Aus dem Geleitwort von Prof. Dr. Ludger Tebartz van Elst (Neurologe und Psychiater am Universitätsklinikum Freiburg/Br.)

"Wie gestalten sich die Leben von Menschen, die heutzutage eine Autismusdiagnose bekommen? Muss Autismus als Krankheit begriffen werden oder nicht viel mehr als besondere Struktur der Persönlichkeit, zumindest bei den vielen betroffenen Menschen, die unter den sogenannten hochfunktionalen Varianten einer heute sogenannten Autismus-Spektrum-Störung leiden? Dabei geht es um jene Menschen, die über eine zumindest bei oberflächlicher Betrachtung funktionierende Sprache im kommunikativen Sinne und eine durchschnittliche nicht selten auch überdurchschnittliche Intelligenz verfügen.

Um sich dem Phänomen Autismus so wie es sich in der Lebenswirklichkeit darstellt angemessen nähern zu können, braucht man eine Begrifflichkeit, die es sowohl in seiner dimensionalen als auch in seiner kategorialen Existenz beschreiben kann...Was diese theoretischen Überlegungen in der Praxis eines gelebten Lebens und insbesondere im Arbeitsleben bedeutet, kann in Jürgen Boxberger‘s Buch "Kleine Brötchen backen?" sehr anschaulich und unterhaltsam nachgelesen werden. Ich kann es zur Lektüre nur empfehlen."

 Eine ausführliche Rezension ist nachzulesen unter https://Rezension von Petra Steinborn, 2019 zu Boxberger: Kleine Brötchen backen?

Buchcover
Kleine Brötchen backen?

Kleine Brötchen backen? (Bild: Von Loeper Literaturverlag, Karlsruhe (2018))

Einführung

"Um Menschen mit Handicap uneingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen, wurde 2009 das Leitbild der Inklusion eingeführt. Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch überall ganz natürlich dazu gehört, gleichgültig wie er aussieht, welche Sprache er spricht oder ob er eine Behinderung hat. "Wenn jeder Mensch überall dabei sein kann, am Arbeitsplatz, beim Wohnen oder in der Freizeit: Das ist Inklusion" (Aktion Mensch). Soweit die Theorie. In der Praxis wird dieses wegweisende Konzept jedoch nur sehr zögerlich und äußerst unzureichend umgesetzt. Der Widerstand gegen die Inklusion behinderter Menschen ist erheblich, zäh und in allen gesellschaftlichen Gruppen und Schichten anzutreffen. Anliegen dieses Buches ist es, diese negativ gepolte Gemengelage mit speziellem Bezug auf Menschen mit Autismus sozialkritisch zu thematisieren.

Der Protagonist Armin setzt sich für das Verstehen und für die Akzeptanz autistischer Menschen in der Gesellschaft und in der Arbeitswelt ein. Das Buch soll der jungen Autistengeneration Orientierungshilfe und Wegweiser sein, um verhängnisvolle Irrwege und Fehlentscheidungen möglichst zu vermeiden. Es soll junge Menschen im Autismus-Spektrum für das Recht auf Teilhabe am Arbeitsleben sensibilisieren. Es soll aufzeigen, wie unzulänglich dieses Recht in der Gesellschaft bislang umgesetzt wird. Es soll dazu ermutigen, legitime Rechte in Anspruch zu nehmen und sich bei entscheidenden Fragen zur Lebensplanung nicht mit "kleinen Brötchen" abspeisen zu lassen."

Auszüge aus einzelnen Kapiteln werden im Folgenden vorgestellt:

Die Nussschale wird geknackt

"Der Gedanke, irgendwie anders zu sein als die anderen, lag Armin während seiner Schulzeit noch fern. Dennoch hatte er den Eindruck, als ob die anderen Schüler bei manchen Lehrern besser an- und wegkamen als er. Irgendetwas an ihm schien die Pädagogen zu reizen und ihren Zorn herauszufordern. Mit verständnisvoller Nachsicht – das hatte Armin deutlich zu spüren bekommen – durfte er nun nicht mehr rechnen. Freundliche Hinweise und Ermahnungen, wie sie an der Grundschule üblich gewesen waren, gehörten endgültig der Vergangenheit an."

