Karl May und Adolf Hitler...

Kein anderer deutscher Schriftsteller führte ein so bewegtes (Phantasie-)Leben wie der am 25. Februar 1842 in Ernstthal geborene Karl May (gest. am 30. März 1912 in Radebeul). Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und litt unter Nachtblindheit, die aufgrund Vitaminmangels zu völligem Erblinden führte, von dem er im fünften Lebensjahr geheilt werden konnte.

Seinen Beruf als Lehrer musste er aufgeben, nachdem er des Diebstahls einer Taschenuhr überführt wurde. Während seiner Haftstrafe begann er an der Arbeit über die berühmten Erzählungen seines Alter Egos Old Shatterhand (in Nordamerika) und Kara Ben Nemsi (im Orient).

Auch Adolf Hitler ( geb. 20. April 1889 in Braunau am Inn - gest. 30. April 1945 in Berlin) hatte sein Werk "Mein Kampf" im Rahmen einer Haftstrafe (aufgrund volksverhetzender Propaganda) m Jahr 1924 niedergeschrieben. Jahre zuvor hatte Hitler Karl Mays umstrittenen Vortrag über die Edelmenschen besucht und war fasziniert vor der Idee, sogenannte "Herrenmenschen" heranzuziehen. Doch hat er dem Vortrag auch wirklich genau zugehört oder ihn so interpretiert, wie er ihn hören wollte?

Antisemitisch - philosemitisch - Oder der Traum vom besseren Menschen.

Es fällt auf, dass Karl May - besonders in den Orienterzählungen - sehr gern ein Klischee nach dem anderen bedient, um dem Leser die Fremdartigkeit der Araber und sephardischen Juden zu verdeutlichen. Doch während Kara Ben Nemsis Begleiter Hadschi Halef Omar die Treue und Loyalität in Person ist, zeichnet May das Bild des Juden eindimensional und scheinbar voller Vorurteile: Baruch in "Von Bagdad nach Stambul" ist raffgierig, geizig, gerissen, hat eine Hakennase und Plattfüße und zu allem Übel einen fetten Wanst und das unappetitliche Aussehen einer Backpflaume. Da möchte man als Angehöriger des jüdischen Volkes oder gebrandmarkter (vernünftiger) Deutscher empört aufschreien: "So geht das nicht! Was für ein abscheulicher Antisemit!" Aber auch Halef ist Semit, und der wird hochgeschätzt von seinem Sihdi. War Karl May demnach ein Judenfeind wie Hitler?

Mitnichten. Er versah die Charaktere seiner Romane mit Vielschichtigkeit und zeichnete sie wie im richtigen Leben als Menschen mit guten und schlechten Eigenschaften, als Personen, die hinterhältig oder offen handeln, unabhängig von Herkunft und Religion. Ein bisschen Idealismus spiegelt sich auch darin: Winnetou, der Apachenhäuptling, ist für ihn das Abbild eines Edelmenschen, eines besseren Menschen, ohne Fehler und dunklen Seiten. Zur Entstehungszeit der Winnetou-Romane galten Indianer in Europa und den USA als primitive, hemmungslose Wilde. Karl May hat mit diesem Vorurteil in seinen Romanen ordentlich aufgeräumt.

Lebanese Shepherd Smoking Water Pipe Outside His Tent (Bild: Carlo Bavagnoli / AllPosters)

Und der Jude Baruch?

Der Jude Baruch hatte Pech, dass er nicht als blonder, großzügiger Recke in Erscheinung treten durfte. Vermutlich wäre das von Karl May zuviel verlangt gewesen, doch am Ende stellt Baruch sich als wahrer Freund heraus. Baruch, bei dem Kara Ben Nemsi ein Zimmer mietet, knüpft emotionale Bande zu dem Fremdling, lässt mit sich verhandeln und wird dafür im Gegenzug liebevoll als "mein guter Baruch" betitelt. Am Ende verwandeln sich seine "schlechten" Eigenschaften in Güte, Warmherzigkeit und Verständnis. Das mag von Karl Mays übersteigerter Selbsteinschätzung zeugen, aber auch von dem Wissen, dass Menschen eben auch zum Positiven beeinflussbar sind, sich ändern können und man sich nicht auf Äußerlichkeiten festlegen sollte.

Karl Mays Menschenkenntnis und Schilderungen über "religiöse" Unvoreingenommenheit beeindruckte einen jugendlichen jüdischen Leser so sehr, dass er ihm einen Brief schrieb, um ihm mitzuteilen, dass er zum Christentum übertreten wollte. Die Antwort des Schriftstellers mag überraschen und sämtliche Verleumdungen über Karl Mays Gesinnung aus dem Weg räumen:

"Mein lieber Junge. Man gibt das Höchste, seinen Glauben, nicht wegen ein paar Büchern auf. Wer ein guter Christ und ein guter Israelit sein will, muss zunächst ein guter Mensch sein."

Autor seit 6 Jahren
77 Seiten
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