Kultur Kaffee - Kaffee Kultur

Ob Espresso oder Melange, Großer Brauner, Einspänner oder Achter mit Schlag – die schwarz-(weißen) Muntermacher sind omnipräsent. Glaubt man dem Schrift­steller Hans Weigel, dann dient das Kaffeehaus den Wienern als zweites Wohn­zimmer – frei nach dem Motto: "Nicht zuhaus und doch nicht an der frischen Luft.

Wien und Kaffee – das klingt nach einer (fast) unendlichen Geschichte. Tatsächlich hörte man in Europa um 1574 von diesem bislang unbekannten Gebräu, und erst als der Vormarsch der Türken mit der Belagerung Wiens 1683 sein Ende fand, kam man auch in der Donaumetropole auf den Geschmack.

Während der schwarze Muntermacher in den meisten Ländern allerdings ein kulinarisch recht eindimensionales Leben fristet, hat sich in Österreich und speziell in Wien ein echter Kaffee-Kult samt dazugehöriger Kaffehaus-Kultur entwickelt.

Bestandteil der Volksseele

"Kaffee ist gleichsam ein Bestandteil der Volksseele geworden wie das Bier in Bayern, der Whisky in Schottland und der Wein am Rhein", schrieb Hans Weigel über die "schwarze Leidenschaft" der Österreicher, und wartete auch gleich mit einer Erklärung für die Popularität der Kaffeehäuser auf: "Man ist nicht zuhaus und doch nicht an der frischen Luft. Denn das Kaffeehaus verhält sich zur Wohnung wie die Liebe zur Ehe. Und der Mokka ist dabei nur der Eintrittspreis für die Freiheit, Zeitung zu lesen und ein paar Stunden glücklich zu sein."

Die Lieblingsbeschäftigung vieler Wiener war und ist demgemäß der Kaffeehausbesuch. Schon 1885 wusste ein "Führer durch Wien" zu berichten: "Für das gesellschaftliche und teilweise auch für das geschäftliche Leben sind die Kaffeehäuser von höchster Bedeutung. Namentlich in den Nachmittagsstunden vollzieht sich in denselben ein nicht unbedeutender Teil des Verkehrs, und das Stamm-Kaffeehaus ist ein Zusammenkunftsort, welcher ebenso gut den geselligen Neigungen und Liebhabereien, als durch Zeitungs-Lecture und Meinungsaustausch den geistigen oder geschäftlichen Interessen dient."

Kaffee nach Maß

In der Blütezeit der Kaffehauskultur war es allerdings nicht damit getan, einfach einen "Mocca" oder einen "Verlängerten" zu bestellen. Man servierte "Kaffee nach Maß", und je bekannter das Haus, desto umfangreicher war das Angebot. Ein Perfektionist unter den einstigen Kellnern des bekannten Wiener Café Herrenhof soll sogar ständig eine Lackier-Farbskala mit zwanzig nummerierten Schattierungen von Braun mit sich getragen haben und war vom Ehrgeiz beseelt, seinen Stammgästen den Kaffee genau in der gewünschten Farbnuance vorzusetzen. Bestellungen und Beschwerden nahm er nur unter Angabe der Nummer entgegen: "Bitte einen Vierzehner mit Schlag!" oder "Hermann, was soll das! Ich habe einen Achter bestellt und Sie bringen mir einen Zwölfer?".

Kaiser-Melange & Nussknacker

Solche Feinheiten wurden freilich nur von wenigen Spezialisten beherrscht, doch die Tradition, Kaffee in einer Vielzahl unterschiedlichster "Aufmachungen" auf den Tisch zu bringen, hat sich erhalten.

Mit ein bisschen Glück findet man auch heute noch einen Ober, der einen Einspänner ebenso gekonnt serviert wie eine Schale Gold oder einen Fiaker. Und wenn nicht, bleibt immer noch die Möglichkeit, selbst Hand anzulegen und das breite Spektrum internationaler Kaffeespezialitäten in der eigenen Küche zuzubereiten – von der "Kaiser-Melange" (Eigelb mit kaltem Wasser in einer Tasse verrühren, kochendes Schlagobers und Zucker zugeben, gut umrühren, mit Kaffee & einem Schuss Cognac auffüllen) über den "Nussknacker" (Großer Brauner mit drei Esslöffel Nusslikör und einem Schlagobershäubchen, das mit gehackten Nüssen dekoriert wird) bis zum "Maria-Theresia" (Mokka mit einem Schuss Orangenlikör, Schlagobers und Zuckerstreuseln".

Die Legende: Café Hawelka

Das Hawelka ist auch nach dem Tod der "Frau Josefine" eines der letzten, der großen zentraleuropäischen Tradition entsprechenden Literaten- und Künstlerkaffeehäuser. Spezialität: Wiener Frühstück so lang der Vorrat reicht, hausgemachte Biscuits mit Früchten der Saison und Buchteln. Wo: 1010 Wien, Dorotheergasse 6, Tel.: 512 82 30, www.hawelka.at

Der Klassiker – original: Café Landtmann

Seit Franz Landtmann 1873 Wiens größte und eleganteste Café-Localität eröffnete, gehör(t)en Promis zum Publikum – von Peter Altenberg über Marlene Dietrich bis Sir Paul McCartney. Spezialität: Prolog- und Aprés Karte für Theaterbesucher, Klaviermusik live. Wo: 1010 Wien, Dr.-Karl-Lueger-Ring 4, Tel.: 24 100-100, www.landtmann.at

Der Klassiker – reloaded: Café Museum

Das Wiener Traditionscafe, 1899 von Adolf LOOS (1870 – 1933) eingerichtet, erstrahlt seit der Rekonstruktion nach Entwürfen von Loos im Jahr 2003 wieder in neuem, altem Glanz. Spezialität: täglicher Tagesteller mit (Alt-)Wiener Klassikern, Salonmusik. Wo: 1010 Wien, Friedrichstraße 6, Tel.: 24 100-620, www.cafemuseum.at

Der Glaspalast: Palmenhaus im Burggarten

Mit Blick ins Grüne kann man hier am Vormittag in gemütlichen Sofas seinen Kaffee schlürfen, zu Mittag ein feines Mahl genießen und abends an der 11 Meter langen Bar gediegen abhängen.Spezialität: Frühstückskarte bis 13.00 Uhr, offenen Bouteillenweinen mit Schwerpunkt Österreich. Wo: 1010 Wien, Burggarten, Tel.: 533 10 33, www.palmenhaus.at

Das Schloss-Cafe: Café Gloriette

Das ehemalige Frühstückszimmer des Kaisers – heute ein luftiges Café mit phantastischem Blick direkt auf das Schloss Schönbrunn.Spezialität: Musikalisches Frühstück (von Klassik bis Jazz), frische Mehlspeisen aus der hauseigenen Backstube. Wo: 1130 Wien, Schlosspark Schönbrunn (Gloriette), Tel.: 879 13 11, www.gloriette-cafe.at

Die Alternative: Café Stein

Schon längst kein reines Szene- und Studentenlokal mehr, aber jung gestylt & jung geblieben – mit Internetzugang, Fotoausstellungen und verschiedensten Events. Spezialität: Frühstück bis 20.00 Uhr, Kinderspeisekarte und –betreuung. Wo: 1090 Wien, Währinger Straße 6-8, Tel.: 319 72 41, www.cafe-stein.com

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