Ballett der weißen Pferde

Wenn Reiter in Livrée und weißen hirschledernen Hosen auf weißen Pferden ihre Pirouetten drehen, dann weiß man, wo man ist: In der spanischen Hofreitschule, dem ältesten Reitinstitut der Welt.

Grauschwarz werden sie geboren. Aber in Weiß sind sie der ganzen Welt ein Begriff: Die Lipizzaner. Ihre Geschichte ist ebenso ruhmreich wie abenteuerlich, und dass sie heute – allen Nostalgievorwürfen zum Trotz – noch immer zu den wichtigsten Imageträgern der Bundeshauptstadt zählen, liegt nicht zuletzt an der perfekten Kombination aus barocker Tradition, spielerischer Leichtigkeit und kraftvoller Disziplin, die ihre "Hohe Schule" auszeichnet. Denn als schönste und stolzeste Botschafter Österreichs konnten ihnen politische Querelen noch nie etwas anhaben. Selbst den von Günther Nenning einmal angestrengten Vergleich finden sie höchstens zum Wiehern: Dass die Österreicher nämlich in Wirklichkeit Lipizzaner seien und die Lipizzaner eigentlich Österreicher - nämlich lebensklug, anpassungsfähig und künstlerisch begabt.

Perfekte Kreuzung

Anpassungsfähig sind diese Pferde tatsächlich. Denn weit entfernte Ahnen der Lipizzaner hatten schon die Reiterhorden Dschingis-Khans über die Steppen der Mongolei bis weit nach Europa getragen. Ihre direkten Vorfahren aber sollen aus Karthago stammen und an spanischen Küstenhäfen durch Kreuzung mit Arabern und Berbern zu jener Perfektion geformt worden sein, die die "Weißen Spanier" dazu prädestinierte, die klassische Reitkunst auszuüben. Doch erst im slowenischen Lipica wurden die Lipizzaner zu dem, was sie heute verkörpern: ein Sinnbild an Eleganz und Leichtfüßigkeit.

Spanischer Reitsaal

Maximilian II., der spätere Kaiser von Österreich, begann bereits um das Jahr 1562 mit der Zucht andalusischer Pferde. Dass ihn Erzherzog Karl II. anno 1580 veranlaßte, das Gestüt ausgerechnet in die Karstlandschaft nahe der slowenisch-italienischen Grenze zu bauen, erweis sich im nachhinein als unschätzbarer Vorteil: Das Gras der kargen Karstlandschaft enthält zwar nur wenige Nährstoffe, fördert aber den Knochenbau bei Pferden. Und widerstandsfähige, ausdauernde Tiere waren genau das, was der Hof in Wien benötigte. So wurden die reinrassigen Rösser vom Adel auch über alle Maßen geschätzt. Zum Hauptabnehmer der Neuzüchtungen entwickelte sich allerdings sehr schnell die Spanische Hofreitschule, die 1572 als "Spanischer Reitsaal" nahe der Wiener Hofburg gegründet worden war.

Close-Up of Lipizzan, Wadsworth, IL (Bild: Lynn M. Stone / AllPosters)

Kapriolen, Pirouetten & Kreuzfigur

Schon die ersten Bereiter, wie die Trainer der Pferde im Fachjargon genannt werden, waren vom vollendeten Körperbau und der kraftvollen Grazie der Lipizzaner begeistert. Noch heute ist die künstlerische Begabung der Hengste beispiellos im Reich der Pferde. Schritt, Trab, Galopp? Diese Begriffe erscheinen fast zu banal für die diffizilen Bewegungsabläufe, zu denen die "Majestic White Horses" fähig sind. Denn als lebendes Relikt der höfischen Prunk- und Festkultur wurden und werden Lipizzaner einzig zu einem Zweck gezüchtet: die Lektionen der klassischen, von den alten Griechen ersonnenen Reitkunst zu beherrschen und vorzuführen. Etwa die Kapriole, bei der das Pferd mit allen Vieren in die Luft springt und dabei nach hinten ausschlägt. Die Piaffe, bei der das Pferd mit gesenkter Hinterhand auf der Stelle trabt. Oder die Pirouette, bei der der galoppierende Hengst in höchster Verkürzung um seine Hinterbeine springt. Figuren, die heute die Besucher der Spanischen Reitschule in Verzückung versetzen. Figuren aber auch, die ursprünglich bewußt als martialische List am Kriegsfeld eingesetzt wurden. Die Leidtragenden dabei: Die Fußtruppen gegnerischer Armeen, die die Folgen der schwer vorhersehbaren Figuren der stolzen Rösser oft genug zu spüren bekamen.

Tradition der Hohen Schule

Heute wird diese hohe Schule der Dressur ausschließlich mündlich weitergegeben - von Bereiter zu Bereiter, von Generation zu Generation. Der traditionelle Trainingsablauf beginnt mit der öffentlich zugänglichen Morgenarbeit, bei der alle Lektionen der "Hohen Schule" geübt werden. Dazu gehört auch das Training für die sogenannten "Schulen über der Erde", die man nur mehr in der Spanischen Hofreitschule zeigt. Sie erfordern besonders intelligente, begabte und konzentrierte Pferde und hochqualifizierte Reiter, da diese Lektionen immer ohne Bügel geritten werden. Voraussetzung dafür ist die intensive Zusammenarbeit zwischen Mensch und Pferd, die auf Vertrauen und Respekt basiert.

Pferdeelite

Der Pferde-Nachwuchs kommt seit 1921 aus dem Gestüt Piber in der Steiermark, das heute als "Heimat der Lipizzaner" gilt. Dort verbringen die Fohlen ihre ersten Jahre und wiederholen spielerisch immer wieder jene Bewegungsabläufe, die später gemeinsam mit ihrem Bereiter zu höchster Vollendung gebracht werden. Doch nur die talentiertesten Hengste werden an einer eigenen "Akademie" ausgebildet und kommen in der Spanischen Hofreitschule in Wien zum Einsatz. Bis es soweit ist, vergehen rund acht Jahre, denn das Training erfolgt behutsam und ohne Druck, um die Pferde nicht zu überfordern.

Beherrscht ein Hengst die sogenannte "Schulquadrille", wird er dem Publikum in der 1729-35 von Fischer von Erlach erbauten "Winterreitschule" präsentiert. Ausgelernt haben dann allerdings weder Pferd noch Reiter, denn die Zusammenarbeit ist – fast – lebenslang. Erst nach vielen Jahren im Rampenlicht kehren die "tanzenden Hengste" in das Gestüt zurück, um ihr Talent weiterzuvererben und einer neuen Generation jener Eliterosse Platz zu machen, über die Xenophon in seiner Abhandlung "Von der Reitkunst"schrieb: "Auf solchen Pferden werden selbst Götter dargestellt. Und Männer, die gut zu reiten verstehen, sehen fürwahr prächtig darauf aus." 

Der Lipizzaner,, dieser Name taucht 1786 zum ersten Mal auf, ist die älteste Kulturpferderasse der Welt. Der Karster, wie er früher genannt wurde, ist eng mit dem Hause Habsburg verbunden. Den Namen bekam diese Rasse vom Gestüt Lipica,...
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