Was bedeutet Händigkeit?

Die Bevorzugung einer bestimmten Hand zur Ausführung komplexer Aufgaben wird als Händigkeit bezeichnet. Sie ist bei Menschen und verschiedenen Tierarten verbreitet. So nutzen Primaten bevorzugt eine Hand zur Führung von Werkzeugen und Katzen nutzen häufig eine bestimmte Pfote zum Ergreifen kleiner Beute.

Archäologische Funde zeigen, dass bereits unsere frühen Vorfahren eine Präferenz für eine Hand hatten. Abnutzungsspuren an etwa zwei Millionen Jahre alten Werkzeugen belegen dies. Auch die Neandertaler nutzten bevorzugt eine Hand. Der Vorteil der Einhändigkeit über die Beidhändigkeit scheint in der größeren Präzision zu liegen, mit der besonders komplizierte Aufgaben erledigt werden können. 

Wie entwickelt sich die Händigkeit?

Ob ein Mensch Links- oder Rechtshänder wird, entscheidet sich bereits vor seiner Geburt. In einer Studie untersuchten Forscher 1000 Ultraschallbilder schwangerer Frauen und machten eine interessante Entdeckung: 90% der Föten nutzten ihren rechten Daumen zum Nuckeln. Die Händigkeit einiger der untersuchten Kinder wurde daraufhin im Schulalter überprüft. Alle Kinder, die im Mutterleib an ihrem rechten Daumen nuckelten, wurden Rechtshänder.

Allerdings wurden nur zwei Drittel der Links-Nuckler auch Linkshänder. Ob Umweltfaktoren wie Umerziehungs-Maßnahmen die Entwicklung der Links-Nuckler beeinflusst haben, ist nicht bekannt. Bereits im dritten Lebensjahr sind die Tendenzen eines Kindes zur Links- oder Rechtshändigkeit sichtbar. Bis zum Eintritt in das Schulalter hat sich die Präferenz für eine Seite in der Regel manifestiert. Auffällig ist, dass Rechtshänder zumeist auch Rechtsfüßer sind. Dasselbe gilt umgekehrt für Linkshänder. Es wird daher vermutet, dass nicht nur eine Hand, sondern eine ganze Körperhälfte dominant über die andere ist.

Beeinflusst die Lateralität des Gehirns die Händigkeit?

Das Gehirn besteht aus zwei asymmetrischen Hälften. Die linke Hirnhälfte ist gewöhnlich für die motorische Steuerung der rechten Körperseite zuständig, die rechte Hirnhälfte entsprechend für die linke Körperseite. Die für die Sprache zuständige Hirnhälfte ist dabei stets dominant. Bei 95% der Rechtshänder liegt das Sprachzentrum in der linken Hirnhälfte. Bei 70% der Linkshänder sitzt das Sprachzentrum ebenfalls in der linken und bei 15% in der rechten Hirnhälfte. Bei allen anderen verteilt sich das Sprachzentrum auf beide Hirnhälften. Demnach steuert bei den meisten Rechtshändern die dominante Hirnhälfte die dominante Hand, während bei der Mehrzahl der Linkshänder die dominante Hirnhälfte die schwache Hand steuert. Da 90% der Bevölkerung Rechtshänder sind, liegt die Vermutung nahe, dass die Steuerung der dominanten Hand durch die dominante Hirnhälfte vorteilhaft ist. Eindeutige Beweise hierfür gibt es jedoch noch nicht.

Welche Ursachen gibt es für die Händigkeit?

Das Thema der Händigkeit beschäftigt Wissenschaftler auf der ganzen Welt. Die Idee, dass die Veranlagung zur Links- oder Rechtshändigkeit vererbt wird, hält sich seit vielen Jahren. Die einseitige Verteilung zwischen Links- und Rechtshändern erschwert jedoch die Erklärung über die weltweit akzeptierten Mendelschen Vererbungsgesetze. Ebenso steht ihr die Tatsache, dass eineiige Zwillinge nicht unbedingt identisch veranlagt sein müssen, entgegen. Es gibt unzählige Studien und Theorien zu diesem Thema - auf die Folgenden soll hier näher eingegangen werden:

  • Annetts Right Shift-Theorie
  • Mc Magnus‘ DC-Modell
  • Hormon-Theorie

Die Right Shift-Theorie

Die Right Shift Theorie, erarbeitet von Dr. Marian Annett, unterstellt grundlegend eine relativ zufällige Verteilung von Links- und Rechtshändern bei Mensch und Tier. Einige Individuen sollen jedoch den sogenannten Right Shift Factor besitzen. Dieser überlagere den Zufall und stelle somit einen selektiven Vorteil für die rechte gegenüber der linken Hand dar. 

Das DC-Modell

Das von Dr. Chris McManus entwickelte DC-Modell hingegen beschreibt eine genetische Abwägung von Rechtshändigkeit versus Zufall anstatt Rechts- versus Linkshändigkeit.

Der Kern dieser Theorie ist ein Gen, welches in den Ausprägungen D und C vorliegen kann. D steht hierbei für rechtshändig (dextral) und C für Zufall (chance). Zufall bedeutet entweder links- oder rechtshändig, also eine 50%-Chance auf eine der beiden Eigenschaften. Die Verteilung bei diesem Modell sieht folgendermaßen aus:

Tragen beide Elternteile die D-Form, werden die Kinder immer rechtshändig.

Tragen beide Elternteile die C-Form, werden die Kinder zu 50% linkshändig.

Trägt ein Elternteil die D- und das andere die C-Form, werden die Kinder zu 25% linkshändig.

