Erfahrungsbericht einer hochsensiblen Person

Schon als kleines Kind habe ich unter meiner Hochsensibilität gelitten. Bei Lärm wollte ich mir einfach nur die Ohren zuhalten. Der Knoblauchgeruch der Erwachsenen hat mir den Atem genommen. Zigarettenrauch konnte ich kaum ertragen. Alles Neue hat mir einen Schrecken versetzt. Was andere nur als kleinen Kniff oder Pieks spürten, hat mir richtig wehgetan. Ich habe viel geweint. Ich war anders als die anderen Kinder. Die haben mich nicht verstanden und haben mich entsprechend gehänselt. Das war unfair und hat sehr wehgetan.

Hochsensibilität erklärt bei Wikipedia

Hochsensibilität ist ein von der US-amerikanischen Psychologin Elaine Aron 1997 postuliertes psychisches Phänomen, bei dem Betroffene stärker als der Populationsdurchschnitt auf Reize reagieren, was u.a. leichter zu "Überstimulation"...

Wer hochsensibel ist, hat es nicht leicht

Wer hochsensibel ist, hat es nicht leicht in einer Gesellschaft, wo Strapazierfähigkeit gefragt ist und Robustheit doch eher die Norm ist als die Ausnahme. Als hochsensibler Mensch kann man sich leicht ausgestoßen, anders und unverstanden fühlen. Oft wird man als schüchtern abgetan. Sensibelchen, Mimose, Heulsuse, Weichei und was man sich sonst noch so anhören muss. Das verhilft nicht gerade zu einem positiven Selbstbild und solidem Selbstvertrauen.

In dieser Situation hilft einem die Erkenntnis, dass tatsächlich 10 - 15% der Menschheit hochsensibel sind. Auf einmal steht man nicht so alleine da. Elaine Aron schafft es in ihrem Buch Sind Sie hochsensibel? Wie Sie Ihre Empfindsamkeit erkennen, verstehen und nutzen, dass man sich zum ersten Mal im Leben wirklich verstanden fühlt. Daraus entwickelt sich ein Eigenverständnis, welches wiederum zu größerem Selbstvertrauen führt.

Erfahrungsbericht einer hochsensiblen Person

In meinen jungen Teens habe ich Sylvester einmal auf einem Ponyhof verbracht. Als es Mitternacht schlug, wurde gejubelt, mit Schorle angestoßen und Umarmungen und Küsse verteilt. For Auld Lang Syne spielte im Hintergrund und auf einmal, ohne ersichtlichen Grund, kamen mir die Tränen. Ich bin schnell nach draußen verschwunden, damit niemand mein Weinen bemerkte. Einige Kinder haben mein Verschwinden aber doch mitgekriegt und kamen nach. Was ist denn los, fragten sie. Ich hatte keine Antwort. Ich hatte keine Ahnung, warum ich weinte, hatte ganz sicher noch nie von Hochsensibilität, Reizüberflutung oder Überstimulierung gehört. Ich hab's selbst nicht verstanden.

Die anderen wurden schnell ungeduldig. Wie konnten sie mich denn auch verstehen, wenn ich mich selbst nicht verstand. Eines der Mädchen hat dann bitter erzählt, dass ihre Mutter Krebs hätte und daher einen guten Grund hätte, Sylvester zu weinen. Für sie und ihre Mutter bedeutete der Jahresumschwung, dass sie ein weiteres Jahr überlebt hatte. Ich dagegen hätte anscheinend absolut keinen Grund zu heulen und sollte besser aufhören. Es wurde ganz eng um mein Herz und ich weinte noch mehr, ohne es verhindern zu können. Das Mädchen wandte sich angewidert von mir ab und die anderen Kinder gingen mit ihr. Das Mitgefühl war nun auf ihrer Seite.

Ich fühlte mich wie Dreck. Sie hatte recht, ich hatte keinen Grund zu heulen. Und es ist ganz furchtbar, dass ihre Mutter Krebs hat. Wie soll man darauf als junger Teen reagieren? Und zur gleichen Zeit fühlte ich mich sehr verlassen und alleine. Unverstanden. Verständlicherweise, denn ich verstand mich selbst nicht. 

Ein besseres Leben führen

Hochsensible Menschen sind nicht wirklich benachteiligt im Leben. Im Gegenteil, scharfe Sinne und ein reiches Innenleben macht ihr Leben ganz besonders interessant. Häufig können sie scheinbar vorausahnen, was als nächstes passiert, wie ihr Gegenüber oder auch ein Außenstehender reagieren wird. Das hat nichts mit Wahrsagerei zu tun. Hochsensible Menschen bemerken subtile Zeichen und Andeutungen, die anderen entgehen. So haben sie oft ein besseres, schärferes Bild von einer Situation als andere.

Dies gereicht ihnen in den verschiedensten Situationen zum Vorteil. In zwischenmenschlichen Beziehungen sind sie besonders einfühlsam, was Freundschaften und Partnerschaften bereichert, aber auch einen Vorteil im Berufsleben darstellen kann. In einer eskalierenden Situation spüren sie die aufkommende Gefahr sofort und können sich entsprechend verhalten oder zurückziehen. Auch erleben hochsensible Menschen Kunst und Musik sehr viel intensiver als der Durchschnittsmensch.

