Allein, einsam & nicht verwertbar?

Eines vorweg, ich stelle hier keine Schuldfrage. Ich schreibe hier meine Gedanken auf, weil sie einfach raus müssen. Ein psychisch labiler Mensch reißt zwei unschuldige Personen mit sich in den Tod und erschießt sich selber. So weit die nüchternen Fakten. Jetzt beginnt die Spurensuche. Und sie fördert suizidale Gedanken, Einsamkeit, psychische Probleme, eine Lebensbeichte zu Tage. Was die Ermittler noch alles finden, ist egal. Denn es stellt sich eine ganz andere Frage:

Wo waren diejenigen, die heute betroffen davon sprechen, der Täter sei psychisch labil gewesen, als dieser MENSCH Hilfe brauchte?

Was sagt es über den Zustand unserer Gesellschaft aus, wenn ein Mensch keinen anderen Ausweg mehr sieht, als andere Menschen mit sich in den Tod zu reißen, um das letzte Mal Aufmerksamkeit zu bekommen?

Die Aufarbeitung des Attentates von Münster müsste sinnvollerweise mit der Frage verbunden werden, wie wir Menschen mit psychischen Problemen so auffangen, dass diese sich angenommen fühlen. Hier ist die Frage nach der gesellschaftlichen und individuellen Verantwortung jedes Einzelnen für seinen Nachbarn, Kollegen, Bekannten oder Freund zu stellen. Hier ist die Frage nach gesellschaftlichem Druck, nach Normierung und Stigmatisierung, nach Abstempeln als nicht verwertbar zu stellen. Hier ist die Frage zu stellen, wie viel sind der Gesellschaft Menschen wert, die sich nicht im Mainstream bewegen.

Werden diese Fragen nun endlich gestellt werden? Ich fürchte, NEIN. Weil das würde bedeuten, festgefügte Strukturen zu hinterfragen, neue Werte zu definieren und den Focus von der normierten gesellschaftlichen Verwertbarkeit auf die individuelle Freiheit, die ja auch gesellschaftlich verwertbar wäre, zu verschieben.

Sicherlich, es gibt ein Netz an Hilfen, das sich von Beschäftigungstagesstätten, Betreutes Wohnen bis hin zu ambulanten und stationären Krankenhausbereichen spannt. Es gibt Psychologen und Psychiater, es gibt engagierte Selbsthilfegruppen und empathische Menschen, die sich kümmern und die Antennen für die subtilen Signale haben, mit denen sich psychische Veränderungen ankündigen. Das will ich gar nicht bestreiten, zunmal ich selber eine SHG moderiere. .

Nur, es gibt eben auch Chefs, die Druck aufbauen und ihre Mitarbeiter nach ihrer Verwertbarkeit einschätzen. Es gibt immer noch eine Stigmatisierung psychisch Kranker. Und leider ist die Macht des Mainstreams immer noch so groß, dass es Mut und Selbstbewusstsein braucht, anders zu leben, egal ob das das Aussehen, die sexuelle Orientierung, Beziehungsformen oder was auch immer betrifft.

Solange die Gesellschaft, und das sind Menschen, eine Normierung und ein Schubkastendenken fordern, wird es auch Menschen geben, die einen Teil ihrer Persönlichkeit verleugnen, um sich dem anzupassen.

Es lässt sich im Mainstream wunderbar verstecken. Es lässt sich jedoch im Mainstream auch elendig verrecken.

Die Lehre aus Münster müsste also sinnvollerweise auch eine Öffnung der Gesellschaft sein, hin zu mehr Toleranz. Hin zu einem achtsamen und respektvollen Umgang miteinander, zu mehr Empathie und Einfühlen in Andere.

Der Täter von Münster ist tot, zwei Unbeteiligte ebenfalls. Ich stelle mir die Frage, wann der nächste psychisch Kranke keinen anderen Ausweg mehr aus seinen seelischen Qualen sieht und wieder andere Personen mit in den Tod reißt. Denn, ganz offen gesagt, Hoffnung auf eine nachhaltige Veränderung der Gesellschaft hin zu mehr Akzeptanz von Menschen, die nicht in das genormte Raster des Mainstreams passen, habe ich nicht.

Dabei wäre das die richtige Reaktion auf Münster.

Fotos by: pixabay.com

Ich bin freiberuflicher Systemischer Coach und absolviere im Moment eine Ausbildung zum EX IN Genesungsbegleiter.

https://www.angstberatung-berlin.de/

 

Autor seit 3 Jahren
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