5. Sind die Ducks Kannibalen?

Heute: Ente à la Donald Duck!Trotz ihrer anthropomorphisierten Gestalt sind die Ducks eindeutig als Enten spezifizierbar. Donalds watschelnder Gang und sein in den Trickfilmen empörtes Quaken in Folge cholerischer Wutausbrüche runden das Bild ab. Die Kost indes spricht eine gänzlich andere Sprache: Während sich Enten vornehmlich von kleineren Weichtieren, Würmern oder Kaulquappen ernähren, pflegen die Ducks menschliche Hausmannskost, zu der neben Gemüse, Fisch und Süßspeisen gebratene Vögel zählen. Zum Erntedankfest wird ganz selbstverständlich ein Truthahn serviert, wobei Donald nicht vor dem eigenhändigen Erlegen eines noch lebenden Exemplars zurückschrecken würde, wie die Geschichte "Erntedankfest" in schockierend expliziter Darstellung beweist: Tick, Trick und Track tricksen einen betrügerischen Schießstandbesitzer aus und gewinnen einen Truthahn, bei dessen Anblick ihrem Onkel das Wasser im Schnabel zusammenläuft und er ihnen mit einer Axt entgegenstürmt, um dem Tier an Ort und Stelle den Kopf abzuhacken. Dazu kommt es freilich nicht, da die drei kleinen Ducks ihren Truthahn liebgewinnen.

 

Weniger Glück hatte ein Federvieh in der Geschichte "Jagdfieber": Donald möchte – wiederum fürs Erntedankfest – einen wilden Truthahn schießen und wird nach allerlei Turbulenzen doch noch fündig. Der Vogel wird erbarmungslos erlegt, entpuppt sich im Nachhinein jedoch nicht als Truthahn, sondern Adler, womit Donald – ungewollt, aber doch – gegen das Artenschutzgesetz verstoßen hat. Der Aufschrei von Tierschutzorganisationen blieb aus, was vermutlich darauf zurückzuführen ist, dass diese Geschichte aus den 1940er Jahren stammt.

 

Unzweifelhaft kannibalistische Tendenzen muss man den Ducks unterstellen, wenn sie genussvoll Gänsebraten verschlingen, wiewohl der anverwandte Gustav Gans dieser Spezies entspringt, gleich Oma Ducks faulem Knecht Franz Gans. Überhaupt erscheint der Heißhunger auf Fleisch jeglicher Art befremdlich: Mahlzeiten ohne Schweinebraten, Truthahn, Lammkeulen oder zumindest Fisch werden in Entenhausen offenbar als unvollständig betrachtet. Die hierfür nötigen Viehbestände müssen wahrlich gigantisch sein, stellen aber eine Notwendigkeit dar, um den labilen sozialen Frieden in Entenhausen nicht zu gefährden. Wie aus zahlreichen Geschichten bekannt, neigen die Bürger bei Nahrungsengpässen im heimischen Kühlschrank zu Wahnvorstellungen und drastischen Gewaltausbrüchen. Insofern verwundert es nicht, dass fernab der Metropole von den politischen Würdenträgern stillschweigend geduldet oder sogar gefördert für den Falle eines Aufstandes Vorsorge getroffen wird.

4. Ist Fähnlein Fieselschweif eine paramilitärische Organisation?

Fähnlein Fieselschweif: Keep watching the Meis'!Natürlich verfügt eine Weltstadt wie Entenhausen über Exekutivkörper. Allein: Diese erweisen sich oftmals als kleinkrämerische oder völlig unfähige Polizeibeamte. Wie die Dokumentationsreihe "Ein Fall für Micky" belegt, ist die Entenhausener Polizei zwar personell und technologisch bestens ausgestattet, jedoch auf erschreckende Weise unfähig, Verbrechen, die über das Aufbrechen von Kaugummiautomaten hinausgehen, aufzuklären. Es obliegt somit meist dem Spürsinn und dem scharfen Verstand des – allerdings nur augenscheinlich (dazu später) – untadeligen Bürgers Micky Maus, Banküberfälle und Entführungen aufzuklären und mitunter sogar die Zerstörung der ganzen Stadt zu verhindern. Die Konsequenzen gemahnen verblüffend an hiesige Zustände: Achselzuckend sieht man über das Versagen der zuständigen Behörden hinweg und sieht keine Veranlassung für personelle Änderungen gegeben. Der gutmütige, gleichermaßen hoffnungslos überforderte Kommissar Hunter erweist sich ebenso als pragmatisierter Sesselkleber, wie der weniger gutmütige, dafür völlig unfähige Inspektor Issel, dessen herausragendstes Merkmal darin besteht, falsche Verdächtigungen auszusprechen.

