Gib mir deine Hand – Annas Geschichte

Das Buch "Gib mir deine Hand – Annas Geschichte", erklärt in pädagogisch fachgerechter Form, die weder erschreckt, noch die Fakten verschleiert.

Das ganz große Anliegen dieser Arbeit ist, das Kriterium des sexuellen Missbrauchs an Kindern gerade für Kinder klar und verständlich zu machen. Auf diese Weise wird eventuell bereits Betroffenen Mut zur lebenswichtigen Kommunikation gemacht. Darüber hinaus müssen unsere Mitmenschen zu mehr Sensibilität im Umgang mit Missbrauch jeglicher Art zu bewegen sein, ganz besonders aber in Hinblick auf die zunehmende Aggressivität unserer Umwelt und die stetig anwachsende Zahl der sexuellen Übergriffe gegen Kinder und Jugendliche.

Behördlich belegten Schätzungen und Statistiken zufolge wird bereits jedes vierte Mädchen und jeder zwölfte Junge sexuell missbraucht. Es sind also rund dreimal so viel Mädchen betroffen wie Jungen. Umfassende Studien des Familienministeriums ergaben, dass die Wahrscheinlichkeit, dass die sexuellen Straftäter – insgesamt 96,4 Prozent männliche und "nur" 3,6 Prozent weibliche – im engeren Familien- oder Bekanntenkreis zu finden sind, mit gut einem Viertel aller Fälle relativ hoch ist.

Die Autorin Ingrid Brand

Die Autorin Ingrid Brand greift in ihrem Buch etwas auf, das leider Tag für Tag rund um uns herum immer wieder geschieht: Sexueller Missbrauch. Tausende von Kindern sind davon betroffen, denen mit diesem Buch Mut gemacht wird, sich zu öffnen, die Einschüchterung abzuschütteln und zugleich Anleitung zur Selbsthilfe gegeben wird:

Im Anhang des Buchtextes befindet sich zusätzlich eine detaillierte Auflistung von öffentlichen Anlauf- und Beratungsstellen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, an die sich Kinder im Bedarfsfall telefonisch oder per Mail wenden und wo sie sich Hilfe holen können. 

Doch auch alle anderen, zum Glück nicht selbst betroffenen Kinder sollten genau Bescheid wissen, um für dieses Thema nachhaltig sensibilisiert zu werden. Trotz des anrührenden, hochbrisanten Inhalts versteht die Autorin es mit großem Einfühlungsvermögen, die Aussage des Buches auf eine Weise zu vermitteln, dass sie in eine spannende Handlung eingebettet ist und somit kindgerecht transportiert werden kann.

"Ich erachte es als eminent wichtig, bereits die Altersgruppe der Zehn- bis Zwölfjährigen mit der Thematik des sexuellen Missbrauchs zu konfrontieren, um einerseits Hilfestellung im konkreten Bedarfsfall, andererseits Aufklärung und Weckung des Verständnisses im Allgemeinen anzuregen. Ich glaube, dass es mir gelungen ist, dies alles in meinem Buch zum Ausdruck zu bringen", so die Autorin Ingrid Brand.

Und bringt es abschließend auf den Punkt: "Wir können den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen unter Umständen sogar verhindern, wenn wir präventiv entsprechende Informationen geben, nicht wegsehen und jeden Verdachtsfall, wo immer er passiert, sofort melden."

Ingrid Brand ist selbst Mutter von drei Kindern.

Sie lebt in Wien und arbeitet neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit als Journalistin und Lektorin. Sie hat bereits mehrere Kinder- und Jugendbücher zu unterschiedlichen Themen verfasst.

Textauszug aus „Gib mir deine Hand – Annas Geschichte"

Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen habe, als ich plötzlich aufwache. Unten an der Haustür läutet es Sturm.

Es dauert eine ganze Weile, bis ich soweit munter bin, dass ich die zahlreichen Stimmen unterscheiden kann, die gedämpft zu mir heraufdringen. Papa unterhält sich in der Diele angeregt mit den nächtlichen Besuchern.

