Eichhörnchen (Bild: 54118/Pixabay.com)

Meerschweinchen (Bild: beeki/Pixabay.com)

Speziesismus

Sowohl in der Wissenschaft als auch in der Tierbefreiungsbewegung und Tierethik wird die Diskriminierung von Tieren durch den Menschen als Speziesismus bezeichnet, und es werden in diesem Zusammenhang Parallelen zum Rassismus und Sexismus gezogen. Das heißt: Zum einen können Lebewesen aufgrund ihrer Rassen- oder Geschlechtszugehörigkeit diskriminiert werden, zum anderen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit, also aufgrund der biologischen Spezies, der sie angehören. Von den Gegnern des Speziesismus, den Antispeziesisten, wird folglich die Auffassung vertreten, dass wir, ebenso wie wir Menschen aufgrund ihrer Rasse- oder Geschlechtszugehörigkeit nicht diskriminieren dürfen, auch nicht berechtigt seien, die vorhandenen Interessen von Lebewesen deshalb geringer zu schätzen, weil sie zu einer anderen biologischen Gattung gehören. Hier wird deshalb auch davon ausgegangen, dass die Unterteilung in Spezies ein soziokulturelles Konstrukt sei. Das heißt: Die Vorstellungen von "dem Menschen" und von "dem Tier" sind Metaphern und als solche realitätsfremd, da es "den Menschen" und "das Tier" nicht gibt. Ferner wird betont, dass auch Menschen "bloß" Tiere seien und dass deshalb zur Bezeichnung der Tierwelt der Ausdruck "nichtmenschliche Tiere" angemessener sei. Außerdem fordern die Antispeziesisten, dass der Begriff "tierisch" wegen seiner negativen Konnotationen durch den Begriff "tierlich" ersetzt werden sollte.

Esel (Bild: tpsdave/Pixabay.com)

Ziegenböcke (Bild: PeterDargatz/Pixabay.com)

Der Dualismus von Natur und Kultur

Die Diskriminierung der Tiere und auch bestimmter Gruppierungen von Menschen beruht auf der tiefenkulturell verankerten, d.h., im kollektiven Denken der Gesellschaft verwurzelten, Gegenüberstellung von Natur und Kultur als zweier unvereinbarer Gegensätze, und ist somit das Resultat der bisherigen Entwicklungsgeschichte der Menschheit.  Im Verlauf dieses Entwicklungsprozesses hat sich mit anderen Worten die Vorstellung vom Tier als bewusstloser Naturprozess und damit als Kontrast zum ‚Kulturwesen Mensch' herausgebildet. Es wurde eine Beziehung hergestellt zwischen dem Menschen und den Kategorien des Geistes, der Kultur, der Seele, und der Moral, während dem Tier die Materie, die Natur, der Trieb, der Körper, und der Instinkt zugeordnet wurden. Und zwar gipfelte diese Entwicklung in den verhängnisvollen Ansichten des Philosophen René Descartes (1596-1650). So verband Descartes seine Entgegensetzung von Geist/Denken (res cogitans) einerseits und Körper/Materie (res extensa) andererseits mit der Vorstellung, der Mensch sei Bewohner beider Welten, während Tiere aufgrund ihres Vernunftmangels nur Bewohner der materiellen Welt seien. Durch solches Gedankengut degradierte er das Tier zu einem seelen- und empfindungslosen Automaten und schuf damit die Legitimationsgrundlage für die spätere industrielle Massenausbeutung der Tiere. Und diese Auffassung des Tieres als "zivilisationsfeindlich" diente als Folie für die Legitimation menschenbezogener ‚natürlicher' Hierarchien, Ausbeutungs- und Gewaltstrukturen. Diese wurden also in der Mensch-Tier-Beziehung eingeübt und schließlich in der Mensch-Mensch-Beziehung reproduziert. Resultat war der Dualismus von Eigengruppe/Fremdgruppe, also die Aufwertung der "ingroup" und die Abwertung der "outgroup". Die dualistische Welteinteilung führte folglich vom Dualismus Kultur-Natur über den Dualismus Mensch-Tier, also den Speziesismus, hin zum Dualismus Eigengruppe/Fremdgruppe und damit zu rassistischen bzw. sexistischen Ideologien.

