Die allgemeine Bedeutung von Kirchengebäuden

Kirchengebäude können begriffen werden als das irdische Abbild des christlichen Weltbildes. Das heißt: Kirchengebäude machen das geistige Gebäude des Glaubens sichtbar. Noch genauer erschließt sich die Bedeutung von Kirchengebäuden aus dem griechischen Wort "kyriakon", von dem wir den Begriff "Kirche" ableiten, denn es bedeutet "das zum Herrn gehörende" bzw. "dem Herrn gehörig". Demzufolge war es die Absicht ihrer Erbauer, Gott eine würdige Wohnung auf Erden zu bereiten. Kirchen gelten deshalb als heilige Orte. Und diese vom christlichen Glauben geprägte Geisteshaltung, die dem Errichten von Kirchengebäuden zugrundelag, gehört zu den Wurzeln unserer abendländischen Geschichte.

Dabei gilt, dass das Erscheinungsbild von Kirchengebäuden im Lauf der Jahrhunderte vielfältigen Wandlungen unterworden war, dass jede Epoche beim Kirchenbau ihre eigenen Bau- und Stilformen hervorbrachte. Verantwortlich dafür waren nicht nur der jeweils gegebene bautechnische Wissensstand und das künstlerische Vermögen der am Bau Beteiligten, sondern auch das Glaubensverständnis einer Epoche. Insofern sind Kirchengebäude wichtige Zeugen der Vergangenheit. Sie erinnern an das sozialpolitische Umfeld vergangener Epochen, und sie bewahren und überliefern einen kunsthistorischen Bestand. Das heißt: Sie sind Seele und Gedächtnis des Gemeinwesens.

Grundsätzlich ist jede einzelne Kirche als ein Gesamtkunstwerk zu betrachten und verkörpert bestimmte, im Grundsatz unveränderliche Glaubensinhalte.

Das "himmlische Jerusalem"

Vor allem die aus der Blütezeit des christlichen Glaubens, dem Mittelalter, stammenden mächtigen Dome prägen nach wie vor das Bild unserer Städte. Leitbild beim Bau dieser hoch zum Himmel aufragenden gotischen Kathedralen war die in der Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch im Neuen Testament, überlieferte biblische Beschreibung des himmlischen Jerusalems auf Erden. Das heißt: Als im Mittelalter Kathedralen als "Wohnort Gottes auf Erden" errichtet wurden, sollten sie dieser von Johannes imaginierten Gottesstadt möglichst nahe kommen.

Von besonderer Bedeutung war dabei das Licht. So wurden die gotischen Kathedralen aufgrund der "gen Himmel strebenden Bauweise" mit hohen Pfeilern, Kreuzrippengewölben, Spitzbögen und entsprechend hohen Fenstern auf bislang ungekannte Weise vom Licht durchflutet, was noch gesteigert wurde durch die Verwendung von farbigem Glas und durch die reichen Vergoldungen. Am hellsten strahlte der Chor mit dem Altar im Osten des Kirchenraums. Gott schien in den Kathedralen wirklich in Gestalt des Lichts zu wohnen.

Die Botschaft der Hoffnung

Die gotischen, mit nahezu überirdischer Pracht ausgestatteten, Kirchenbauten lassen uns noch heute, Jahrhunderte später, staunen und vermitteln uns eine Ahnung von der tiefen Gläubigkeit, die im Mittelalter Bauherren, Baumeister und auch das einfache Volk zu diesen baulichen Höchstleistungen angespornt hat. Hier ist daran zu erinnern, dass im Mittelalter der größte Teil der Menschen in bitterer Armut lebte, dass der Mensch des Mittelalters oft Kriege und schwere Krankheiten zu ertragen hatte, dass dementsprechend die Lebenserwartung gering war. In einer solchen Welt ging von den Kirchen eine Botschaft der Hoffnung aus, der Hoffnung, hier Trost in Not und Verzweiflung, Sicherheit in der Angst zu finden.

Die Attraktivität der Kirchenräume in der Gegenwart

In der Gegenwart, also in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts, sehen wir uns einer auf den ersten Blick verwirrenden Faktenlage gegenüber. Denn während die Zahlen der Mitglieder der großen christlichen Konfessionen und auch die Zahlen der Gottesdienstbesucher in den letzten Jahrzehnten ständig gesunken sind, gehen immer mehr Menschen außerhalb der Gottesdienstzeiten in die Kirchen oder nehmen an Kirchenführungen teil. Folglich werden darunter viele Menschen sein, die der christlichen Religionsgemeinschaft fernstehen und eine eigene, individuelle Religiosität pflegen – wie ich sie in dem oben genannten Artikel beschrieben habe. Auch diese, dem traditionellen christlichen Glauben fern stehenden Menschen suchen also immer häufiger die Räume auf, die gefüllt sind mit Christentum, in denen es um Religion geht, folglich um die Begegnung mit dem Numinosen, dem Göttlichen (lat. numen, Gott).

Heilung durch das Heilige?

