Inhalt – der Kriminalfall Stiller

Der Reisende Jim White wird an einem Grenzbahnhof festgenommen: Er soll der verschwundene Bildhauer Anatol Ludwig Stiller sein. In der Untersuchungshaft wird er mehr und mehr mit seinem Alter Ego konfrontiert, dessen Vorgeschichte sich aus verschiedenen Erzählungen zusammenfügt. Diese lässt sich grob so zusammenfassen:
Stiller heiratet die Balletttänzerin Julika. Der sensible Künstler und die femme fragile brauchen einander, doch gestaltet sich ihr Zusammenleben schwierig. Schließlich flüchten sie sich in Affären. Hier setzt die parallele Geschichte des Paares Rolf und Sybille ein. Sybille verlässt nach einem Verhältnis mit Stiller ihren Mann und emigriert nach Amerika, und auch Stiller trennt sich von seiner Gattin: Ein Krankenbesuch bei Julika gerät zur schonungslosen Abrechnung mit ihrer bisherigen Beziehung. Danach ist Stiller verschollen.

Der Widerstand des inhaftierten White bröckelt zunehmend unter der Last der Beweise. Als er im Atelier seinem Vater gegenübergestellt wird, rastet er völlig aus und zerstört sämtliche Skulpturen. Spätestens an dieser Stelle wird klar: Stiller ist Whites altes Ich. Er wird entlassen, in einem einsamen Haus in den Bergen wagt er einen bescheidenen Neuanfang mit Julika.

Erzählungen von Stiller: Isidor & Co.

Im Gefängnis erzählt White/Stiller seinem Wärter die abenteuerlichsten Geschichten. Sei es das Märchen von Rip van Winkel, die Geschichte von Isidor oder die Romanze mit der feurigen Mulattin Florence: Der Protagonist umkreist in diesen Erzählungen sein Ich, spielt mit verschiedenen Rollen und arbeitet seine Vergangenheit auf. Ihr fiktiver Inhalt stellt den Schlüssel zu seinen innersten Wahrheiten dar.

Aufbau: Stillers Aufzeichnungen und das Nachwort des Staatsanwalts

Der erste Teil des Romans besteht aus den im Gefängnis entstandenen Aufzeichnungen Stillers: Zellenerlebnissen, den erfundenen Geschichten und Reflexionen sowie der Vorgeschichte von Stiller, Julika, Rolf und Sybille. Der zweite Teil ist das Nachwort des inzwischen mit Stiller befreundeten Staatsanwalts Rolf und beinhaltet dessen Überlegungen und seinen Bericht über die weiteren Ereignisse. Dem schwierigen Entwicklungsprozess von Stiller entspricht der häufige Wechsel zwischen Ich- und Er-Form, zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Interpretation: Ich-Findung und Bildnisbegriff

"Stiller" ist psychologischer Liebes- und philosophischer Entwicklungsroman zugleich: Die Beziehung zu Julika ist geprägt von Eifersucht, Abhängigkeit, Schuldzuweisungen und Erwartungen. Der Bildhauer will Julikas Erlöser sein und macht sie zum Prüfstein seines Lebens. An dieser Vermessenheit scheitert nicht nur die Beziehung, sondern auch der Versuch seiner Ich-Findung – Stillers Geschichte ist ein Selbstwerdungsprozess:

Am Anfang steht das Erkennen des falschen Ich. White ist tatsächlich nicht mehr mit Stiller identisch, er hat seine alten Rollen abgelegt. Als zweiter Schritt folgt die Selbstentfremdung, die sich in seinen Fluchtversuchen äußert. Zuletzt steht die Selbstannahme. Ob diese Stiller gelingt, bleibt offen.

Stiller von Max Frisch: Fesselndes Verwirrspiel über die Irrungen des Ich

Zwar befreit er sich zuletzt weitgehend aus der Abhängigkeit von den Anderen, von der Selbstüberforderung und den ihm von außen wie von sich selbst auferlegten Rollen. Die Beziehung zu Julika bleibt jedoch problematisch. Und während Rolf durch die Anerkennung einer göttlichen Instanz – welche die Bedeutung der Mitmenschen relativiert – zur Selbstannahme gelangt, ist Stiller als Kind der säkularen Moderne unfähig zu glauben. Er muss sich durch Einsamkeit von den verfremdenden Einflüssen seiner Umwelt lösen, zu sich selbst gelangen. Max Frisch kombiniert die an Kierkegaard angelehnten existenzphilosophischen Betrachtungen mit seinem Bildnisbegriff: Du sollst dir kein Bild des Anderen machen – sonst ermordest du dessen wahres Ich.

Im Kern von Max Frischs Folgeroman "Homo Faber" geht es um diesselben Problematiken, allerdings aus einer komplett anderen Perspektive: Der Ingenieur Faber ist quasi das rationale Gegenstück zum emotionalen Bildhauer.

Alles in allem ist Stiller ein faszinierender Roman, der trotz seiner Komplexität gut lesbar ist. Frischs Sprache ist nüchtern und bildhaft zugleich, seine Charaktere und Gedankengänge überzeugen. Keine Frage – Stiller gehört zu den Meisterwerken der deutschsprachigen Literatur.

ThomasSedlmeyr, am 21.11.2014
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Bildquelle:
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