Wenn Freiheit zum Problem wird: das Studium

"Unvermittelt war Armin nun weitgehend frei in der Gestaltung dessen, was er zu tun und zu lassen hatte. Doch wie sich bald herausstellen sollte, barg diese Freiheit auch eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Überwältigt von all den informativen Vorlesungen, spannenden Exkursionen, aufschlussreichen Seminaren und interessanten Praktika, die ihm einen Zugang zu seinen Interessen in nie dagewesenem Umfang erlaubten, vergaß oder übersah Armin hin und wieder, dass mit dem Studium auch Verpflichtungen und Termine verbunden waren...Wer sich nicht sonderlich effektiv zu organisieren verstand, konnte sich da leicht Scherereien einhandeln."

Arbeitsrausch und Magenkrämpfe: die Arbeit als Wissenschaftler

"Seine merkwürdige Inflexibilität in sozialen Situationen, die andere Menschen anscheinend mühelos bewältigten, verunsicherte Armin zusätzlich. Bei raschen Wort- und Themenwechseln in den fachlichen Diskussionen fiel es ihm schwer, Schritt zu halten und den Anschluss nicht zu verlieren. In Besprechungen kam Armin deshalb meist nicht zu Wort. Er beschränkte sich darauf, zuzuhören und im Übrigen still im Hintergrund seine Arbeit zu tun. Die Präsentation im Rampenlicht, den Zuhörern unmittelbar ausgesetzt, war nicht seine Sache."

Habilitieren oder nicht habilitieren: das ist die Frage

"Auf Tagungen war er hin und wieder ehemaligen Kolleginnen und Kollegen begegnet, die ihre Habilitation bereits begonnen hatten. Das befremdete ihn...Wieder beschlichen ihn Zweifel. Brachte er für Dinge, die andere selbstbewusst und ohne zu zögern in Angriff nehmen, die nötigen Voraussetzungen mit? Da er die Frage nicht mit einem klaren und eindeutigen "Ja" beantworten konnte, verzichtete er auf das Habilitationsstipendium, auch wenn er mit dieser Entscheidung noch weiter hinter seinen Kolleginnen und Kollegen zurückblieb."

Das "wrong-planet-syndrome"

"Der ganze Trubel stand überhaupt nicht in Einklang mit seiner Vorstellung von selbstständiger Arbeit. Plötzlich war das seltsame Gefühl wieder präsent, irgendwie fehl am Platze zu sein, nicht so recht hineinzupassen in die Schar der angeblich oder tatsächlich so erfolgreichen Geschäftsmenschen. Inmitten dieser smarten, unablässig Schallwellen produzierenden und Optimismus versprühenden (oder vortäuschenden?) Klientel fühlte er sich nie recht wohl. In ihrer aufdringlichen Gegenwart mit ihren rätselhaften Gebräuchen kam er sich vor wie zwischen den exotischen Bewohnern eines fremden Planeten."

