Was ist Kultur?

Zunächst soll geklärt werden, was "Kultur" überhaupt ist. Hier ist zu unterscheiden zwischen einer weiten und einer engeren Definition von Kultur. Und zwar ergibt sich die weite Definition von Kultur aus der Unterscheidung zwischen Kultur und Natur. So bezeichnet Kultur in einem weiteren Sinne all das, was der Mensch selbst hervorbringt, also das "vom Menschen Gemachte", die vom Menschen konstruierte Wirklichkeit, im Gegensatz zu dem, was von Natur aus vorhanden ist. Entsprechend sind Kulturleistungen alle formenden Umgestaltungen eines gegebenen Materials wie beispielsweise die Produkte der bildenden Kunst oder der Technik. Aber auch geistige Errungenschaften wie Sprachen, Moral sowie Recht, Wirtschaft, Religion und Wissenschaft sind kulturelle Gebilde.

In einem weiteren Sinne meint "Kultur" also die vom Menschen selbst geschaffene Welt der geistigen Güter, materiellen Kunstprodukte und sozialen Einrichtungen. In diesem Sinne kann man Kultur auch als menschliches Bedeutungsgewebe definieren, das wir selbst entwerfen und in dem wir uns gleichzeitig befinden.

Was die engere Definition von Kultur betrifft, so ist es zu einer geradezu inflationären Verwendung dieses Begriffs in den verschiedensten Kontexten gekommen, so dass hier von seiner eigentlichen Bedeutung eher abgelenkt wird. Beispiele dafür sind Begrifflichkeiten wie Alltagskultur, Diskussionskultur, Esskultur, Fankultur, Firmenkultur, Fußballkultur, Hochkultur, Populärkultur, Subkultur, aber auch Kulturlandschaft, Kulturtechniken, politische Kultur.

Wie uns Kultur prägt

Die oben beschriebenen allgemeinen Charakteristika von Kultur manifestieren sich jeweils in einer spezifischen Weise in den Kulturen, die für bestimmte Gruppen von Menschen maßgeblich sind. Es geht hier also um die typischen Arbeits- und Lebensformen, Denk- und Handlungsweisen, Wertvorstellungen und geistigen Lebensäußerungen einer bestimmten Gemeinschaft von Menschen. Der Fortbestand dieser Kulturen wird folglich dadurch gewährleistet, dass sich die Menschen im Zuge der Sozialisation die Denk-, Handlungs- und Wahrnehmungsmuster, die Weltbilder, "ihrer Kultur" aneignen.

Diese "kulturelle Programmierung" kann dadurch verdeutlicht werden, dass man die Kultur mit einem Eisberg vergleicht. Dabei bilden die kulturellen Werte und Normen, die wir im Laufe der Sozialisation internalisieren, das Fundament des Eisbergs, befinden sich also unter der Wasseroberfläche. Darüber liegen Einstellungen, also kulturelle Muster und Stereotype sowie kulturelle Dispositionen, und sichtbar über der Wasseroberfläche liegen Verhalten, Kommunikation, Umgangsformen. Daraus folgt, dass uns die kulturellen Werte und Normen, die unsere Einstellungen und Verhaltensweisen prägen, häufig nicht bewusst sind und wir sie deshalb auch nicht in Frage stellen können. Das läuft darauf hinaus, dass unsere Kultur uns vorschreibt, was "gut oder böse", "hässlich oder schön", "normal oder unnormal" ist.

Zum Zusammenstoß von Kulturen

Da sich die Werte und Normen, die das Fundament des Eisbergs Kultur bilden, von Kultur zu Kultur voneinander unterscheiden, wird durch deren Internalisierung im Sozialisationsprozess auch die Abgrenzung zwischen den Kulturen reproduziert, und dadurch sind Konflikte quasi vorprogrammiert. Denn wenn Menschen, die unterschiedlichen Kulturen angehören, zusammentreffen, kann es aufgrund ihrer Orientierung an unterschiedlichen kulturellen Orientierungssystemen zu tiefgreifenden Missverständnissen kommen. Konkret geht es hier darum, dass das Handeln des Anderen vom Standpunkt der eigenen Werte und Normen aus als Fehlverhalten betrachtet oder dem Anderen gar böse Absichten unterstellt werden. Eine solcher "Zusammenstoß der Eisberge" kann naturgemäß nur verhindert werden, wenn die Kontrahenten innehalten und zumindest versuchen, die eigene Position kritisch zu hinterfragen und die Position des Anderen zu verstehen.

Die Notwendigkeit eines Umdenkens

Die Bereinigung bzw. Vermeidung von Konflikten zwischen Kulturen sollte jedoch nicht allein den einzelnen Beteiligten aufgebürdet werden, sondern es bedarf hier einer grundlegenden Umorientierung. Das heißt: Der gesamte Diskurs, der das Thema "Kultur bzw. Unterschiede und Konflikte zwischen den Kulturen" zum Gegenstand hat, müsste verändert, es müssten vor allem einige problematische Vorstellungen, die in dieser Debatte immer wieder auftauchen, aufgegeben bzw. korrigiert werden.

Die Heterogenität von Kulturen

Zunächst müsste noch viel stärker zur Kenntnis genommen werden, dass Kulturen in der Regel keine homogenen Gemeinschaften darstellen, sondern durch eine starke interne Heterogenität gekennzeichnet sind, so dass das Finden einer kulturellen Einheit, einer kulturellen Identität, nicht selbstverständlich ist. Das beste Beispiel dafür ist die Kultur, die sich in Deutschland herausgebildet hat. So war Deutschland über etliche Jahrhunderte quasi ein "Vielvölkerstaat" und zwischen den einzelnen "Volksgemeinschaften" bestanden erhebliche kulturelle Differenzen. Davon zeugt noch die Sonderrolle, die der "Freistaat Bayern" oftmals für sich beansprucht.

