Tim Powers

Tim Powers bei einer Podiumsdiskussion (Bild: Foto: Nina Horvath)

Die Vorreiter und Anfänge des Steampunk

Jules Vernes Bücher sind die Wegbereiter der heutigen Steampunk-Bewegung

Die Vorläufer des Steampunk sind in der Literatur zu finden. In diesem Zusammenhang werden insbesondere die Werke "20.000 Meilen unter dem Meer" von Jules Verne (*1828 † 1905) und "Die Zeitmaschine" von H.G. Wells (*1866 † 1946) häufig genannt.

Der Begriff Steampunk entstand jedoch erst 1987 durch die Bitte des Britischen Autors K.W. Jeter an das SF-Magazine Locus, seine Werke sowie die seiner Schriftstellerkollegen Tim Powers und James Blaylock eben jenem Genre zu zuschreiben.

Obwohl es im Anschluss durchaus einzelne Veröffentlichungen und Kinofilme gab, die dem Steampunk zugeordnet werden können, fand das Genre lange Zeit keine Erwähnung mehr. Auch wenn die Filme wie beispielsweise "Wild Wild West" sicherlich vielen ein Begriff sind, so ist die Bezeichnung Steampunk heute noch weitestgehend unbekannt. Dennoch erfreut sich die retrofuturistische Subkultur wachsender Beliebtheit und entwickelt sich stetig weiter. Insbesondere, nachdem es Anfang des 21. Jahrhunderts erste Steampunk ähnliche Kunstwerke auf dem Kunstfestival Burning Man zu sehen gab. Dadurch wird bereits die besondere Komponente der Steampunk-Bewegung deutlich – die Kreativität und auch die damit verbundene Do-it-yourself-Mentalität.

Grenzenloser Erfindergeist kontert die Wegwerfgesellschaft - Neue Technik erhält ein nostalgisches Design

Der größte Flatscreen oder das neueste iPhone sind für viele ein Muss. Wer die technologischen Modeneuheiten nicht kurz nach der Markteinführung in seinem Besitz hat, der wird von der Allgemeinheit flugs als Außenseiter abgestempelt.

Steampunks wollen nicht der breiten Masse angehören. Sie verweigern sich der heutigen Wegwerfgesellschaft. Dabei sind sie keineswegs technikfeindlich eingestellt. Viel mehr stören sie sich an den kalten Hüllen, befüllt mit scheinbar unnahbarer Technologie, die letztendlich nur das kann, was der Massen-Hersteller zuvor bestimmt hat. Geräte mit kurzer Lebensdauer, da ihnen diese von vornherein mit eingebaut wird, damit der Konsument sein Geld für das schon bald auf dem Markt befindliche Nachfolgemodell ausgibt. Telefone und Computer, die möglichst geräuschlos immer mehr überflüssige Anwendungen beinhalten. Uhren, die zwar die Zeit anzeigen, aber ohne tickendes Geräusch auskommen.

Steampunks sind retrofuturistische Nostalgiker. In ihnen steckt der "Punk". Sie mögen mechanische Maschinen und Gebrauchsgegenstände, die noch klappern und sie bevorzugen Dinge, die neben ihrem Nutzen Beständigkeit aufweisen.

Inspiriert von der bereits erwähnten Literatur von Jules Verne, wird ihr Erfindergeist angetrieben. Sie erfinden und bauen Phantasieobjekte.

So lassen sich beispielsweise mit einem Ikonograph Fotogramme erstellen. In der von der Elektronik bestimmten Moderne bekommt man seine Fotografien hingegen mithilfe eines Fotoapparates.

Wissen Sie, was ein Informationskabinett ist?

Hierbei handelt es sich um ein Aufbewahrungskästchen für Informationen und wird im Volksmund auch USB-Stick genannt.

Plastikgehäuse werden durch Holz, Kupfer und Messing ersetzt und erhalten dadurch einen nostalgischen Flair. Plasma-Fernseher bekommen einen Zierschornstein und Smartphones eine Antriebskurbel. Zahnräder und Ornamente verzieren herkömmliche Musikinstrumente. USB-Sticks hüllen sich in  einem mechanischen Kupfergehäuse.

Der Fantasie sind wenige Grenzen gesetzt, um Kunst und Handwerk miteinander zu verbinden. Jeder von ihnen scheint dabei ein einzelnes Zahnrad zu sein, das sich mit den anderen verbindet, die Zahnräder somit in einander übergreifen, um etwas Großes in Bewegung zu setzen. Steampunks sind jedoch keine verrückten Wissenschaftler.

Nachfolgend zwei Videos (leider nur auf Englisch), in denen die Kreativität und der Erfindergeist besser wiedergegeben werden, als ich es jemals beschreiben könnte.

Steampunk on MAKE - Dieses Video zeigt, was beim Steampunk alles möglich ist.
USB-Stick im Steampunk-Design - Dieses Video zeigt, wie ein Informationskabinett funktioniert.