Offensichtlich sind auch die "religiösen Individualisten" auf der Suche nach der Immanenz, der persönlichen Erfahrbarkeit Gottes, sowie nach der eigenen Transzendenz als dem Überschreiten diesseitiger (irdischer) Erfahrungen und damit nach etwas, was über sie hinausweist, und suchen deshalb gezielt die Orte auf, die sie als heilige Orte in Verbindung bringen mit einer Wirklichkeit, die die Alltagswirklichkeit übersteigt. Dadurch aber werden Heil, Heilung und Heilwerden möglich.

In Anlehnung an den Theologen und Religionspädagogen Fulbert Steffensky kann man sich diese Heilung durch das Heilige so vorstellen: Eine Kirche ist als heiliger Ort verschieden von allen anderen Orten, sie ist ein Ander-Ort in der profanen Welt. Aber indem wir einen Ort aufsuchen, der verschieden ist von allen anderen Orten, glauben wir. Wir lesen den Glauben vom heiligen, in fremdartiger Weise gestalteten, Raum in unser Herz hinein. Indem uns aber der fremde Raum zum Glauben führt, baut er an unserer Seele, die Äußerlichkeit baut an unserer Innerlichkeit, lässt uns also mehr werden, als wir von uns aus sein könnten. Man könnte auch sagen: In der Fremdheit des heiligen Raumes können wir uns selbst gegenübertreten, können uns so selbst erkennen und selbst neu finden. Denn im fremden Raum fühlen wir uns dazu aufgefordert, innezuhalten und uns von unseren Wiederholungen, unserer fortwährenden Selbstbespiegelung, zu befreien. Der fremde, heilige Raum bietet uns folglich, indem er uns nicht wiederholt, sondern uns von uns wegführt, eine Andersheit, die uns heilt. Insofern heilen Kirchen gerade dadurch, dass sie nicht sind wie wir selber.

Vermutlich verfügt jeder Mensch über ein intuitives Wissen bezüglich dieser Zusammenhänge zwischen Glauben, Seelenheil und Selbsterkenntnis. Aber diese Zusammenhänge werden erst im heiligen Raum, im Kontakt mit einer anderen Wirklichkeit, mit dem Göttlichen, erfahrbar.

Kirchen als menschenfreundliche Orte

Ein anderes wichtiges Motiv für Kirchenbesuche auch bei Menschen, die der verfassten Kirche fernstehen, könnte man darin sehen, dass Kirchenräume auch in der heutigen Zeit als überaus menschenfreundliche Orte erscheinen, da sie einen Kontrast bieten zu den Zweckbauten der Gegenwart. Kirchenräume werden mit anderen Worten auch aufgesucht wegen ihres gestalterischen Reichtums, der Harmonie und Schönheit, die sie ausstrahlen, und wegen der Geborgenheit, die sie vermitteln. Das heißt: Menschen können hier Ruhe und Stille finden, können Atem holen. Die Begegnung mit dem Heiligen kann so im wahrsten Sinne des Wortes zu einer heilsamen Erfahrung werden.

Kirchen als gegenkulturelle Räume

Da Kirchen Bauwerke sind, "deren Steine eine andere Sprache sprechen als die Sprache der Zwecke und Geschäfte", kommt Kirchen für Fulbert Steffensky sogar eine gegenwartskritische Kraft zu. Demnach sind Kirchen nicht nur kulturelle Räume, sondern auch antikulturelle Räume, nämlich Gegenräume gegen eine Kultur maßloser Banalität sowie ein Gegenprogramm gegen das Programm der Globalisierung des Unrechts und der Ausbeutung und Unterdrückung der Völker. Der Kirchenraum ist mit anderen Worten auch der Ort der verfemten Begriffe und der ausgestoßenen Wörter: Gerechtigkeit, Mitleid, Barmherzigkeit, Trost, Schutz des verfolgten Lebens, Aufruhr gegen die Korruption, Sturz der Tyrannen. – Solche Überlegungen sind bekanntlich eindrucksvoll bestätigt worden durch die Rolle, die Kirchenräume im Kontext der friedlichen Revolution in der DDR gespielt haben.

Schlussfolgerungen

Kirchen sind Bauwerke, die – zumal wenn es sich um alte Kirchen handelt - aufgrund ihres Erscheinungsbildes, ihrer Ausstattung und ihrer Aura als heilige Orte den Menschen Erfahrungen ermöglichen, durch die diese selbst geheiligt, heil werden. Deshalb könnte man die Motive moderner Menschen für den Besuch von Kirchenräumen so deuten, dass sie ebenso wie die Menschen im Mittelalter in einer Kirche Stärkung und Unterstützung, eine Heilung ihrer verwundeten Seelen suchen.

Das heißt: Die äußeren Umstände sind heute scheinbar ganz andere. Aber auch wir leben heute wie die Menschen des Mittelalters in einer Welt voller Bedrohungen, Gefahren und Unsicherheiten. Und auch wir fragen deshalb: Was hilft in der Angst? Von wo kommt mir Hilfe? Und auch wir besinnen uns in dieser Situation wieder auf Gott und gehen an die Orte, wo wir uns ihm besonders nahe fühlen, nämlich Kirchen.

Quellennachweis:

http://www.ekd.de/synode2003/steffensky_kirchen.html

Bildnachweis:

Alle Bilder: pixabay.com

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