Für Heinrich stand in Canossa alles auf dem Spiel

Die Burg Canossa war nicht irgendeine Burg. Dort weilte im Januar 1077 der alternde Papst Gregor VII. Der hatte den König exkommuniziert, ihn aus der Kirche ausgeschlossen. Heinrich war nach Canossa gekommen, um den Papst dazu zu bringen, den Kirchenbann von ihm zu nehmen. Für Heinrich stand sein Königtum auf dem Spiel. Wie sollte ein christlicher König ohne den Segen des Papstes, des Stellvertreters Christi regieren? Die Fürsten des Reiches hatten ihm ein Ultimatum gestellt: Wiederaufnahme in die Kirche innerhalb eines Jahres oder Absetzung. Am Burgtor in Canossa entschied sich alles für Heinrich. Nach drei Tagen schließlich öffnete sich das Tor für den König. Papst Gregor löste den Kirchenbann. Heinrich behielt sein Königtum – ein Königreich für einen Büßer.

Was als "Gang nach Canossa" in die Geschichtsbücher eingehen sollte, war der dramatische Höhepunkt des Investiturstreits zwischen Papst und König. Beigelegt wurde der Konflikt erst ein halbes Jahrhundert später, lange nach dem Tod Heinrichs IV. Vordergründig ging es um die Frage der Investitur, der Frage, wer die Bischöfe im Heiligen Römischen Reich ernennen darf.

Aus Sicht der Kirche war es eine Abwehrschlacht gegen die immer größere Einmischung weltlicher Herrscher in kirchliche Belange. Ämterhandel, Priesterehen und Laieninvestur waren an der Tagesordnung. Begonnen hatte der Investiturstreit mit dem Konflikt um die Neubesetzung des Bischofsamtes von Mailand. Aus einer Meinungsverschiedenheit wurde der Auslöser für jenen epochalen Investiturstreit, der das mittelalterliche Weltbild in seinen Grundfesten erschüttern sollte. Im Jahr 1075 diktierte Papst Gregor VII. 27 Leitsätze, in denen er die Oberhoheit über alle weltlichen Herrscher beanspruchte. Auch wenn das Dokument wahrscheinlich nicht veröffentlicht wurde: Die Zeichen standen auf Sturm. Denn bislang hatten weltliche und geistliche Macht gleichrangig nebeneinander gestanden.

Das Buch besticht durch einen mordernen, journalistischen Ansatz

Lange las sich ein Sachbuch über das Mittelalter nicht mehr so gut wie "Heinrich in Canossa gedemütigt!". In flottem, journalistischem Stil erklärt die Historikerin und Journalistin Karin Schneider-Ferber dem Leser auf 160 Seiten den Investiturstreit des 11. Und 12. Jahrhunderts. Der Haupttext wird immer wieder von Karten und kurzen Texten aufgelockert, in denen wichtige Personen vorgestellt oder Hintergrundinformationen zum besseren Verständnis erläutert werden.

Schneider-Ferber gelingt es, die zuweilen schwere Kost spannend zu präsentieren. Auch die eine oder andere langweilige Stelle weiß die Autorin geschickt zu überbrücken. Trotz hoher Dichte an Informationen verliert sie sich nicht zu sehr im Detail. Das Werk ist daher nicht nur für interessierte Laien interessant, sondern eignet sich auch hervorragend als Lehrbuch für Studenten in den ersten Semestern.

Eine Stärke des Textes liegt in der Einordnung der Ereignisse in größere Zusammenhänge. Der Leser bekommt eine gute Vorstellung vom durch und durch christlich geprägten Weltbild des Mittelalters und dem grundlegenden Verhältnis von Papsttum und mittelalterlichem Kaisertum. Auch der Bezug zu späteren Epochen kommt nicht zu kurz.

Einzig das Schriftbild des Haupttextes ist nicht immer gelungen. Der verwendete Blocksatz passt zwar zum journalistischen Ansatz der Buchreihe, der sich auch im Layout widerspiegelt. Der Text wirkt dadurch auf so mancher Seite aber etwas sperrig. Alles in allem ist "Heinrich in Canossa gedemütigt!" ein ausgesprochen lesenswertes Buch.

Bleibt die Frage, über die seit Jahrhunderten erbittert gestritten wird: War der "Canossagang" für Heinrich eine Demütigung oder ein kluger Schachzug? So viel sei verraten, die Autorin hat eine erfrischend pragmatische Antwort parat.

Das Buch

Karin Schneider-Ferber: Heinrich in Canossa gedemütigt! (Wendepunkte der Geschichte). Theiss, Stuttgart 2010, 160 Seiten, 14,90 Euro. ISBN-13: 978-3806223385.

Ebenfalls in der Reihe "Wendepunkte der Geschichte" erschienen sind die Titel "Caesar im Senat niedergestochen!" und "Bismarcks Triumph – Deutsches Reich ausgerufen!". Weitere Bände sind vom Verlag angekündigt.

Autor seit 6 Jahren
60 Seiten
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