Die Kreativität zeigt sich auch in der Kleidung. Sie ist von viktorianischen Einflüssen geprägt, zumeist stilvoll, elegant und adelig. Dies ist allerdings kein Muss. Denn der "Punk" im Steampunk ist niemand, der festgelegten Regeln hinterher marschiert.

Häufige Bestandteile der Steampunk-Kostüme sind beispielsweise Zylinder und Googles (nein, es ist keine gewisse Suchmaschine gemeint, sondern kunstvoll gestaltete Brillen, die eher zur Zierde und weniger als Sehhilfe gedacht sind). Taschenuhren werden von Männern und Frauen gleichermaßen getragen. Schließlich gab es im 19. Jahrhundert noch keine Armbanduhren, welche auch nicht in die Steampunk-Ideologie passen würden.

Auch im Bezug auf die richtige Garderobe habe ich ein englischsprachiges Video gefunden. In dem wird anschaulich erklärt, wie man mit einfachen Mitteln ein Steampunk-Gewand basteln kann.

Easy Steampunk Clothing and Costumes

Das Viktorianische Zeitalter

Inspiriert von einer Zeit der Industrialisierung und der Dampfkraft

Das viktorianische Zeitalter ist nach Queen Viktoria (*1819 † 1901) benannt. Seit ihrer Krönung am 20. Juni 1837 saß sie über 60 Jahre auf dem Thron und führte eine weitestgehend friedliche Regentschaft. In diese Epoche fiel unter anderem auch die industrielle Revolution. England entwickelte sich zur führenden Wirtschaftsmacht. Die handwerkliche Produktion wandelte sich in eine industrielle. Dadurch wurde auch der Export angekurbelt. Die Bevölkerungsdichte in England verdoppelte sich. Dies zog einen verstärkten Import von Nahrungsmitteln und Rohstoffen nach sich.

Während sich in England das Wahlrecht schrittweise ausweitete, verlor die Monarchie immer mehr ihre Macht an die Industriellen, Handelsgewerkschaften und Politiker. Trotz dieses Wandels wurde weiterhin an bürgerlichen Traditionen festgehalten.

Steampunk ist keine Modeerscheinung

Es ist weit mehr als nur Kunst und Romantik - Steampunk ist eine Lebensphilosophie

Steampunks sind eine Gruppe abseits der breiten Masse, die sich gegen die heutige schnelllebige Wegwerfgesellschaft auflehnen. Man könnte sie als Rebellen der Neuzeit bezeichnen. Jedoch belassen sie es nicht bei der bloßen Rebellion, sondern zeigen zugleich, wie sie sich die Welt vorstellen. Eine Industrie, bei der die Kunst mit dem Handwerk eng verknüpft ist und beständige Erzeugnisse hervorbringt. Steampunks lassen sich vom Viktorianischen Zeitalter inspirieren und sie romantisieren jene Epoche.

Dies spiegelt sich nicht nur in der Affinität zu Dampfmaschinen, Zahnrädern und Eisenbahnen wieder. Oder in den Maschinen und Gebrauchsgegenständen, denen sie künstlerisch eine imaginäre Historie einhauchen. Auch nicht nur in der viktorianisch geprägten Kleidung, welche mit fantasievollen Accessoires bestückt sind.

Vor allem, und das ist vermutlich die Grundlage dieser Subkultur, ist Steampunk eine Lebenseinstellung. Ein Lebensgefühl, das die Sehnsucht nach dem Vergangenen enthält. Die Romantik jener Zeit, wie auch die damaligen Umgangsformen. Beseelte Maschinen, denen man beim Arbeiten zusehen und zuhören kann. Sie sind eine Gruppe retrofuturistischer Nostalgiker, die das Greifbare und Dauerhafte lieben und die heutige Wegwerftechnik mit stetig sinkender Qualität missbilligen. Dennoch sind Steampunks keineswegs weltfremd. Sie sind anders.

Die Subkultur in der Subkultur - In Deutschland ist Steampunk ein Teil der Schwarzen Szene

Während die Steampunk-Bewegung in England eine eigenständige Subkultur darstellt, hat sie sich in Deutschland als Teil der Gothic-Szene etabliert.

Vermutlich hängt dies mit der generellen Lebenseinstellung zusammen. Denn auch in der Schwarzen Szene herrscht eine gewisse Abneigung gegen den heutigen Technikwahn. Es muss nicht immer das Neueste vom Neuen sein. Erst recht nicht, wenn das Alte noch funktioniert. Modeerscheinungen ziehen rasant an uns vorbei, wiederholen sich gelegentlich und ziehen erneut davon. Und alle rennen pausenlos hinterher.

Die Menschen in der Schwarzen Szene weigern sich stets nur das zu tun, was alle anderen vor machen. Sie schwimmen gegen den Strom und entdecken ihren eigenen Weg.