Ferner scheint sich auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung Ostdeutschland teilweise eine eigene, von der westdeutschen abweichende Kultur bewahrt zu haben. Es erscheint deshalb schon merkwürdig, dass in den Debatten über Zuwanderung immer wieder von einer deutschen Mehrheitskultur, einer deutschen Leitkultur, die Rede ist, die die Migranten zu übernehmen hätten. Man fragt sich schon als Deutscher/als Deutsche, was man sich wohl unter dieser deutschen Leitkultur vorzustellen hat.

Zur Relativierung der interkulturellen Abgrenzung

Ferner sollten Kulturen nicht mehr als strikt voneinander abgeschlossene monolithische Blöcke betrachtet und es sollte auch beachtet werden, dass Kulturen "nicht in Stein gemeißelt" sind, sondern vielfältigen Wandlungen unterliegen, dass Kulturen also nicht statisch sind, sondern dynamisch. Es liegt deshalb nahe, die gängige Definition von Kultur durch Vorstellungen von Inter-, Multi- und Transkulturalität zu ersetzen bzw. zumindest zu ergänzen.

Und zwar wird bei der Vorstellung von Interkulturalität davon ausgegangen, dass die kulturellen Systeme zwar geschlossen sind, dass sie aber in einen Austausch eintreten und sich dabei eine Eigendynamik entwickelt. Das heißt: Bei Interkulturalität wird in der Kommunikation, der geteilten Lebenspraxis, ein gemeinsamer neuer, dritter Raum kreiert, auch wenn grundsätzlich jeder in seinem System bleibt. Bei Interkulturalität gibt es also Orte, Projekte, Momente, in denen sich Kulturen gegenseitig beeinflussen, so dass gemeinsame neue Räume entstehen. Das kann allerdings nur funktionieren, wenn sich die Beteiligten auf gleicher Augenhöhe begegnen. Interkulturalität würde folglich voraussetzen, dass das oftmals bestehende Machtgefälle zwischen Mehrheitskultur und Minderheitenkulturen überwunden wird.

Bei der Vision der Multikulturalität wird demgegenüber wieder stärker die kulturelle Abgrenzung betont. So bestehen in dieser Sichtweise die fremden Kulturen friedlich nebeneinander und versuchen, einander zu akzeptieren und zu tolerieren, einander wertzuschätzen. Man betrachtet sich neugierig, findet sich vielleicht inspirierend, aber man bleibt, wie man ist. Es ist ein Nebeneinander, eine Vermischung findet nicht statt. Bei Multikulturalität gibt es folglich eine friedliche Koexistenz von Menschen unterschiedlicher Kulturen.

Bei der Vorstellung von Transkulturalität wird die kulturelle Abgrenzung am stärksten relativiert, und es wird betont, dass hier endlich die Realität so zur Kenntnis genommen wird, wie sie ist und immer schon war. Das heißt: Hier wird davon ausgegangen, dass es eine permanente gegenseitige Durchdringung von Kulturen, eine permanente interkulturelle Vernetzung gibt und immer schon gegeben hat. Dieser Prozess kultureller Hybridisierung habe sich jedoch im Zeitalter der Globalisierung stark beschleunigt und steuere auf die Herausbildung einer "Weltkultur" zu. Dabei wird eingeräumt, dass es Menschen gibt, die von der Komplexität der Welt und dem Zusammenwachsen der Kulturen überfordert sind und die aus Angst vor diesen Herausforderungen Schutz in Region, Heimat und Tradition suchen. In Verkennung der Realität wünschen sie monokulturelle Rückzugsgebiete, in denen Vielfalt bekämpft wird.

 

Schlussfolgerungen

Der starke Zustrom von Flüchtlingen nach Europa hat vor allem in Deutschland starke Ängste vor wirtschaftlicher Überforderung, aber auch vor Konflikten mit Flüchtlingen aus "anderen Kulturkreisen" ausgelöst. Diese Ängste sind ernst zu nehmen, aber die verantwortlichen Politiker sollten sie nicht noch schüren, sondern den Menschen endlich "reinen Wein einschenken". Sie sollten nämlich offen aussprechen, dass wir schon lange ein Einwanderungsland sind und dass kulturelle Abschottung nicht nur völlig realitätsfremd ist, sondern auch gar nicht wünschenswert.

Dabei ist auch zu beachten, dass manche Konflikte, die scheinbar einen kulturellen Hintergrund haben, in Wirklichkeit politische Konflikte sind und deshalb auch auf politischer Ebene gelöst werden müssen. Hier geht es beispielsweise um die Sorge armer Menschen, dass ihnen wegen der Flüchtlinge von ihrem geringen Einkommen noch etwas weggenommen wird. Ferner gibt es scheinbar kulturelle Konflikte, bei denen es sich schlicht und einfach um Auseinandersetzungen zwischen Kriminellen handelt. Bei der Lösung vieler Probleme, mit denen wir infolge des Flüchtlingsstroms zu kämpfen haben, ist also politischer Einfallsreichtum gefragt, bei anderen sind Polizei und Justiz am Zuge.

 

Quellen:

http://www.culture-in-motion-2011.eu/definition_kultur.html

http://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/kulturelle-bildung/59917/kulturbegriffe?p=all

http://www.cultureforcompetence.com/tl_files/Dokumente/Kulturtheorie.pdf

Bildnachweis:

Alle Bilder: pixabay.com

 

 

Autor seit 3 Jahren
105 Seiten
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