Das Phänomen der Entkirchlichung

Was die Entwicklung religiösen Glaubens in Deutschland betrifft – darauf möchte ich mich an dieser Stelle konzentrieren – so ist zunächst festzustellen, dass die Zahlen der Mitglieder der großen christlichen Kirchen und auch die Zahlen der Gottesdienstbesucher in den letzten Jahrzehnten ständig gesunken sind. Eine große Rolle spielte hier die staatlich verordnete Säkularisierung, d.h., Lösung der Menschen aus religiöser bzw. kirchlicher Gebundenheit, in der DDR, die dazu geführt hat, dass heute in den neuen Bundesländern nur noch rund 30 Prozent der Bevölkerung einer der beiden christlichen Kirchen angehören. Bezogen auf Gesamtdeutschland, sind es noch rund 65 Prozent der Bevölkerung, die in einer der großen Kirchen religiös gebunden sind.

Ist nur das Mitglied einer Religionsgemeinschaft religiös?

Von der Mitgliedschaft in einer Religionsgemeinschaft kann noch nicht auf die Religiosität des Betreffenden geschlossen werden. So ist es einerseits möglich, dass jemand zwar formal einer Religionsgemeinschaft angehört, sich seine persönlichen Überzeugungen aber weit von dieser entfernt haben. Andererseits kann jemand strikte Distanz zur Kirche halten und doch für die Botschaften der Religion empfänglich sein. Das könnte man so interpretieren, dass sich heute, was wirkliche Religiosität betrifft, "die Spreu vom Weizen trennt". Das heißt: Es gibt immer weniger nicht-religiöse Gründe dafür, sich einer Religionsgemeinschaft anzuschließen – genannt werden könnten hier die Herkunft, die Tradition, der soziale Status oder ein Karrierekalkül – sondern die wirkliche Überzeugung spielt dabei eine immer wichtigere Rolle. Man könnte auch sagen: Es bleiben nur noch Diejenigen Mitglieder einer Religionsgemeinschaft, die sich hier wirklich beheimatet fühlen.

Eine individualisierte Religiosität

Dass immer mehr Menschen, die keiner Kirche angehören, dennoch religiös sein können, ist Ausdruck einer zunehmenden Individualisierung und Privatisierung religiöser und spiritueller Glaubensüberzeugungen. So ist Untersuchungen zufolge, die in Deutschland und Österreich durchgeführt worden sind, für etwa 60 Prozent der Menschen die religiöse Dimension des Lebens wichtig. Aber von diesem Teil folgen nur noch 10 Prozent einer Religiosität, die eng an die örtliche Kirchengemeinde gebunden ist. Eine große Gruppe, nämlich etwa 35 Prozent, glaubt an einen Gott, "aber nicht so, wie die Kirche ihn predigt" – so eine häufige Formulierung. Diese Menschen erweitern ihre christlich geprägten Glaubensvorstellungen durch Ideen aus der Philosophie und aus anderen Weltreligionen. Es gibt also viel gelebte Religiosität außerhalb der Kirchen. Der Glaube an Gott und was man damit verbindet, ist hier Resultat einer eigenen autonomen Wahl. Dabei kann der Religionsaffine aus dem gesamten verfügbaren Arsenal spiritueller Angebote schöpfen und sich daraus sein persönliches religiöses Weltbild sozusagen "zusammenbasteln". Dementsprechend kommt es auch zu einer Zunahme nichtchristlicher Religionsgemeinschaften. Hier soll nicht unerwähnt bleiben, dass der Islam In Deutschland mit 3,2 Millionen Gläubigen inzwischen die drittgrößte Religionsgemeinschaft darstellt.


 

Gründe für ein Wiedererstarken der Religiosität

Dass sich in der entfalteten Moderne, in der wir leben, so viele Menschen überhaupt noch – oder wieder – für Religion interessieren, dürfte stark mit den gegenwärtig herrschenden Lebensbedingungen zusammenhängen. Das heißt: Die freie Wahl der Religionsausübung ist nur ein kleiner Ausschnitt aus einer Fülle von Wahlmöglichkeiten bei der Lebensgestaltung, über die heute im Prinzip Jeder verfügt und die dazu geführt hat, dass das Leben für den Einzelnen zu einem Projekt geworden ist, das geplant und durchgeführt werden muss, und zwar in eigener Verantwortung und auf eigenes Risiko. Und dies bringt, so sehr diese Wahlfreiheit im Grundsatz zu begrüßen ist, ein hohes Maß an Unsicherheit in das Leben.

Denn diese Vielzahl an Wahlmöglichkeiten hat zur Folge, dass man sich hin und wieder einmal falsch entscheidet und falsch wählt, zumal es keine Orientierungspunkte mehr gibt. Gleichzeitig herrscht zumindest implizit die Ideologie vor, dass ein Leben unter den Bedingungen der freien Wahl gelingen kann und gelingen muss. Wer an dieser Aufgabe scheitert, kann deshalb weder Verständnis noch "eine zweite Chance" erwarten. Er gilt als hoffnungsloser Versager. In der modernen Gesellschaft sind also nicht nur Lebensentwürfe, sondern auch Erfahrungen des Scheiterns individualisiert.