Der Neuanfang

"Mit der Zeit schlichen sich auf der Mitarbeiterebene merkwürdige Unstimmigkeiten ein. Während der Vorstellung seiner Zwischenergebnisse im Rahmen eines Mitarbeiterseminars bezichtigte ihn ein Kollege völlig überraschend und in völliger Verdrehung der Tatsachen, mit fehlerhaften Messwerten zu arbeiten. Er behauptete, Armins Ergebnisse mindestens des letzten Vierteljahres seien unbrauchbar, gar wertlos. Die Verbalattacke vor Augen- und Ohrenzeugen traf Armin so unvorbereitet und heftig, dass er zu keiner Entgegnung fähig war. Ihm war ob dieser Dreistigkeit im wahrsten Sinne des Wortes "die Spucke weggeblieben". Die lauernden Blicke aus der Runde lösten lähmendes Entsetzen aus. Wie das Kaninchen vor der Schlange erwartete er den vernichtenden Schlag durch den Leiter des Projekts. Dieser forderte ihn erst gar nicht zu einer Stellungnahme auf, sondern beendete das Seminar mit allen Anzeichen der Verärgerung und ließ dann in einem Vieraugengespräch seinem Unmut freien Lauf. Von Schlamperei war die Rede und von einer Blamage gegenüber den Kooperationspartnern aus der Industrie. Armin war am Boden zerstört. Für ihn war sein Versagen eine bewiesene Tatsache, an der es rein gar nichts zu deuteln gab. Beschämt und frustriert schlich er in sein Büro zurück. Dort machte sich ein anderer Kollege aus freien Stücken die Mühe, sich Armins Daten nochmals anzusehen.

"Sie stimmen", sagte er. "Ich kann keinen Fehler finden. Der Kollege muss sich geirrt haben".

Doch der rettende Hinweis war zu spät gekommen. In der darauf folgenden Besprechung prallte Armins vorbereitete Gegendarstellung an einer Mauer der kollektiven Gleichgültigkeit und Ablehnung ab. Keine Richtigstellung, keine Zurücknahme, keine Entschuldigung von dem, der den ungeheuren Vorwurf in die Welt gesetzt hatte. Kein Wort des Bedauerns, keine Rehabilitation durch den Professor. Armin war als kläglicher Versager, gar als Fälscher abgestempelt. Als sich im Anschluss an das entwürdigende Schauspiel die zuvor vielversprechenden Forschungsergebnisse nicht in dem erwarteten Maße fortsetzten, eröffnete ihm der Chef, unter diesen Umständen könne er einer Weiterbeschäftigung nicht zustimmen."

Bewerben! Bewerben! Bewerben!

"Die Einladungen des Jobcenters zu Gesprächen über seine "berufliche Situation", denen er nun erst recht Folge zu leisten hatte, gestalteten sich sinn- und trostloser als je zuvor. Über dem Portal dieser Einrichtung fehlte nur noch der Spruch aus Dantes Göttliche Komödie: "Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren". Wird in der Agentur für Arbeit zumindest noch Arbeitslosigkeit verwaltet, besteht die Aufgabe des Jobcenters hauptsächlich in der Verwaltung von Hoffnungslosigkeit. Schon der Name stellt eine dreiste Mogelpackung dar. Dem Kunden wird vorgegaukelt, man verfüge wie ein Möbel- oder ein Einkaufscenter über eine Riesenauswahl an aktuellen Angeboten. In Wahrheit hat diese Einrichtung mehr mit einer Resterampe gemein. Es werden Auslaufmodelle und veraltete Ladenhüter wie Fortbildungen und Umschulungen an die Frau und an den Mann gebracht, die keiner braucht, weil sie niemandem wirklich von Nutzen sind. Drei Monate Bewerbungstraining mit veralteten und völlig unbrauchbaren Mustervorlagen sind in etwa genauso sinnvoll wie ein künstlicher Blinddarm. Die Klientel ist aber mangels Alternativen gezwungen, auf das triste und in der Regel nutzlose Angebot zurückzugreifen. Boshaft könnte man auch sagen, das Jobcenter diene lediglich der sinnfreien Beschäftigung von überflüssigem Humankapital."

Das Asperger-Syndrom oder: die Geburt 2.0

"Nun mochte auch seine behandelnde Neurologin nicht mehr ausschließen, dass sich hinter Armins gesundheitlichen Problemen mehr verberge als nur eine profane "Kränkung über den Arbeitsplatzverlust". In der Tat ließ das Ergebnis einer von ihr angeregten, psychologischen Hirnleistungsdiagnostik einen positiven Autismusbefund erwarten. Die Einschläge kamen immer näher! Am 19.10.2010 wurde aus dem lange gehegten Verdacht endlich Gewissheit: die Autismusambulanz der Charité verlieh Armin das Prädikat "Asperger-Syndrom im Erwachsenenalter gemäß DSM-IV und ICD-10 (F84.5)".

