Das Gegenteil von "gut gemeint"

Fast jeder Mensch möchte gut sein. Das ist aber leider ganz schön kompliziert, weil die moderne Welt ein atemberaubend komplexes System bildet, worin das Drehen eines winzigen Rades ungewollte Konsequenzen nach sich ziehen kann. Beispielsweise wurde uns als Kinder eingetrichtert, dass es ganz wichtig sei, für die armen Menschen in Afrika zu spenden. Und dann stellt sich heraus, dass Kleiderspenden die lokale Textilindustrie umbringen und somit für noch mehr Armut sorgen. Egal: Beim nächsten Afrika-Bericht mit Bildern hungernder, nackter Kinder wird wieder brav gespendet. Das beruhigt das Gewissen, selbst wenn die Spenden das Gegenteil der guten Absicht bewirken oder in der Kasse von Warlords enden. Die Lösung der Probleme wird anderen übertragen – man selber hat zumindest einen Teil der Mittel zur Verfügung gestellt und kann sich ein Stückchen besser fühlen.

Die Experten für allenfalls halb durchdachte Problemlösungen, die meist nach hinten losgehen, sind Sozialisten jeglicher Coleur, nachfolgend Feelgood-Sozialisten genannt. Ihr Profil: Wir sind die Guten, und wer andere Meinungen vertritt ist ein Böser und somit automatisch unser Feind. Konkret durchdachte Strategien für komplexe Probleme bieten sie nicht. Lieber bleibt man schwammig und wirft mit Schlagworten wie "Gerechtigkeit", "für unsere Kinder" oder "Solidarität mit den Armen" um sich. Dagegen kann doch nun wirklich niemand etwas haben! Erfolgt aber Kritik daran, hat sich der Kritiker selbst als menschenverachtender Neo-Nazi entlarvt. Denn: Wie kann man dagegen sein, den Armen zu helfen? Den Kindern? Den Hungernden in Afrika?

 

Widersprüche? Egal!

Da hilft es auch nichts, die offensichtlichen Widersprüche der Feelgood-Sozialisten aufzuzeigen. Sie demonstrieren gegen Globalisierung, freuen sich aber übers Obst aus aller Welt. Dass der Kapitalismus menschenverachtend sei skandieren sie – und verbreiten ihre Botschaften auf dem schicken Apple-Laptop und organisieren Demos mit ihren iPhones und dem Facebook-Account. Wütend gehen sie gegen die westlichen Feldzüge im Irak und in Afghanistan zu Millionen auf die Straße – aber dass Saddam Hussein und die Taliban-Steinzeitbrigade unzählige Menschen zu Tode folterten, hat sie zuvor nicht auf die Straßen gelockt. Die Benachteiligung der Frauen lässt sie zu Forderungen wie Frauenquoten und natürlich Strafen, Strafen, Strafen für Unternehmer brüllen – aber nur im Westen, wo sie hofiert und ihre Wünsche meist umgesetzt werden, nicht dort, wo Frauen tatsächlich wie Vieh behandelt werden.

Überzeugten Feelgood-Sozialisten fallen derartige Widersprüche dank jahrelanger Indoktrination von Kindes Beinen an nicht auf. Ihre ideologischen Scheuklappen abzunehmen könnte schließlich ihre Zugehörigkeit zu den Guten gefährden. Und deshalb erscheint es keinem Globalisierungsgegner auch nur im Entferntesten seltsam, dass er nach der anstrengenden Demo ausgerechnet beim Lieblings-Hassobjekt McDonald's einen kapitalistischen Hamburger bestellt, hergestellt von brutal ausgebeuteten Mitarbeitern, die mit Peitschenhieben in Reih und Glied gehalten werden.

 

USA: Wenn der Beschützer zum Feindbild wird

Besonders praktisch: Am Versagen der betriebenen Politik sind nicht unsinnige oder kontraproduktive Maßnahmen schuld, nein, der neoliberale Kapitalismus und "die Amis" dürfen ein ums andere Mal als Sündenböcke herhalten. Als die USA bis zum Zerfall des Ostblocks Westeuropa vor der sowjetischen Annexion bewahrte, zählten Proteste gegen die Militärpräsenz der USA zum Alltag. Irgendwie hätte der Autor, aus purer Boshaftigkeit heraus, zu gerne die langen Gesichter der Protestierenden gesehen, wenn diese eines Tages in der menschenverachtenden Realität des Kommunismus aufgewacht wären. Denn die Proteste richteten sich ja nie gegen das Sowjetregime, das Millionen Menschen versklavte, zu Tode folterte oder schlichtweg verhungern ließ, sondern ausgerechnet gegen jene, die ihnen dies ersparte.

Überhaupt ist das Verhältnis europäischer Feelgood-Sozialisten zu den USA, sagen wir mal, etwas ambivalent. Da wird der ausbeuterische Kapitalismus beklagt, da werden Coca-Cola und McDonald's als Musterexemplare eben jenes grauenhaften Systems benannt, Kultur haben die Amis sowieso keine. Abends im Kino bei "Transformers" mit dem Cola in der einen und dem Popcorn in der anderen Hand, wird der menschenverachtende Kapitalismus gerne verdrängt. Tagsüber plärrt US-Musik aus den Lautsprechern der Shoppingcenter, wohingegen Volksmusik bei den meisten Jungen als spießig verpönt ist. Ein bisschen fühlt man sich an die berühmte Szene aus "Das Leben des Brian" erinnert, wenn die Mitglieder der "Volksfront von Judäa" die schlimme römische Besatzung beklagen, im Verlaufe einer Grundsatzdiskussion aber allerlei nützliche Segnungen der Besatzer entdecken.

