Hirsutus - bewimpert

Hirsutus - bewimpert (Bild: a.sansone)

Ein Haar auf der Pflanze?

Was bezeichnet man als Pflanzenhaar? Als Haare werden in der Botanik ein- oder mehrzellige, einfache oder verzweigte Vorstülpungen der Oberhaut (Epidermis) bezeichnet. Es gibt:

  • Flaumhaare (zerstreut stehende zarte Haare)
  • Drüsenhaare (gestielte Drüsen)
  • Wimpernhaare (am Blattrand stehende, wie Augenwimpern angeordnete Haare)
  • Haarschopf (aus feinen oder gefiederten Haaren bestehender Schopf an Früchten), auch Pappus genannt.

Anmerkung:

  • Als Dorn wird ein hartes verholztes zugespitztes Pflanzenorgan bezeichnet, das aus einem Blatt oder einem Seitenspross entsteht. Es lässt sich nicht einfach ablösen. (Kaktus)
  • Ein Stachel ist ein harter abstehender (schmerzender) Auswuchs an der Oberhaut. Dieser lässt sich leicht lösen. Die Rose trägt botanisch gesehen also Stacheln und keine Dornen.

Lesetipp: Rosen haben keine Dornen

 

Wo stammt der Begriff "hirsutus" her?

Die Artbezeichnung (das Epitheton) leitet sich vom lateinischen "hirsutus" ab und verweist auf die behaarten Blätter. Der Begriff hirsutus, abgewandelt hirsuta, hirsutum bedeutet: struppig, borstig, rau, stachelig, behaart, bärtig. Er wird in der botanischen Systematik gerne verwendet und deutet daher bereits auf die erschwerten Lebensbedingungen dieser Pflanzen hin.

In den deutschen Bezeichnungen allerdings erfolgt dann öfter die wesentlich liebevollere Beschreibung, statt "struppig" nennt man das Blümchen lieber "bewimpert", "bärtig" oder "haarig".

Lat. hirtus wird für ein ähnliches Pflanzenbild verwendet, es bedeutet ebenfalls: borstig, rauhaarig.

Als "bewimpert" wird meist eine Pflanze dann bezeichnet, wenn die Blattränder mit langen weißen Borstenhaaren, Wimpern ähnlich, besetzt sind. (Abb. aus "Grundkurs Pflanzenbestimmung/Rita Lüder/Quelle&Meyer)

Lesetipp: Pflanzen und ihre Bezeichnungen

Hirsutismus - ein Fall für Damen

Im medizinischen Bereich spricht man von Hirsutismus, wenn Frauen mit einer verstärkten Körperbehaarung zu kämpfen haben. "Männlicher Behaarungstyp bei Frauen" wird es in medizinischen Ratgebern umschreibend genannt.

So unangenehme Erscheinungen wie Damenbart, üppige Behaarung der Achseln, des Bauchs oder der Oberschenkel, die über das normale Maß hinausgehen, sind die Merkmale.
Unterschieden wird in hormonell und nichthormonell bedingte Formen. Erkrankungen von Nebennieren, Eierstöcken oder der Hirnanhangdrüse können die Ursache hormonell bedingter Behaarung sein. Also lieber einen Arzt aufsuchen, um diese Erkrankungen auszuschließen.

Je auffälliger der Hirsutismus, desto mehr leiden die betroffenen Frauen darunter.

Mann darf hormonbedingt, behaart wie unsere fellbewachsenen nahen Verwandten herumlaufen, ohne sich Spott oder Häme auszusetzen. Bei Frau ist das leider ein ganz anderes Kapitel.

Wozu dient Pflanzen die Behaarung?

Pflanzen sind zweckmäßig ausgerichtet. Was keinen echten Nutzen hat, wird erbarmungslos eliminiert. Welchen Zweck verfolgt also die Behaarung?

Behaarung als Überlebensstrategie

Haare dienen vordringlichst dem Schutz vor der UV-Strahlung. Je fortgeschrittener die Höhenlage, in der eine Pflanze wächst, desto intensiver ist die UV-Strahlung. Sonnenschutzmittel auftragen geht nicht, in den Schatten ausweichen, wie die Tiere auch nicht. Blöderweise ist man ja festgewurzelt. Also muss man sich als Pflänzchen etwas anderes einfallen lassen.

Neben dem Effekt des Sonnenschutzes (Reflexion und zeitgleich Beschattung), dient die Behaarung natürlich auch als Kälteschutz (Wärme/Isolierung), aber es ist auch hilfreich vor windbedingter Verdunstung.

Wenn man bedenkt, dass die Pflanzen in höheren Gebirgsregionen mit starkem Wind und Temperaturunterschieden von 30° und mehr zwischen Tag und Nacht ausgesetzt sind, so machen diese Strategien Sinn. Im Mittelmeerraum und in Wüstengebieten herrschen ähnliche unwirtliche Bedingungen.

Dabei können Teile der Pflanze (Stängel, Blätter) mit weißen Flaumhaaren überzogen sein oder nur die Blattränder. (Blätter mit ledriger oder mit Wachs überzogener Oberfläche dienen dem gleichen Zweck.)

 

Alpine Pflanzen, die mit den Wimpern klimpern

Eine kleine Auswahl an alpinen Pflanzen, die sich mit dem Epitheton "hirsutus, hirsuta, hirsutum" schmücken.