Dieses Modell unterstützt im Gegensatz zur Mendelschen Vererbungslehre die Ungleichverteilung zwischen Links- und Rechtshändern.

Die Hormon-Theorie

Die Hormon-Theorie stützt sich auf die zufälligen Erkenntnisse einer Studie aus den 1950er Jahren. Zu dieser Zeit nahmen viele schwangere Frauen zur Vorbeugung einer Fehlgeburt das Östrogen-Ersatzpräparat Diethylstilbestrol (DES) ein. Dieses Medikament ließ die Krebsrate

der Schwangeren und deren Kinder erheblich steigen. Auffällig dabei war, dass sich unter den DES-Kindern überdurchschnittlich viele Linkshänder befanden. Eine Studie aus 2005 bestätigt, dass die Wahrscheinlichkeit, vor der Menopause an Brustkrebs zu erkranken, unter Linkshänderinnen 2,41 fach höher ist als unter Rechtshänderinnen. Ist also der Östrogenspiegel verantwortlich?

Andere Studien zeigten, dass das männliche Sexualhormon Testosteron Einfluss auf die Hirnentwicklung nimmt. So bremst es die Entwicklung der linken Gehirnhälfte, was zur Umlagerung bestimmter Fähigkeiten auf die rechte Hirnhälfte führt. Erklärt dies, weshalb es mehr männliche als weibliche Linkshänder gibt?

 

Insgesamt scheint keine Theorie für sich allein gültig die Ursachen der Entwicklung von Links- und Rechtshändern zu erklären. Eine weitere Forschergruppe identifizierte vor kurzem ein spezielles Gen, welches sie bei Mäusen für die Bevorzugung einer bestimmten Pfote verantwortlich macht. Wird dieses Gen ausgeschaltet, so kommt es zur Fehlverteilung der inneren Organe im Mäuse-Fötus, beispielsweise liegen das Herz dann auf der rechten und die Leber auf der linken Seite. Das Gen existiert auch im Menschen. So ist dieses Gen der nächste mögliche Anwärter auf die Beantwortung dieser schier unlösbaren Frage.

Wie erkennt man die Händigkeit?

Die Präferenz für eine Hand sollte bis zum Schuleintritt eindeutig geklärt sein. Bereits im frühen Alter ist es hilfreich, spontane Handlungen und Reflexe des Kindes zu beobachten: Mit welcher Hand greift es ein Spielzeug? In welcher Hand hält es den Löffel? Ein weiterer Trick, die Händigkeit des Kindes in Erfahrung zu bringen, ist, es beim Rollerfahren zu beobachten: Mit welchem Fuß stützt es sich vom Boden ab? Ist es der Linke, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Kind Linkshänder ist. Ist es der Rechte, ist es möglicherweise Rechtshänder. Wird das Kind älter und man ist sich bezüglich der Händigkeit noch immer nicht sicher, hilft die Beratungsstelle für Linkshänder. Die Mitarbeiter sind auf die Erkennung der Händigkeit geschult und geben Tipps, wie das Kind optimal gefördert werden kann. Wichtig hierbei ist vor allem, das Kind frei entscheiden zu lassen, mit welcher Hand es eine Aufgabe erledigen will. Zum Thema Erkennung und Förderung der Händigkeit gibt es auch zahlreiche gute Ratgeber. Ein Blick in solch ein Buch lohnt sich auf jeden Fall.

Worin unterscheiden sich Links- und Rechtshänder?

Abgesehen von dem offensichtlichen Fakt, dass Linkshänder die linke Hand und Rechtshänder die rechte Hand bevorzugt einsetzen, gibt es noch weitere Dinge, in denen sich Links- und Rechtshänder voneinander unterscheiden. 

Linkshänder denken anders als Rechtshänder. So werden während des Sprechens bei einem großen Teil der Linkshänder beide Hirnhälften aktiviert. Das Gleiche gilt für die Wahrnehmung von Umweltreizen. Entsprechend sagt man Linkshändern eine stärkere Tendenz zu Emotionen nach als Rechtshändern. 

Unter Spitzensportlern findet sich je nach Sportart mit 20-50% ein deutlich höherer Anteil an Linkshändern als in der Gesamtbevölkerung. Dies ist jedoch weniger einem größeren Talent als einer leichteren Anpassung geschuldet. Gerade in Sportarten wie Boxen, Fechten oder Tennis können sich Linkshänder gezielt auf rechtshändige Angriffe spezialisieren, da die Wahrscheinlichkeit, auf einen rechtshändigen Gegner zu treffen, größer ist, als gegen einen linkshändigen Gegner zu kämpfen. Sie können sich damit einen Vorteil verschaffen. In anderen Sportarten wie Schwimmen oder Laufen haben sie keinen entscheidenden Vorteil. 

Werkzeuge für Links- und Rechtshänder

Im Zuge der immer weiter steigenden Akzeptanz von Linkshändern in der Gesellschaft, steigt der Bedarf an Linkshänder-Werkzeugen stetig. Entsprechend bietet die Industrie mittlerweile bei Werkzeugen und Alltagsbedarf verschiedene Lösungen für Linkshänder an. Es gibt heutzutage Scheren, Messer, Kartoffelschäler, Füllhalter und Computer-Mäuse sowie viele andere Artikel in beiden Ausführungen.

Bildnachweis: Pixabay und Wikimedia

Ich gehöre übrigens zu den 10% der Bevölkerung, die der linken Hand den Vorzug geben. Und Sie?
Autor seit 2 Jahren
15 Seiten
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