 

Was Wunder also, dass das politische Establishment darob beunruhigt ist und offenbar einen Notfallplan ausgearbeitet hat, der darin besteht, die harmlos scheinende Pfadfindergruppe "Fähnlein Fieselschweif" zur paramilitärischen Einheit umzuformen, die im Katastrophenfall die öffentliche Ordnung wiederherstellen soll? Zunächst mag die Vorstellung irritieren, Kinder mit einer derart komplexen und gefährlichen Aufgabe zu betrauen. Allerdings muss man dabei einen besonderen Umstand berücksichtigen: In Entenhausen sind die meisten Kinder in Punkto Intelligenz, Moral und Besonnenheit den Erwachsenen überlegen. Hierzu sei als drastisches Beispiel die Geschichte "Der Lockruf des Mondgoldes" angeführt: Als ruchbar wird, dass auf dem Erdtrabanten gewaltige Goldvorkommen existieren, erfasst ein Goldrausch die Metropole. Mit völlig untauglichen Mitteln versuchen sämtliche Erwachsene, zum Mond zu gelangen und sich ihr Stückchen am Glück zu sichern. Selbst Dagobert Duck, ein Mann von Welt, rational und nüchtern denkend, erklimmt einen Fahnenmast in der absurden Hoffnung, auf diese Weise den Mond erreichen zu können. Verglichen damit erscheint Donalds Versuch, sich mit einem Sprungbrett in den Orbit zu katapultieren, wie seriöse Wissenschaft.

 

Bedauerlicherweise wird selbst der ranghöchste Anführer des "Fähnlein Fieselschweif" vom Goldrausch erfasst, was auf seine Eignung für diese Position kein gutes Licht wirft. In dieser Geschichte sind es wiederum die Kinder, die für Besonnenheit sorgen und in weiterer Folge mehreren Erwachsenen das Leben retten. Was spricht nun aber für die These, dass es sich bei "Fähnlein Fieselschweif" um den Prototyp einer paramilitärischen Organisation handelt? Zunächst fällt die streng hierarchische Ordnung auf, die die Königliche Preußische Armee wie eine Bande nutzloser Anarchisten aussehen lässt. Die sich zu Hause frech und wild gebärdenden Tick, Trick und Track sind nicht wiederzuerkennen, sobald sie ihre Pfadfinderuniform samt Pelzmütze tragen. Zwar tragen sie mustergültig zum Gemeinwohl bei, lassen dabei aber jegliche kritische Distanz zum kollektivistischen Ideal ihrer Pfadfindergruppe vermissen. Im Gegenteil: Das militärische Marschieren in Reih und Glied bereitet ihnen offenkundig Freude, ebenso wie das Sammeln von Medaillen und Ehrentiteln, die außerhalb ihrer Organisation keinerlei Bedeutung besitzen und mitunter von Donald berechtigterweise höhnisch belächelt werden. An der Autorität des Generalfeld- oder Oberstwaldmeisters wird niemals gerüttelt. Ihren Befehlen wird ohne zu murren Folge geleistet, selbst wenn sie unsinnig sind.

 

