Ein Denkmal besonderer Art - . . . in Messing geschlagen und auf Stein gesetzt

 

In vielen Städten sind sie heute anzutreffen: in den Bürgersteig vor Hauseingangsbereichen eingelassene goldfarbene Stolpersteine in Pflastersteingröße. Ihre Oberfläche besteht aus Messing und weist in klarer Schrift knapp und deutlich eingraviert auf das Schicksal einst in diesem Haus wohnender Menschen hin. Die Steine schließen plan mit dem Trottoir ab, niemand stolpert physisch über sie. Stolpersteine sollen im Kopf ein Innehalten bewirken.

Der Künstler Gunter Demnig möchte mit Stolpersteinen an Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Vor dem letzten freiwillig gewählten Wohnsitz dieser später meistens deportierten und ermordeten oder verschollenen Personen erinnern die kleinen Gedenktafeln an sie. Nach so langer Zeit wird sich kaum noch jemand persönlich an die genannten Bewohner erinnern, doch vermitteln die Aussagen auf Stolpersteinen auch unbekannterweise in ihrer Deutlichkeit nachdenkliches Mitgefühl. Stets beginnt eine Inschrift mit "Hier wohnte", es folgen Name und Geburtsjahr, setzt häufig mit dem Tag und Zielort einer Deportation fort, um danach mit dem Datum und Ort des brutalen Lebensendes oder der ungeklärten weiteren Lebensgeschichte zu schließen. Letzteres ist eher selten – die Nazis haben über den Tod genau Buch geführt.

Die Stolpersteine berücksichtigen sämtliche von den Verfolgungen des Naziregimes betroffenen Personengruppen wie Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Euthanasieopfer oder politisch Andersdenkende.

Steine des Anstoßes

Gunter Demnigs Kunstprojekt fand neben überwiegender Zustimmung allerdings auch Kritik. Selbst Angehörige der vom Naziregime drangsalierten Bevölkerungsgruppen äußerten sich ablehnend. So empfand Charlotte Knobloch, ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, es als unerträglich, dass auf den Namen ermordeter Juden auf in den Boden eingelassenen Tafeln "herumgetreten" würde. Dieser Auffassung schlossen sich einige Städte später an und verweigerten das Verlegen der Steine. In Hannover konnten vor ein paar Jahren die ersten Steine verlegt werden – nachdem der Bürgermeister gewechselt hatte. Im Zentralrat der Juden in Deutschland gibt es auch positive Stimmen zum Projekt der Stolpersteine wie die von Vizepräsident Salomon Korn.

Die Ungeheuerlichkeit der damaligen Geschehnisse erhält durch das Verlegen der Stolpersteine eine stete Präsenz im Alltag. Die Steine sind gut zu erkennen, aber sie dominieren nicht die Umgebung. Sie laden zum Anhalten bis Verweilen und Innehalten oder zum Gedenken ein. Sie können "übergangen" werden von denjenigen, die ignorant oder gerade in Eile sind. Sie warten geduldig auf diejenigen, die noch einmal umkehren oder vielleicht erst nach Tagen oder Wochen zurückkommen, weil sie die Steine in Gedanken nicht mehr loslassen. Stolpersteine stören Ewiggestrige und Neonazis, weil sie zwar dezent sind, aber nicht zu übersehen. Nein, es darf nicht endlich mal gut sein mit dem Allen und es gilt weiter, diese schreckliche Phase in der deutschen Geschichte unvergessen zu halten in der Hoffnung, dass sich Ähnliches nicht irgendwann wiederholt. Zeitzeugen werden sich bald nicht mehr äußern können – die Stolpersteine knüpfen Erinnerungen an damalige Mitbürger.

Selektion von Opfern?

Vor Kurzem gab es in Hannover einen neuen Disput. Die Verlegung eines Stolpersteins für den damals rechtzeitig nach Brasilien emigrierten jüdischen Kinderarzt Dr. Walter Sochaczewski wurde von der Stadtverwaltung abgelehnt mit der Begründung, der Mann habe schließlich den Holocaust überlebt. Ist er deswegen nun ein NS-Opfer zweiter Klasse oder niedrigerer Kategorie? Wird ihm vorgeworfen, dass er am Leben blieb und erst 1950 als freier Mann verstorben ist? Eine Emigration in einer solchen Situation stellt eine Flucht dar und geschieht ursprünglich ungewollt aufgrund fremder Einflussnahme unter Bedrohung des persönlichen Lebens. Es ist für den Opferstatus dabei auch zu vernachlässigen, ob ein Emigrant unter solchen Umständen seinen materiellen Besitz aufgeben musste oder etwas in seine neue Existenz hinüberretten konnte. Die Stadtverwaltung blieb bei ihrer Ansicht, dass Stolpersteine nur Todesopfern vorbehalten seien. Gunter Demnig als Initiator sieht darin eine Einmischung in sein Konzept, wie er es in keiner anderen Stadt erleben musste. Die inzwischen 88-jährige Tochter des Kinderarztes appellierte an die Stadt und der Künstler entschied, notfalls den Stein für ihren Vater eigenmächtig ohne Erlaubnis vor dem früheren Wohnhaus zu verlegen. So weit wird es nun doch nicht kommen. Die Verwaltung hat den Kreis der von ihr als würdig genug für die Zuerkennung eines Stolpersteins Befundenen erweitert. Im Oktober 2011 soll der Stein im Beisein der Tochter des Opfers endlich verlegt werden.

Entlarvende Gedankengänge

Ein unangenehmer Beigeschmack bleibt. Das Ereignis regte Diskussionen an, wer künftig noch als NS-Opfer zu betrachten sei. Mussten nicht auch deutsche Soldaten viel erdulden und haben einen Stolperstein verdient? Diese Argumentation wurde zum Glück gestoppt, bevor sie Fahrt aufnehmen konnte. NS-Opfer mit Soldaten auf eine Stufe zu stellen ist zynisch. Als Maßstab angebracht sind hier tatsächlich die seinerzeit von den Nazis aufgestellten Abgrenzungskriterien.

Inzwischen existieren an so vielen Orten Deutschlands verlegte Stolpersteine, dass dieser Erfolg gleichzeitig zum Problem wurde. So galt das Projekt von Gunter Demnig beispielsweise dem Finanzamt nicht mehr als Kunst, sondern Gewerbe, und es wollte entsprechende Steuereinnahmen generieren. Könnte als Bestandteil dieses erfolgreichen und viel diskutierten Kunstprojekts, das nun als Industrie gelten soll, nicht als weiteres künstlerisches Argument angeführt werden, dass im Dritten Reich die Vernichtung menschlichen Lebens ebenfalls industrielle Ausmaße angenommen hatte?

Die Steine gaben außerdem Anstoß zur Kritik, es gebe mittlerweile ja Unmengen davon, überall! Es gab viele Opfer in jener Zeit, deren Zahl sich in der Größenordnung niemand wirklich bildlich vorstellen kann. Die weitverbreiteten kleinen Gedenktafeln aus Messing versuchen, wenigstens ansatzweise etwas von der Zahl der Opfer sichtbar zu machen. Dabei repräsentieren sie nur eine Minderheit der Opfer.

Textdompteuse, am 03.08.2011
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