Auch sind in der Schwarzen Szene, insbesondere im Gothic, viele Kreative zu finden. Leute, die sich ihre Kleidung selbst entwerfen und schneidern. Viktorianische Garderobe ist im Gothic weitverbreitet und beliebt. Stilelemente beider Bewegungen gehen in einander über, vermischen sich und sorgen somit auch für eine ergänzende Entwicklung.

Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen der Schwarzen Szene und den Steampunks ist die menschliche Komponente. Respekt, Toleranz, Ehrlichkeit sind nur drei Eigenschaften, die in jenen Subkulturen eine große Rolle spielen. Es wird hier allerdings nicht nur davon geredet und geträumt, sondern vor allem in die Tat umgesetzt.

Auf musikalischem Gebiet hat der Steampunk nur wenig anzubieten. Mit Coppelius gibt es in Deutschland eine Band, die sowohl der Steampunk-Bewegung, wie auch der Gothic-Szene zu zuordnen ist.

Steampunks sind allerdings nicht die einzigen Retro-Futuristen. Daneben gibt es beispielsweise auch Dieselpunks. Wie der Name bereits vermuten lässt, gedeiht ihre Inspiration nicht auf der Dampfmaschine, dem Dieselmotor und bezieht sich zudem auf den zeitlichen Zeitraum zwischen den Jahren 1920 und 1945.

Die Jahre 1945 bis 1965 werden von den Atompunks bevorzugt. Worauf sich ihre Ansichten beziehen, ist ebenfalls leicht zu erraten.

Clockpunk ist hingegen eine Untergruppe des Steampunk. Hier spielt die Dampfkraft allerdings eine untergeordnete Rolle. Dafür stehen Aufzieh- und Uhrwerkmechanismen im Vordergrund.

Gaslicht-Romantiker sind ebenfalls dem Steampunk zu zuordnen, jedoch weniger fortschrittlich und sie lassen sich in keine alternative Zeitzone einordnen.

Daneben gibt es noch die DIY-Steampunks. Sie erschaffen dahingegen nichts Neues, sondern reparieren und recyceln alte technische Gerätschaften. Daraus entstehen langfristig nutzbare Geräte.

Wie tauschen sich Steampunks aus?

Zwar basteln und tüfteln Retrofuturisten überwiegend im Alleingang an ihren Projekten, sind aber beileibe keine Einzelgänger. Allerdings gilt es auch in dieser parallelen Welt weite Entfernungen zu überwinden. Am liebsten würden Steampunks sicherlich das Luftschiff verwenden, um einen Gleichgesinnten für ein anregendes Gespräch aufzusuchen. Doch sie haben einen anderen Weg gefunden. Einen, der die gesamte Steampunk-Gemeinde miteinander verbindet. Sie nutzen das Äther-Netz (im Allgemeinen auch als Internet geläufig). So trifft sich beispielsweise die "Deutsche Steampunk Gesellschaft" im Rauchersalon. Dies ist das Forum der Äther-Netz-Seite Clockworker, auf der es regelmäßig die neuesten Informationen zu lesen gibt. Foto von der Eurosteamcon in Wien, September 2012Ja, selbst in einem uns allen bekannten großen Sozialen-Netzwerk sind die Retro-Futuristen vertreten. Es sind Möglichkeiten, um miteinander zu kommunizieren. Eine persönliche Begegnung ersetzt dies allerdings nicht.

Doch auch dafür hat diese Subkultur eine Lösung gefunden. Es werden nationale und internationale sogenannte Convention organisiert, bei denen neben den Steampunks häufig auch die oben erwähnten Retro-Futuristen vertreten sind.

In den Sommermonaten kommen Steampunks gerne bei einem Picknick zusammen. Ein Beispiel dafür ist das am 07. Juli in Wien stattfindende Steampunk-Picknick. Eine solche Form der Zusammenkunft bezeugt erneut die romantische Seite der Retro-Futuristen. Der Ursprung dieser Subkultur wird bei der Gelegenheit ebenso gewürdigt, indem Autoren aus ihren Werken vorlesen.

Wer ebenfalls eine Vorliebe für das viktorianische Zeitalter, für Dampfmaschinen, Uhrwerke, Luftschiffe und Zahnräder, für Jules Verne hat, oder einfach nur neugierig geworden ist, sollte sich nicht scheuen, solche Veranstaltungen aufzusuchen. Eine entsprechende Kostümierung ist dabei kein Zwang.

Literarisches Steampunk-Picknick

Literarisches Steampunk-Picknick (Bild: Foto: Claudia Toman)

Ich bedanke mich bei Claudia Toman und Markus Bayr für das zur Verfügungstellen der im Text verwendeten Bilder und insbesondere bei Nina Horvath, die neben Fotos auch ihr Wissen beigesteuert hat.

Donnaya, am 23.06.2013
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