Wann schwitzen wir?

Schwitzen ist ein natürlicher und effektiver Versuch des Körpers, sich Abkühlung zu verschaffen. Bei starkem Sonnenschein, sportlicher Betätigung oder Situationen, die stressig und aufregend sind, schwitzen Menschen zur Regulierung der gesunden Körpertemperatur. Auch im Krankheitsfall sorgt Schwitzen dafür, die überschüssige Wärme aus dem Körper zu leiten. Dieser Vorgang ist von der Natur jedem Menschen mitgegeben, doch warum schämen sich so viele, vor anderen sichtbar zu schwitzen?

Schwitzen im beruflichen Alltag

Deutsche Unternehmen müssen fließend laufen, die Zahnräder lücken- und stolperlos ineinander greifen, immer weiter, immer schneller muss mehr geleistet werden. Wer sich in diesem Hamsterrad nicht gut positioniert und eine Pause braucht, war zu schwach und fällt hinten runter. Wir müssen schaffen, schaffen, schaffen – schließlich stehen wir doch für etwas!

Nirgends sonst müssen wir so sehr Jemand sein, der wir womöglich gar nicht sind und unsere Schwächen unterdrücken, als im beruflichen Alltag. Karriere und damit berufliche Anerkennung gilt als höchste Maxime, wonach wir streben sollen. Unentwegt steigen die Pflicht zur Verantwortung, der Druck zu mehr Effektivität und das eigene Geltungsbedürfnis. Stellt man sich selbst einen Konzernchef bzw. eine Chefin vor, so sieht man eine aufrecht posierende, makellos gekleidete und selbstbewusst gestikulierende Person vor sich, die Stärke, Zuversicht und Kontrolle repräsentiert.

So sieht Professionalität für Jedermann aus. Ist man das selbst nicht, fangen die Tipps zum Kaschieren für ein leistungsfähiges Auftreten bereits im Bewerbungsgespräch an: Stärken herausstellen, auf Körpersprache achten, Haltung bewahren, offen und selbstbewusst sein, gepflegt und gesund erscheinen – alles wichtige Attribute in der Arbeitswelt.

Doch dann der Killer: Schweißflecken unter den Achseln, am Hemdrücken oder im Gesicht werden sichtbar und die Hände sind schweißnass. Es gibt niemanden, der sich jetzt nicht gehemmt fühlt und damit ohne Scham umgeht. Doch warum? Was nehmen wir an, was der Gegenüber von einem hält?

"Der Bewerber schwitzt, dass lässt auf seine schlechte körperliche Kondition und eine mangelnde Gesundheit schließen. Wie brauchen Mitarbeiter, die möglichst nie ausfallen. Krankheitsbedingtes Fehlen der Mitarbeiter kostet uns jährlich tausende Euro."

"Schweißflecken sind ein Zeichen mangelhafter Pflege. Diesen Mitarbeiter kann ich keinen wichtigen Kunden vorstellen. Das trübt das professionelle Erscheinung unserer Firma. Womöglich vermuten sie, wir wollen sie über den Tisch ziehen"

"Der Kollege mit den Schweißperlen auf der Stirn ist psychisch labil und nicht stressresistent. Ich werde ihn nicht um Rat fragen, womöglich ist er dem Druck nicht gewachsen."

"Selbst ich kann mich auf Arbeit gut darstellen, die Kollegin mit den nassen Armen hat wohl keine Kontrolle über sich selbst."

Schwitzen in der Gesellschaft

Die Anforderungen der Arbeitswelt transportieren sich auch in die Gesellschaft. Mentale und körperliche Fitness sind auch hier erstrebenswert, um zur Geltung zu kommen. Der Wettbewerb unter den Menschen lässt diese zu Perfektionisten werden. Nur gelingt dieses nicht und die Unzufriedenheit der Menschen mit der eigenen Person steigt ebenso schnell. Das Schönheitsideal vergangener Tage, in denen Nahrungsnot herrschte, waren Damen und Herren mit beleibter Figur. Sie versinnbildlichten Wohlstand. Und so ist es mit allen Idealen. Das, was am schwersten zu erreichen ist, wird als besonders schön und begehrenswert empfunden.

