Das Platzen der New-Economy-Blase zu Beginn des neuen Jahrtausends

Als heutiger Grund für die heutige Stärke der Bundesrepublik Deutschland wird vielerorts die Agenda 2010 genannt. Man erinnert sich: In den Zeiten des Beginns der Währungsunion nach 1999 krebste die größte Volkswirtschaft des europäischen Kontinents in den unteren Rängen vor sich hin. Die einige Jahre andauernde innenpolitische Blockade von Reformvorhaben zwischen 1995 und 1998 erschwerte eine florierende Wirtschaft erheblich. Hinzu traten enorme Rückschläge durch das Platzen der Technologieblase zu Beginn des Jahres 2000, in dessen Folge die New Economy in Deutschland fast vollständig starb. Mit der Verzögerung von etwa einem Jahr schlug dieses Ereignis auch auf die Realwirtschaft durch. Die Situation erinnert an die aktuelle Situation: Die Finanzkrise brach in den Jahren 2007 bzw. 2008 aus und überrollte anschließend im Jahr 2009 den europäischen Kontinent mit voller Wucht. Doch zurück zur New Economy. Der Crash an den Technologie-Indizes setzte die deutsche Wirtschaft seinerzeit unter enormen Zugzwang. Als Sofortmaßnahme drängte laut Koo die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder die Europäische Zentralbank zu einer Zinssenkung (von 4,75 auf 2 Prozent). Dieser Schritt wurde von den Ökonomen der Bundesrepublik als richtig empfunden, sei doch die EZB dazu verpflichtet, die Länder der Euro-Zone vor einer Deflation zu bewahren. Unter den Experten befanden sich neben dem ehemaligen Bundesbankpräsidenten Axel Weber auch der heutige Vorsitzende des ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn (Nachweise befinden sich im Anhang). Durch diese Intervention und die anschließende Senkung des Leitzinses wurde Deutschland vor einer Deflation bewahrt. In den heutigen Problemstaaten jedoch, erfolgte eine Inflation und eine (unnatürliche) Erhöhung der Löhne. Mark Dittli (Tagesanzeiger) spricht davon, dass der Süden geopfert wurde, um Deutschland zu retten.

Inmitten dieser Situation begann die Regierung Schröder zudem mit einer grundlegenden Reformierung des Standorts Deutschland. Insbesondere durch die Hartz-Reformen beließ man fortan große Teile des erwirtschafteten Kapitals in den Unternehmen - als Folge stagnierten oder sanken die Löhne die Deutschland. Beide Elemente (Zinssenkung/Reformen) führten zu einer erhöhten Wettbewerbsfähigkeit - gegenüber den anderen Euro-Staaten. Richard Koo ermittelte aus einigen Bundesbankdaten, dass die Handelsbilanz zwischen der Bundesrepublik und Amerika bzw. Asien über die Jahre hinweg nahezu konstant geblieben ist. Gegenüber den Partnern der Euro-Zone explodieren die Außenhandelsüberschüsse jedoch und werden erst in Folge der Sparmaßnahmen in den Südstaaten leicht gebremst. Eine erhöhte Wettbewerbsfähigkeiten lässt sich somit nahezu ausschließlich gegenüber den Euro-Mitgliedsstaaten nachweisen, welche durch mangelnde Reformen und unter den (unpassenden) EZB-Zinsen ihrerseits an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Der Tagesanzeiger nennt dies das "Dirty Little Secret der heutigen Eurokrise".

Droht die Bundesrepublik auf der Strecke zu bleiben?

Auf diese Frage gibt es keine unumstrittene Antwort. Die EZB kann in der momentanen Situation den Problemländern nicht im gleichen Maß helfen, wie dies vor einer Dekade mit Deutschland geschah. Der Grund liegt auf der Hand: Lag vor zehn Jahren der Leitzins bei 4,75 Prozent, liegt dieser aktuell nur noch bei 0,75 Prozent. Der Spielraum nach "unten" ist begrenzter, ja beinahe erschöpft. Doch selbst für den Fall, das ein spürbares Absenken des Zinses durch die EZB geschehen würde, so hätte dies vermutlich nur begrenzte Auswirkungen auf die gegenwärtige Krise. Die vergangenen zwei Tender der Zentralbank im Jahr 2011 bzw. zu Beginn des Jahres 2012 mit einem Gesamtvolumen von 1 Billion Euro führten nicht zu einer verbesserten Kreditvergabe an Unternehmen. Vielmehr wurden die Gelder gleich nach der Vergabe von den Finanzinstituten bei der EZB "geparkt" - sie erreichten die Realwirtschaft erst gar nicht.

Das spanische Königreich befindet sich zudem in einer ungleich schwierigeren Lage, als dies bei der Bundesrepublik vor etwa zehn Jahren der Fall war, obgleich beide in der entsprechenden Situation eine Bilanzrezession aufwiesen bzw. -weisen. Brach in Deutschland "nur" ein neuer Markt (Technologien) ein, steht das Rückgrat der iberischen Wirtschaft vor dem Kollaps: Das Platzen der Kreditblase droht den Hoch- und Tiefbau mit in den Abgrund zu reißen.

Vor dem Hintergrund der Leitzingsproblematik erscheint das unbegrenzte Aufkaufen von Staatsanleihen durch die EZB beinahe als Verzweiflungstat, um zumindest den öffentlichen Sektor zu entlasten. Diese Taktik könnte sich sogar als Bumerang erweisen. Zentralbankchef Draghi kündigte an, die durch den Bondkauf erhöhte Geldmenge durch das Abziehen von Kapital an anderer Stelle zu neutralisieren. Es steht zu befürchten, dass Kredite, die ursprünglich für die Privatwirtschaft angedacht waren, nicht vergeben werden können, da das entsprechende Geld durch die EZB in Staatsanleihen investiert wurde. Sollte dies geschehen, müssten Unternehmen und Haushalte weiter die Sparquote nach oben treiben, was die Rezession nochmals verschärfen würde.


Doch selbst, wenn das Aufkaufprogramm der EZB wirken sollte, wenn die Zinssätze gesenkt und wenn Reformen in den Krisenstaaten rechtzeitig umgesetzt würden - der Nebeneffekt wäre beachtlich: Durch verringerte Zinsen würde den Nordländern nun eine Überhitzung der Wirtschaft drohen, wodurch sie die zuvor erlangte Wettbewerbsfähigkeit erneut verlieren würden. Der Kreislauf würde von neuem beginnen. Um den (mindestens) zwei unterschiedlichen Wirtschaftsräumen die adäquaten Mittel für das Überleben bereitszustellen, müsste in beiden Bereichen ein unterschiedlicher Zinssatz festgelegt werden, was wiederum die Euro-Zone spalten würde. Derzeit erscheint diese Variante als sehr unwahrscheinlich und politisch nicht durchsetzbar. Alternativlösungen - denn zu dem gegenwärtigen alternativlosen Kurs existieren andere Möglichkeiten - sollen in einem anderen Artikel aufgezeigt werden.

Amazon Anzeige
Autor seit 4 Jahren
21 Seiten
Laden ...
Fehler!