Gewichtszunahme trotz Diät

Zunächst ist festzustellen, dass – so unwahrscheinlich das zunächst klingen mag – gerade die Orientierung am Ideal der extremen Schlankheit eine der Ursachen für die Gewichtszunahme so vieler Menschen ist. Denn in den westlichen Ländern, also in den Ländern, in denen es besonders viele Übergewichtige gibt, erleben viele Menschen die Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit buchstäblich "am eigenen Leibe" und sind deshalb geradezu besessen von dem Wunsch abzunehmen. Folglich probieren sie alle möglichen Diäten aus. Durch diesen Diätwahn werden sie aber nicht dauerhaft schlanker. Denn nach einer Diät tritt der berühmte Jo-Jo-Effekt ein, also eine rasche erneute Gewichtszunahme. Das heißt: Wenn die Energiezufuhr während einer Diät drastisch reduziert wird, signalisiert das dem Körper einen Notstand und dieser arbeitet nur noch auf Sparflamme. Wird dann nach ein paar Diätwochen wieder normal gegessen, holt sich der Körper das eingesparte Fett umso schneller wieder zurück.

Die Vermarktung von Schönheit

Der Diätwahn zeigt auch den engen Zusammenhang zwischen dem geltenden Schönheitsideal und der Vermarktung von Schönheit. Das heißt: Um einen neuen lukrativen Markt zu erschließen, wird ein unrealistisches Schönheitsideal kreiert und – vor allem - den Frauen suggeriert, sie könnten mit Hilfe der "richtigen" Schönheitsmittel und Schlankheitsdiäten dieses Ideal erreichen. Und dieser Schönheitsmarkt ist mittlerweile ein Milliardengeschäft. So setzt die amerikanische Diätindustrie über 30 Milliarden Dollar um; der Markt für Schlankheitsprodukte ist damit der fünftgrößte Markt in den USA. Die Tatsache, dass ein Drittel der Amerikaner fettleibig ist, ist natürlich ein schlagender Beweis für die Nutzlosigkeit oder sogar Schädlichkeit der angepriesenen Maßnahmen

Beneidetes Vorbild (Bild: OpenClips/Pixabay.com)

Zur Problematik von Essstörungen

Oft mündet auch das zwanghafte Bemühen abzunehmen, und davon sind vor allem junge Menschen betroffen, in ernsthafte Essstörungen, die die Betroffenen krankmachen, wie Magersucht und Ess-Brechsucht (Bulimie). Das heißt: So wie starker Gewichtszunahme eine Sucht zugrundeliegen kann – deswegen spricht man ja auch von "Fettsucht" (Adipositas) - können auch die Anstrengungen, abzunehmen, zur Sucht werden. Und so wie Fettsucht ernsthafte gesundheitliche Probleme nach sich ziehen kann, können Magersucht und Bulimie und damit der Verzicht auf ausreichende Nahrungszufuhr stark die Gesundheit schädigen und im Extremfall zum Tod führen. Denn freiwilliges Hungern hat für den Körper die gleichen Folgen wie unfreiwilliges. Das heißt: Der Körper verfällt, weil alle wichtigen Körperfunktionen nachhaltig gestört sind, bis es schließlich zum Herzversagen kommt. Und diese Essstörungen haben mittlerweile ein erschreckendes Ausmaß angenommen. So ist in Deutschland nicht nur fast ein Viertel der Bevölkerung fettleibig, sondern etwa 5 Millionen Frauen und Männer leiden auch an Essstörungen, die zur Gewichtsabnahme führen. Davon haben 3,7 Millionen bereits gefährliches Untergewicht. 100 000 Menschen, insbesondere Frauen, sind an Magersucht erkrankt. 600 000 Frauen und Männer haben Bulimie. Die Zahl der Magersüchtigen verdreifachte sich in den letzten zehn Jahren. 10 Prozent aller Magersüchtigen sterben an ihrer Magersucht. Ähnlich alarmierende Zahlen kommen aus den USA. Dort leiden von zehn Studentinnen zwei an Magersucht und sechs an Bulimie. Nur zwei sind gesund. Hungern ist also für junge Frauen der amerikanischen Mittelschicht völlig normal. Dabei besteht die psychische Problematik darin, dass Magersüchtige ihren Körper hassen und deshalb gegen sich selber wüten. Auch der Esssucht liegen erhebliche psychische Probleme zugrunde. Esssüchtige leiden jedoch noch zusätzlich unter den Reaktionen ihrer Umwelt. Denn sie werden oft von den "Schlanken" wegen ihrer angeblichen Disziplinlosigkeit und Willensschwäche verachtet oder müssen sogar im Berufsleben Nachteile in Kauf nehmen. Dicke Kinder werden von normalgewichtigen Altersgenossen gehänselt und verspottet und fühlen sich deshalb minderwertig.

