In der Realität jedoch erzeugten überteuerte Preise, Wartezeiten von bis zu zwanzig Jahren sowie extrem geringe Importraten eine Situation, in der Autos zu Statussymbolen wurden. Als Mercedes des Ostens galt beispielsweise die Lada-Modellreihe. Auch wer einen der wesentlich selteneren Skodas fuhr, zählte (unabhängig vom tatsächlichen Sachverhalt) zu denen, die "es geschafft hatten". Im Gegensatz zum nur wenig veränderte Einheitsdesign des Ladas (ein Fiat-Lizenzbau), schafften es die tschechischen Autobauer jedoch immer wieder, eigene Kreationen auf den Markt zu bringen. Durch stetige Modellpflege und technische Verbesserungen waren diese Fahrzeuge selbst auf westlichen Märkten verkäuflich. Am deutlichsten zeigte sich dies an der langlebigen Baureihe 105/120/130.

Skoda 105/120: Wie alles begann

Mitte der 1970er Jahre befand sich die Marke Skoda (immerhin einer der ältesten Hersteller der Welt) in einem Dilemma. Mit der konsequenten Verwendung des Heckmotors hatte man offenbar technisch und ökonomisch die falsche Wahl getroffen. Heckmotoren waren das Relikt einer aussterbenden Autogeneration. Die aktuelle Modellreihe S100 /S110, eine optisch wenig überzeugende Weiterentwicklung des legendären 1000 MB, wirkte im Design schwerfällig und veraltet.

Bereits seit Ende der 1960er Jahre entwickelte Skoda daher neue, interessante Prototypen. Da in einer sozialistischen Planwirtschaft jedoch die Parteigenossen das letzte Wort hatten, wurde keine der aufregenden Studien verwirklicht. Auch eine Zusammenarbeit mit der DDR wurde aus Kostengründen und aufgrund von Differenzen aufgegeben. Beide Staaten hatten versucht, ein gemeinsames Fahrzeug zu entwickeln, welches unter der Bezeichnung RGW-Auto in die Geschichte einging. Das Projekt scheiterte, und den kommunistischen Funktionären dämmerte langsam, dass der Devisenbringer Skoda auf dem internationalen Markt ins Hintertreffen geraten war. Ein neues Fahrzeug musste her. Den Skoda-Ingenieuren blieb nun nichts weiter übrig, als aus den Resten des gescheiterten Projekts den größtmöglichen Nutzen zu ziehen. Sie sollten diese Aufgabe mit Bravour meistern. Die Baureihen 742 – 746 (heute allgemein als Skoda 105/120/130) bekannt, wurden Erfolgsmodelle.

Ein Skoda 105 - das Basismodell dieser Baureihe

Skoda 120L nach der letzten Modellüberarbeitung

Skoda 105/120/130: Erfolg durch stetigen Wandel

Tatsächlich konnte das 1976 dem Publikum vorgestellte Skoda-Design seine optische Verwandtschaft mit dem RGW-Auto nicht verleugnen. Technisch hingegen sah die Sache anders aus. Skoda musste aufgrund fehlender Erfahrung mit modernen Frontmotoren wiederum auf die Variante Heckmotor zurückgreifen und auch sonst viele technische Details der Vorgängermodelle übernehmen. Die Fahrzeuge verfügten in der Regel über einen Startvergaser (Choke), welcher durch einen Hebel zwischen den Vordersitzen bedient wurde. Nach mehrtägiger Standzeit empfahl es sich zudem, im Motorraum einen kleinen Pumphebel für den Kraftstoff zu betätigen. Das Prinzip ähnelt dem heutiger Benzin-Rasenmäher.
Die jeweiligen Zahlen in der Modellbezeichnung gaben einen Hinweis auf den Hubraum, wobei als Faustregel gilt, dass höhere Typennummern auch etwas besser ausgestattet waren. Die erneute Verwendung eines Heckmotors brachte für das ansonsten durchaus moderne Fahrzeug zunächst einige Probleme mit sich. Logischerweise befand sich der Kofferraum vorn und war relativ umständlich zu öffnen. Die Fronthaube war linksseitig angeschlagen. In Gebieten mit Linksverkehr, beispielsweise dem wichtigen britischen Markt, stellte dies aus Sicherheitsgründen einen Nachteil dar. Zudem begrenzte die naturgemäß flache Fronthaube den Laderaum beträchtlich. Als Ausgleich hatte das Fahrzeug allerdings einen kleineren Stauraum hinter den Rücksitzen. Der Heckmotor bewirkte zudem, dass die hinten platzierte Antriebsachse zwar gut belastet wurde. Die Fahrzeugfront hingegen war entsprechend leicht, was bei höheren Geschwindigkeiten oder starken Windböen zu Instabilität führte.
Andere Kinderkrankheiten, die nicht bauartbedingt waren, bekam Skoda hingegen nach einiger Zeit in den Griff. So wurden beispielsweise für die anfangs schwer beherrschbare Hinterachse sowie für die schwammige Lenkung bessere Lösungen gefunden. Auch (für osteuropäische Verhältnisse) vergleichsweise ungewöhnliche Ausstattungsmerkmale gab es. Das Modell 120 L beispielsweise, ein nur wenig besser als die Basisversionen ausgestattetes Fahrzeug, hatte bereits Warnlämpchen, um Defekte an der Fahrzeugbeleuchtung anzuzeigen.

