Die Frage nach einem möglichen Leben nach dem Tod ist eines der philosophischen Probleme, mit denen sich viele Menschen in Laufe ihres Daseins beschäftigen. Bei einigen, weil bei ihnen eine schwere Krankheit diagnostiziert wurde oder sie einen geliebten Menschen verloren haben. Bei anderen, weil sie sich die Frage nach dem Sinn des Lebens und des Daseins stellen.

Gläubige Menschen vertrauen oft auf eine Art des Lebens nach dem Tod, das auf den jeweiligen Traditionen und Lehren ihrer Religionen beruht. Christen und Moslems sehnen sich nach einer Aufnahme in den Himmel, während Buddhisten auf eine Reinkarnation vertrauen und Animisten sich in Geister verwandeln sollen. Doch wie sieht es bei Atheisten aus? Können diese auch auf ein Weiterleben hoffen oder schließt der Atheismus ein Leben nach dem Tod aus?

Die materialistische Weltanschauung, die von Atheisten oft vertreten wird, beruht auf den Gesetzen der Naturwissenschaften. Sie lässt Spiritualität auf den ersten Blick nicht zu. Somit ist die Antwort bei vielen nichtreligösen Menschen einfach. Das Leben nach dem Tod widerspricht nach ihrer Ansicht den aus der Biologie und Physik stammenden Theorien. Wie sollte auch nach dem Erlöschen alles Lebendigen aus einem Organismus ein Weiterleben möglich sein? Und weiter: Wie sollen wir, wenn unser Gehirn nicht mehr funktioniert, weiter "erleben" können, also weiter eine Art Bewusstsein besitzen?

Was ist eigentlich das Leben?

Doch bei einer solchen oberflächlichen Betrachtungsweise wischen wir eine der fundamentalen Fragen einfach zur Seite: Was ist eigentlich dieses Leben? Erst wenn wir diese beantworten, können wir uns der Frage annähern, wie ein Leben nach dem Tod aussehen könnte. Zumindest dann, wenn wir auf systematische Weise und ohne Esoterik vorgehen wollen.

Die in der Biologie allgemein akzeptierte Definition des Lebens besagt, dass ein Ding dann als lebendig gelten kann, wenn es einen Stoffwechsel besitzt, sich selbst organisiert, von seiner Umwelt eindeutig abgegrenzt ist und zu Fortpflanzung und Wachstum fähig ist. 

Von der Bakterie bis zum Menschen sind alle Lebewesen ähnlichen biologischen Regeln unterworfen. Zwar gibt es Unterschiede wie der zwischen sexueller und nichtsexueller Fortpflanzung, doch erscheinen gegenüber den großen Gemeinsamkeiten als nebensächlich. Alle Lebewesen sind aus den selben Elementen aufgebaut, besitzen ähnlich gebaute Zellen und benutzen als "Code" die DNS, deren genaue Struktur in Form von Genen Aufbau und Aussehen der Lebewesen bestimmt.

Doch aus Sicht des Materialismus funktionieren Lebewesen genauso nach den Regeln der Physik und der Chemie wie unbelebte Dinge, etwa Steine oder auch Computer. Ein übergeordneter "Geist" fehlt und wird nach diesem Weltbild auch nicht benötigt. Laut dieser Argumentation scheinen Lebewesen zwar viele Gemeinsamkeiten zu haben. Doch letztendlich stellen sie einfach einen chemisch-physikalischen Sonderfall dar. Wie auch etwa ein Kristall oder Feuer ein derartiger Sonderfall wäre.

Wenn also ein Mensch oder Tier stirbt, so tritt - immer von der atheistisch-materialistischen Weltanschauung aus betrachtet - keineswegs ein fundamental anderer Zustand ein. Man verabschiedet sich zwar von der Gruppe der Lebewesen, bleibt aber Teil der physikalischen, materiellen Welt.

Wir können also nicht in der Hinsicht weiterleben, als dass wir auch nach dem Tod als Lebewesen im Sinne der Biologie gelten. Doch die Materie, aus der unser Körper bestand, bleibt auch nach unserem Tod in der selben Welt und gehorcht weiter den selben Naturgesetzen.

Interessant wird es nun, wenn wir die Frage des Erlebens oder des Bewusstseins betrachten.

Erlischt das Bewusstsein beim Tod?

Jeder Mensch weiß intuitiv, was das Bewusstsein ist. Einige nennen es Seele, andere Geist oder eben Bewusstsein - gemeint ist das Gleiche. Das Erleben, Fühlen und beim Menschen auch das Denken scheint uns, die Lebewesen mit Gehirn, in eine weitere Sonderstellung in der Welt zu hieven.

Beim Tod erlischt nun dieses Bewusstsein, so die gängige Vorstellung aus Sicht des Materialismus und auch der meisten Atheisten. Es sei denn, es gebe eine Art "Leben nach dem Tod". Wir müssten also neben der Frage, ob das biologische Leben nach dem Tod weitergehe, auch nach der Möglichkeit eines "Bewusstsein nach dem Tod" fragen. Denn darum geht es schließlich: ob ein Erleben trotz des Verlusts der Identität als Lebewesen weiterhin möglich ist oder einfach "das Licht ausgemacht" wird, wie viele Materialisten behaupten.