Früheres Schönheitsideal Liz Taylor (Bild: Wikilmages/Pixabay.com)

Früheres Schönheitsideal Marylin Monroe (Bild: heinz dahlmanns/pixelio.de)

Historische und soziale Hintergründe

Nach Expertenmeinung ist das Ideal der superschlanken Frau historisch gesehen ziemlich neu und völlig ungewöhnlich. Das heißt: Über viele Jahrhunderte galten meist solche Frauen als attraktiv, deren Körper reichlich mit typisch weiblichen Rundungen ausgestattet war. Es galten mit anderen Worten Frauenkörper als schön, die man heute als zu dick bezeichnen würde. Attraktivitätsforscher erklären diesen Wandel des Schönheitsideals damit, dass Fett in früheren Zeiten ein Statussymbol war. Denn nur die Wohlhabenden konnten es sich leisten, sich satt zu essen, während die Armen aus Nahrungsmangel zwangsläufig dünn blieben. Heutzutage jedoch ist in den reichen Industrienationen der westlichen Welt die Versorgung mit Nahrungsmitteln für alle gesichert und niemand braucht Hunger zu leiden. Und dadurch hat Fett seinen Informationswert als Zeichen von Wohlstand verloren. Auch durch eine weltweite Studie, in der 62 verschiedene Kulturen untersucht wurden, konnte belegt werden, dass Schlankheit vor allem in den Ländern bevorzugt wird, in denen sich die Menschen um ihr tägliches Brot keine Gedanken machen müssen, während umgekehrt in armen Ländern tendenziell dickere Frauen als schön gelten. Es wurde ferner ein Zusammenhang nachgewiesen zwischen der Stellung der Frau in der Gesellschaft und dem vorherrschenden Schönheitsideal. Das heißt: Die Gleichberechtigung der Frau geht einher mit der Vorliebe für Schlankheit.

Schlankheitswahn als Herrschaftsinstrument

Der Umstand, dass überwiegend Frauen dem Schlankheitswahn zum Opfer fallen – diätbessesene Männer sind immer noch eine Minderheit – hat mittlerweile auch die Feministinnen auf den Plan gerufen, denn sie sehen durch den Schlankheitswahn der Frauen viele der Erfolge, die durch die Emanzipationsbestrebungen im 20. Jahrhundert erreicht worden sind, in Gefahr. Das heißt: Für Feministinnen ist es kein Zufall und hängt auch nicht mit zunehmendem Wohlstand zusammen, dass das Ideal extremer Schlankheit in den 60iger Jahren des vorigen Jahrhunderts kreiert und schließlich zum vorherrschenden Schönheitsideal geworden ist. Denn in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts seien die Frauen immer selbstbewusster aufgetreten, hätten viele gesetzliche Gleichstellungen erreicht und hätten begonnen, massiv in männliche Herrschaftsbereiche einzudringen. Folge war, dass die Männer ihre Macht in Gefahr sahen. Also musste ein Gegenmittel her, und am wirkungsvollsten schien es, da ansetzen, wo Frauen nach Jahrtausenden der Prägung durch das Patriarchat nach wie vor am verwundbarsten sind, und das ist ihre äußere Erscheinung. Und mit dem Idealbild extremer Schlankheit wurde erreicht, dass sich schließlich fast alle Frauen dick und hässlich fühlten und dazu übergingen, ihren Körper zu bekämpfen und nicht mehr die männliche Vorherrschaft. Es kann also, wie im vorigen Abschnitt angedeutet wurde, die "Verschlankung der Frau" ein Indiz für ihre Emanzipation sein, aber Schlankheitswahn und damit das Aufzwingen eines unrealistischen Schönheitsideals ist eher ein Indiz für Versuche, die Rechte der Frauen wieder zu beschneiden.

Ein "pädophiles Schönheitsideal"

Das ehemalige Supermodel Nadja Auermann äußert den Verdacht, dass hinter einem der schlimmsten Auswüchse des Schlankheitswahns, nämlich der Vorliebe der Modebranche für ausgemergelte Magermodels, pädophile Neigungen stecken könnten. Das heißt: Für Auermann kommt in dem Trend, sehr junge Mädchen oder junge Frauen, die nach radikalen Hungerkuren nicht mehr wie Frauen aussehen, als Models zu bevorzugen, die zumindest implizite Orientierung an einem pädophilen Schönheitsideal zum Ausdruck. Und dies hält Auermann für sehr gefährlich, da es dem Missbrauch von Kindern Vorschub leisten könnte. Sie fordert deshalb ein Gesetz gegen das Auftreten von Magermodels. Bisher ist allerdings erst ein einziges Land einer solchen Forderung nachgekommen, nämlich Israel. Dort ist im Januar dieses Jahres ein Gesetz in Kraft getreten, das untergewichtigen Models die Arbeit verbietet. Auch Fotografen, Agenturen und Magazine müssen sich an dieses Gesetz halten. Ich würde noch einen Schritt weiter gehen als Auermann und von einem geradezu menschenverachtenden "Schönheitsideal" sprechen. Denn was soll man sonst von einer Richtschnur für angeblich erstrebenswertes Aussehen halten, die Menschen krank macht oder sogar in den Tod treibt. All das, was man gemeinhin mit dem Begriff "Schönheit" assoziiert, ist hier meines Erachtens in sein Gegenteil verkehrt (Ich möchte an dieser Stelle auch auf den Beitrag von Efes Kitap zu diesem Thema hinweisen).

