Sehr geehrter Herr Hoeneß!

Mit tiefster Erschütterung musste ich, Mutter und staatlich geprüfte Hausfrau, von Ihren Untaten aus der Zeitung erfahren. Lassen Sie mich gestehen, dass ich mich für Fußball wenig interessiere und den FC Bayern lediglich mit den Bierflecken assoziiere, die mein Mann, der Horsti, auf dem guten Teppich oder dem Sofa hinterlässt, wenn er aus Ärger über einen Dusel-Sieg der Bayern das Bier verschüttet. Um Fußball soll es in meinem offenen Brief an Sie aber nicht gehen.

Steuerwüste DeutschlandIch denke, Ihr schlechtes Gewissen verriet Ihnen bereits vorab, was der Inhalt meines Schreibens sein würde. Und Sie haben zu Recht ein schlechtes Gewissen, haben Sie doch dem deutschen Staat und damit dem Volke Millionen an Steuern vorenthalten! Und Sie wollen ein Vorbild sein, Herr Hoeneß?

Wenn das nun jeder machen würde! Stellen Sie sich vor, mein Horsti, der leider seit 20 Jahren arbeitssuchend ist, aber einfach keinen Job findet, würde Millionen in die Schweiz, nach Liechtenstein oder in eine dieser anderen Steueroasen verschieben: Wer sollte dann noch Steuern bezahlen in dieser Steuerwüste? Mein Horsti würde dies niemals machen, weil er anständig ist und weiß, dass wir Bürger dieser Republik zusammenhalten und eine Solidargemeinschaft bilden müssen.

Das meint auch unser Bundespräsident Joachim Gauck – dürfte man den Bundespräsidenten wählen, hätte ich ihn auch gewählt! -, der sich in einem Interview mit dem "Stern" sehr überrascht von Ihrem Verhalten zeigte und ganz richtig sagte: "Wer Steuern hinterzieht verhält sich verantwortungslos oder gar asozial".

Von Ihrem unmoralischen Verhalten ist schließlich auch der Herr Bundespräsident betroffen, dessen Jahresgehalt von über 200.000 Euro aus Steuertöpfen bezahlt wird. Wenn nun jeder Steuern hinterzöge und der Staat kein Geld mehr hätte, um Herrn Gauck 200.000 Piepen jährlich zu überweisen: Wovon sollte unser Bundespräsident denn leben? Sollte er vielleicht irgendeine Arbeit annehmen, um sich eine eigene Wohnung und den Lebensunterhalt finanzieren zu können? Herr Hoeneß: Sie haben eine soziale Verantwortung, die Sie in bösartigster Weise nicht wahrgenommen haben!

Take the money and run!Jeden Tag auf dem Nachhauseweg, wenn ich meinen Sohn vom Hort und meinen Horsti von der Kneipe abhole, passiere ich Bettler, Obdachlose, Drogensüchtige, und bei jedem Einzelnen von ihnen denke ich mir: In einem sozial gerechten Staat könntet ihr alle Bundespräsident mit üppigem Salair sein! Wird dies jemals geschehen? Nein – dank egoistischer Steuerhinterzieher wie Ihnen, Herr Hoeneß!

Übrigens sagte ich bewusst "unser" Bundespräsident, denn auch wenn weder ich, noch sie ihn gewählt haben, ist Herr Gauck Präsident dieser Republik und somit das, was eine Puffmutter ihren Nutten gegenüber ist: Das Oberhaupt! Aber vielleicht hegen Sie ja überhaupt kein Interesse mehr daran, Bürger dieses schönen Landes zu sein. Ein Land, das Ihnen so viele Möglichkeiten für persönliche Erfolge geboten hat. Sie wurden mit Deutschland Europa- und Weltmeister. Versuchen Sie mal, das mit Österreich zu erreichen! Sie werden die Unmöglichkeit dieses Unterfangens feststellen und zugeben müssen, dass Ihnen nur Deutschland die Grundlage für Ihre Erfolge bieten konnte.

Und wie danken Sie es diesem großartigen Land? Indem Sie Geld in der Schweiz bunkern, einem Staat, der nicht einmal in der EU ist, ja, eine eigene Währung besitzt! Damit schaden Sie dem hehren Europagedanken doppelt: Nicht nur hinterzogen Sie Steuern in Deutschland, Sie schafften Geld in einen europafeindlichen Staat, dessen Bewohner nicht nur den Europabeitritt, sondern zudem eine verständliche deutsche Aussprache verweigern!