Was Alt-Linken die Mao-Bibel, ist dem "Fähnlein Fieselschweif" das "Schlaue Buch": Ein Kompendium von Lebensweisheiten, nach denen sich der Einzelne zu richten habe. Im Gegensatz zu kommunistischer Propaganda enthält das "Schlaue Buch" jedoch tatsächlich eine Fülle nützlicher Informationen für den Alltag, aber auch für ungewöhnliche Situationen, wie das Übersetzen antiker Schriften, die offenbar lückenlos (und für Laien verständlich) darin aufgelistet sind. Angesichts dessen, dass das Büchlein nur wenige hundert Seiten stark ist und somit in jedem Rucksack Platz findet, ist es nicht bloß erstaunlich, wie das Wissen ganzer Bibliotheken darin enthalten sein kann, sondern vielmehr völlig unmöglich. Hierzu bieten sich zwei Erklärungsmodelle an. Die Unwahrscheinliche, wonach das "Schlaue Buch" nur als Tarnung dient, um die Genialität der duck'schen Neffen zu verschleiern, analog Supermans Tarnung als tollpatschiger Journalist. Wie jüngere Hollywood-Blockbuster wie "X-Men" oder "Watchmen – Die Wächter" zeigen, kann die offenkundige Anwesenheit und in weiterer Folge das Wirken von Übermenschen die gesamte Gesellschaft bis ins Mark erschüttern und aus den Angeln heben. Aus Rücksicht auf ihre Mitmenschen verzichten demnach Tick, Trick und Track darauf, sich als jene Supergenies zu erkennen zu geben, die sie in Wahrheit sind. Allerdings spricht gegen diese kühne Spekulation der Umstand, dass die drei kleinen Ducks selbst bei ungestörten Gesprächen keinerlei alles überragende Hyper-Intelligenz erkennen lassen und wie ganz normale Jungen sprechen und handeln.

 

Nach Ansicht des Artikelautors bietet sich folgende These an: Das "Schlaue Buch" ist in Wahrheit eine Art iPad, mit der sich virtuelle Bibliotheken in Windeseile abrufen lassen. Zugegeben: Auf den ersten Blick erscheint diese Annahme deshalb kühn, da die Geschichte des "Schlauen Buches" bis in die 1950er Jahre zurückreicht, also weit vor die Ära von iPads, Internet und WLAN. Allerdings ist Entenhausen die Heimat des exzentrischen Erfinders Daniel Düsentrieb, der völlig ohne jegliche staatliche Unterstützung in seiner kleinen Werkstätte unter anderem Zeitmaschinen, Raumschiffe, Wettermanipulationsmaschinen oder die Dunkelbirne erfand und entwickelte. Es scheint deshalb nicht weit hergeholt, diesem Nikolas Tesla Entenhausens die Entwicklung eines iPads zuzutrauen. Diese These fügt sich nahtlos in die übergeordnete ein, handelt Daniel Düsentrieb doch einzig und allein aus altruistischen Gründen heraus und schlägst aus seinen genialen Erfindungen keinerlei Profit (im Gegenteil: Meist kämpft er mit Zahlungsschwierigkeiten, da er sich gutmütig übers Ohr hauen lässt). Es scheint nicht nur vorstellbar, sondern sogar wahrscheinlich, dass er im Dienste der – vermeintlich? – guten Sache steht und mit den in die Verschwörung involvierten Behörden bereitwillig kooperiert und sie wie dereinst sein Erfinderkollege "Q" aus der "James Bond"-Serie mit den nötigen Apparaturen versorgt.

 

Tragischerweise ahnen die minderjährigen Mitglieder des "Fähnlein Fieselschweif" selbst nicht, dass sie lediglich Werkzeuge in der Hand einer übergeordneten Macht darstellen. Vermutlich ist selbst den Gruppenleitern ihre eigentliche Mission unbekannt und sie agieren aus der Überzeugung heraus, Gutes zu tun, Kinder die wahren Werte des Lebens näherzubringen und sie auf das Überleben in der rauen Wildnis vorzubereiten, möglicherweise vor dem Hintergrund des Wissens, dass eine weitere Apokalpyse der Entenhausener Welt bevorstehen könnte – auch hierzu später mehr. Seltsam erscheint in diesem Zusammenhang die Absenz weiblicher Mitglieder, sowohl im Führungskader, als auch unter den Kindern und Jugendlichen selbst. Frauen bzw. Mädchen sind zwar bei den "Kohlmeisen" organisiert, einer Art femininen Gegenentwurf zum "Fähnlein Fieselschweif". Doch dieser Gruppe mangelt es sowohl an Mitgliedern, als auch kompetenter Führung, weshalb es den Jungen obliegt, gefährliche Missionen zu bestehen oder Leben zu retten. Indes erhebt sich ohnehin die Frage …

