Der Betreuungsschlüssel ist einer der wichtigsten Faktoren bei der Beurteilung der Qualität von Kitas. Von ihm hängt es ab, ob die Kinder ausreichend versorgt werden können. Pflege, Vermeidung von Unfällen, auf einzelne Kinder eingehen und ob vielleicht sogar noch besondere Angebote gemacht werden können. Ich beziehe mich hier auf den Krippenbereich, also auf die Betreuung von Kindern bis 3 Jahren.

Ein Betreuungsschlüssel von 1 zu 3 ist die Forderung

Wie sollte der Betreuungsschlüssel aussehen? Die Bertelsmannstiftung fordert einen Betreuungsschlüssel von 1 zu 3 für die unter 3-jährigen. Für drei Kinder sollte also eine Erzieherin zur Verfügung stehen.

Dies fordern letztendlich auch die deutschen Kinderärzte, wobei diese noch stärker differenzieren und für bis 1 jährige einen Schlüssel von 1 zu 2 fordern, für 1-2 jährige von 1 zu 3 und für 2 bis 3 jährige von 1 zu 4. Die Kinderärzte fordern auch eine maximale Gruppengröße von 12 Kindern.

Dann müssten 4 Erzieherinnen 12 Kinder betreuen. Kennt jemand so eine Kita (die nicht rein privat und sehr teuer ist?)

(Bild: Vorlage: Pixabay)

1 zu 5 ist die Behauptung

Der offizielle festgelegte Betreungsschlüssel gilt für die staatlichen Kitas und ist in jedem Bundesland etwas anders. Nach meiner Erfahrung orientieren sich allerdings auch viele andere Kitas daran, deren Träger die Kirche oder eine Stiftung ist.

 

Der offizielle Betreuungsschlüssel liegt bei ungefähr 1 zu 5. (Der Bundesdurchschnitt ist mit 1 zu 4,5 um einiges besser, aber in dem von mir aus der Praxis bekannten Hamburg, zu dem ich unten noch etwas schreibe, sogar etwas schlechter, nämlich bei 1 zu 5,2). Deswegen geht ich hier von einem gerundeten mittleren Wert aus.)

 

Wenn man das jetzt als Eltern eines Säuglings hört, dann sieht man einen Raum vor sich, in dem die ganze Zeit 5 Kinder von einer Erzieherin betreut werden, oder 10 Kinder von 2 Erziehern betreut werden, oder auch 15 Kinder von 3 Erzieherinnen. Ist das wirklich so?

1 zu 7 ist der Eindruck

Wenn ein Kind unter 3 in Hamburg in einer Kita angemeldet wird, wird von der Kita im Gespräch als Betreuungsschlüssel angegeben, wie viele Kinder in einer Gruppe sind, und wie viele Erzieher für diese Gruppe zuständig. Dabei liegt der ersichtliche Betreuungsschlüssel eher bei 1 zu 7. Das ergibt einmal meine persönliche, nicht repräsentative Erfahrung: Bei der Gruppe, in die mein Sohn geht, schwankt die Kinderzahl in der Regel zwischen 22 und 28 Kindern, und es gibt 4 Erzieher, was einen Betreuungsschlüssel von 1 zu 5,5 bis 7 ergibt. Eine Kita in der Nähe hat 2 Erzieher für eine Gruppe von 15 Kindern, also 1 zu 7,5. Eine andere Kita für eine Gruppe mit 20 Kindern 3 Erzieher, also 1 zu 6,6.

Dass diese Beobachtung mit der allgemeinen Praxis in Hamburg wohl übereinstimmt, entnehme ich der Seite 11 einer Broschüre der Hamburger Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration mit dem Titel "Richtlinien über den Betrieb von Kindertageseinrichtungen" vom 1. August 2012, nach der von einer ausreichenden Betreuung "in der Regel" auszugehen ist, wenn eine Fachkraft für 7,6 Kinder zur Verfügung steht!

Jetzt entsteht also das Bild von einem Raum, in dem 15 Kinder von 2 Erziehern betreut werden.

1 zu 8 ist die Realität

Denn Erzieher sind keine Automaten, die sich nie erholen müssen und nie krank sind. Alle Erzieher sind nur an einem Teil des ganzen Jahres da. Dafür sorgen der Jahresurlaub von 5 Wochen pro Erzieherin und angenommene Krankheitszeiten von 2 Wochen pro Jahr; jede Erzieherin ist danach 7 Wochen pro Jahr nicht da, also ca. 14 % der Zeit. Ein 1 % schlechterer Betreuungsschlüssel als 1 zu 7 ist dann rechnerisch fast 1 zu 8.