Millionen Deutsche sind vor den Kopf gestoßen, wenn es dennoch Leute gibt, die Ihr schändliches Tun allen Ernstes verteidigen. Diesen Leuten möchte ich eines zu bedenken geben: Wer baut die Straßen, auf denen sie ihre Autos fahren? Wer baut Schulen, in denen manche Kinder nach nur 9 Jahren alltäglichen Unterrichts teilweise rechnen und schreiben erlernen? Wer bezahlt die Exekutive, die nur wenige Stunden nach einem Verbrechen am Tatort eintrifft, sich vergewissert, dass der Täter bereits über alle Berge ist und somit keine Gefahr mehr für die Beamten besteht, und ansonsten unablässige Dienste an der Öffentlichkeit leistet, wie Geschwindigkeitsübertretungen aufzuzeichnen? Wer erlässt Gesetze im Sinne von Lobbyisten, die sich in einem menschenverachtenden Freien Markt gegen Konkurrenz behaupten müssten?

Richtig: Der Staat, und somit wir alle. Das heißt: Wir alle, abgesehen von Steuerhinterziehern wie Ihnen, die trotzdem unsere Straßen benutzen auf dem Weg in die Schweiz!

Schon bald in Deutschland?Ihr Tun öffnet Chaos und Anarchie alle Türen und Tore, denn: So sie überhaupt noch ein Herz besitzen, Herr Hoeneß, versuchen Sie sich doch einmal vorzustellen, wie dieses Land aussieht, wenn immer mehr Menschen die Bezahlung der ohnedies viel zu niedrigen Steuern verweigerten. In den Straßen wären noch mehr Schlaglöcher, die Lehrer wären noch fauler und inkompetenter, und mein Horsti hätte sogar weniger Chancen auf einen Arbeitsplatz, da ja der Staat Arbeitsplätze schafft, nicht Unternehmer.

Außerdem hätte der Staat kein Geld mehr, um Steuer-CDs jener Sorte anzukaufen, die offenbar Ihnen zum Verhängnis wurde. Und, nein, ihr neo-liberalen Verteidiger dieser Steuerverbrecher: Es ist keine Heuchelei oder Gesetzesbruch im Spiele, wenn der Staat eine Steuer-CD ankauft, da er ja unmittelbar davon profitiert! Gesetze müssen notfalls gebogen werden, wenn damit dem Wohl Vieler gedient wird.

Somit möchte ich allen Steuerhinterziehern ins Stammbuch schreiben: Wer Steuern hinterzieht, begeht eines der schlimmsten aller möglichen Verbrechen. Er stiehlt von seinen Mitmenschen! Natürlich nicht direkt, da es sich ja um sein eigenes Vermögen handelt, aber jenen Anteil am Vermögen, der gerechterweise vom Staat eingefordert wird, um seine sozialen Dienste weiterhin ausführen zu können. Wohin geringere Steuersätze und individuelle Freiheit führen, können wir gerade am Beispiel der Schweiz beobachten, einem Staat, in welchem gesetzlose Zustände herrschen, alpine Warlords auf ihren Kampfkühen unschuldige Frauen und Kinder meucheln und der Staat diesen ruchlosen Mörderbanden völlig wehrlos gegenübersteht, da er kein Geld für die Exekutive hat, eben Dank unzähliger Steuerhinterzieher und menschenverachtend niedriger Steuern.

Katastrophengebiet SchweizWarum, Herr Hoeneß, begeben Sie sich nicht ein paar Tage in die Schweiz und sondieren die Lage? Offenbar gefällt Ihnen dieses Modell so gut, dass Sie sich schweizerische Verhältnisse auch für Deutschland wünschen! Ich jedenfalls bin froh, in einem Deutschland aufzuwachsen, das meinem Sohn reichliche Möglichkeiten zur Entfaltung seiner Persönlichkeit bietet, das ihm eine hervorragende Bildung angedeihen lassen wird, so wir Glück bei der Einteilung der Grundschule haben, ein Land, in welchem er seiner Pflicht zum Steuer bezahlen und Nachbarn vernadern nachkommen wird, ein Land, in dem er im hohen Alter nach einem arbeits- und entbehrungsreichen Leben vielleicht sogar eine bescheidene Rente oder Lebensmittelkarten erhalten wird.

Aber Ihnen, Herr Hoeneß, ist all dies ja völlig schnuppe! Sie stecken ein, ohne etwas geben zu wollen. Gott, pardon: Allah sei Dank gibt es noch Parteien, die das Übel als solches erkennen und dagegen vorgehen wollen. Die SPD und die Grünen etwa wollen die Steuern erhöhen, weshalb diesen letzten Verfechtern von Gerechtigkeit nicht nur meine Sympathie, sondern auch meine Stimme gehören wird, und ich rufe jeden, dem die Zukunft der eigenen Kinder am Herzen liegt, dazu auf, wählt SPD oder Grüne! Denn mehr Steuereinnahmen für den Staat bedeuten mehr Gerechtigkeit!

 

Mit verärgerten Grüßen aus der Waschküche,

 Reinhilde Dumpfsackbauer

 

PS: Ich hoffe, Ihr FC Bayern wird im Champions-League-Finale von Dortmund so richtig schon in Grund und Boden geschossen! Ich mag Fußball nicht, aber ich werde bei jedem Dortmund-Tor jubeln!

Autor seit 7 Jahren
823 Seiten
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