Terry Jones: Der Mann, der die Welt in Atem hielt!

Hollywood hätte es kaum besser inszenieren können: Die bloße Ankündigung, am 11.9.2010 hunderte Exemplare des Koran öffentlich verbrennen zu wollen, löste globale Empörung aus und katapultierte einen bis dato praktisch unbekannten Pastor mitten auf die Weltbühne.

Wer ist dieser Terry Jones? Geboren wurde er 1952 in Cape Girardeau (Missouri). Rund drei Jahrzehnte lang arbeitete er als Missionar in Köln, ehe er 2004 Pastor der winzigen Freikirche "Dove World Outreach Center" in Florida wurde. Seinen Hass gegen Homosexuelle und den Islam teilt er mit so manchen anderen Fundamentalisten. So weit also nichts Ungewöhnliches. Bis er mit einem zugegebenermaßen genialen Schachzug den Westen Matt setzte...

Terry Jones: Der Mann, der die Welt in Atem hielt!

Und der Koran brannte doch nicht ...

Bis zuletzt ließ sich Terry Jones nicht in die Karten blicken. Noch am Vorabend zum neunten Gedenktag von 9-11 bekräftigte er seine Absicht, die Heilige Schrift des Islam öffentlich verbrennen zu wollen. US-Präsident Barack Obama appellierte an Jones, seinen Plan nicht in die Tat umzusetzen. Damit befand er sich in guter Gesellschaft: So gut wie geschlossen verurteilte die Weltöffentlichkeit das Sinnen des Pastors. In seltener Einmut fanden UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad klare Worte an Terry Jones.

Selbst David Petraeus, Kommandeur der NATO-Truppen in Afghanistan, warnte vor den verheerenden Folgen einer solchen Aktion.

Am 11.9.2010 stellen sich viele Menschen die bange Frage: Würde der "irre Pastor" (BILD) trotz der Proteste und Appelle zum Streichholz greifen? Groß war das Aufatmen, als er die Koran-Verbrennung absagte. Vorerst. Die Option, zu einem späteren Zeitpunkt sein Vorhaben doch noch in die Tat umzusetzen, ließ er sich geschickt offen.

Zumindest fürs Erste war die heikle Angelegenheit aus der Welt geschafft. Oder etwa doch nicht?

Verletzte Gefühle allerorten - Do you really want to hurt me ...

Vom rein strafrechtlichen Standpunkt aus gesehen hätte man gegen Terry Jones zumindest in den USA nicht vorgehen können. Schließlich ist entgegen anderslautenden Gerüchten sogar das Verbrennen der US-Flagge im Rahmen der Gesetze, solange dies auf eigenem Grund und Boden geschieht.

Worauf begründeten sich die teils hysterischen Reaktionen auf die letztendlich abgesagten Koran-Verbrennungen? Ausnahmslos wurde die Diskussion auf einer rein emotionalen Ebene geführt - und somit beliebig ausleg- und interpretierbar: Es würden die Gefühle gläubiger Muslime verletzt, Koran-Verbrennungen seien ein Zeichen der Intoleranz, die Sicherheit westlicher Soldaten in islamisch dominierten Ländern sei gefährdet, und dergleichen mehr.

Alles zweifellos richtig. Mit Sicherheit hätten sich manche Muslime in ihren religiösen Gefühlen verletzt gefühlt. Wahrscheinlich wäre der Hass auf den Westen, allen voran den USA, in Afghanistan gewachsen. Vielleicht hätten sich in Europa lebende Muslime enttäuscht und gekränkt gefühlt. Es hätte bestimmt auch Massendemonstrationen inklusive traditioneller Verbrennung der US-Flagge gegeben.

 

Dabei wird jedoch die entscheidende Frage übersehen: Wo zieht man die Grenzen? Wo endet Meinungsfreiheit und beginnt die emotionale Verletzung anderer?