Seit diesem Tag zerlegte sich sein Leben in zwei Hälften: eines mit und eines ohne Wissen über seine Besonderheit. Für viele merkwürdige Situationen in seinem Leben war nachträglich eine Erklärung gefunden worden. Ursache und Wirkung waren klar erkennbar. Die Diagnose hatte den Nebel weggefegt wie ein reinigendes Gewitter den Smog über Stuttgart. Nun hatte alles einen Namen, eine Bedeutung, einen "Sinn" bekommen".

Bitte kleinere Brötchen backen!

"Für die Stellensuche ließ Armin ein Geschwader aus acht Jobsuchmaschinen im Internet ausschwärmen. Muße für die Recherche hatte er in der Maßnahme zur Teilhabe am Arbeitsleben ja nun reichlich. Bei der Auswahl der Stellengesuche berücksichtigte er wieder verstärkt den Bedarf an naturwissenschaftlichen Mitarbeitern. Sein Wunsch nach einem Wiedereinstig in seinen alten Beruf fand jedoch nicht den uneingeschränkten Beifall seiner Coaches. Sie hätten es lieber gesehen, wenn er "kleinere Brötchen" gebacken und sich auf die von ihnen favorisierten Praktikantenstellen beworben hätte. Armin lehnte dieses Ansinnen als befremdlich und wenig zielführend ab. Er spürte instinktiv: wenn er sich jetzt auf eine Praktikantenstelle einließe, würde er sich beruflich endgültig aus der Wissenschaft ausklinken. Das wäre in etwa so, als stiege jemand aus einem ICE aus, um mit einer Draisine weiterzufahren."

Der Kampf gegen Windmühlen

"Die ungewöhnlich positive Resonanz auf seine zahlreichen Bewerbungsschreiben schienen das Verlangen seiner Coaches nach "kleineren Brötchen" Lügen zu strafen: die 103 Bewerbungsschreiben, die er binnen eines Jahres verschickt hatte, bescherten ihm einen vollen Terminkalender. Immerhin fünfzehn Einladungen aus allen Regionen Deutschlands flatterten auf seinen Schreibtisch. Universitäre und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen sowie ein pharmazeutisches Unternehmen gewährten ihm Audienzen!

Nach Ansicht von Jobtrainern stellt eine fünfzehnprozentige Erfolgsquote eine hervorragende, ja eine überdurchschnittliche Ausbeute dar. Das konnte kein Zufall sein! Armin war felsenfest davon überzeugt, dass zumindest eines der Gespräche zum erhofften Erfolg führen würde. Doch es kam anders. Absage folgte auf Absage. Dabei spielte es keine Rolle, ob er sein Handicap zuvor neutral thematisiert hatte oder nicht. Das Resultat war stets gleich enttäuschend".

Von Pontius zu Pilatus

"Überhaupt hatte Armin den Eindruck, dass die so genannten Schwerbehindertenvertreter eher die Interessen ihres Arbeitgebers vertreten als den ihrer Klientel. Schwerbehinderte, denen nach dem Gesetz ein Nachteilausgleich zusteht, werden – dieser Eindruck drängt sich einem auf – nur in glücklichen Ausnahmefällen eingestellt, gewissermaßen wenn es gerade opportun oder wenn es sich wirklich nicht vermeiden lässt. Anders formuliert: gerade diejenigen, die auf solidarische Unterstützung der Gesellschaft angewiesen sind, werden früh aus dem Erwerbsleben gedrängt oder erhalten vorsorglich erst gar nicht die Chance, daran teilzuhaben. Armin hatte aus sicherer Quelle erfahren, dass die Ausgleichskassen in den Integrationsämtern stets gut gefüllt sind. Die meisten Unternehmen kaufen sich von der gesetzlichen Verpflichtung, fünf Prozent behinderte Angestellte zu beschäftigen, einfach frei. Armin begann zu ahnen, dass das Prinzip Inklusion noch Lichtjahre von seiner Verwirklichung entfernt ist. Statt es anzunehmen und umzusetzen wird es ignoriert, totgeschwiegen, als multikulti-Teufelszeug bekämpft oder als unwillkommener Kostenverursacher madig gemacht."