In der heutigen Welt sind es genau diese gesunden, starken, kontrollierten, selbstbewussten und vor Lebensfreude strahlende Menschen, die als begehrenswert gelten.

Schweiß hingegen ist kein Zeichen für Attraktivität. Es schmälert gar die Chancen auf dem Liebesmarkt.

Bedacht auf eine positive Bewertung unserer Mitmenschen zur eigenen Person, schämen wir uns auch außerhalb des rein beruflichen Umfeldes zu schwitzen. Was begründet hier die Scham? Was schließen wir aus den abgewendeten Blicken anderer, wenn wir ihnen schwitzend gegenüber treten?

"Der Mann hat Schweißflecken über den gesamten Rücken. Ist er krank? Hoffentlich stecke ich mich nicht an."

"Kaum steigt mein Nachbar die zwei Stockwerke bis zu meiner Tür und schon hat er Schweißperlen auf der Stirn. Er bewegt sich wohl kaum. So spannend kann sein Leben gar nicht sein."

"Neben den Mann mit dem nassen Kragen setze ich mich nicht. Er stinkt bestimmt."

"Warum hat die Frau Schweißflecken bei ihrem Date, hat sie ihre Gefühle nicht unter Kontrolle?"

Sweat

Sweat (Bild: RLHyde / Flickr)

Was ist der Grund für die Scham? Ist dieser so einfach zu benennen?

Natürlich sind es die unterschiedlichsten Umstände, die uns zum Schwitzen bringen. Die richtige Kleidung und Ernährung, längerfristig wirkende Antitranspirante gegen Schwitzen und ausreichend Bewegung sind nur einige wenige Dinge, die uns helfen können, das doch für uns so wichtige Schwitzen zu kontrollieren. Doch auch ernsthaft Erkrankte Personen mit Hyperhidrose haben zusätzlich zu den Leiden der Krankheit mit dem Schamgefühl zu kämpfen. Also warum machen wir uns das Leben selbst schwerer?

Sind wir so sehr auf Geltung und Anerkennung, auf Darstellung der eigenen Person bedacht? Ist dies schon immer so oder ein neues gesellschaftliches Phänomen?

Erzählen uns die vielen Ratgeber über Selbstmanagement und Karrieresprünge von Menschen, die wir gar nicht sein können?

Sinkt generell die Toleranz gegenüber Schwächen, weil wir alle perfekt sein müssen, ob wir es können oder nicht?

Helfende Tipps zum Wohlfühlen

#1

Machen Sie sich in Phasen großer Angespanntheit klar, woran sich diese bezieht und reflektieren ihre Gefühle. Atmen Sie tief durch und fassen optimistische Gedanken - denken Sie an etwas Schönes (so profan dies auch klingen mag).

#2

Sorgen Sie dem Schwitzen, so gut wie es möglich ist, vor. Sie können Antitranspirante gegen Schwitzen und Geruch verwenden, sich gesund und v.a. ausgewogen ernähren sowie auf eine optimale Wohlfühl-Kleidung achten.

#3

Trinken Sie ausreichend viel (obwohl viele Menschen denken, man müsse wenig trinken, damit man nicht viel schwitzt). Dem Körper geht es mit ausreichender Flüssigkeitszufuhr gut und er muss sich weniger anstrengen.

#4

Suchen Sie sich neben Ihrer beruflichen Tätigkeit einen Ausgleich zum Entspannen. Dies kann eine sportliche Betätigung sein oder ein regelmäßiger Spaziergang mit Freunden oder auch der Besuch von Entspannungskursen.

#5

Gönnen Sie sich selbst Momente der Ruhe und reflektieren, was Ihnen wirlich Sorgen bereitet, worauf Sie gespannt blicken, worauf Sie keine Lust haben und was Ihnen Freude bereitet. Mit dem gesammelten Wissen über sich erfahren Sie, was Sie beibehalten und was Sie ändern können, um glücklich zu sein. Man muss nicht immer das tun und sein, was andere Menschen von einem erwarten bzw. in einem sehen.

Erzählen Sie, wenn Sie mögen, selbst von Ihren Eindrücken in den Kommentaren!

Weiterführende Informationsquellen

Tipps gegen Schwitzen 

Antitranspirant: Mittel gegen Schwitzen

Krankheitsinformationen Hyperhidrose

Autor seit 2 Jahren
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