Rücksichtnahme steigert die Lebensqualität eines hochsensiblen Menschen enorm. Wer seinem Partner und seinen nächsten Freunden erklären kann, warum man ein wenig anders reagiert als es allgemein als normal betrachtet wird, und dann um etwas Rücksicht auf seine Hochsensibilität bittet, kann eine Menge Unannehmlichkeiten aus seinem Leben verbannen.

Jedoch beginnt Rücksichtnahme in erster Linie bei sich selbst. Verständnis für die Beschaffenheit des eigenen Wesens verhilft einem zu einer neuen Perspektive. Anstatt sich selbst als unzureichend und fehlerhaft zu empfinden, lernt man, dass man ganz gut funktionieren kann, wenn man auf sich acht gibt. Dazu gehört, sich Zeit für sich selbst zu gönnen und diese ohne schlechtes Gewissen alleine zu verbringen, um Energie aufzutanken. Regelmäßiges Essen und genügend Schlaf bilden gute Voraussetzungen, einem turbulenten Leben zu begegnen. 

Wenn Sie sich in einer stressigen Situation wiederfinden, ist der erste Schritt, dass Sie die Überstimulierung als solche erkennen. Reden Sie sich nicht ein, dass doch gar nichts los ist und dass diese Überreaktion lächerlich sei. Das ist sie nicht. Bringen Sie Verständnis für sich selbst auf und ergreifen Sie Maßnahmen, um mit der Situation besser fertig zu werden. Ihre Reaktionen sind ganz normal für einen hochsensiblen Menschen, Sie müssen bloß lernen, besser damit umzugehen, um Ihre Lebensqualität zu verbessern.

In einer Situation, wo die Sinne überfordert werden, hilft es natürlich, sich einfach aus der Situation zu entfernen. Machen Sie regelmäßige Pausen. Schließen Sie einfach die Augen für eine kurze Weile, um einige der Reize aus Ihrem Bewusstsein auszuschliessen. Atmen Sie tief und ruhig ein und aus. Gehen Sie für eine Weile spazieren, am besten in der Natur. Wer mit sich selbst im Einklang ist und sein hochsensibles Wesen annimmt, sieht solche Maßnahmen als ganz normal und selbstverständlich an. Mit ein wenig Rücksichtnahme kann ein hochsensibler Mensch ein sehr glückliches und erfülltes Leben führen.

Erfahrungsbericht einer hochsensiblen Person

Das Buch von Elaine Aron, Sind Sie hochsensibel? Wie Sie Ihre Empfindsamkeit erkennen, verstehen und nutzen, wurde mir von jemandem wärmstens empfohlen. Obwohl ich sonst die Selbsthilfe Regale im Buchhandel meide und es mir eher peinlich ist, mit diesen in Verbindung gebracht zu werden, habe ich mich aufgemacht, um mir selbst ein Bild zu machen.

Ich stehe also zwischen den Bücherregalen und lese den Klappentext, als eine mir unbekannte Frau auf mich zukommt und mir versichert, dieses Buch sei eine ausgezeichnete Wahl und es habe ihr selbst sehr geholfen. Unangenehm berührt und mit rotem Gesicht stelle ich fest, dass sie nicht zu den Verkäuferinnen des Buchhandels gehört. Ich danke ihr mit einem freundlichen Lächeln für die Empfehlung und gehe mit dem Buch zur Kasse.

Die Kassiererin lächelt mich sympathisch an und versichert mir, dass dieses Buch eine ausgezeichnete Wahl sei. Sie habe es selbst gelesen und es hätte ihr sehr geholfen, sich selbst besser zu verstehen und zu mögen. Sie ist ein wenig rot angelaufen während ihrer Rede, sieht jedoch so aus, als ob sie jedes Wort genauso meint, wie sie es gesagt hat. Nun bin ich doch schon sehr neugierig auf das Buch.

Tatsächlich kann ich berichten, dass Elaine Aron mir mit ihrem Buch, wie auch schon vielen anderen Hochsensiblen vorher, sehr geholfen hat. Mit vielen der Beispiele aus dem wirklichen Leben kann ich mich identifizieren. Hochsensibilität wird als Phänomen erklärt, welches in 10 - 15% aller höheren Lebewesen vorkommt und einen gewissen Überlebensvorteil darstellt.

Man wird zu einem Verständnis des hochsensiblen Wesens hingeführt und lernt, seine Besonderheiten zu akzeptieren und im normalen Leben zu berücksichtigen. Praktische Tipps werden genauso geboten wie moralische Unterstützung.

Das Buch ist auch sehr zu empfehlen für Partner/innen eines hochsensiblen Menschen. Sie werden ihre/n Liebste/n nach der Lektüre besser verstehen und weniger mit kuriosem Verhalten frustriert sein.

Kanadier, am 10.05.2011
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