3. Sind einige Entenhausener geschlechtslos?

Eingedenk der Verdienste, die sich die Organisation D.O.N.A.L.D. ("Deutsche Organisation der nichtkommerziellen Anhänger des lauteren Donaldismus"I um die Erforschung des Disney-Universums erworben hat, bleibt eines der ganz großen Geheimnisse der Entenmetropole ungeklärt: Sind manche ihrer Bewohner geschlechtslos? Um diese Frage zu klären, muss man zwei Aspekte berücksichtigen: Zum einen existieren im multibiologischen Entenhausen praktisch keinerlei menschliche oder menschenähnliche Bewohner. Vielmehr ist die Stadt von verschiedenen Spezies durchmischt, angefangen von den Ducks über die Mäuse (Anmerkung: Im amerikanischen Original leben Micky Maus, Minnie, Goofy, Kater Karlo & Co. nicht in Entenhausen, also "Duckburg", sondern in einer gänzlich anderen Stadt namens "Mouseton" – im Sinne stringenter Auseinandersetzung mit dem Thema soll die aus der deutschen Übersetzung bekannte Verschmelzung der Städte in das geläufige "Entenhausen" übernommen werden) bis hin zu Hunden und Schweinen. Der europäische Kontinent scheint eine Zufluchtsstätte für die menschliche Rasse zu sein, wie die Geschichte "Gefährliches Spiel" (aka "Der Atom-Spion") dokumentiert. Als Donald den spanischen Strand entlang flaniert, passiert er – sehr zu seiner Freude – etliche weibliche Schönheiten, die unzweifelhaft der menschlichen Rasse angehören. Analog hierzu sind viele Entenhausener Bürger nicht nur auf Grund ihrer Kleidung, sondern auch dank ihrer Körperformen einem der beiden Geschlechter zuordenbar. Viele Frauen besitzen nebst üppiger Haartracht und dem Tragen von Röcken und Damenschuhen verdächtige Wölbungen, die auf das Vorhandensein von Brüsten rückschließen lassen. Männer tragen meist Hosen, Straßenanzüge, Krawatten und andere in konservativen Kreisen ihnen vorbehaltene Kleidung und weisen einen sauberen Bürstenhaarschnitt oder Glatzen (ein Zeichen von Würde und Weisheit) auf – Ausnahmen wie die Geschichte "Kampf der Echos", in denen typische Vertreter der Hippie-Generation auftreten, bestätigen die Regel.

 

Zum anderen – und hier offenbart sich die Crux dieser heiklen Frage – entziehen sich die meisten Comic-Protagonisten eindeutiger Geschlechterzugehörigkeit. Nun ist dem so, dass sie männliche bzw. weibliche Vornamen tragen (ausgenommen Goofy, der überdies hinaus keinen Familiennamen besitzt) und sich entsprechend ihrer Geschlechterrollen benehmen. Doch bereits die Kleidung wirft ein zunächst unlösbar scheinendes Rätsel auf: Warum tragen die Ducks keine Hosen oder Röcke? Die mögliche Antwort darauf könnte näher liegen, als man zunächst vermuten möchte: Kleidung dient nicht nur dem Schutz vor Kälte, sondern soll zudem die Geschlechtsorgane verhüllen. Für die Ducks ergibt sich keine Notwendigkeit hierfür: Vor etwaiger Kälte schützt sie ihr Federnkleid und Geschlechtsorgane scheinen sie nicht entwickelt zu haben.

 

Für die Annahme, dass die Ducks geschlechtslos sind, spricht außerdem folgender Umstand: Trotz engster Verwandtschaft fallen sie auf jeden noch so offensichtlichen Rollentausch hinein. Trägt beispielsweise Donald ein Frauenkleid und steckt sich eine von Daisy charakteristischen Haarschleifen ins Federnkleid, wird er selbst von seinen Neffen oder Gustav Gans für Daisy gehalten und von fremden Entenmännern mit lüsternen Blicken bedacht. Der in Entenhausen beliebte Rollentausch führt zu allerlei grotesken Situationen und ist offenbar in jeder beliebigen Variation möglich. Bei Bedarf verwandelt sich Donald nicht nur in eine verführerische Entendame, sondern kann auch das Aussehen seines Onkels Dagobert annehmen. Hierzu genügt es, dessen abgetragenen Frack, seinen Zylinder samt Gehstock und die Gamaschen zu tragen. Selbst eine äußerst minimalistische Verkleidung als Kind gelingt Donald in der Geschichte "Kampf der Drachen", in der er von Erwachsenen für ein Kind gehalten wird und einen Flugdrachenwettbewerb gewinnt.