Generell strebten die Skoda-Ingenieure stetig Verbesserungen an, was sich auch optisch niederschlug. So änderte man mehrfach die Gestaltung der Front- und Heckansicht, allerdings nie gleichzeitig für alle Modelle. Im Zusammenspiel mit den zahlreichen Ausstattungsvarianten ergab sich daraus eine Vielzahl an Fahrzeugen, die zwar alle die gleiche Karosserieform aufwiesen. Das Design hinsichtlich der Lampen, Blinker, Stoßstangen und anderer Elemente variierte jedoch erheblich. Es ist daher heute sehr schwierig, einzelne Typen allein anhand des Aussehens zu unterscheiden.
Vor allem für westliche Märkte entstanden auch Fahrzeuge mit Glashubdach, Zweifarbenlackierung und Leichtmetallrädern. Spitzenmodelle hatten sogar Funktionen, die manche westliche Hersteller erst wesentlich später seriell einführten, beispielsweise eine Anschnallkontrolle.
Neben der typischen Limousinenform entwickelte Skoda auch andere Karosserievarianten, beispielsweise einen Pick-up, leichte Transporter und Lieferwagen (was bei einem Heckmotor nicht so einfach ist) sowie eine Rallye-Version. Extremen Seltenheitswert besitzen heute die Coupe-Variante Rapid sowie das gleichnamige Cabriolet. Bei nur marginaler Änderung der Karosserie versuchte sich Skoda dennoch an einem Prototypen mit Frontmotor, der allerdings nicht in die Serienproduktion einmündete. Die Modellpalette 105/120/125/130/135 wurde bis 1990 gefertigt, obwohl ab 1987 bereits das Nachfolgemodell "Favorit" in moderner Kompaktbauweise mit Frontantrieb und gänzlich anderem Design im Angebot war. Angeblich wurde die populäre Baureihe sogar bis 1994 fortgesetzt, indem man die letzten Fahrzeuge von Hand aus den reichlich vorhandenen Ersatzteilen herstellte.

Der Skoda 105/120 auf dem heutigen Oldtimermarkt

In der DDR gehörten die gängigen Modelle 105 und 120 zum alltäglichen Straßenbild. Dennoch wurden nie sonderlich viele Skoda importiert. So gelangten beispielsweise 1977 gerade einmal 2618 Fahrzeuge dieser Typen nach Ostdeutschland. Zum Vergleich: Vom Lada führte die DDR in diesem Zeitraum fast 32 000 Fahrzeuge ein. Lediglich der jugoslawische Zastava sowie die Westimporte hatten eine geringere Quote als Skoda. In den 1980er Jahren verschlechterten sich die Wirtschaftsbeziehungen zwischen DDR und CSSR in diesem Bereich noch weiter. Vielleicht lag dies auch daran, dass mit dem Skoda eben auch die begehrten, harten Währungen der Westeuropäer erzielbar waren...
Entsprechend schnell verschwanden die Skoda-Modelle aller Baureihen aus der Öffentlichkeit, als die Ostdeutschen 1990 ihre treuen Fahrzeuge gegen klapprige Gebrauchte aus dem Westen eintauschten. Obwohl einige osteuropäische Hersteller ihre (durch die Westmark nun erschwinglichen) Modelle weiter anboten, wurde diese kaum nachgefragt. Deshalb ist es heute beinahe schon ein Glückfall, wenn man außerhalb von Oldtimertreffen und Fahrzeugmuseen in Deutschland einen "sozialistischen" Skoda antrifft.
Diese auf vielen Faktoren basierende Seltenheit sowie eine seit Jahren anhaltende Nostalgie erzeugen daher ein recht hohes Preisniveau, welches auch für die 105er und 120er Modelle gilt. Manche Privatanbieter scheuen sich nicht, für ein schlicht ausgestattetes und nur mäßig gepflegtes Fahrzeug Summen zu verlangen, für die man bereits die ersten Neuwagen erhält. Trotzdem sind die Skoda 105/120 eine Möglichkeit, preiswert in den Oldtimermarkt einzusteigen. Es ist lediglich viel Geduld erforderlich, um einen erschwinglichen und intakten Skoda dieser Baureihen zu erwerben.

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