Die Bezeichnung Schlitzohr ist schon sehr alt und soll im Mittelalter entstanden sein. Damals herrschten etwas deftige Methoden im zwischenmenschlichen Zusammenleben: Dieben wurde die Hand abgehackt (was spätestens ab dem 2. Diebstahl zu einem echten Problem für den Betroffenen wurde), manchmal wurden Menschen auch "geblendet", indem man ihnen die Augen mit einem glühenden Stück Metall verbrannte oder sie durften erleben, wie es sich anfühlt, aufs Rad geflochten zu werden. Aber es gab auch etwas Gutes an diesen Strafen: In vielen Ländern existierten keine Gefängnisse - Freiheitsstrafen wurden erst später eingeführt.

1. Eine Kennzeichnung für Betrüger

In dieser entspannten Zeit der gegenseitigen Verstümmelung wurde natürlich nicht gleich jedem ein Körperteil abgehackt, nur weil er sein eigenes Ding durchgezogen hat. Manche bestrafte man auch durch weniger drastische Maßnahmen, indem man ihnen ein Ohrläppchen aufschlitzte.

 

Bei welchen Vergehen gab es den Schlitz im Ohr?

Ein Beispiel: Angenommen, ein Bäcker hat sein Brot nicht so groß gebacken, wie es vorgeschrieben war, konnte er zum Schlitzohr werden. Diese Verletzung hinterließ eine bleibende Narbe, die für jeden sofort sichtbar war.

 

Dadurch sollten andere Leute erkennen: Aha, dieser Mann hat einmal in seinem Leben die Brötchen kleiner gebacken, als sie sein müssten, deshalb darf ich ihm nicht trauen, schließlich hat er immer noch das Zeichen des Betrügers an seinem Körper.

 

Es traf also überwiegend Betrüger und manchmal auch feindliche Spione. 

2. Bestrafung für Zimmerleute

Diese Kennzeichnung der hinterlistigen Leute soll auch in Zünften angewandt worden sein, etwa bei den Zimmerleuten. Sie trugen traditionell einen goldenen Ohrring, der natürlich - damals gab es noch keine Clips - mit einem Stecker im Ohrläppchen befestigt war. Sollte ein Zimmermann für ein Vergehen bestraft werden, befreite man ihn etwas rabiat von seinem Ohrring.

Das Problem dabei: Eine neue Arbeit zu finden war für einen Zimmerer mit Schlitz im Ohr praktisch unmöglich. Jedes Zunftmitglied konnte sofort erkennen, dass derjenige irgendetwas ausgefressen hat und man ihm nicht trauen darf.

3. Neugierige wurden an die Tür genagelt

Es soll auch vorgekommen sein, dass man zu neugierige Personen, die etwa beim Lauschen an Türen ertappt wurden, schnell das Ohr angenagelt hat. Derjenige hatte dann nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder, das ganze Ohr abschneiden oder gewaltsam und mit einem Ruck das Ohrläppchen losreißen. Diese Theorie halte ich allerdings für sehr unwahrscheinlich: Ein Ohrläppchen einfach so mit Hammer und Nagel an der Tür befestigen, ist praktisch unmöglich.

Schlitzohren - Verlust der Ehre

Generell hatte ein Schlitzohr - egal, wie er es erhielt - für immer seine Ehre verloren. Das war zu früheren Zeiten für viele Menschen oft schlimmer als die Todesstrafe: Sie fanden keine Arbeit mehr, wurden geächtet und bekamen selten eine neue Chance. Selbst wenn sie ihr Vergehen bereut hatten (Fehler sind nur natürlich) und es nie wieder tun würden - sie mussten für den Rest ihres Lebens diese Schandnarbe tragen. 

Das Dumme an der Sache aber war, dass diese Menschen durch die Kennzeichnung ihres Ohres erst recht kriminell werden mussten, falls sie nicht vorhatten, zu verhungern. Damit wären wir übrigens wieder bei dem einarmigen Dieb... 

Im Laufe der Jahre hat sich die Bezeichnung Schlitzohr zum Glück gewandelt, sodass kein ertappter Gauner mehr Angst haben muss, zu verarmen. Stattdessen erfüllt er beste Voraussetzungen für eine Karriere als Politiker, Manager oder Bankier.

In Bayern nennt man Schlitzohren  übrigens auch liebevoll  "Bazi" oder "Schlawiner". Wie man hier ungeliebte Politiker oder Bänker nennt, erwähne ich besser nicht - dann wäre der Artikel nicht mehr jugendfrei.

Grace, am 24.02.2013
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