Unter solchen Umständen konnte es passieren, dass zumindest die Besserverdiener im Arbeiter- und Bauernstaat mehr Geld hatten, als sich sinnvoll ausgeben ließ. Neben überteuerten Handelsketten wie "Exquisit" oder "Delikat" bot sich dem konsumfreudigen DDR-Bürger ab 1974 jedoch noch eine weitere Möglichkeit: Die Intershops, prall angefüllt mit Dingen, die man sonst nur heimlich in der Westfernsehwerbung erblickte. Einzige Bedingung und größter Wermutstropfen war, dass in den Intershops mit D-Mark bezahlt werden musste. "Westware" gegen "Westgeld" also. Letzteres jedoch war für DDR-Normalbürger nur schwer zu erlangen.

Die Intershops in der DDR: Ein kleines Stück vom Westen

Die ersten Intershops in der DDR (ähnliche Einrichtungen gab es fast im ganzen Ostblock) entstanden 1962. Die Ladenkette gehörte zur Forum-Handelsgesellschaft, welche wiederum ein Bereich der staatlichen Organisation "Kommerzielle Koordinierung" war. Der informierte Leser dürfte angesichts des letzten Begriffs bereits ahnen, worum es bei den Intershops ging: Die dringend notwendige Erwirtschaftung von Devisen, in diesem Fall die konvertierbare D-Mark, um auf dem Weltmarkt einkaufen zu können.

Intershops existierten daher zunächst vor allem an Autobahnraststätten entlang der Transitrouten, auf Bahnhöfen, Flughäfen sowie in so genannten "Interhotels". Dies waren vor allem auf westliche Kundschaft (z.B. Messebesucher) ausgerichtete Hotels. Die Läden enthielten ein nach heutigen Maßstäben überschaubares Sortiment an Genussmitteln, Schmuck, Textilien, Drogerieartikeln, Spielwaren und elektronischen Geräten. Die Zahl der Intershops stieg bis zum Ende der DDR auf 470 Geschäfte.

Als die Muttergesellschaft "Kommerzielle Koordinierung" im März 1990 aufgelöst wurde, bedeutete dies auch das Ende der Intershops. Das Konzept hätte wohl auch keine Zukunft gehabt. Durch die innerdeutsche Grenzöffnung und das damit verbundene Begrüßungsgeld verfügte mittlerweile fast jeder DDR-Bürger über harte Währung. Diese wurde aber natürlich im "richtigen" Westen ausgegeben, nicht in den Intershops. Heutige Unternehmen mit diesem Namen haben übrigens keinen direkten Bezug zur ehemaligen Intershop-Kette der DDR.

Intershops: Der Geruch des Westens

In Bahnhöfen und Innenstädten besetzten Intershop-Geschäfte oft eher unauffällige Nischen. Die Läden befanden sich in fensterlosen Untergeschossen oder hatten zumindest stark gesicherte Fenster. Logischerweise wollte die DDR ja keine Werbung für das Warenangebot des Westens machen. Der Vergleich wäre zu deutlich zuungunsten des real existierenden Sozialismus ausgefallen.

Daher erscheint es zunächst paradox, dass durch das Devisengesetz vom 19. 12. 1973 ab dem darauffolgenden Jahreswechsel auch DDR-Bürger Zutritt zu den Intershops hatten. Zuvor galt der Besitz von "Westgeld" in vielen Fällen als illegal. Die DDR-Führung versprach sich aber nun offenbar eine weitere Einnahmequelle, indem sie versuchte, das in der DDR kursierende Westgeld abzuschöpfen.

1979 wurden die Anstrengungen dazu intensiviert. Wer jetzt in Intershops einkaufen wollte, musste seine D-Mark-Bestände zuvor bei der Staatsbank in so genannte Forum-Schecks eintauschen (Kurs 1:1). Direkt mit harter Währung im Intershop zu bezahlen war somit nicht mehr möglich. Diesen etwas umständlichen Weg wählte die DDR-Führung aus kühlem Kalkül heraus: Durch die nunmehr legal kursierenden D-Mark-Summen bestand die Gefahr einer Parallelwährung.

Die roten Herrscher bildeten sich wohl ein, das vorhandene "Westgeld" kanalisieren zu können. Durch den Umtausch in Forum-Schecks war der DDR-Bürger schließlich gezwungen, tatsächlich nur im Intershop einzukaufen. Da es allerdings keinen Zwang zum Umtausch gab, ging diese Maßnahme weitgehend ins Leere. Tatsächlich waren im privaten Geschäftsleben gewisse Handwerkerleistungen und so manche Autoersatzteile schneller verfügbar, wenn die harte D-Mark für die richtige Schmierung sorgte...

Allerdings machte die DDR dennoch einen Gewinn durch die Einführung der Forum-Schecks. Deren kleinste Stückelung war nämlich der Scheck über 50 Pfennig. Das bedeutete, dass Wechselgeld nicht ausgezahlt werden konnte. Entweder wurde es anhand von Kleinstartikeln erstattet (Lutscher u. ä.) oder die Preise waren eben schön nach oben aufgerundet...

Den DDR-Bürger, sofern er "Westgeld" besaß, kümmerten solche Feinheiten nicht weiter. Zu verlockend war der Blick in den "Goldenen Westen". Wenn sich heute Ostdeutsche über das Thema Intershop unterhalten, erzielen sie oftmals in einem Punkt Übereinstimmung: Die erste Wahrnehmung beim Betreten des Intershops war der Geruch. Ein Hauch von Westen eben. Parfüm, Waschmittel usw., alles verströmte die Verheißungen eines nahezu unerreichbaren Nachbarlandes. Ein schnöder DDR-Witz handelte sogar davon, dass ein Mann hinter den Tresen eines Intershops gesprungen und Asyl beantragt habe. Denkbar wäre das durchaus...

Heute nimmt vermutlich niemand mehr diesen besonderen Duft des Wohlstands wahr. Zu sehr haben wir uns daran gewöhnt.

Den Eindruck einer völlig anderen Welt vermittelte aber selbstverständlich auch das eigentliche Warenangebot der Intershops. Hochglanzverpackungen in kräftigen Farben, werbetechnisch perfektes Design und natürlich die kaum bekannte Warenwelt selbst. Das graubraune Packpapier oder die blass bedruckten, grobfaserigen Pappschachteln des DDR-Handels konnten da natürlich nicht mithalten. Weil die Verlockung so groß war, wurden angeblich die Angestellten der Intershops zum Teil in harter Währung entlohnt, um Diebstählen vorzubeugen. Für die DDR war dies ein Nullsummengeschäft, denn das Westgeld musste ja (zumindest bei legaler Verwendung) sowieso wieder in Forum-Schecks umgetauscht und im Intershop ausgegeben werden...

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