  • Betonica hirsuta: Die Alpen-Betonie, auch als Langhaar-Ziest bezeichnet, ist ein Bewohner der Südalpen und stark gefährdet.
  • Chaerophyllum hirsutus: Der behaarte Kälberkropf kommt vor allem in feuchten Bergwäldern vor. Die Blütenkronblätter sind hübsch bewimpert.
  • Primula hirsuta: Die Leimprimel; bis 10 cm hoch, mit hellen feinen Drüsenhaaren, daher leicht klebrig anzufühlen. Kurzstieliger als die ähnlich rosa blühende Mehlprimel (Primula farinosa). Sie gedeiht in Felsschutt und lückigen Rasen auf kalkarmen Böden. Vorkommen über 1500m.
  • Rhododendron hirsutum: Bewimperte Alpenrose, auch als Almrausch bekannt.

Rhododendron hirsutum Blüte bewimpert (Bild: adele sansone)

Die Bewimperte Alpenrose, Rhododendron hirsutum, aus der Familie der Heidekrautgewächse (Ericaceae) wird mit volkstümlichen Namen auch als: behaarte Alpenrose, Steinrose, Schneerösl, Almrausch, Almbux, aber auch Donnerrosen und Oswaldstaude bezeichnet. Sie ist ein bis zu 1 m hoher, buschiger, vielästiger Strauch mit grau berindeten Zweigen. Die rosa bis hellrot gefärbten Blüten stehen in dichten Doldentrauben. Die beidseitig grünen Laubblätter und der Kelch sind mit langen, weißlichen Borstenhaaren bewimpert - daher die Bezeichnung.

 Rhododendron hirsutum kommt auf kalkigem Untergrund vor, im Gegensatz zu Rhododendron ferrugineum, der Silikatgestein sucht. 

Sie steigt von 1200 bis etwa 2800m. Hauptblütezeit ist je nach Schneelage im Frühjahr Juni, Juli.

 

Der Name Almrausch geht auf die Wirkung des Giftes der Almrose, Acetylandromedol, zurück. 

Donnerrose bezieht sich auf den Aberglauben, dass der Frevler, der einen Blütenbuschen heimträgt, vom Blitz getroffen wird.

 

Behaarung - auch im Süden ein Thema

Auch die Pflanzen im Mittelmeerraum sind sowohl sengender Sonne als auch großen Temperaturunterschieden ausgesetzt. Deshalb gibt es auch hier so einige Arten, die sich ein schützendes Pelzchen im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte zugelegt haben.
Nur als kleines Beispiel einige mediterrane Pflanzen:

  • Allium subhirsutum, ein hellblau blühender Lauch mit behaarten Blättern.
  • Bassia hirsuta, rauhaarige Dornmelde
  • Cytisus hirsutus, rauhaariger Zwergginster
  • Frankenia hirsuta, behaarte Frankenie, ein in Küstennähe gedeihendes Pflänzchen, an salzhaltige Standorte angepasst.
  • Raphionacme hirsuta, Knollenschwalbenschwanz, eine reizende haarige Schönheit
  • Sideritis hirsuta, ein weiß blühender Lippenblütler Südwesteuropas
  • Thymelaea hirsuta, die behaarte Spatzenzunge, ein kleinwüchsiger Busch, stark flaumig behaart mit winzig kleinen gelben Blüten. Er gedeiht auf steinigen Gebieten in Küstennähe.

Lesetipp: Griechenland und seine Pflanzenwelt

Vom einfachen Unkraut bis zur Aquarienpflanze oder Orchidee - alles haarige Gesellen

 

  • Althaea hirsuta, rauhaariger Eibisch
  • Arabis hirsuta, rauhaarige Gänsekresse, weißblühend, ist allumfassend stark behaart. Sie gedeiht auf Kalkmagerrasen und lichten Kieferwäldern.
  • Cardamine hirsuta, behaartes Schaumkraut
  • Epilobium hirsutum, Zottiges Weidenröschen, Stängel und Blätter sind fein behaart.
  • Glechoma hirsuta Langhaar-Gundelrebe
  • Herniaria hirsuta, behaartes Bruchkraut, gedeiht in praktisch jeder Lücke.
  • Hypericum hirsutum, rauhaariges Johanniskraut
  • Kniphofia hirsuta, eine Fackellilie
  • Marsilea hirsuta, Zwergkleefarn, eine beliebte Aquarienpflanze
  • Nepenthes hirsuta, eine behaarte Kannenpflanze
  • Pleurothallis hirsuta, eine wunderhübsche behaarte Orchidee
  • Setcreacea hirsuta, Polarlicht oder Aurora; nach den sich abends in schillernden Farben öffnenden Blüten genannt.
  • Stapelia hirsuta, Aasblume, ein Sukkulent
  • Vicia hirsuta, rauhaarige Wicke; hier sind die Fruchtschoten flaumig behaart.

Das Edelweiß, behaart, aber ohne "hirsutum" zu heißen

Das Edelweiß, Leontopodium alpinum, könnte als Artbezeichnung (Epipethon) locker statt alpinum ein "hirsutum" tragen, denn auch diese Pflanze ist behaart. Verpflanzt man das Edelweiß von seiner tatsächlichen Wuchshöhe zwischen 1200 und 3100m in wesentlich tiefere Talllagen, verliert es seine typische weiße flaumige Behaarung. Der Schutz vor der hohen Sonnenstrahlung ist weiter unten einfach nicht mehr nötig.

Was als Erstes im Frühling in den Bergen blüht, können Sie hier nachlesen.

Leontopodium alpinum

(Bild: a.sansone)

Wer in der Pflanzenwelt noch Haare auf den Zähnen hat

Quellen

  • Flora Helvetica, Lauber,Wagner, Haupt Verlag, 2014 Bern
  • Alpenpflanzen in ihren Lebensräumen, Mertz, Haupt Verlag, 2008 Bern
Adele_Sansone, am 26.02.2014
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Bildquelle:
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https://pagewizz.com/users/Adele_Sansone (Welche Alpenblumen blühen im Sommer?)

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