Die Affinität zwischen Speziesismus und Rassismus

In Kanada hat eine neue Studie mit weißen Kindern als Probanden die starke Affinität zwischen Speziesismus und Rassismus eindrucksvoll dokumentiert. Und zwar wurden den Kindern Bilder von Menschen verschiedener Hautfarbe und von verschiedenen Tieren gezeigt, und sie erhielten die Anweisung, den dargestellten Lebewesen typisch menschliche sowie nicht menschenspezifische Emotionen und Persönlichkeitszüge zuordnen. In der Studie wurden zwei Thesen bestätigt: 1. Die Wahrnehmung einer großen Kluft zwischen Menschen und nichtmenschlichen Tieren fördert auch Vorurteile gegenüber menschlichen "outgroups", also gegenüber Ausgegrenzten und Minderheiten; 2. Diese Vorurteilsbildung geht einher mit der Dehumanisierung bzw. Animalisierung der "outgroups", und diese Entmenschlichung ist wiederum eine direkte Folge der Abwertung nichtmenschlicher Tiere im Vergleich zu Menschen. Ausgrenzung und Rassismus gegenüber Minderheiten basieren also auf der Entmenschlichung dieser Gruppierungen, aber diese Entmenschlichung ist nur möglich, wenn von einer inhärenten Minderwertigkeit nichtmenschlicher Tiere ausgegangen wird. So zeigten jene Kinder, die am stärksten den Unterschied und die Höherwertigkeit der Menschen gegenüber anderen Tieren betonten, gleichzeitig den höchsten Grad an Entmenschlichung von Menschen mit schwarzer Hautfarbe, d.h. sie ordneten diesen Menschen tendenziell weniger menschliche und mehr "tierische" Attribute zu, und das führte wiederum zu größeren Vorurteilen gegenüber diesen Menschen. Und zwar hatten die Kinder – das war ein weiteres Resultat der Studie - diese Einstellungen von ihren Eltern übernommen.

Elefanten (Bild: tpsdave/Pixabay.com)

Die Affinität zwischen Speziesismus und Sexismus

Die jahrtausendealte Ausgrenzung und Diskriminierung der Frau, der Sexismus, resultiert aus der Weiterentwicklung des Mensch-Tier-Dualismus zum Dualismus Mann – Geist/Vernunft versus Frau – Körper/Instinkt. Es wurden also der Frau "tierähnliche" Eigenschaften zugeschrieben. So heißt es in einem "Gutachten" über die geistigen Fähigkeiten der Frau, das der Arzt und Psychiater Paul J. Möbius 1907 verfasst hat: "Der Instinkt nun macht das Weib tierähnlich, unselbstständig, sicher und heiter (…) Mit dieser Tierähnlichkeit hängen sehr viele weibliche Eigenschaften zusammen. Zunächst der Mangel eignen Urteils (…) Wie die Tiere seit undenklichen Zeiten immer dasselbe tun, so würde auch das menschliche Geschlecht, wenn es nur Weiber gäbe, in seinem Urzustand geblieben sein. Aller Fortschritt geht vom Manne aus." Sowie: "Wäre das Weib nicht körperlich und geistig schwach, wäre es nicht in der Regel durch die Umstände unschädlich gemacht, so wäre es höchst gefährlich." (Zitiert nach: http://www.tierrettungev.de/page/?p=313) Solche Aussagen sind sicherlich an Sexismus nicht zu überbieten, und es ist leider davon auszugehen, dass solche Vorstellungen allen Bemühungen um die Emanzipation der Frau zum Trotz in manchen männlichen Hinterköpfen immer noch "herumspuken".

Frau und Natur (Bild: OpenClips/Pixabay.com)

Zwei "Feindbilder" vereint (Bild: PublicDomain/Pictures/Pixabay.com)

