Was ist Hochsensibilität?

Bei einem Großteil der Menschen filtert das Gehirn viele feinere Reize in der Sinneswahrnehmung heraus, um sich auf einige als wesentlich kategorisierte Eindrücke zu fokussieren. Dies war im Verlauf der Evolution für die urzeitlichen Jäger von Vorteil, wo schnelle Reaktionen das Überleben sicherten. In der modernen Welt schützen diese "Scheuklappen" den "normal sensiblen" Anteil der Bevölkerung vor einer Reizüberflutung und helfen ihm bei der Konzentration auf eine überschaubare Zahl konkreter Aufgaben.

Im Gegenzug sind die Filter hochsensibler Menschen um ein Vielfaches durchlässiger. Daher nehmen sie viel mehr Details und Feinheiten wahr. Sensorische Reize (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen) werden intensiver wahrgenommen, aber auch die Stimmungen von Menschen und soziale Situationen, also Dinge, die "unter der Oberfläche" verborgen liegen. All diese Eindrücke, durch die sie stärker beeinflusst werden als nicht-hochsensible Menschen, verarbeiten sie gründlicher, was einige Zeit in Anspruch nehmen kann. Aus diesem Grund, und um sich von den vielfältigen Sinnesreizen zu erholen, benötigen sie regelmäßig Ruhephasen vom Trubel des oft lauten und hektischen, aber auch aufreibenden Alltags. Die Ausprägung der hochsensiblen Wahrnehmung ist individuell unterschiedlich und kann je nach Situation und aktueller Verfassung variieren.

Die Vorteile der Hochsensibilität

  • Durch ihre besonders feine Wahrnehmung wissen Hochsensible oft intuitiv, was in ihrer Umgebung verbessert werden könnte, damit sie und andere Menschen sich wohlfühlen. Seien es Verbesserungen bezüglich der räumlichen Bedingungen oder auch, wie die zwischenmenschliche Atmosphäre angenehmer gestaltet werden kann. Ihr ausgeprägtes Harmoniebedürfnis bildet eine wichtige Motivation für die Umsetzung dessen.
  • Sie sind oft gute Zuhörer und bringen Verständnis für die verschiedenen Sichtweisen auf. Dies ist auch bei der Schlichtung von Konflikten vorteilhaft und überall dort, wo eine für alle Beteiligten annehmbare Lösung gefunden werden muss.
  • Bevor sie ein Urteil fällen oder sich eine Meinung zu einer Sache bilden, machen sie sich zuerst ein umfassendes Bild davon. Aus diesem Grund wird wohl keine hochsensible Person vorschnelle Schlussfolgerungen oder Entscheidungen treffen, sondern erst alle wichtigen Aspekte durchdenken und abwägen. Diese Stärke werden sie überall da gut ausspielen können, wo Weitblick und langfristige, nachhaltige Planungen im Gegensatz zu kurzfristigen Entscheidungen gefragt sind.
  • Idealismus ist ein weiteres Merkmal, das viele Hochsensible ihr Eigen nennen. Eine gute Portion Idealismus wird beispielsweise gebraucht, um ausgefeilte Zukunftskonzepte in verschiedenen Bereichen zu erstellen.
  • Ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, gepaart mit hohen ethischen Maßstäben, zeichnet hochsensible Persönlichkeiten aus.
  • Hochsensible arbeiten gründlich bis hin zum Perfektionismus und haben häufig ein überdurchschnittliches Verantwortungsbewusstsein. Sie finden ihre eigene Motivation und legen besonderen Wert darauf, dass das, was sie tun, einen Sinn hat.
  • Viele hochsensible Menschen sind kreativ. Dies äußert sich nicht nur in klassischen kreativen Tätigkeiten wie Malen oder Schreiben, sondern auch in unkonventionellem Denken. Ihre Kreativität kann auch dann von Nutzen sein, wenn es darum geht, Ideen zu entwickeln und zu optimieren. Mithilfe ihrer ausgeprägten Intuition finden sie nicht selten kreative Lösungen für Probleme, bei denen eine konventionelle Herangehensweise versagt.
  • Von dieser unkonventionellen Denkweise, in der pauschale Vorurteile keinen Platz haben, rührt wohl auch die Offenheit und Neugierde gegenüber neuen, möglicherweise auch anderen Informationen und die Vielfältigkeit ihrer Interessen her. Hochsensible sind oft von einem starken Bedürfnis geprägt, den eigenen Horizont zu erweitern, Neues dazuzulernen und sich weiterzuentwickeln.

