Ohne Pfaffen geht garnichts. . .

Romeo und Julia brauchten ihn. Johann Wolfgang und Christiane Goethe nahmen ihn in Anspruch. Und auch Otto von Bismarck und seine junge Braut Johanna von Puttkammer taten es nicht ohne ihn: Den Priester, der die Ehe schloss. Obwohl es ausgerechnet Bismarck war, der dafür sorgte, dass in Deutschland immer erst ein Beamter den staatlichen Segen zu einer Eheschließung ausspricht. Nur wer mag, kann sich danach noch den kirchlichen Segensspruch dazu holen.

Bis dahin war seit weit über tausend Jahren eine Eheschließung ohne Zutuns eines Vertreters der Kirche eigentlich undenkbar und faktisch unmöglich. Wilde Ehen ohne Kirchensegen gab es zwar auch früher schon, in vornehmeren Kreisen Konkubinat genannt oder Ehe zur linken Hand, aber gesellschaftlich war so etwas verachtet. Eine ordentliche Ehe bedurfte des Segens des Pfarrers.

Vorboten einer anderen Zeit

Mit der französischen Revolution und in deren Folge mit der Besetzung von Teilen Deutschlands durch die napoleonischen Armeen hielt der Code Napoleon seinen Einzug. Er brachte das staatliche Standesamt mit sich und damit auch die Zivilehe, d.h die Eheschließung ohne Beistand der Kirche, sondern festgestellt und beurkundet durch einen Staatsdiener. So waren im Rheinland nach 1810 staatliche Trauungen möglich. Mit der Niederlage Napoleons und dem Rückzug der französischen Besatzer wurde diese Möglichkeit aber auf Drängen der Kirchen schnell wieder zurück gezogen.

1855 wurde im Großherzogtum Oldenburg auf Betreiben des einflussreichen und hartnäckigen Baptistenpredigers Bohlken ein Gesetz erlassen,das staatliche Trauungen vorsah. Ähnliches geschah in der Hansestadt Bremen. Damit hatten erstmals auch Personen, die nicht den staatlich annerkannten katholischen oder evangelischen Kirchen angehörten oder die zu verschiedenen Religionsgruppen gehörten, die Möglichkeit sich offiziell ohne Priesterbeistand trauen zu lassen. Am 12.Juli 1855 heiratete in Varel der Baptistenprediger Haese seine junge Verlobte Melitta. Dies war die erste beurkundete Zivilehe in Deutschland.

Kulturkampf und Zivilehe - Bismarck und die katholischen Reichsfeinde

Nach der Reichsgründung 1871 sah sich Bismarck vor das Problem gestellt, dass weite Kreise seine Idee eines starken, preussisch dominierten Reiches ablehnten und eher einen lockeren föderalen Staat anstrebten.

Die katholische Zentrumspartei widersetzte sich diesen Bestrebungen und vertrat weite Teile der ländlichen und konservatven Bürger. Sie war zu einer bestimmenden Kraft im neuen Reichstag geworden und stand im Widerspruch zu Bismarcks Absicht, Preußens Vorherrschaft im Reich zu sichern.

In seinen Augen waren die Katholiken Reichsfeinde, welche er mit aller Härte bekämpfte. Der daraus entstehende Kulturkampf und die damit einher gehende Säkularisierung vieler Bereiche im deutschen Reiches schossen über ihr Ziel hinaus. Schließlich protestierte sogar die evangelischen Kirchen gegen Bismarcks Politik, der in der Folge einlenkte und im Kampf gegen den Katholizismus und die Zentrumspartei den Kompromiss suchte.

Während des Kulturkampfes zwischen Reichsregierung und katholischer Kirche beschloss der preußische Landtag nach heftigsten Debatten am 23. Januar 1874 die Zivilehe als zwingend vorzuschreiben. Ein Jahr später folgte der Reichstag 1875 dem Beispiel. Seitdem sind nur noch standesamtlich geschlossene Ehen in Deutschland möglich. Die Vertreter der staatlich anerkannten Kirchen mussten in die zweite Reihe treten. Ab jetzt hat ausschließlich der Standebeamte das Wort, wenn eine rechtsgültige Ehe geschlossen werden soll.

Ganz ohne ist auch nicht schön...

Die obligatorische Zivilehe hat die kirchliche Trauung aber keineswegs abgeschafft oder überflüssig gemacht. Auch heute noch werden kanpp die Hälfte aller Ehen auch vor dem Altar geschlossen. Wobei dies von Region zu Region sehr unterschiedlich ist. In Berlin wird nur jede siebte Ehe kirchlich geschlossen, in Ostdeutschland sogar nur eine von fünfzehn.

Seit dem 1.1. 2009 ist das Verbot der religiösen Voraustrauung entfallen. Bis dahin durfte eine kirchliche Trauung nur nach dem Standesamt stattfinden.  Die Heirat in der Kirche hat keine zivilrechtliche Bedutung mehr. Das ist aber nur juristisch zu verstehen. Für die, die den Bund fürs Leben mit Gottes Hilfe schließen möchten, ist die kirchliche Trauung allemal wichtiger als der unspektakuläre Verwaltungsakt beim Standesamt.

Israel und anderswo

Die Einführung der Zivilehe bedeutet auch Freiheit von krichlichen und religiösen Bevormundungen.

In vielen Ländern ist die Zivilehe unbekannt. Trauungen werden ausschließlich durch Religonsgemeinschaften gegründet und Ehen können auch nur durch diese, wenn überhaupt, wieder geschieden werden.

Jedes Jahr reisen Hunderte von Iraelis nach Zypern um sich dort zivilrechlich trauen zu lassen, Auch In vielen islamischen Ländern ist eine Zivilehe nicht möglich.

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