Die Befreiung von Mensch und Tier

Bleibt die Frage, welche Wege es gibt, um die Geringschätzung des Tieres durch den Menschen und deren unliebsame Auswirkungen auch auf zwischenmenschliche Beziehungen zu überwinden. Die politische Tierbefreiungsbewegung fordert eine historisch-materialistische Betrachtung des Mensch-Tier-Verhältnisses, wonach Menschen und Tiere sozusagen "im selben Boot sitzen". Demzufolge unterliegen in der kapitalistischen Warengesellschaft Menschen und Tiere derselben Verwertungslogik und werden durch diese gleichermaßen versklavt und ausgebeutet. Daher müsste es das Anliegen jeder emanzipatorischen Bewegung mit dem Ziel einer befreiten Gesellschaft sein, für die Befreiung beider zu kämpfen. Die politische Tierbefreiungsbewegung sieht sich mit anderen Worten als soziale Bewegung innerhalb der Linken, die fordert, das traditionelle linke Solidaritätskonzept um die Solidarität mit den Tieren zu erweitern. In dieser Sichtweise ist der Kampf für die Befreiung der Tiere ein Teilaspekt des Kampfes für eine klassenlose, ausbeutungsfreie, antikapitalistische Gesellschaft. Für die politische Tierbefreiungsbewegung kann also die Ausbeutung von Tieren nicht getrennt von kapitalistischen Verhältnissen gesehen werden, so dass die Befreiung der Tiere ebenso wie die Befreiung des Menschen auch nur im Zuge der Überwindung des Kapitalismus geschehen kann.

Kuh (Bild: joami/Pixabay.com)

"Tierliche Gemeinschaft" (Bild: PublicDomainPictures/Pixabay.com)

Die Macht der Sprache und der Bilder

Maßnahmen gegen die Diskriminierung der Tiere und deren unliebsame Begleiterscheinungen, die wahrscheinlich schneller wirken als politische Kampagnen, könnten sich der Macht der Sprache und der von dieser produzierten Bilder bedienen. So kann eine Sprache, die negative menschliche Eigenschaften Tieren "andichtet", damit bestimmte Vorstellungen von Tieren verbreitet und damit auch der Diskriminierung von Menschen Vorschub leistet, auch "umgekehrt funktionieren", kann also auch dazu eingesetzt werden, um der Diskriminierung von "Mensch und Tier" entgegenzuwirken. So wurden im Kontext der kanadischen Studie, über die ich weiter oben berichtet habe, Experimente durchgeführt, in denen durch die Demonstration, wie menschenähnlich Tiere sind, nicht nur die Aufwertung nichtmenschlicher Tiere im Vergleich zu Menschen erreicht wurde, sondern auch der Abbau von Vorurteilen gegenüber Minderheiten. Ferner wurde die moralische Anteilnahme am Schicksal ausgegrenzter Menschengruppen erhöht.

Statt eines Fazits: Die Geschichte der Kuh Yvonne

Zur Verbesserung des "Images" von Tieren könnten auch Ereignisse wie die um die Kuh Yvonne beitragen, da diese zeigten, welch intellektuelle Höchstleistungen Tiere erbringen können. So war Yvonne 2011 von dem bayrischen Hof, auf dem sie gehalten wurde, "ausgebüxt" und in einem größeren Waldgebiet "untergetaucht", wo sie drei Monate lang immer wieder ihren Verfolgern entkam. Schließlich wurde sie "zum Abschuss freigegeben", weil man fürchtete, sie könnte eine Straße überqueren und dabei ein "kostbares" Auto beschädigen. Daraufhin wurde Yvonne gänzlich unsichtbar, so als ob sie etwas von der tödlichen Gefahr, die ihr drohte, geahnt hätte. Dafür spricht auch, dass sie wieder auftauchte, als die Abschussgenehmigung wieder aufgehoben worden war. Sie fühlte sich anscheinend aber auch einsam, denn sie schloss sich einer Gruppe von Artgenossen an. Es gelang nun auch, sie einzufangen und auf einen Gnadenhof zu bringen, wo sie ihr weiteres Leben verbringen sollte. Dies war möglich, weil sie inzwischen von Tierschützern gekauft worden war. Auf dem Gnadenhof kam es zu einer "Familienzusammenführung", weil hier bereits ihr Sohn Friesi, ihre Schwester Waltraud und das Kalb Waldi lebten. Im Juni 2012 " bewährte" sich Yvonne auch als "Tier-Orakel" bei der Fußball-Europameisterschaft. So "fraß" sie bei fünf Spielen aus dem Trog des späteren Verlierers und "lag damit richtig". Mein Kommentar dazu: "Von wegen blöde Kuh".

Bildnachweis.

Alle Bilder: Pixabay.com

Autor seit 3 Jahren
105 Seiten
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