Wong Kar Wai: Nostalgie und Einsamkeit

Bevor man den Film kennt, fragt man sich unwillkürlich, was Wong Kar Wai, der eher bekannt ist für stilisierte Liebesgeschichten wie "In the Mood for Love" oder "Happy together", an der Geschichte des Kung-Fu-Meisters Ip Man interessiert haben könnte. Doch dann findet man all seine Themen und Motive wieder in diesem Film: Es geht um Tradition, Moderne und Nostalgie, um einsame Menschen und unvollendete Liebe zweier Seelenverwandter, die aber dennoch auf ewig verbunden sind. Und es geht um die Zeit, die vergeht, um Reue über das, was war und was man gemacht oder nicht gemacht hat, womit man sich aber abfinden muss, denn es ist unwiederbringlich wie ein Zug im Schach: "Gezogen ist gezogen". Und dann gibt es das Schicksal, denn am Ende "unterliegt doch alles dem Willen des Himmels".

In the Mood For Love

In the Mood For Love (Bild: AllPosters)

Trailer "The Grandmaster"

Ein goldener Sommer

Eine fließende, verträumte Erzählweise durchzieht den Film. Unscharf befinden sich immer wieder Teile des Dekors oder Glasscheiben im Vordergrund. Rauch durchzieht das Bild. Es ist ein Film der dunklen, stilisierten, intimen Groß- und Nahaufnahmen, die gerne in ein goldenes Licht getaucht sind. Am Anfang ist es ein goldenes Licht der Harmonie, das bestrahlend, was Ip Man als Erzähler aus dem Off den "Frühling" seines Lebens nennt. Einerseits führt er ein perfektes, gleichberechtigtes harmonisches Eheleben mit seiner Frau, in dem Worte nicht nötig sind. Andererseits gilt sein ganzes Interesse seit seiner Kindheit nur dem Kung Fu, dem er sich aufgrund seines ererbten Wohlstands ganz und gar widmen kann. Andererseits gibt es das – farblich passend – "Goldener Pavillon" genannte Bordell, den Treffpunkt der Vertreter der Kampfkunst. Auch im weiteren Verlauf sind die Gelbtöne wichtig, aber später wie in einer Kampfszene auf Leben und Tod auf einem Bahnsteig handelt es sich um das Gelb des dramatisch lodernden Feuers der Rache.

Kung Fu filmen

Der Film beginnt unvermittelt mit einer nächtlichen Kampfszene im strömenden Regen. Ip Man kämpft gegen eine Übermacht an Gegnern. Schon hier sieht man das Prinzip der stilistischen Darstellung der Kampfszenen, die in viele Details, viele einzelne Einstellungen aufgeteilt werden. Nun ist beispielsweise Tony Leung ja kein Kampfkünstler, also käme eine Darstellung in längeren Totalen, wie man es bei Bruce Lee oder Jackie Chan gewöhnt ist, auch nicht in Frage, aber es passt ja vollständig zum ästhetischen Prinzip des Films. Es ist, als wollte der Film das geistige Wesen des Kung Fu zeigen, es von innen heraus darstellen, aber auch die äußere Schönheit und Eleganz präsentieren, die minutiösen und präzisen Bewegungen, die Konzentration und Stille vorher und auch zwischendurch. Am Ende dieser Eingangssequenz wendet Ip Man der Kamera den Rücken zu und schreitet zwischen den am Boden liegenden Gegnern davon. Wie nach einem Duell im Western.

Die Stile des Südens und des Nordens

Das Hauptthema des Films sind die Kung-Fu-Stile des chinesischen Südens und des Nordens. Ein alter Meister aus dem Norden will anlässlich seines Abtretens vom Vorsitz des Bundes der Kampfkünste einen letzten Schaukampf mit einem Vertreter des Südens veranstalten. Sein Gegner wird Ip Man sein. Auch hier werden, neben der Auseinandersetzung selbst, die Stille, die Pausen, die Blicke des Publikums miteinbezogen. Und es ist auch konsequent, dass der Meister aus dem Norden eine gedankliche Auseinandersetzung einer rein physischen vorzieht.

Zwei Weisheiten durchziehen den Film: Erstens, dass man nicht stehenbleiben darf, sondern voranschreiten muss. Zweitens, dass man auch zurücksehen muss. Wer nur blind mit der Zeit schreitet, verliert seine Seele. Übrigens beschreibt dies auch Wong Kar Wais Kino, das man mit nostalgische Moderne beschreiben könnte.

Hong Kong

Das Hong Kong der Nachkriegszeit ist hier das Paradies der Kampfkunst, denn es gibt eine Straße, in der eine Schule neben der nächsten liegt. Durch die Flüchtlinge aufgrund von Zweitem Weltkrieg und Bürgerkrieg sind alle mögliche Kampftechniken aus den verschiedenen Regionen dorthin gekommen. Als wenn sich in Hong Kong das ansonsten getrennte China vereinigt hätte.

Um zu überleben, muss Ip Man Geld verdienen. Er muss überleben in einer ganz anderen Welt, weit weniger elitär. Hier hat er es mit Leuten von der Straße zu tun, bei denen es ständig zu Prügeleien kommen kann. Aber er passt sich an, ohne seine Seele zu verlieren.

"Wie diese Straße. So muss die Welt der Kampfkunst sein." Das sagt die einsame Heldin des Films, die von dieser Welt ausgeschlossen ist und sie voll Sehnsucht betrachtet.

Eine einsame Heldin

Der Meister aus dem Norden hat eine Tochter: Auf gewisse Weise ist sie die heimliche Heldin des Films, denn sie ist die beste Kämpferin, die in einer Revanche für die Familienehre sogar Ip Man besiegt. Der Kampf zwischen den beiden ist wie ein Liebestanz, in dem sie sich sehr nah kommen.

Sie ist die Frau, die an der Zeit zugrunde geht, denn als Frau kann sie kein Großmeister werden und das ihr vom Vater vermittelte Wissen weitergeben. Dabei ist sie, im konfuzianischen Sinne, die perfekte Tochter. Sie opfert (sie verbrennt im Tempel eine Haarlocke) ihr eigenes Leben der Rache für ihren ermordeten Vater. Das ist auch der Grund, warum Ip Man ihr sagt, sie hätte in ihrem Leben vielleicht zu sehr auf die Rolle geachtet, denn bei ihrer Mission hat sie sich selbst völlig vergessen. Am Schluss vergisst sie auch die Welt um sich herum. Im Opiumrausch träumt sie nur noch vom verlorenen Paradies der Kindheit und der Kampfkunst.

"The Grandmaster" auf DVD (ab 29.11.1013)
The Grandmaster
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