Vorbild Barbiepuppe

Ich möchte noch auf eine Variante des vorherrschenden Schönheitsideals eingehen, mit dem offensichtlich den Vorstellungen der eher "konservativen" Mehrheit der Bevölkerung bezüglich weiblicher Schönheit Rechnung getragen werden soll, das ich aber für nicht minder dubios halte. Und zwar handelt es sich dabei um die an das Kunstprodukt der Barbiepuppe erinnernde sehr schlanke Frau mit dem üppigen Busen. Vor allem bei den Stars und "Sternchen" im Showbusiness ist das offensichtlich bereits "Standard". Das Fatale daran ist, dass, weil es von der Natur nicht vorgesehen ist, dass eine sehr schlanke Frau gleichzeitig "vollbusig" sein kann, dieses Ideal nur mit Hilfe von Operationen, also durch das Einsetzen von Brustimplantaten erreicht werden kann. Nach Expertenmeinung ist dies zwar grundsätzlich gesundheitlich unbedenklich, aber die Betroffenen sollten sich bewusst sein, dass sie mit Silikon - Brustimplantaten Fremdkörper in sich tragen, und sie sollten darauf achten, dass nur hochwertige Materialien eingesetzt werden. Außerdem sollten sich Trägerinnen von Brustimplantaten regelmäßigen Kontrolluntersuchungen unterziehen. Heute kann allerdings - und dieser Punkt wird meiner Meinung nach zu wenig beachtet - noch niemand mit Gewissheit sagen, wie der Körper langfristig auf so einen Fremdkörper reagiert. Ferner ist bekanntlich jede Operation ein Risiko. Hier drohen also durch die Orientierung am herrschenden Schönheitsideal weitere Gefahren für die Gesundheit.

Normale Figur (Bild: OpenClips/Pixabay.com)

Schlank, aber nicht mager (Bild: OpenClips/Pixabay.com)

Askese im Schlaraffenland

Ich finde es auch geradezu perfide, dass das Ideal extremer Schlankheit gerade in den Ländern gilt, in denen bezüglich des Angebots an Nahrungsmitteln paradiesische Zustände herrschen. Hier besteht meines Erachtens für die Menschen eine schizophrene Situation. Das heißt: Einerseits werden sie durch das vorherrschende Schönheitsideal dazu genötigt, dieses "Schlaraffenland" zu ignorieren und asketisch zu leben, andererseits werden ihnen, vor allem in der Zeit vor Festtagen, in den Medien und "vor Ort in den Supermärkten" die erlesensten Köstlichkeiten geradezu aufgedrängt, so wie in dem Märchen, wo die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Es scheint fast so, als ob man die Menschen ständig in Versuchung führen und ihre Willensstärke testen wollte. Man könnte in diesem Zusammenhang auch von Sadismus sprechen. Andererseits sollen natürlich all die Leckereien nicht ignoriert, sondern konsumiert werden. Denn diese sollen ja Profit einbringen. Die "Asketen" sollen also dann doch der Versuchung erliegen. Und wenn sich dann bei den Konsumenten die Fettpölsterchen angesammelt haben, kann man ihnen wieder alle möglichen und unmöglichen Mittel zur Gewichtsreduzierung anpreisen. Man könnte hier auch von einem Teufelskreis sprechen, aus dem, wie die Folgen des Schlankeitswahns zeigen, viele Menschen nicht mehr herausfinden.

Fazit und Ausblick

Dass heute die meisten Menschen schlank sein wollen, ist aufgrund der gesundheitlichen Vorteile, die dies mit sich bringt, grundsätzlich zu begrüßen. Es sind allerdings sowohl das Maß, das dabei erreicht werden soll, als auch die Mittel, die dazu eingesetzt werden, aus den Fugen geraten. Das heißt: Man/vor allem Frau will bzw. soll nicht nur normal schlank sein, sondern superschlank, und dieses Ziel kann nur mit fragwürdigen, potenziell gesundheitsgefährdenden Mitteln erreicht werden.. Einen möglichen Weg, wie der gesundheitsgefährdende Schlankheitswahn überwunden werden kann, zeigt eine Studie der britischen Universität Durham. Und zwar haben die Wissenschaftler mehr als 100 Frauen getestet. Dabei wurden denjenigen, die gewöhnlich auf dünne Körper fixiert sind, unter anderem Katalog-Models mit Übergröße präsentiert. Die Probandinnen waren im Anschluss deutlich weniger von dünnen Frauen begeistert. Umgekehrt erhöhten Bilder schlanker Fotomodelle die Präferenz für dünne Frauen. Nach Ansicht der Wissenschaftler zeigen diese Ergebnisse, dass sich, wenn mehr "normale" Models gezeigt werden, möglicherweise die Manie von Frauen für Dünnheit reduziert.

Bildnachweis

  • heinz dahlmanns/pixelio.de
  • Pixabay.com
Autor seit 3 Jahren
105 Seiten
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