 

Nazis gesucht

Wie jede geschlossene Gesellschaft brauchen sie ein Feindbild. Überzeugte Sozialisten haben deren gleich zwei. Das Problem dabei: Es handelt sich um weitgehend imaginäre bzw. künstlich erzeugte Feinde. Die Nazis beispielsweise stellen das Idealbild eines die Gruppe, ja, die gesamte Menschheit bedrohenden Unholds dar. Dummerweise endete ihre Herrschaft vor 70 Jahren, und dass nicht wenige von ihnen in demokratischen Parteien und gesellschaftlich wichtigen Positionen zu "ehrenwerten Bürgern" wurden, wird nicht so gerne erwähnt. Dafür gilt der großartige Ausspruch von Johannes Gross: "Je länger das Dritte Reich zurückliegt, umso mehr nimmt der Widerstand gegen Hitler und die Seinen zu."

Heute ist es nicht nur gefahrlos, sondern sogar opportun, sich lautstark gegen das Dritte Reich auszusprechen. "Gegen Rechts" ist nicht einfach ein Slogan, sondern zur Lebenseinstellung geworden. Mutig werfen sich Prominente und solche, die es noch werden wollen, gegen die Machtergreifung durch eine Handvoll Neo-Nazis, die ihren eigenen Namen kaum richtig brüllen können, auf die Schienen. Dabei handelt es sich um die wohl einzige politisch korrekte Möglichkeit, geistig Benachteiligte unter öffentlichem Applaus zu beschimpfen. Trotzdem müssen diese seltsamen Gestalten umhegt werden, um den Wegfall des wichtigsten Feindbildes zu verhindern. Derweil wird die Zeit des Nationalsozialismus an den Schulen bis zum Erbrechen diskutiert und es werden Wallfahrten zu ehemaligen Konzentrationslagern veranstaltet. Damit die Verbrechen der Nazis "in Erinnerung" bleiben – ganz so, als könnten sich Kinder, deren Eltern lange nach dem Krieg geboren wurden, an die Aufmärsche der Braunjacken erinnern.

 

Imaginärer Feind "Neoliberalismus"

Nachdem die Nazi-Keule aber selbst in hiesigen Breiten immer weniger zieht, wird bevorzugt der andere Feind der Guten aus dem Hütchen gezogen: Der Kapitalismus, gerne auch "Neoliberalismus" geheißen, obwohl niemand so ganz genau sagen kann, was man darunter verstehen darf. Insbesondere die Mär von den "Freien Märkten", die für alle möglichen Formen der Ungerechtigkeit verantwortlich seien, wird immer wieder aufgewärmt. Wo genau sich dieser Freie Markt befinden soll, ist indes ungeklärt, unterliegt doch die gesamte Wirtschaft zahlreichen Reglementierungen und Gesetzen. Doch von doofen Fakten lassen sich überzeugte Feelgood-Sozialisten nicht verwirren: Der Kapitalismus ist böse, Punkt. Und was Kapitalismus, Neoliberalismus oder Freie Märkte sind, das wird je nach Bedarf festgelegt. Ebenso herrscht Konsens über die Schädlichkeit von Monopolen. Dass der Staat selbst ein Monopol darstellt, bleibt bestimmt nur zufälligerweise unerwähnt. Oder auch nicht, ist doch der Staat das Goldene Kalb der Feelgood-Sozialisten! Nur dank des Staates können sie ihre kruden Ideologien verbreiten und in Gesetzestexte gießen. In einer freien Gesellschaft wären sie allenfalls bemitleidenswerte, schrullige Außenseiter die behaupten, mit Zwang und Gewalt eine gerechte Gesellschaft errichten zu können.

Das Perfide: Praktisch sämtliche Parteien und die gesamte Gesellschaft sind von der seltsamen Vorstellung durchdrungen, man könne Wohlstand aus dem Nichts errichten, Frieden und Solidarität auf der Basis von Drohungen, Strafen und nackter Gewalt erreichen, ja, die Menschen selbst gewissermaßen umprogrammieren, ihnen die "Gier" und das "Böse" Vampiren gleich heraussaugen. Das Paradies ist immer nur durch Kapitalisten und ihre Sympathisanten blockiert. Aber sobald man diese aus dem Weg geräumt habe, sobald Menschen nicht mehr gemäß ihren eigenen Interessen und Überzeugungen, sobald sie nicht mehr aus moralischen Grundsätzen heraus handelten, wäre dieser Weg frei. Derweil gibt es noch viel umzuverteilen und zu verbieten. Wenn Sie demnächst wieder höhere Steuern bezahlen müssen, der Strom teurer wird, absurde bürokratische Hürden ihren Lebensweg blockieren oder Sie auf Grund einer Demonstration gegen Kapitalismus verspätet zur Arbeit erscheinen, die Ihnen die Brötchen für Ihren Lebensunterhalt sichert sowie die Sozialhilfe für so manchen pragmatisierten Berufsdemonstranten, lächeln Sie und schwimmen Sie einfach mit dem Strom! Es ist einfacher so und Sie ersparen sich Rechtfertigungen dafür, weshalb Sie nicht auf Seiten der Guten kämpfen.

 

Anmerkung: Dieser Artikel wurde auf einem unfair gehandelten Laptop unter Zuhilfenahme von Software erstellt, die von indischen Waisenkindern in zwölfstündigen Arbeitsschichten programmiert wurde.

Autor seit 6 Jahren
836 Seiten
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