Was ist Post-Scarcity? Eine Definition

Post-Scarcity bedeutet erst einmal nur "nach der Knappheit". Mit Knappheit wird in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften ein Zustand beschrieben, bei dem von einem Gut - also einem Produkt oder einer Dienstleistung - weniger zur Verfügung steht, als von den Menschen verlangt wird. Kurz gesagt: Das Angebot ist niedriger als die Nachfrage.

Wann ist das der Fall? Zuerst einmal könnte man auf die Idee kommen, dass man ja viele Dinge, die man möchte, kaufen kann. Doch diese Interpretation wäre ein Missverständnis. Denn bevor ich etwas kaufen kann, muss ich ja erst einmal das Geld dafür besitzen. Dafür muss ich in der Regel arbeiten.

Arbeiten möchten die meisten Menschen eher so wenig wie nötig, oder zumindest im begrenzten Maße, und nicht unendlich lange und hart. Zwar gibt es das Phänomen der Arbeitslosigkeit, man könnte also denken, es gäbe Arbeitswillige im Überfluss. Aber Arbeit ist trotzdem "knapp" in dem Sinne, dass nur wenige Menschen einfach so eine Arbeitsleistung ohne Gegenleistung abgeben würden.

Deswegen tauscht man beim heutigen "Kaufen" ein knappes Gut - die eigenen Arbeitsleistungen - gegen ein anderes, nämlich das Produkt oder die Dienstleistung, die man haben möchte. Insofern ist die Knappheit nicht überwunden, auch wenn es so viel zu kaufen gäbe, dass für alle Menschen genug da wäre.

Bei der Post-Scarcity dagegen sind Güter nicht nur einfach so verfügbar, es wird auch keine Gegenleistung verlangt. Kurz: Die Güter sind kostenlos zu haben. Also doch etwas, das in die Richtung des Schlaraffenland-Mythos geht.

Ein Disput herrscht bei der Definition des Konzepts, wann Post-Scarcity genau erreicht wäre. Beispielsweise könnte man sich bei Massengütern wie Getreide schon vorstellen, dass irgendwann die Landwirtschaft optimiert und vollautomatisiert wird und dadurch so viel produziert werden kann, dass alle ohne Gegenleistung satt werden.

Aber ist es auch nötig, dass auch extreme Nachfragen bedient werden müssen? Man könnte sich beispielsweise vorstellen, ein Freak käme auf die Idee, sich eine riesige Burg aus Getreide zu bauen und somit eine extreme Menge zu verlangen. Oder, etwas weniger abseitig: Viele Menschen möchten am Meer eine Villa besitzen. Aber es gibt nicht genug Küste dafür (ganz zu schweigen von den Umweltauswirkungen).

Es ist vollkommen klar, dass solche Szenarien, in denen "alles" vollkommen kostenlos ist, auf absehbare Zeit unmöglich sind - es sei denn, Science-Fiction-Technologien wie der aus "Star Trek" bekannte "Replikator", der aus beliebiger Materie jedes Gut herstellen kann, oder die sogenannten Dyson-Sphären, bei denen rund um ganze Sterne Energie abgegriffen wird, würden Wirklichkeit.

Deshalb wird von denen, die sich eine Post-Scarcity vorstellen könne, eine Definition bevorzugt, bei der "normale" Bedürfnisse befriedigt werden können. Also dass jeder jeden Tag ein Brot auf dem Tisch haben kann, ohne dass er dafür zahlen muss, aber der Freak mit der Getreideburg nicht mit seiner extravaganten Nachfrage bedient werden muss.

Theorien und Autoren

Modelle und Vorstellungen zum Thema Post-Scarcity gibt es inzwischen einige. Sie kommen aus verschiedenen ideologischen Richtungen, so gibt es liberale, sozialistische, kommunistische und anarchistische Vertreter. Den Anfang machte die fiktionale Literatur. Schon im 15. Jahrhundert beschrieb Thomas Morus in Utopia eine Gesellschaft mit kostenloser Produktion, auch wenn dort noch eine Arbeitspflicht herrschte. Auftrieb erhielt die Vorstellung Ende des 19. Jahrhunderts mit den aufkeimenden kommunistischen und anarchistischen Vorstellungen. Der Anarchist Peter Kropotkin prophezeite, dank der fortschreitenden Automatisierung der Industrie sei bald eine Welt möglich, in der kaum noch Arbeit notwendig sei und der Rest freiwillig erledigt würde.

Einer der ersten Autoren, die sich mit der Verwirklichung einer Post-Scarcity im modernen Sinne beschäftigte, war Murray Bookchin. Der US-Amerikaner entwarf 1971 in seinem Buch Post Scarcity Anarchism eine Gesellschaft, in der die Wirtschaft durch Gemeinden und Regionen demokratisch kontrolliert würde. Der technische Fortschritt kombiniert mit umfangreichem Umweltschutz mache eine Gesellschaft der Fülle möglich.