Generation Praktikant

"Armin merkte recht bald, dass er neben seinen offiziellen Aufgaben das Los zahlreicher Praktikanten zu teilen und eine rasch wachsende Anzahl von weniger qualifizierten Nebentätigkeiten auszuführen hatte. Dazu zählten so kuriose Sonderaufgaben wie das Tischdecken in der Teeküche, das Ausräumen der Spülmaschine, Kaffeekochen auf Zuruf des Arztes, gelegentliches Einkaufen und andere Gefälligkeiten wie Botengänge, das Falten und Eintüten von Serienbriefen und Werbeflyern, das Abholen der Post im Chefsekretariat oder das Auftreten als Nikolaus auf der Weihnachtsfeier. Als Pausenfüller auf Lehrveranstaltungen der Klinik durfte Armin zudem seine Brauchbarkeit als Musikant unter Beweis stellen. Unter Inklusion hatte er sich eigentlich etwas anderes vorgestellt."

Nichts weiter als Bittstellerei

"Ein Blick auf Armins Geburtsjahr genügte bereits, die Personaler vom Lesen des Bewerbungsschreibens abzuhalten. Um sich wenigstens ein Minimum an Rechtsbeistand bei den drohenden Auseinandersetzungen mit Ämtern, Behörden und Arbeitgebern zu sichern, trat er als ordentliches Mitglied dem Sozialverband VdK bei. Der freundliche Anwalt bereitete ihn gleich beim ersten Beratungsgespräch auf die auch zukünftig zu erwartenden kleinen Brötchen vor. "In Ihrer Position sind Sie nichts weiter als ein Bittsteller", machte er Armin schonungslos klar. Gleichzeitig ermunterte der Advokat ihn, mit der Bittstellerei fortzufahren, da er (der Anwalt) nicht ernsthaft dazu raten könne, sich auf eine Frührente in Höhe von 300 bis 400 Euro monatlich einzulassen."

Inklusion in der Bewährungsprobe

"Ziel der Unterredung mit dem Schwerbehindertenbeauftragten war, eine grundlegende Frage zu klären. Wer würde ihm im Falle einer vorzeitigen Kündigung zu seinem Recht verhelfen? Es stellte sich schnell heraus, dass es die Schwerbehindertenvertretung eben nicht ist. Sie konnte es gar nicht sein. Da Armin weder an der Hochschule, noch an der Medizinischen Fakultät, noch am Klinikum angestellt war, gab es faktisch niemanden, der im Ernstfall seine Interessen hätte vertreten müssen oder ihm zu seinem Recht hätte verhelfen können - trotz des Arbeitsvertrages mit einer außeruniversitären Tochtergesellschaft mbH. Als deren Mitarbeiter war er für das Klinikum nichts weiter als ein Avatar, den man nach Belieben ignorieren oder wegklicken konnte. Jetzt wurde das trickreich gewobene Gespinst seines Arbeitsvertrages erst richtig erkennbar."

