesse

 

Fotos by. pixybay.com

 

Der Autor ist Systemischer Coach mit der Spezialisierung auf Menschen mit Angststörungen. Er lebt und arbeitet in Berlin.

https://www.angstberatung-berlin.de/

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