Was Henry Ford nicht erfunden hat

Der Begriff impliziert bereits die zentrale Figur seiner Entstehung: Henry Ford (1863-1947), bewunderter und umstrittener Gründer eines Unternehmens, das heute zu den weltweit größten Fahrzeugherstellern gehört. Mit seinem Namen werden oftmals die Erfindung der rationalen Massenfertigung und der Fließbandarbeit verbunden. Doch genau dies ist falsch. Die rationale Massenfertigung durch hohe Arbeitsteilung geht auf den Ingenieur Frederic Winslow Taylor (1865-1915) zurück. Die erste Fließbandfertigung wiederum führte vermutlich der Autopionier Ransom E. Olds ein, der Gründer der Marke Oldsmobile.

Henry Ford jedoch war der Unternehmer, der 1913 beide Ideen konsequent und erfolgreich umsetzte. Dadurch gelang es ihm, die Fertigungszeiten sowie die Preise drastisch zu senken. Dieses Vorgehen fand zahlreiche Nachahmer und etablierte sich bald als industrieller Standard. Es wäre dennoch verfehlt, zu sagen, dass der Fordismus allein aus kostengünstiger Massenfertigung besteht.

Fordismus: Kompromiss zwischen Gesellschaft und Kapital

Henry Ford erkannte als einer der ersten Unternehmer, dass Massenproduktion auch Massenkonsum erfordert. Ein solcher war unter den damaligen sozialen Verhältnissen jedoch nicht vorhanden. Der Massenkonsum musste also erzeugt werden. Henry Ford griff daher zu einem scheinbar paradoxen Mittel: Er erhöhte die Löhne für einen Großteil der Beschäftigten und senkte die tägliche Arbeitszeit um eine Stunde. Der Coup gelang. Die Mitarbeiter nutzten Freizeit und höhere Löhne, um sich das durch die Massenfertigung erschwinglich gewordenen Ford-Modell T, die legendäre "Tin Lizzy" zu kaufen.

Damit hatte Henry Ford die Massenproduktion vergesellschaftet. Kapital und Sozialgemeinschaft, Löhne und Preisniveau waren nun aufeinander angewiesen. Der ursprüngliche Fordismus war demnach ein Kompromiss zwischen Gesellschaft und Unternehmertum. Teile des Profits wurden somit in künftige Absatzchancen investiert. Der humane Effekt ergab sich also eher als Nebenprodukt aus dem Profitstreben und war für dieses dennoch unabdingbar.

Kritik am Fordismus damals und heute

Doch bereits während der Anfänge des Fordismus vor rund einem Jahrhundert gab es reichlich Kritik an dem Modell, woran Henry Ford selbst nicht ganz unschuldig war. So ließ er beispielsweise überwachen, dass an den Fließbändern tatsächlich nur gearbeitet wurde. Rauchen, Unterhaltungen oder das Anlehnen an Maschinen waren nicht gestattet. Eine "Sittenpolizei" sorgte zudem dafür, dass nur Arbeiter, die Fords moralischen Maßstäben entsprachen, in den Genuss höherer Entlohnung kamen. Auch Gewerkschaften hatten anfänglich in der Ford Motor Company wenig Chancen. Unterschiedlich bewertet wurde zudem auch, dass Henry Ford Behinderte und Migranten für sich arbeiten ließ. Was die Einen als Ausbeutung billiger Arbeitskräfte geißelten, werteten andere als soziale Geste. Der unter diesen Verhältnissen herausgebildete Fordismus wies also stark patriarchalische Züge auf. Über soziale Leistungen entschied allein der Unternehmer. Für den Rest hatte der Staat zu sorgen.

Wenn heute von einer Krise des Fordismus gesprochen wird, hat dies allerdings gänzlich andere, als diese historischen Ursachen. Vor allem die Globalisierung mit ihrem Streben nach Gewinnmaximierung zeigt auf, welchen Schwachpunkt das fordistische Unternehmerkonzept hat: Waren werden heute nicht unbedingt im Herkunftsland verkauft. Für in Billiglohnländern produzierte Erzeugnisse erhalten die dortigen Arbeiter vergleichsweise geringen Lohn. Bezahlen sollen diese hochwertigen Produkte daher Kunden aus Wohlstandsländern, obwohl sie an der Herstellung nichts verdient haben. Die fordistische Wechselbeziehung zwischen Massenkonsum und Massenproduktion wird dadurch ausgehebelt.

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