 

Nicht immer dienen die Verkleidungen derart harmlosen Zwecken. Die ruchlose Panzerknackerbande betreibt seit jeher Täuschung mittels Verkleidungen. Dabei offenbart sich eine  – Linke mögen von einer typischen US-Fixierung auf den eigenen Staat sprechen – ausgesprochene Unwissenheit über Völker und Kulturen außerhalb Entenhausens. Diese existieren ausschließlich in Form von Klischeevorstellungen. Einer der beliebtesten Verkleidungstricks der Panzerknacker ist jener des orientalischen Scheichs oder indischen Maharadschas. Das simple Tragen eines Turbans identifiziert sie als orientalische Fremde. Mittels Perücke, Bluse und Rock verwandeln sie sich in Frauen und übertölpeln sowohl Dagobert Duck, als auch seine Neffen und etwaiges Wachpersonal. Möglicherweise – und auch dies ist lediglich Spekulation des Artikelautors, wie sämtliche anderen Überlegungen – leiden die Ducks an Prosopagnosie. Dabei handelt es sich um die Unfähigkeit, Personen eindeutig anhand ihrer Gesichtszüge zu identifizieren. Allerdings kann man mit diesem Krankheitsbild umgehen, indem man Menschen nicht anhand ihres Gesichtes, sondern auf Grund ihrer Stimmen, ihres Gangbildes oder anderer körperlicher Merkmale zu unterscheiden lernt. Daisy könnte somit dank ihrer riesigen, pinken Haarschlaufe erkannt werden, wie es bei Donald mit seiner Matrosenmütze (die außer ihm niemand trägt) oder bei Dagobert mit dessen altmodischer Kleidung der Fall ist.

 

Somit besteht für die Ducks – wie auch für die Mäuse – weder die Notwendigkeit, noch die Möglichkeit einer geschlechtlichen Unterscheidung. Die Implikationen dessen sind vielschichtiger Natur und wirft insbesondere die Frage auf, wie sich eine solche Spezies fortpflanzt. Da Geschlechtsverkehr im prüden Entenhausen, wo selbst Ehepaare in getrennten Betten schlafen und ein Kuss den Zenit prickelnder Erotik darstellt, tabuisiert wird, bietet sich nur eine einzige mögliche Erklärung an: Fortpflanzung geschieht durch Parthenogenese, also eingeschlechtliche Fortpflanzung. Diese Form der Arterhaltung ist nicht so ungewöhnlich, wie sie auf den ersten Blick scheinen mag: Neben Schnecken, zahlreichen Insekten- und Krebsarten pflanzen sich einige Hai- und Schlangenarten auf diese Weise fort, bis hin zu einigen Vögeln, wie den bereits mehrfach erwähnten Truthühnern. Diese Theorie erklärte zahlreiche seltsame Verhaltensweisen bzw. Ungereimtheiten in Entenhausen: Neben dem Verzicht auf Geschlechtsverkehr ergibt es endlich Sinn, weshalb Enten über keine Kinder und Eltern, sondern lediglich über Neffen bzw. Onkeln und Tanten verfügen. Eltern existieren in dieser Welt schlichtweg nicht! Tick, Trick und Track wurden somit von Donald zur Welt gebracht, Dicky, Dacky und Ducky von Daisy, und Donald und Daisy wiederum entsprangen vermutlich Dagoberts Leib. Möglicherweise – und hier begibt sich der Artikelautor wiederum auf dünnes Eis – wird dieses Geheimnis von den erwachsenen Enten streng gehütet und ist somit dem Nachwuchs unbekannt.