Im 21. Jahrhundert haben viele Autoren die Kostenloskultur im Internet, in dem Dienstleistungen wie Suchmaschinen, Foren und Software gratis zu bekommen sind, zum Vorbild für eine Post-Scarcity genommen. Hier ist zunächst Chris Anderson zu nennen. Der langjährige Chefredakteur der Zeitschrift Wired entwarf in seinem Buch Free mehrere Geschäftsmodelle für kostenlose Angebote. So könnten Basisdienste beispielsweise kostenlos erbracht werden und von kostenpflichtigen Premium-Diensten querfinanziert werden.

Christian Siefkes, einer der weniger bekannten und dennoch lesenswerten Autoren des Themenspektrums, setzte 2007 in seinem Werk Beitragen statt Tauschen auf das Open-Source-Modell, das Linux und Wikipedia hervorbrachte - zwei nichtkommerzielle Gratis-Produkte. Viele Produkte könnten kostenlos werden, wenn sich die Menschen zu Projekten zusammenschließen würden, die solchen Open-Source-Communitys glichen. Bliebe Arbeit übrig, die weder automatisiert werden könne noch freiwillig erledigt würde, so könnte diese in einem Auktionssystem auf die Projektmitglieder verteilt werden.

Der US-Ökonom Jeremy Rifkin, der zahlreiche Regierungen der Welt beriet, entwarf 2014 die einflussreiche Vision von der Null-Grenzkosten-Gesellschaft, nach der sein gleichnamiges Buch benannt wurde. Kostenlose Güter würden durch eine automatisierte Produktionsinfrastruktur möglich, in der nur ein kleiner Teil der Arbeitsleistungen von Menschen erbracht werden müsse. Null Grenzkosten bedeutet dabei, dass bei der Produktion eines Gutes zwar die Errichtung der Betriebe Geld kosten darf, aber ab einem bestimmten Punkt jede zusätzliche Einheit des Produkts keine Kosten verursacht. Wie bei Siefkes könnte dies nach dem Open-Source-Modell freiwillig geschehen. Als Schlüsseltechnologien betrachtet Rifkin das Internet der Dinge und die Erzeugung von Strom mit Hilfe erneuerbarer Energien. Zwar müsse für den Aufbau der Infrastruktur Geld aufgewendet werden. Dann wäre aber jedes neue hergestellte Gut potentiell kostenlos.

Rifkins Theorie wurde von einigen Autoren weiterentwickelt. Daniel Barón de Oca stellte in Zukunft Gratiswelt ein Übergangskonzept zur Post-Scarcity vor. Modulare automatisierte Produktionsstätten, angetrieben durch erneuerbaren Strom, könnten schon mit der heute verfügbaren Technologie Dinge kostenlos produzieren. Zunächst wären das einfache Produkte wie Dekogegenstände, die mit 3D-Druckern produziert würden und Recycling-Material nutzten, aber auch lebenswichtige Güter wie Gemüse, das man in automatisierten Gewächshäusern anbauen könnte. Später könnten auch Großagrarbetriebe, Stahlwerke und Krankenhäuser auf das Modell umgestellt werden. Zur Finanzierung schlägt Barón de Oca spezielle Finanzprodukte vor, auch sonst setzt er auf private Anreize.

Dieser liberale Ansatz, der mit der heutigen Marktwirtschaft kompatibel ist, wird von Autoren wie Nick Srnicek und Alex Williams auf die Spitze getrieben: Im sogenannten Akzelerationismus soll der Kapitalismus durch politische Reformen noch mehr Raum erhalten, um Innovationen zu schaffen. Es soll also der technische Fortschritt beschleunigt werden, bis wir die Post-Scarcity erreichen. Die Theorie wird im Buch Die Zukunft erfinden dargestellt.

In vielen Visionen aus dem linken ideologischen Spektrum spielt dagegen der Staat eine tragende Rolle. Dazu gehört Paul Mason, der in Postkapitalismus ebenfalls auf die Null-Grenzkosten-Theorie von Jeremy Rifkin zurückgreift. Der Staat soll hier größtenteils die Infrastruktur für eine automatisierte Kostenlos-Produktion finanzieren. Auch die Bewegung des Fully Automated Luxury Communism möchte traditionelle sozialistische Vorstellungen weiterentwickeln und damit zur Post-Scarcity gelangen. Das gleichnamige Buch von Aaron Bastani wurde 2019 veröffentlicht.

Fazit: Vielleicht doch nicht ganz utopisch?

Wie man sieht, gibt es nicht wenige Autoren, die Post-Scarcity für möglich halten, darunter Außenseiter wie gestandene Wissenschaftler. Dass solche Ideen immer populärer werden, verwundert nicht angesichts der zunehmenden Digitalisierung. Wenn die Roboter und die künstlichen Intelligenzen uns doch sowieso schon die Arbeitsplätze wegnehmen, könnten sie uns dann nicht auch kostenlose Dinge produzieren? Vielleicht angesichts der vielfältigen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte eine versöhnliche Zukunftsvision, über die es sich nachzudenken lohnt.

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