Hitler-Versteher und Speer-Sympathisant?

Rituale folgen stets einem exakt vorgegebenen Ablauf und sind von hohem Symbolgehalt geprägt. Bekannte Riten sind etwa Hochzeiten oder Trauerfeiern - die Grenzen dazwischen verschwimmen mitunter -, oder natürlich politischer und gesellschaftlicher Natur. Da wird symbolisch allerlei längst beendeten Kriegen und Gräueltaten gedacht, und wehe dem, der aus der Prozession der Erschütterten und Gedenkenden ausschere!

Das wohl bekannteste und am besten erprobte europäische Ritual verläuft in ähnlichen Bahnan folgendermaßen: Ein Prominenter äußert sich zu einem Thema, das Hitler, das Dritte Reich oder Juden berührt, und schon ist der weitere Verlauf des Ritus vorgegeben, der lediglich zwei Wege kennt:

1. Tiefe Abscheu und Betroffenheit zeugen, um zu signalisieren: "Ich bin ein Guter! Ich bin gegen Hitler und Nazis! Und ich schäme mich dessen, ein Deutscher zu sein! Wehe mir!". Damit erkauft man sich Sympathien.

2. Man geht den Lars-von-Trier-Weg, erwähnt Hitler, bricht aber nicht in Tränen und Betroffenheitsgesabber aus, sondern findet ganz andere, befremdliche Worte. Da genügt es, wie 1995 Ex-Schwimmstar Franziska van Almsick bloßes Interesse an der Person Hitler zu erwähnen und darauf zu vergessen, sich ganz klar vom Nazismus zu distanzieren und gefühlsduselig in Kameras zu heulen. Oder man begeht den taktischen Fehler von Eva Hermann, abseits der offiziellen Diktion über Autobahnen und die Gesellschaft im Dritten Reich zu sprechen. Siehe hierzu auch Henryk Broders Probleme, in Deutschland Hitler-Autobahnen benutzen zu müssen (Link zum Videocast leider nicht mehr abrufbar).

Was Lars von Trier gesagt hat, war natürlich unverzeihlich! Lauschen Sie hier seinen eigenen Worten auf einer Pressekonferenz in Cannes, kurz, ehe er wieder ausgeladen wurde wie ein randalierender Besoffener, der weibliche Partygäste belästigt.

Und das ausgerechnet auf jenem Pflaster, das ihm im Jahr 2000 für "Dancer in the Dark" die "Goldene Palme" einbrachte. Ich bin ein Nazi! Sympathien für Hitler! Bewunderung für Speer! Shocking.

Aber auch clever. Lars von Trier darf sich mit Fug und Recht zu Hause einen von der goldenen Palme wedeln. Nicht, weil seine Worte unheimlich eloquent oder interessant gewesen wären. Nein, vielmehr hat der Däne bewiesen, wie man in fünf Minuten vom lediglich in cineastischen Kreisen bekannten Regisseur von Kunstfilmen, die außerhalb von Festivals kaum jemand kennt, zum weltberühmten Shooting-Star avanciert. Man spricht den Namen "Hitler" nicht aus, als hätte man madiges Fleisch verzehrt und müsste gleich zu kotzen beginnen. Nein: Man zeigt auch noch Sympathie für den erst kürzlich verstorbenen Führer!

Freilich: Um den Ritus abzuschließen gilt es, sich über den Aufschrei schockiert zu zeigen und stante pede zurückzurudern wie ein Politiker, der versehentlich gegen den Sozialstaat eingetreten ist. Im Stern-Interview entmündigt sich Trier gewissermaßen selbst, entschuldigt sich und bezeichnet sich selbst als "Vollidiot", dumm und naiv.

Dem möchte der Artikelautor nicht zustimmen. Was der dänische Regisseur gesagt hat, war billigste Provokation, die maximalen Erfolg brachte, ihm Schlagzeilen in aller Welt bescherte und seinen Namen überhaupt erst ins Gespräch brachte.

Erstaunlich eigentlich: Siebzig Jahre später erregt dieses eine Thema die Gemüter weltweit. Dabei gäbe es gegenwärtig Grausamkeiten und Unmenschlichkeiten, die im Gegensatz zu den Gräueln des Zweiten Weltkriegs viele Millionen Menschen jetzt, in dieser Sekunde betreffen, die aber für keine Empörungen, Proteste oder zumindest ehrliche Diskussionen sorgten.

Millionen Menschen sitzen in Gefängnissen, weil sie die "falschen" Drogen konsumierten. Millionen Menschen werden ihres "falschen" Glaubens wegen verfolgt, gehetzt, getötet.

Das wäre ein mutiges Statement gewesen, Herr von Trier! Sich gegen fundamentalistische Vertreter einer ganz bestimmten Religion auszusprechen und dagegen einzutreten, dass ein ganz bestimmter Erdteil sich diesen Leuten wonniglich ausliefert. Allerdings hätte natürlich die Gefahr bestanden, hierfür nicht nur rhetorische Hiebe einzufangen, sondern wie ein holländischer Berufskollege zu enden.

Autor seit 6 Jahren
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