Minimalismus als Entschleunigung

Anlass zu diesem Artikel ist übrigens die TV-Sendung "Weniger ist mehr" auf 3 Sat vom 8.09.2014. Hier kommen verschiedene Anhänger der neuen Minimalismus-Welle zu Wort und der Zuschauer kann sich ein Bild von diesem neuen Hype machen. Da es sich um einen Hype handelt, begegnete er mir natürlich schon vorher im Web. Besonders im Bereich Texten, gibt es einige fast fanatische Anänger des Minimalismus - doch dazu später.

Natürlich hat der heutige Minimalismus als Lebensform seinen Ursprung im Konsumrausch der letzten Jahrzehnte und auch in unserer zu schnell-lebigen Welt. Mit der Reduzierung der Dinge um uns und dem Sparen von Geld und Zeit, kommen viele Menschen wieder mehr zu sich. Sie leben bewusster im Augenblick und können kleine Dinge mehr genießen.

Wir alle kennen das, wenn wir mal eine Zeit lang ohne allen Luxus gelebt haben - beim Camping-Urlaub zum Beispiel oder bei der Diät. Alles ändert sich um einen herum und man nimmt die Welt wieder neu und anders war. Das ist natürlich erfrischend und man fühlt sich wieder neuer und jünger.. keine Frage. Doch hat man diesen Effekt nicht immer, wenn man sein Leben umkrempelt oder irgendetwas völlig anders macht, als vorher? Muss es also der Minimalismus sein, der heutige Menschen glücklicher macht? Apropos glücklicher - glücklicher wird man nicht unbedingt durch den Minimalismus, aber anscheinend zufriedener, so bestätigen einige der in der TV-Sendung vorgestellten Personen.

Abkehr von Konsum und Reichtum

Es gibt die verschiedensten Anhänger des Realismus'. Eine auffällig große Gruppe sind die Personen, die früher relativ 'reich' waren. Sie hatten ein gutes Einkommen, Erfolg im Beruf und konnten sich alles leisten, was sie wollten. Der Konsum schmeckte irgendwann schal. Das neue Auto macht nur so lange Freude, so lange es neu ist. Bald muss wieder ein Neues her. Das macht nicht glücklich, sondern nervös und unzufrieden. Es sind viele solcher Mitmenschen, die daraufhin den Willen zur Bescheidenheit in sich entdecken. Man fährt dann nur noch ein einziges tolles Auto, gerne einen schicken Oldtimer, statt immer den neuesten Sportwagen, den der Markt bietet. Zuhause richtet man sich schick, aber äußerst reduziert ein. Die einzelnen Gegenstände und Möbelstücke sind teuer und stylish. Die ganze Wohnung wirkt wie eine künstlerische Darbietung.

Tut mir leid, aber diese Form von Minimalismus hat nun mal nicht viel mit Bescheidenheit zu tun, sondern eher mit Langeweile. Der Reiche hat einen neuen Spleen, mit dem er sich von den anderen Reichen abheben kann. Viele Menschen haben nun mal einen übertriebenen Geltungsdrang und der kann durchaus phasenweise im Minimalismus seine Befriedigung finden. Gut, es gibt nichts dagegen einzuwenden, wenn Reiche diesem Stil frönen. Sie sollten dann nur nicht auf bescheiden und genügsam machen, sondern ehrlich zugeben, dass ihnen dieser Lifestyle nun mal gerade gut gefällt und vor allem sollten sie mit dem nicht ausgegebenen Geld etwas sinnvolles Soziales anstellen.

Minimalismus aus Armut

Das für mich einzig beeindruckende Beispiel für modernen Minimalismus in dieser TV-Sendung war der Rentner, der mit 500 Euro Rente auskommen muss und dies nun als Herausforderung nimmt. Er lebt in einer Wohnung fast ohne Möbel. Als Sofa dient ihm eine Hängematte und er besitzt nur 50 Dinge. Seine Kleidung ist immer weiß, was schick aussieht und ihm erleichtert zu erkennen, wann er wechseln sollte. Er hat seine Armut zum neuen Lebensweg gemacht und kommt damit bestens zurecht. Natürlich lebt er auch als Single und kann sich somit diese wirklich sehr eigene Lebensform leisten. Er erinnert im übrigen sehr an Rainer Langhans, der ähnlich bescheiden lebt, aber eigentlich von seinen 'Lebensbegleiterinnen' ausgehalten wird.. Da ist der Minimalismus dieses unbekannten Rentners, der früher Energieberater war, doch authentischer.