 

Wie die Fortpflanzung bei den hunde- oder schweineähnlichen Bewohnern stattfindet, bleibt ungeklärt. Jedoch scheint die geschlechtliche Fortpflanzung auch in Entenhausen gängig zu sein, da Kinder in den meisten Fällen zwei Elternteile haben und Babys in Kinderwagen kutschiert werden. Wohlgemerkt: Die Ducks sind hiervon ausgenommen! Zumal mit der erzwungenen Asexualität psychologische Störungen und ein vermindertes Selbstwertgefühl einher zu gehen scheinen. Dagoberts neurotische Fixierung auf Geld dürfte ein libidinöser Ersatz sein, während die Dreiecksbeziehung Donald-Gustav-Daisy durch ständige Wechselbäder der Gefühle gekennzeichnet sind und lediglich ein harmloses Vorspiel zu einer sich nie entwickelnd könnenden Liebesbeziehung darstellen. Das mühsame Werben samt gelegentlicher Erringung von Daisy Kunst ist nicht mehr als der verzweifelte Versuch, eine unerfüllbare Sehnsucht zu stillen, die selbst bei den Enten noch ganz tief in den Genen verankert ist. Gevögelt wird trotzdem nicht, und darin liegt die Komik dieser Tragik!

2. Ist Goofy Micky hörig?

Ein besserer Nachbar und Freund als Micky Maus ist kaum vorstellbar: Intelligent, hilfsbereit, nett, zuverlässig. Diese Maus möchte man in keiner Mäusefalle wissen! Abseits häuslicher Pflichten wie der Erziehung der mitunter bockigen Neffen Mack und Muck sowie einer nicht unkomplizierten Liebesbeziehung zur emanzipierten Minnie Maus, tritt Micky immer wieder als Detektiv und freiwilliger Helfer der völlig überforderten Entenhausener Polizei in Erscheinung. Wie es ihm gelingt, den privaten Alltag, die Launen seiner Dauerfreundin und lebensgefährliche Hetzjagden auf Kater Karlo oder das berüchtigte Schwarze Phantom unter einen Hut zu bringen, soll nicht die gegenständliche Frage sein. Vielmehr drängt sich der Verdacht auf, dass unter der Fassade des ewig freundlichen, untadeligen Musterbürgers ein Sadist verborgen steckt.

 

Zwar erfreuen sich Micky-Maus-Geschichten geringerer Beliebtheit als solche mit Donald, Dagobert oder Daisy. Dennoch verfolgten viele Leser – den Artikelautor eingeschlossen – Mickys Abenteuer mit größtem Interesse und stellten sich die Frage: Warum ist Micky mit Goofy befreundet? Dieser stellt nämlich sein exaktes Gegenteil dar: Strohdumm, linkisch, unbeholfen, kindlich. In einem Hollywoodfilm wäre Goofy der liebenswerte, geistig Behinderte, höchstwahrscheinlich von Robin Williams dargestellt, der hierfür einen "Oscar" gewänne. Das Problem bei dieser Freundschaft liegt darin, dass Goofy für Micky einen Klotz am Bein bedeutet und ihn oftmals sogar in Lebensgefahr bringt. Ein Detektivgespann Micky und Goofy ergibt ungefähr so viel Sinn, als hätte Sherlock Holmes Homer Simpson zum Partner auserkoren.  Verstecken sich die beiden vor einer Schmugglerbande hinter Holzkisten, muss Goofy mit Sicherheit niesen und verrät somit ihre Anwesenheit. Wird Goofy gefangengenommen, muss ihn sein Entführer nicht erst mühsam ausquetschen: Bereitwillig erzählt der naive Junggeselle alles, was er weiß.

 

Wieso also umgibt sich Superdetektiv Micky mit einem unfähigen "Assistenten" wie Goofy? Eine der möglichen Antworten auf diese Frage klingt erschreckend: Micky betrachtet ihn nicht als Freund und Vertrauten, sondern als ein sprechendes Haustier, das seinem Amüsement dient. Tatsächlich liegt Goofys Intelligenz kaum über jener von Pluto. Im Gegensatz zum Hund vermag er zu sprechen, seine Finger zu benutzen oder Auto zu fahren. Seine intellektuellen Fähigkeiten erschöpfen sich jedoch im bloßen Reflektieren menschlicher Verhaltensweisen. Eigenständiges Denken oder das Lösen komplexer Aufgaben die über seinen begrenzten Horizont hinausreichten, ist ihm unmöglich. In einer für seine mentale Beschränktheit nicht untypischen Geschichte hält er etwa eine Obstwaage für die Uhr und einen vom Räuber gefesselten und geknebelten Filialleiter für ein Baby. Die Umschreibung "naiv" ist angesichts dessen wohl noch sehr großzügig bemessen.