Für materialistische Philosophen ist das Bewusstsein eines der schwierigsten Probleme überhaupt. Es gilt bis heute als ungelöst. Denn Erlebnisinhalte (so genannte Qualia) lassen sich mit keiner physikalischen, geschweige denn chemischen Theorie erklären. Und die Neurowissenschaften können sie auch im 21. Jahrhundert nur sehr grob beschreiben, ohne an die Essenz des Erlebens heranzukommen. Es scheint sich der naturwissenschaftlichen Herangehensweise zu entziehen.

Materialisten können allerdings einen Trick anwenden, und einfach behaupten, das "Erleben" oder das "Bewusstsein" sei gar nichts Besonderes. Beim Erleben handele sich einfach um eine Eigenschaft der Materie. Lediglich sei die Naturwissenschaft noch nicht so weit, es genau erklären zu können.

Vielleicht hat jedes Ding ein Bewusstsein

Diese Richtung der Philosophie nennt sich Panpsychismus. Sie geht davon aus, dass jedes materielle Ding die grundlegenden Anlagen für ein Bewusstsein oder Erleben besitzt. Die philosophische Richtung ist relativ wenig bekannt, doch unter ihren Anhängern finden sich große Denker wie Albert Einstein.

Laut dem modernen Panpsychismus hat jedes Stück Materie eine Art Vorstufe des Bewusstseins. In komplexen Organismen wie Tieren und Menschen wirken diese "proto-mentalen Zustände" zusammen und lassen eine Identität entstehen. Somit bestünde auch hier kein fundamentaler Unterschied mehr zwischen Lebewesen und unbelebter Materie.

Obwohl religiöse Menschen mit einer derartigen Vorstellung sicher ihre Schwierigkeiten haben werden: Für die Frage nach dem Leben nach dem Tod hat diese Ansicht Konsequenzen. Wir können nämlich zu dem Schluss kommen: Auch wenn wir nach dem Tod kein Lebewesen im Sinne der Biologie mehr sind, besitzt die Materie, aus der wir bestanden, weiterhin eine Art Erleben.

Denn wenn das Bewusstsein gar nichts Besonderes, sondern eine Eigenschaft der Materie selbst ist, dann kann man selbst als Materialist die Frage nach dem "Bewusstsein nach dem Tod" positiv beantworten. Man braucht gar nicht an eine "geistige Welt" oder eine "höhere Macht" zu glauben, um dennoch ein Weiterleben für möglich zu halten. Damit können auch Atheisten auf ein Leben nach dem Tod hoffen.

Auch für Atheisten geht das Licht vielleicht nicht einfach aus

Wir können den Gedankengang so zusammenfassen: Beim Tod löst sich zwar die Struktur unseres Organismus auf. Doch wir sind auch als Lebewesen Teil der physikalischen, materiellen Welt und bleiben dies auch nach dem Tod. Wenn die Materie aber in sich die Möglichkeit eines Bewusstseins trägt, so bleibt diese Möglichkeit für uns auch erhalten.

Es bleiben zwar bei dieser Sichtweise einige Fragen übrig. Wo geht unsere Identität nach dem Tod hin? Zerteilt sie sich in mehrere Identitäten, etwa auf Basis der Atome oder Moleküle, die unseren Körper bildeten? Was kann ein Atom überhaupt erleben? Gibt es eine Möglichkeit, dass die Materie, die aus einem toten Menschen hervorgeht, wieder in die Gruppe der Lebewesen zurückkehrt?

Und: Ist diese Vorstellung überhaupt tröstlich? Es ist schließlich sehr unwahrscheinlich, dass wir nach dieser "Theorie" wieder irgendwann mit menschlichen Eigenschaften weiterleben. Geschweige denn, dass wir wieder auf geliebte Menschen aus dem Leben treffen, wie es von vielen Religionen für möglich gehalten wird.

Dennoch können wir aus dieser Reflexion ersehen, dass selbst aus Sicht des Materialismus und damit der meisten Atheisten nach dem Tod keineswegs zwangsläufig "das Licht ausgehen" muss. Es gibt vielmehr durchaus Möglichkeiten, dass wir weiter eine Art Erlebenswelt oder Bewusstsein besitzen. Nur würde diese höchstwahrscheinlich ganz anders sein, als die eines lebenden Menschen.

Für wen dies zu hart klingt: Es gibt auch Atheisten, die an eine nichtmaterielle Seele oder etwas "Geistiges" glauben. Darunter befindet sich etwa der bedeutende Philosoph der Gegenwart David Chalmers. Nur handelt es sich hier nicht mehr um ein materialistisches Weltbild, sondern um den so genannten Dualismus.

Die Philosophie des Geistes beschäftigt sich mit diesen und anderen Fragestellungen. Sie ist ein hochinteressantes Gebiet, dessen grundlegende Hypothesen auch von Laien gut verstanden werden können. Mit etwas Nachdenken können wir damit unserem Dasein vielleicht ein Stück näher kommen.

Autor seit 4 Jahren
15 Seiten
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