Blue Interior Design Scene

Blue Interior Design Scene (Bild: arquiplay / AllPosters)

Minimalismus aus Trotz und Wille zur Individualität

Die große Masse der Individualisten möchte dem heutigen Konsumwahn einen Riegel vorschieben und bescheidet sich vor allem aus Trotz. Das kann groteske Züge annehmen, wenn die Wohnungseinrichtung aussieht wie vom Sperrmüll und man keine Gäste mehr einladen kann, weil man einfach nichts hat, worauf sie sitzen könnten oder wovon sie essen und trinken könnten. Auch junge Familien stürzen sich begeistert auf diesen Trend - spart er doch auch viel Geld und man umgibt sich mit dem Flair des Besonderen. Wie das oft so ist, überspannen junge Eltern aber auch hier gerne den Bogen, wenn es darum geht, der gesellschaftlichen Norm die lange Nase zu zeigen. Meist führt man diesen Kampf auf dem Rücken der Kinder aus. Es ist nun mal so: Verbietet man seinen Kindern das, was Norm ist, macht man sie zu Außenseitern. Dürfen die Kleinen nichts Süßes essen, kein Radio hören, kein Fernsehen gucken - macht sich dies irgendwann wo ganz anders bemerkbar, als man es als Eltern gerne hätte. Kinder, denen Süßigkeiten verweigert werden, bekommen ihr ganzes Leben lang einen wahren Heißhunger darauf. Kinder, die man von TV und Radio fernhält, haben schneller Probleme mit Reizüberflutung als Kinder, die Lärm und verschiedene äußere Einflüsse auf die Sinne von klein auf gewohnt sind. Das Kind braucht keine Stille und keinen leeren Raum um sich zu entwickeln, nur weil die Eltern ihre Ruhe haben wollen. Heutige Kinder lernen eher als ihre Eltern mit der Reizüberflutung umzugehen. Natürlich immer vorausgesetzt, es wird mit den Sinneseindrücken nicht übertrieben. Aber, die Kinder können durchaus lernen, sich trotz Musik und Lärm auf die vor ihnen liegende Tätigkeit zu konzentrieren. Auch ist ein gemütlich eingerichtetes Kinderzimmer nicht automatisch zu viel für das Kind.

In der 3Sat Sendung sah man eine Familie, die ihre Kinder auf Holz-Paletten statt Bettgestell schlafen ließ und die auch sonst im Kinderzimmer kaum Deko, Bilder und Buntes zuließ. Das Ergebnis ist ein eher trostloser Anblick. Das Kinderzimmer sah eher aus wie ein ärmliches Provisorium, statt einer gemütlichen Rückzugshöhle aus der Erwachsenenwelt.

 

Ist Minimalismus für heutige Kinder gesund?

Man mag meinen, ja. Unsere größte Angst ist doch, dass die Kinder reizüberflutet werden und nichts mehr lernen können. Das trifft in vielen Fällen auch zu. Aber ist das Gegenteil denn richtig? Auch nicht. Man muss nur Menschen interviewen, die in ihrer Kindheit nichts hatten und diese gibt es genügend in der heutigen Elterngeneration. Die Kargheit der Kindertage hat nicht unbedingt positive Folgen, erst recht nicht, wenn andere Kinder 'alles' hatten. Viele der unfreiwillig verzichtenden Kinder haben eben grade heute als Erwachsene ein Problem mit der Reizüberflutung und der Konzentration auf die Arbeit. Sie können sich viel schwerer gegen all die äußeren Einwirkungen wehren und sind schnell überfordert. Manche dieser Erwachsenen greifen nur aus diesem Grund zum Trend Minimalismus, weil sie anders gar nicht mehr klarkommen. Jeder Gegenstand zu viel auf dem Schreibtisch macht sie wahnsinnig und lenkt ab.

Wer als Kind einen Haufen Spielsachen um sich hatte, lernt Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Man pfeffert das langweilige Spielzeug in die Ecke und holt das Lieblingsstück immer wieder hervor. Seinen Lieblingsteddy findet das Kind auch noch im größten Chaos, weil es ihn eben finden will und wie gut schult es die Sinne, wenn das Kind etwas suchen muss. .. Wie gut lernt es Ordnung, wenn es etwas nicht wiederfindet, weil das Chaos zu groß ist. Viele bunte Gegenstände im Kinderzimmer müssen ein Kind nicht automatisch überfordern. Es geht mit diesen Eindrücken anders um, als wir Erwachsenen und vor allem - der Kinderkopf ist noch nicht so voll wie unser Erwachsenenkopf.