Micky missbraucht Goofy, indem er ihn wie ein geistig zurückgebliebenes Kind behandelt. An ihm kann er bedenkenlos seinen spärlichen Witz auslassen und ihn für eigene Fehler verantwortlich machen. Goofy lässt sich dies nicht nur gefallen, sondern kehrt stets reumütig zu Micky zurück, auf dass er ihm verzeihe. So handelt keine Person auf gleicher Augenhöhe – so handeln Leute, die von anderen psychisch abhängig sind. Natürlich weiß Micky, dass er Goofys wichtigste Bezugsperson ist und sich entsprechend verzweifelt an ihm festklammern wird, komme da was wolle. Wie aber ist es überhaupt möglich, dass die Weltstadt Entenhausen von intellektuellen Dunkelkammern wie Goofy, Inspektor Issel oder Kommissar Hunter bevölkert wird? Und weshalb leben keine Menschen, sondern bizarre Mischwesen in der Metropole? Die mögliche Erklärung für dieses Mysterium ist der ultimative Horror …

1. Leben die Ducks in einer postapokalyptischen Welt?

Lassen Sie mich die zunächst unglaublich scheinende These formulieren und diese sodann schlüssig, wie ich meine, belegen. Entenhausen ist keine Stadt in einer Parallelwelt, die unserer eigenen verblüffend ähnlich ist, nur dass diese größtenteils von Mischwesen bevölkert ist, nein: Entenhausen befindet sich auf der Erde und wurde vermutlich auf den Trümmern einer kalifornischen Großstadt wie San Francisco erbaut, wofür das Klima, die Nähe zum Meer und die umgebenden Wüsten sprechen. Allerdings schreiben wir nicht das 20. bzw. 21. Jahrhundert unserer Zeit, sondern befinden uns weit in der Zukunft; einer Zukunft, in der eine Katastrophe, höchstwahrscheinlich ein nuklearer Schlagabtausch, weite Teile der Erde entvölkerte.

 

In the year 2525, if duck is still alive... Die Nachkommen der Menschen leben vornehmlich in Europa, wie bereits dargelegt wurde, während die anderen Kontinente fast ausschließlich von Wesen wie den Ducks oder den Mäusen bewohnt werden. Überall dort, wo die atomare Strahlung am Stärksten war, fanden unheimliche Mutationen statt, aus denen sich die uns bekannten Comicfiguren entwickelten. Offenbar wurde Europa von diesen nuklearen Schlagabtausch nicht in Mitleidenschaft gezogen und dient den letzten überlebenden Menschen als Rückzugsgebiet. Nordamerika hingegen muss unvorstellbaren Verheerungen ausgesetzt gewesen sein, betrachtet man die Demographie Entenhausens und der Nachbarstädte. Vermutlich stellen die sehr unvermittelt hinter der Stadt beginnenden Wüsten nicht mehr bewohnbare Gebiete dar und werden nur selten von den Ducks aufgesucht.

 

Bemerkenswert ist die Zeitschreibung. Das gebräuchliche "1990 n. Chr" bzw. in den USA "1990 A. D.", also nach Christi Geburt, ist in Entenhausen völlig unbekannt, genauso wie die Existenz von Religionen und Gotteshäusern. Dies spricht dafür, dass ein Zeitbegriff wie 1990 auf die Jahre seit Errichtung der Stadt hindeutet, nicht auf jenen unserer eigenen Zeitmessung.  Ganz offensichtlich führte die atomare Strahlung auch zur unterschiedlichen Heranbildung von Intelligenz: Genies wie Micky oder Daniel Düsentrieb steht eine Masse an Bürgern mit eingeschränkten intellektuellen Fähigkeiten gegenüber. Eine leicht zu lenkende und beeinflussbare Masse, solange sie mit genügend Fleisch (siehe die Punkte zuvor) bei Laune gehalten wird. Die Ausmaße dieser breiten Verdummung sind erschreckend: Selbst völlig inkompetente Polizisten oder Politiker müssen keine Angst vor irgendwelchen Konsequenzen ihres unverantwortlichen Handelns haben.