(Dabei sind Zeiten, in denen Stellen nicht besetzt sind noch gar nicht eingerechnet. Gerade in Zeiten des Kitaausbaus ein nicht zu unterschätzender Faktor. Dafür müsste man wahrscheinlich statistisch auch mindestens 1 Woche pro Erzieher ansetzen. Gründe für die oft lange Wiederbesetzungszeiten sind der leer gefegte Erziehermarkt und die notwendige Zeit für das Bewerbungsverfahren inklusive der Zeit für die Durchführung der betriebsinternen Mitbestimmung.)

 

Also, passen in den Wochen des Jahres, in denen alle Erzieher da sind, den ganzen Tag alle immer auf die Kinder auf?

Ein ungefähr 1 zu 10 Betreuungsschlüssel kommt in der Praxis im Verlauf des Tages oft vor

Warum sind Erzieher am Tag teilweise abwesend?

 

Schätzungen gehen davon aus, dass eine Erzieherin 25 % ihrer Arbeitszeit mit Tätigkeiten verbringt, in der sie den Kindern nicht direkt zur Verfügung steht. Macht rechnerisch ungefähr einen Betreuungsschlüssel von 1 zu 10.

 

Die Stichworte dazu sind beispielsweise Besprechungen und Überstundenabbau. Überstunden bauen sich anscheinend einige auf, beispielsweise weil Teilzeitkräfte wegen Urlaubs der Vollzeitkraft länger bleiben müssen. Das wird wohl teilweise dadurch abgebaut, dass Erzieher manchmal morgens später kommen.

Und sogar schlechter als 1 zu 10 kommt vielfach vor

Kurze Besprechungen und Sonstiges aus den Räumen Gehen fallen im Alltag auch an. Ein kleiner Bericht bei der Leitung, den Essenswagen holen und in den Flur bringen.

 

Beim Wickeln steht die Erzieherin natürlich den Kindern zur Verfügung, es ist ja eine direkt am Kind ausgeführte Aufgabe. Aber wenn sie im Nebenraum wickelt, kann sie nicht mehr gut auf die anderen Kinder aufpassen und auch nicht "hinstürzen", wenn etwas passiert. Und das je einmal ausziehen, wickeln und wieder anziehen dauert bei 15-28 Kindern eine ganze Weile.

 

Ganz zu schweigen davon, wenn ein Kind mal etwas Besonderes hat – es sich sehr weh getan hat und getröstet werden muss ...

Fazit zum Betreuungsschlüssel

Von den geforderten 1 zu 3 werden also in der Praxis 1 zu 10. Das ist sogar mehr als dreifach schlechter! Diese Zahl ist auch nicht nur theoretisch: In der Gruppe meines Sohnes ist von 4 Erzieherstellen im Moment eine unbesetzt, und eine Erzieherin ist im Urlaub. Bleiben 2 Erzieher für 22 Kinder. Damit beträgt jetzt der Betreuungsschlüssel also sogar nur 1 zu 11.

Zwar kann man hoffen, dass die Forderung von 1 zu 3 doch nicht unbedingt notwendig ist. Wie sich diese begründet, dazu habe ich nämlich nicht so recht etwas gefunden. Teilweise werden Erkenntnisse der "Bindungsforschung" erwähnt, und ich erinnere mich dunkel, einmal etwas von Studien gelesen zu haben, weiß dazu aber nichts Näheres.

 

Dennoch denke ich, dass sich die Ärzte und die Bertelsmannstiftung bei den Zahlen etwas gedacht haben. Jedenfalls kann es sicher nicht schaden, wenn man, soweit möglich, Kinder eher mit 2 Jahren als mit 1 in die Kita schickt und eher halbtags als den ganzen Tag.

Quellen

Bei der Situation in der Praxis stütze ich mich vor allem auf meine eigene Erfahrung mit der Kita meines Sohnes sowie auf Informationen über zwei weitere Kitas in der Nähe (eine kirchlich, eine von einer Stiftung betrieben), die ich mir auch angesehen hatte und über deren Alltag mir Nachbarn berichtet haben. Dabei kenne ich wie die meisten Eltern den Kita-Alltag vom Bringen und Abholen des Kindes und etwas von der Eingewöhnungsphase. Vielleicht gäbe es noch weitere Faktoren, die sich auf den tatsächlichen Betreuungsschlüssel negativ auswirken, die ich noch gar nicht kenne. 

Autor seit 5 Jahren
212 Seiten
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