Es seien die Worte des französischen Philosophen René Descartes zitiert: "Je déteste vos idées, mais je suis prêt à mourir pour votre droit de les exprimer".
Auf Deutsch: "Ich bin zwar anderer Meinung als Sie, aber ich würde mein Leben dafür geben, dass Sie Ihre Meinung frei aussprechen dürfen."

Es ist schlichtweg unmöglich, ein "tolerantes" Leben zu führen, das niemandes Gefühle verletzt. Konsequenterweise müsste man eine junge Frau, die das amouröse Werben eines Jünglings mit einem Korb beantwortet, der grausamen Gefühlsverletzung eines unglücklich Verliebten bezichtigen. Natürlich würde dies niemand ernsthaft in Erwägung ziehen. Denn derlei seelische Wunden stellen den (mitunter betrüblichen) Lebensalltag dar.

Warum also sorgen sich die Nachfahren der Aufklärung um das Seelenheil einiger Muslime, nicht aber um die körperliche Unversehrtheit tatsächlich in ihrer Existenz Bedrohter? Etwa in Afghanistan, wo westliche Soldaten imaginäre Grenzen verteidigen? Und wo praktisch tagtäglich Einheimische sterben, seien sie nun wahrhaftig Terroristen oder einfach nur dummerweise am falschen Ort? Seltsam stumm bleibt der Westen auch bei den Gräueltaten in islamischen Staaten - seien diese gegen "Sünder", Christen, Homosexuelle, Regimekritiker oder wen auch immer gerichtet.

Die angedrohte Verbrennung von ein paar Buchseiten sorgt für Aufregungen, während vergossenes Blut von Unschuldigen zum Tagesgeschäft gehört.

 

Wo muss also westliche Meinungsfreiheit im Sinne der Toleranz enden? Weshalb sind kritische Worte über den Islam verpönt, jene gegenüber dem Christentum jedoch nicht? Wiegen die religiösen Gefühle von Moslems mehr als jene von Christen oder Buddhisten?

All dies sind grundsätzliche Fragen, die mit absurden, oft scheinheiligen Argumenten abgewiegelt werden, die aber einer Klärung bedürften. Das Führen einer solchen Diskussion ist jedoch nicht zu erwarten. Gerade die schwammigen Gefühlsbegriffe erlauben es, das Fähnchen jeweils nach dem Wind auszurichten und atemberaubende Verrenkungen hinzulegen, um sich in vorteilhafte Position zu begeben. Gerade die Anschlage vom Elften September 2001 sind ein Paradebeispiel für eine dergestalt verdrehte Logik und Heuchelei. Der Terror suchte die USA nicht deshalb heim, weil eine Gruppe durchgeknallter Fanatiker die sogenannte "Freiheit des Westens" hassten (die im Übrigen die meisten der beteiligten Attentäter jahrelang weidlich genossen). VIelmehr waren sie eine Reaktion auf die US-Politik, die beispielsweise Militärbasen nahe der Heiligen Stätten des Islam unterhalten, immer wieder direkt in die Geschicke des Mittleren Ostens eingriffen, Kriege gegen den Irak führten und auf Sanktionen gegen ihn pochten, und dergleichen mehr.

 

Die (vorläufige) Absage der Koran-Verbrennungen erweisen sich als Pyrrhus-Sieg der angeblichen Vernunft und Toleranz. Unweigerlich werden Trittbahnfahrer auf den fahrenden Zug aufspringen und sich im Rampenlicht der Öffentlichkeit wohlig sonnen. Anstatt die Ursachen für den Hass - Kriege, Sanktionen, Unterstützungen verhasster Regime, Militärbasen - zu beseitigen, werden wohl auch weiterhin Bauernopfer gesucht und gefunden, wie es seinerzeit bei den "Mohammed-Karikaturen" geschehen ist.

Nicht der radikale Islam bedroht die Freiheit des Westens, sondern die eigenen Regierungen sind es, die Stück für Stück im hehren Namen der Toleranz diese Freiheit beschneiden. Noch dürfen Artikel wie dieser geschrieben und im Web gepostet werden. Wie lange noch?

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Autor seit 6 Jahren
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