Entschlossen angle ich nach meinen Pantoffeln, um dann auf leisen Sohlen aus meinem Zimmer bis zum obersten Treppenabsatz zu schleichen. Von hier aus versuche ich zur Eingangstür hinunter zu spähen.

Zu meinem Erstaunen entdecke ich drei Polizisten, die angeregt mit Papa debattieren. Ich lehne mich etwas weiter vor, und nun kann ich deutlich vernehmen: "Es tut mir wirklich sehr leid, lieber Herr Berger, Sie zu so später Stunde noch zu stören, aber der Sachverhalt ist so ernst, dass er keinen Aufschub duldet."

"Sie brauchen sich doch nicht zu entschuldigen, meine Herren", entgegnet mein Vater freundlich. "Ich nehme an, es handelt sich um das gesuchte Mädchen?"

"Ganz recht. Wir haben bis jetzt die Gegend durchstreift, leider erfolglos. Wie Sie vielleicht gehört haben, nahmen die Suchhunde mithilfe eines Kleidungsfetzens des Kindes seine Spur auf. Lange Zeit führten uns die Hunde kreuz und quer durch den Wald, ohne dass wir das Mädchen finden konnten. Wir können uns zwar nicht vorstellen, dass die Kleine freiwillig ins Dorf zurückkehrt, trotzdem führt die Fährte wieder hierher", sagte nun der zweite anwesende Polizist. "Und wissen Sie, was das Seltsame an der ganzen Sache ist? Die Hunde lassen sich nicht davon abbringen, ausgerechnet auf Ihr Grundstück laufen zu wollen! Gerade so, als würde sich das Mädchen hier bei Ihnen aufhalten!"

Einen Moment scheint Papa ratlos. Anna hier bei uns? Das kann auch ich kaum fassen! Niemand hat sie hier gesehen.

Schließlich antwortet Vater: "Im Haus kann sie sich nicht verbergen, andernfalls hätten meine Frau und die Kinder sie längst entdeckt. Da käme allerhöchstens der Garten in Frage!"

"Wenn Sie nichts dagegen haben, würden wir ihn gerne durchsuchen, Herr Berger."

Meinem Papa ist deutlich anzusehen, dass er von der Idee wenig begeistert ist, zu mitternächtlicher Stunde jeden Strauch und jedes Gebüsch zu kontrollieren, lässt aber dann doch überreden. Rasch zieht er einen Mantel über seinen gestreiften Pyjama an, nimmt die Taschenlampe, die stets an einem Haken in der Diele hängt und folgt den Männern hinaus ins Freie.

Wie der Blitz stürze ich in mein Zimmer zurück, wo ich schnell in meine herumliegenden Kleidungsstücke schlüpfe. In der Eile verwechsle ich den linken Schuh mit dem rechten, was mich eine weitere wertvolle Minute kostet. Dann laufe ich die Treppe hinunter, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.

Als ich eben aus der Haustür hinausflitze, sehe ich gerade noch aus den Augenwinkeln, wie meine Mutter, Paul und Bastian ebenfalls aus ihren Zimmern kommen. Ich begnüge mich jedoch damit, ihnen zuzurufen, dass Papa mit der Polizei schon draußen ist, dann renne ich auch schon über den Kiesweg Richtung Obstgarten davon.

Ein Stück vor mir kann ich wenig später die hellen Lichtkegel der Taschenlampen ausmachen, die die Männer in den Händen halten. Sofort bremse ich meinen Lauf, denn der Kies knirscht höchst verräterisch. Auf Zehenspitzen schleiche ich dann näher. Ich befürchte nämlich, dass man mich gnadenlos ins Haus zurückschicken wird, sollten sie mich bei meinem unerlaubten Tun erwischen, ein Umstand, mit dem man meiner Erfahrung nach als Kind bei Erwachsenen leider immer rechnen muss!

Die Dunkelheit zwischen den Bäumen kommt mir aber sehr gelegen. Zwar muss ich fürchterlich aufpassen, um nicht zu stolpern, doch ist es auch kaum möglich, mich zu entdecken. Vorsichtshalber ducke ich mich hinter einen großen Fliederstrauch seitlich des Weges.