Klar ist, dass man Kinder heute nicht mit Geschenken überhäufen sollte, immer mal alte Spielsachen wegräumen sollte und natürlich für genügend Platz zum Toben sorgen sollte. Dem Kind ein völlig anderes Umfeld zu schaffen, als es dies bei den Freunden und Spielkameraden sieht, ist sicher kein guter Ansatz. Das Kind will sich in die Gesellschaft integrieren und nicht von vornherein ausgeschlossen werden.

Ist Minimalismus wirklich bescheiden und spart es Geld?

Wer nach außen hin nichts hat, wirkt natürlich genügsam und bescheiden. Man gönnt sich nicht so viel wie andere, man kann verzichten. Wir kennen das alle von den Menschen, die in der Nahrung auf viel verzichten und anderen ihre Lebensform vorhalten: "Ich bin ein Asket, ich verzichte - Du bist gierig, unbescheiden und disziplinlos. " Solche Zeitgenossen sind oft in Wirklichkeit gar nicht bescheiden, sie haben oft mehr Eitelkeit als der Durchschnit. Sie versuchen sich über die Bescheidenheit von der Masse abzuheben und genießen den Sonderstatus. Sie umgeben sich mit dem Flair der Heiligkeit und Reinheit. Auch beim Trend des Minimalismus findet man genug Menschen, die hier die Chance auf Geltung und Anerkennung wittern. Anderssein ist oft auch Bessersein.

Spart der Minimalismus eigentlich Geld?

Wenn er durchgesetzt wurde sicherlich, aber bis dahin muss man sich von seinem alten Leben verabschieden und schmeißt brauchbare Dinge weg. Natürlich macht der heutige Mensch sich auch gerne vor, dass seine aussortierten Konsumgüter sinnvoll verwertet werden - aber sind wir mal ehrlich, das meiste landet am Ende auf dem Müll. Wir bekommen dies nur nicht mehr mit und haben ein reines Gewissen. Auch die Nachbarschaftshilfe möchte heute moderne schicke Möbel und nicht das alte Erbstück haben. Antike Möbel zu verkaufen ist auch kein leichtes. Wer also sein Zuhause entrümpelt, produziert wieder neue Mengen an Müll und er wirft Dinge weg, die noch einen gewissen materiellen Wert haben, auch wenn man sie nicht sofort in Geld ummünzen kann. Bescheidener als alles Alte wegzuwerfen ist doch eher, das Alte zu behalten und nicht dauernd Neues zu kaufen. Nur kann man mit dieser Lebensform keinen Staat machen und ganz sicher kommt man damit auch nicht ins Fernsehen.

Minimalismus beim Texten

Warum ich dieses Thema überhaupt aufgegriffen habe, liegt an meinem Beruf. Der Minimalismus begegnet einem oft beim Texten. Viele Kollege, insbesondere Werbetexter, schwören auf einen minimalistischen Stil, bei dem jedes überflüssige Wort weggelassen wird. Getreu nach dem Motto: "Quadratisch. Praktisch. Gut." Das war damals ein Reißer in der Werbung. Seitdem versucht man diesen Stil immer wieder zu kopieren, ob es passt oder nicht. Egal. Einige Texter haben den minimalistischen Stil absolut drauf. Jeder Satz ein Treffer. Jedes Wort sitzt. Die meisten eher nicht. Wie man sieht, wirkt der Stil recht abgehackt. Man kann ihn zwar gut lesen. Aber es ist nicht angenehm. Er wirkt gehetzt. Unfertig. Holprig. Er hat was von Schreiben lernen. Unprofessionell. Ungeschmeidig.

Viel lieber lesen wir einen flüssigen Text, bei dem ein Satz in den anderen greift. Texte, die man zu Ende lesen mus, weil sie stimmig sind, wie in einem Fluss geschrieben wurden und daher unanstrengend zu lesen sind. Punkt.

Lesen Sie weitere kritische Artikel zu gesellschaftlichen Themen in meinem neuen Texter-Gemeinschaftsblog Café-Eloquent.

Autor seit 5 Jahren
40 Seiten
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