Wer hat die Bildung "erfunden"?

Bei uns gilt Wilhelm von Humboldt (um 1800) als Vorreiter eines umfassenden neuzeitlichen Bildungsideals. Und mancher Leser erschrickt, wenn er die Jahreszahl dieser "Erfindung" für unser Land liest: 1919. In diesem Jahr wurde die allgemeine Schulpflicht im Deutschland der Weimarer Republik eingeführt. Seit dem 16. Jahrhundert hatten einzelne Länder eine jeweils regional geltende Schul- und Bildungspflicht für ihre Bürger vorgeschrieben.

Was war vorher? Es herrschte ein Unwissen in weiten Teilen der Bevölkerung. Vor der Erfindung des Buchdruckes war das Lesen und Schreiben den Vertretern einzelner Stände und den Mönchen vorbehalten. Das Volk war formal, im Hinblick auf ein umfassendes Sachwissen, ungebildet.

Herzensbildung

Kleine Prinzen sehen nur mit dem Herzen gut. Was bedeutet dieser Ausspruch? Bildungsforscher sprechen von einer Fähigkeit des Individuums, über sich selbst nachzudenken. Selbstreflektion setzt demnach einen Bildungsvorgang voraus. Oder, anders gesagt, wer sich nicht bildet, der erkennt sich auch nicht selbst.

Unser Gehirn ist demnach das Sozialorgan. Gebildete Menschen denken über sich und ihre Rolle in der Gesellschaft nach. Sie können sich besser an die allgemein anerkannten Regeln des sozialen Zusammenlebens anpassen. Bildung kann in dieser Sichtweise als eine wesentliche Voraussetzung für Empathie verstanden werden. Und Empathie bedeutet wiederum eine erhöhte Fähigkeit zum friedvollen Zusammenleben. Bildung erscheint als Friedensstifter.

Komplexe Welt

Aus der Sicht des Bürgers nimmt die Bedeutung der Bildung eine immens wichtige Rolle in seinem Leben ein. Bildung wird im heutigen Alltagsleben in erster Linie als Mittel zum Wissenserwerb verstanden.
Ohne nachweisbare Ausbildung ist ein gut dotiertes Arbeitsverhältnis in den Industriestaaten schwierig zu erhalten.

Und diese Bedeutung wird explosionsartig zunehmen. In wenigen Jahren, verstärkt ab 2020, wird die industrielle Welt von einer Lawine an künstlichen Arbeitnehmern erfasst werden. Iterative Tätigkeiten werden dramatisch auf "autonome" Einheiten umgelegt werden. Taxis fahren ohne Fahrer. Lastwagen berechnen sich ihre Routen selbst, und Flugzeuge werden von Automaten geflogen.
In den Automobilfabriken regiert Kollege Roboter, der die Halb- und Fertigteile produziert, und diese über automatisierte Laufbänder in perfekt abgestimmte Produktionsvorgänge steuert – in fast menschenleeren Fabriken.

Wo bleiben die Arbeiter aus diesen Bereichen? Sie müssen sich nach neuen Beschäftigungsfeldern umsehen.
Der 4. Wirtschaftssektor Sektor für Bildung und Information wird überdurchschnittliche Zuwachsraten aufweisen. Jedoch können die Tätigkeiten in der diesem Bereich in der Regel nicht über eine kurze Einweisung ausgeführt werden. Hier tritt die Notwendigkeit einer umfassenden Um-Bildung der Bevölkerung mit voller Wucht in Erscheinung. Ausbildung, Fortbildung und lebenslanges Lernen werden den Bürger im sozialen Gleichgewicht halten, mehr als je zuvor. Darin liegt ein Wert der Bildung, der rasch zum Gemeingut werden kann.
Die Gesellschaft steht vor der Herausforderung, eine große Anzahl von Bildungs-"Buddies" zu erschaffen, die den Bürger aktivieren und zu ständigem Lernen anleiten – in jeder Hinsicht.

Warum also ist Bildung wichtig? Weil man etwas weiß und weil man sich selbst erkennt.

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