Zwischen Resignation und Durchhaltewillen

"Armins Familie war an einem Punkt angekommen, an dem durchzuhalten und weiterzumachen sehr viel Selbstüberwindung kostet. Seine Frau wurde durch die Dreifachbelastung Selbstständigkeit-Mutter-Ehefrau (eines Asperger-Autisten) wie zwischen drei Mühlsteinen langsam aber sicher aufgerieben. Seit Jahren stemmte sie gemeinsam mit Armin den Schild in die Höhe, der die kleine Familie vor dem drohenden Damoklesschwert der Bedürftigkeit schützen soll. Doch allmählich schwanden die Kräfte. Bestürzt und ohnmächtig musste Armin zur Kenntnis nehmen, dass seine Frau und sein Kind unter dem jahrelangen, gemeinsamen Ringen um einen Arbeitsplatz und den damit verbundenen Sorgen und Nöten mindestens genauso gelitten hatten wie er selbst. Zwanzig Jahre soziale Angst und Unsicherheit – das kann kaum ein Mensch auf Dauer aushalten, ohne Spuren davonzutragen."

Endlich Licht am Ende des Tunnels

"Noch vor den Feiertagen hielt er die Einladung zu dem Vorstellungsgespräch in der Hand. Der Stellenanbieter freute sich, Armin "mitteilen zu können, dass Sie uns im persönlichen Gespräch überzeugt haben. Bei der zu besetzenden Position […] haben wir uns für Sie entschieden". Das waren Sätze, die einen größeren Seltenheitswert besitzen als ein nach dem Urnengang eingelöstes Wahlversprechen.

So kann Armin letztlich doch noch seinen Namen unter einen unbefristeten Arbeitsvertrag setzen. Die Brücke zum rettenden Ufer ist endlich geschlagen. Auch wenn es nicht die Arbeit ist, die er sich sein Leben lang gewünscht hat: sie setzt einen Schlusspunkt unter ein zwanzig Jahre langes Wechselbad aus Arbeitslosigkeit, Erwerbsunfähigkeit, Rehabilitation, Praktika, selbstständiger und freiberuflicher Tätigkeit. Nicht mehr, aber auch nicht weniger."

Autisten auf dem Arbeitsmarkt – Eine Standortbestimmung

"Die überwiegende Mehrheit der Autisten ist auf Sozialleistungen oder Erwerbsunfähigkeitsrente angewiesen. Ihr Platz "liegt irgendwo zwischen dem Bodensatz der Gesellschaft und dem Mittelmaß", wie es die Autistin Denise Linke in ihrem Buch "Nicht normal, aber das richtig gut" treffend beschreibt. Die meisten Arbeitgeber haben, allen Aufklärungsbemühungen und der staatlichen Inklusionsinitiative zum Trotz, nach wie vor große Vorbehalte gegen Menschen mit Handicap im Allgemeinen und gegen Menschen mit Autismus im Besonderen. Sie, die Arbeitgeber, begreifen das Anderssein des anderen nicht als Bereicherung, sondern als Schwäche oder gar als Bedrohung. Wie schön, dass der Staat für solche Fälle ein Hintertürchen geschaffen hat! Statt die vom Sozialgesetzbuch IX aufgegebene Beschäftigungspflicht von fünf Prozent schwerbehinderter Mitarbeiter zu erfüllen, kaufen sich viele lieber durch die gesetzlich vorgeschriebene Ausgleichsabgabe an das zuständige Integrationsamt frei."

Fazit

"Für die nachwachsende Autistengeneration ergeben sich Möglichkeiten, die noch vor wenigen Jahren undenkbar waren. Nicht von ungefähr hat das Thema Autismus und Arbeit in den letzten Jahren in der öffentlichen Diskussion einen so breiten Raum eingenommen wie nie zuvor. Das lässt hoffen. Wenn im Zuge der zu erwartenden Aufklärung weitere Sparten dem Beispiel der IT-Branche folgen und sich für autistische Mitarbeiter öffnen, dann hat Inklusion für Menschen im Autismusspektrum in diesem Land vielleicht doch noch eine Chance. Es gäbe "sehr viel zu gewinnen und wenig zu verlieren – nicht nur für die betroffenen Menschen und ihre Angehörigen, sondern auch für die Gesellschaft" (Prof. Dr. med.Tebartz van Elst)."

Autor seit 4 Jahren
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