Schnauben und leises Winseln dringt bis in mein Versteck. Das müssen die Suchhunde sein! Eigentlich seltsam, denke ich mir, dass die Tiere ausgerechnet bis hierher Annas Spur verfolgt haben. Kann es denn sein, dass sie wirklich hier bei uns ist? Und wenn ja, wo steckt sie dann?

Darüber grüble ich noch nach, als plötzlich etwas passiert. Große Aufregung macht sich unter den Hunden breit! Allem Anschein nach haben sie etwas gewittert, denn sie stürmen nun schwanzwedelnd mit den Nasen dicht auf dem Boden voran.

Meine Neugier ist kaum mehr zu zügeln, und ohne auf eventuelles Entdeckt werden weiter Rücksicht zu nehmen, laufe ich meinem Vater und den Polizisten hinterher in den rückwärtigen Teil des Gartens.

Noch während ich so dahinrenne, durchzuckt mich blitzartig mit einem Mal die Erkenntnis!

Das Baumhaus. Anna ist im Baumhaus!

Als ob ich tatsächlich hellseherische Fähigkeiten hätte, macht die Hundemeute schnaubend unter unserem Gemeinschaftsbauwerk Halt. Bellend versuchen die Tiere, die wackelige Holzleiter hochzuklettern, was ihnen aber zum Glück misslingt. So begnügen sie sich schließlich damit, unter lautem Kläffen und Jaulen unermüdlich den mächtigen Baumstamm zu umrunden und an ihm hinaufzuspringen.

Der glühende Wunsch, meiner Freundin Anna zu Hilfe zu kommen, gibt mir den Mut, mich an meinem Vater und den erstaunten Polizeibeamten vorbei zu drängen. Bevor auch nur irgendjemand zu einer Reaktion fähig ist, habe ich bereits die Leiter erreicht. So schnell ich kann steige ich Sprosse für Sprosse aufwärts und verschwinde auf allen vieren kriechend in unserer Hütte.

Im schwachen Schein der nach oben gerichteten Taschenlampen erkenne ich eine klein zusammengekauerte Gestalt im entferntesten Winkel des Raumes. Langsam komme ich näher und sehe in angstvoll aufgerissene Augen. Vorsichtig hocke ich mich auf den Bretterboden neben das zitternde Mädchen und flüstere: "Du brauchst dich nicht zu fürchten, Anna, du bist bei uns in Sicherheit. Wir alle werden dir helfen. Niemand wird dir mehr etwas zuleide tun, das verspreche ich."

Zuerst geschieht nichts. Anna starrt mich weiter an ohne ein Zeichen von Verständnis, so als ob sie meine Sprache gar nicht verstehen könnte. Noch einmal lege ich alle Freundschaft und Zuneigung in meine Stimme, strecke meinen Arm aus und sage eindringlich: "Vertrau mir doch bitte. Komm, gib mir deine Hand, Anna!"

Meine Zuversicht will mich schon verlassen, als plötzlich doch noch das Wunder geschieht. Zaghaft gleitet die Andeutung eines Lächelns über Annas schmutzverkrustetes Gesicht. Zögernd erhebt sich das Mädchen und greift nach meinen noch immer ausgestreckten Fingern. Wir gehen Hand in Hand zur Leiter und klettern nacheinander hinab.

Verblüffte Blicke und total überraschte Mienen empfangen uns unten. Bis auf das Winseln der an der kurzen Leine gehaltenen Suchhunde bleibt alles still. Niemand hält uns auf, als ich mit Anna an ihnen allen vorbei zum Haus zurückgehe.

Noch bevor wir dort anlangen, kommt uns Mama mit ausgebreiteten Armen entgegen. Sie zieht Anna an ihre Brust und sagt mit vor Rührung vibrierender Stimme: "Sei uns herzlich willkommen, mein Kind!"

Das Buch beim Buschfeuer Verlag

 

 

Bestellungen für "Gib mir deine Hand: Annas Geschichte" direkt auf der verlagseigenen Homepage: www.buschfeuerverlag.com oder unter E-Mail: office@buschfeuerverlag.com (gegen Rechnung zum Preis von 9,90 Euro).

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