Eine erhöhte Sensibilität ist in allen Gesellschaftsbereichen, aber auch in zahlreichen Berufen, von enormem Vorteil. Ideal ist es, wenn ein hochsensibler Mensch einen Beruf findet, wo er seine individuelle hochsensible Begabung einbringen kann. Für manche ist dies der soziale oder beratende Bereich, für andere ein kreativer Beruf. Es kann aber auch ein ganz anderer Bereich oder eine Kombination mehrerer Kompetenzen sein. Meistens üben Hochsensible im Verlauf ihres Lebens erst mehrere Berufe aus, bis sie letztendlich ihre Berufung finden. 

Tipps zum Umgang mit der Hochsensibilität

Um diese Ressource möglichst voll ausschöpfen zu können, müssen Menschen mit Hochsensibilität freilich gut mit dieser Fähigkeit umgehen lernen. Nur so können sie sich vor Reizüberflutung und ihren Körper und Psyche belastenden Folgen schützen. Eine permanente Überflutung mit Reizen ohne adäquate Pausen verursacht großen Stress und kann auf lange Sicht sogar krank machen. Auch nicht-hochsensiblen Menschen tut die Dauerberieselung mit Sinnesreizen, denen sie in der modernen Welt ausgesetzt sind, sicher nicht gut. Für eine hochsensible Persönlichkeit ist es aufgrund der umfassenderen Wahrnehmung selbst kleinster Eindrücke um so wichtiger, in diesem Punkt auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten. Die folgenden Tipps geben Anhaltspunkte, wie das umgesetzt werden kann:

  • Zunächst einmal ist es förderlich, von seinem Umfeld im positiven Sinne als hochsensibel erkannt zu werden. Dazu muss sie in irgendeiner Form kommuniziert werden. Dies kann ruhig in kleinen Schritten geschehen, durch Gesten oder, indem man das Wahrgenommene in Worte fasst. Hier findet bestimmt jeder seine eigene Ausdrucksweise, die sich für ihn gut anfühlt.
  • Auf jeden Fall sollten Situationen, in denen potentiell viele Reize aufzunehmen sind, in einem gesunden Maß dosiert werden. Das heißt so, dass nicht so schnell eine Reizüberflutung auftritt und bei Bedarf die vorhandenen Reize gezielt reduziert werden können. Des Weiteren sollte man sich Möglichkeiten verschaffen, sich bei Bedarf zurückziehen zu können.
  • Genug Erholungspausen gehören - neben ausreichend Schlaf - unbedingt zu einer guten Selbstorganisation bei HSP dazu. Zudem empfiehlt es sich, mindestens einen Tag in der Woche nur für sich zu reservieren, um neue Kraft zu tanken und die Vielzahl der Eindrücke zu verarbeiten.
  • Ein gutes Stressmanagement ist für Hochsensible von wesentlicher Bedeutung. Zusätzlich zum Umgang mit Reizen (z. B. bei Bedarf Ohrenstöpsel verwenden) trägt auch eine angemessene Planung, die auch Pausen und unvorhergesehene Zeitverzögerungen mit berücksichtigt, zur Prophylaxe gegen Stress bei. In akuten Stresssituationen oder wenn sich solche ankündigen, hilft es, sich Techniken anzueignen, die beruhigen und den akuten Stress entschärfen können. Zum Beispiel sich bewusst auf den Atem konzentrieren oder andere Achtsamkeitsübungen. Meditation ist eine weitere Möglichkeit.
  • Von Bedeutung ist auch der Umgang mit Emotionen (den eigenen und den von anderen aufgenommenen). Als Hochsensibler neigt man ja manchmal dazu, beispielsweise in einer Situation, in der es einer anderen Person schlecht geht, schnell handeln zu wollen, damit es dieser Person wieder besser geht. Dies ist jedoch keineswegs immer zielführend und birgt die Gefahr, über die eigenen Kräfte zu gehen oder die eigenen Möglichkeiten, etwas an der Situation ändern zu können, falsch einzuschätzen. Letzteres führt wiederum zu vermeidbarem Frust. Hier gilt es also, unterscheiden zu lernen, wo Hilfe wirklich sinnvoll ist und wo es hingegen vielleicht besser (für einen selbst und den anderen) ist, die Situation so zu akzeptieren. Es geht hierbei also wiederum um Abgrenzung. Diese und weitere Tipps erläutert übrigens auch dieser inspirierende Artikel zum konstruktiven Umgang mit Hochsensibilität.
  • Damit man sich nicht verzettelt, ist es ratsam, sich persönliche Prioritäten zu setzen und diese am besten zu notieren. Denn wenn etwa eine Sache, die erst später umgesetzt werden kann, aufgeschrieben ist, braucht man keine Angst mehr zu haben, dass diese Idee verloren geht. Man kann sie für den Moment loslassen und sich ganz dem widmen, was man jetzt tun möchte.
  • Überhaupt ist Aufschreiben eine gute Methode der mentalen Verarbeitung von Impressionen, Gedankengängen und Dingen, die einen bewegen. Ob dies in Form eines Tagebuchs oder kreativen Texten geschieht, ist jedem selbst überlassen. Eine andere Möglichkeit ist die Verarbeitung in anderen kreativen Darstellungsformen wie etwa in bildlicher Form.
  • Soziale Situationen gestaltet man am besten so, wie es einem selbst gut tut. Dabei gilt es, sowohl auf ein passendes Umfeld (mit nicht zu hoher Gefahr von Reizüberflutung) als auch darauf zu achten, mit welcher Gruppengröße man sich noch wohlfühlt. Wenn man eine starke Abneigung gegen Massenaufläufe hat, braucht man sich ihnen auch nicht auszusetzen.
  • "Nein" sagen lernen ist ein weiterer wichtiger Rat. Zum Beispiel "Nein" zu sagen bei sozialen Ereignissen, wenn man eigentlich die Zeit zur Regeneration braucht. Und "Nein" zu sagen, wenn man um eine Gefälligkeit / Tat gebeten wird und etwa die eigenen Kapazitäten bereits erschöpft sind. Wenn das "Nein" souverän rüberkommt, wird es in der Regel so akzeptiert werden. Gegebenenfalls kann man es den Bittstellern kurz begründen.

Ausblick

Während in früheren Zeiten Hochsensible häufig ais Berater oder Heiler einen anerkannten Teil der Gesellschaft bildeten, ist es in der heutigen Welt ungleich schwerer, als hochsensible Persönlichkeit seinen Platz zu finden. Zumal Ellbogentaktiken und Konkurrenzkampf ihrem Wesen widersprechen. Ihre Qualitäten fallen anderen Menschen eben nicht so schnell auf wie die der "Marktschreier", weil sie subtiler sind und ein genaueres Hinsehen erfordern. Dabei werden sie heute mehr denn je in einer erkaltenden Gesellschaft, in der scheinbar jeder sich selbst der nächste ist und sich nur wenige auch tatsächlich (nicht nur oberflächlich gesehen) um andere kümmern, gebraucht. Sie sind in der Lage, diese Gesellschaft zusammenzuhalten, bevor sie vollends auseinanderbricht. Auch haben sie ein hohes Verantwortungsbewusstsein für die Umwelt.

Es ist daher lobenswert, dass die Bekanntheit dieses Phänomens in den letzten Jahren immer mehr zugenommen hat. Ich hoffe, mit meinem Artikel zu einem besseren Verständnis der Hochsensibilität sowie zu einem positiven Respekt dieser Begabung beigetragen zu haben.

Bildquelle: Pixabay

Weiterführende Links

Beschreibung Hochsensibilität auf hochsensibel.org

Wikipedia-Artikel zu Hochsensibilität

HSP Test
Wer bei sich vermutet, er könnte hochsensibel sein, sich aber noch nicht ganz sicher ist, dem hilft dieser Selbsttest möglicherweise weiter.

Autor seit 6 Jahren
112 Seiten
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