Es überrascht deshalb nicht, dass viele Menschen ihr Leben als anstrengend und überfordernd empfinden, dass sie gezielt nach Orientierung suchen und sich dabei auch wieder auf religiöse Glaubensüberzeugungen zurückbesinnen. Es entspricht also die vielfach praktizierte individualisierte Religion den Interessen des modernen Menschen, der einerseits nach Autonomie strebt, aber andererseits die Folgen dieses Strebens auch bewältigen muss. Ferner suchen aufgrund der politischen Krisen und Konflikte, die das Weltgeschehen derzeit beherrschen, viele Menschen Zuflucht im Glauben.

Religion ist scheinbar wichtiger denn je

Wenn man davon ausgeht, dass in der Gegenwart Religion nicht nur zur Bewältigung der möglichen negativen Folgen der Individualisierung benötigt wird, sondern auch als Rückhalt für Menschen, die angesichts der derzeitigen "politischen Großwetterlage" zutiefst verunsichert sind, dann bedeutet dies, dass Religion in der Moderne nicht einfach nur "privat" geworden ist, sondern gerade als "privatisierte Religion" wichtige Funktionen innerhalb der Gesellschaft und für die Individuen erfüllt. Das heißt: Religion hat offenbar wieder eine Leit- und Orientierungsfunktion, wenn auch häufig in anderer Form als in den Zeiten vor der Aufklärung.

Eine Krise der Moderne selbst?

Die Rückbesinnung auf religiöse Glaubensvorstellungen als Reaktion auf den "Zwang zur Freiheit" in der individuellen Lebenspraxis könnte man in Anlehnung an den Soziologen Ronald Hitzler auch so interpretieren, dass für unsere Moderne gar nicht mehr die Forderung der ersten Aufklärung bestimmend ist, also die nach dem "Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit" (Immanuel Kant), sondern die Forderung nach dem "Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Mündigkeit". Demnach verzichtet der moderne Mensch, um die Folgen der massenhaften Emanzipation bewältigen zu können, auf einen Teil der Mündigkeit, die ihm die erste Aufklärung beschert hatte.

Hinzu kommt angesichts der bedrohlichen politischen "Großwetterlage" die Enttäuschung darüber, dass entgegen den großen Versprechungen, die mit der Säkularisierung, der "Entzauberung" der Welt verbunden waren, die Welt nicht friedlicher und sicherer, nicht humaner und gerechter geworden ist. So verstanden wäre die Rückkehr der Religion ein Protest gegen die Moderne, wobei gleichzeitig gefragt werden müsste, ob es sich bei den beklagten Missständen um Fehlentwicklungen der Moderne handelt, die gegebenenfalls korrigiert werden könnten und die möglicherweise auch darauf zurückgeführt werden könnten, dass die Moderne noch nicht vollendet ist, oder ob es sich dabei um "Fehler im System" handelt, also um Entartungen, die der Moderne selbst angelastet werden können.

Eine Position, die die Moderne unter Verweis auf aktuelle Missstände selbst auf die Anklagebank setzt, ist allerdings brandgefährlich, weil hier die segensreichen Entwicklungen, die Aufklärung und Säkularisierung nach sich gezogen haben, einer pauschalen Kritik unterworfen und regelrecht bekämpft werden, wie es bei allen Spielarten des religiösen Fundamentalismus der Fall ist.

Auswüchse der Moderne

Auswüchse der Moderne (Bild: pixel2013/pixabay.com)

Kapitalismus und Religiosität

Wer die Moderne selbst für all die Missstände verantwortlich macht, die wir zur Zeit beklagen, stellt aber nicht nur die Errungenschaften der Moderne pauschal in Frage, sondern verschleiert auch die wahren Ursachen dieser Missstände. So wird beispielsweise in diesem Zusammenhang argumentiert, die Säkularisierung trage die Hauptverantwortung für moralischen und sozialen Verfall, und nicht der wahre Schuldige genannt, nämlich die kapitalistische Konkurrenzgesellschaft, insbesondere der Finanzmarktkapitalismus. Dieser war ja der Nährboden für die Entartungen des Individualismus zur Ideologie der Eigenverantwortung. Gleichzeitig hat er bei den Menschen das Vertrauen in das Funktionieren des Wirtschaftssystems zerstört und damit eine schwere Krise der Gesamtgesellschaft ausgelöst.

Ironie der Geschichte: Weil die Menschen zur Bewältigung der Folgen ihrer persönlichen sowie der gesellschaftlichen Krisen auf religiöse Glaubensvorstellungen zurückgreifen, hat nun ausgerechnet der radikalisierte Kapitalismus, der sich wahrscheinlich selbst als "Krone der Moderne" betrachtet, während er in Wirklichkeit eine ihrer Missgeburten darstellt, erheblich zur Rückkehr der Religiosität - die ja an sich ein vormodernes Phänomen ist - als gesellschaftliche Kraft beigetragen. Dabei muss unterschieden werden zwischen modernisierten Formen der Religiosität, die kompatibel sind mit den Idealen von Aufklärung und Säkularisierung, und Mixturen aus religiösen Ideen und politischen Ideologien, die direkt dem voraufklärerischen Zeitalter entsprungen zu sein scheinen, die aber ebenfalls - um dies noch einmal zu betonen - ein Phänomen der Moderne sind und durch deren Brüche und Widersprüche hervorgebracht worden sind.

Quellennachweis:

http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138614/saekularisierung-und-die-rueckkehr-der-religion

http://www.bpb.de/apuz/162385/neue-rollen-der-religion

http://www.bpb.de/apuz/162383/religiositaet-und-sinnsuche?p=all

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