 

Natürlich gibt es auch Profiteure eines solchen Systems: Dagobert Duck konnte seinen ungeheuren Reichtum nicht nur durch seinen Geschäftssinn erlangen, sondern vielmehr durch geschickte Manipulation der öffentlichen Meinung. Simple Werbekampagnen mit flotten Sprüchen genügen, um die Leute Produkte aus seinen Fabriken kaufen zu lassen, ohne ernsthafte Konkurrenz fürchten zu müssen. Ein Klaas Klever kann ihm nicht das Wasser reichen, wobei der Verdacht besteht, dass Klever lediglich als Strohmännchen dafür dient, Dagobert Ducks Quasi-Monopol nicht allzu offensichtlich wirken zu lassen. Durch die Existenz eines angeblichen Mitbewerbers, kann der Plutokrat das Trugbild eines freien Marktes aufrechterhalten, wohingegen er alle Fäden in Händen hält.

 

Des Weiteren stellen Dagoberts Schatzsuchen und Expeditionen in fremde Länder einen weiteren Hinweis auf eine postapokalyptische Welt dar. Die von ihm aufgefundenen Schätze sind schlichtweg zu zahlreich, um allesamt auf vergessene oder verschüttete Schätze der Antike zurückführbar zu sein. Wohl nicht wenige seiner erfolgreichen Schatzsuchen führten ihn in die Ruinen von Juwelierläden oder einstigen Banktresoren, die durch die Zerstörung nicht mehr als solche erkennbar sind und irrigerweise für altertümlich gehalten werden. Auch die Entdeckungen bizarrer Welten, in denen angebliche Inka-Nachkommen ("Im Land der viereckigen Eier") oder Dinosaurier ("Die Gurkenkrise") hausen, weisen eindeutig auf gewaltige Umwälzungen im Zuge des nuklearen Krieges hin, die harmlose Echsen auf riesenhafte Größe heranwachsen ließen (siehe die Akte "Godzilla") und naive Nachkommen indianischer Völker zur kärglichen Existenz in abgeschotteten Gebirgstälern zwangen.

 

Beruhigend scheint einzig, dass die Erinnerungen an die Menschheit nicht gänzlich verblassten, wie die Popularität romantischer Gedichte, dümmliche Quizshows ("Geld oder Ware") oder schmalzige Musik, wie das Lied vom "rührseligen Cowboy" (die offizielle Hymne der Donaldisten) beweisen.

 

Der düsteren Thematik zum Trotz mag abschließend der Gedanke trösten, wonach wir unseren Platz an der Spitze der Evolution voraussichtlich nicht an Killerroboter wie aus den "Terminator"-Filmen abtreten werden müssen, sondern an die Geschöpfe aus Entenhausen.

Ihnen hat dieser Artikel gefallen? Dann könnten Ihnen auch diese Bücher zusagen!
Filmriss - 19 Science-Fiction-Filme für die Tonne
Sternstunden menschlichen Scheiterns und andere...
Nur EUR 9,99
Einen Augenblick lang Gott
Nur EUR 9,99
rainerinnreiter, am 12.08.2012

Kommentare


   Einloggen
Satyr am 03.09.2012

Meine Theorie, weshalb die Protagonisten in Disneys Entenhausener Universum lediglich Onkel und Tanten, Neffen und Nichten, Cousins und Cousinen, Brüder und Schwestern in ihrer Verwandtschaft haben, jedoch keinerlei direkte Vor- und/oder Nachfahren:

Die Autoren wollten ausschliessen, dass das elterliche Autoritätsbild sowie das Familienbild der jugendlichen Rezipienten, untergraben, bzw. in Frage gestellt wird.
Ein Vater Donald, der vor den Augen seiner Söhne Tick, Trick und Track, die sich auch noch in schöner Regelmässigkeit als schlauer und charakterfester als ihr Vater erweisen, die Contenance verliert, hat auf die Wertvorstellungen und die Wertewahrnehmung eines Kindes einen anderen Einfluss, als ein Onkel Donald.

Dasselbe gilt für das Verhältnis Donalds zu Dagobert:
Wäre es ein Vater-Sohn-Verhältnis, wäre die Wahrnehmung Dagoberts als liebloser, geiziger, unsolidarischer Vater, der seinen Sohn schindet und ausnutzt, wie er auch die arglose Hilfsbereitschaft seiner Enkel Tick, Trick und Track ohne jede Spur von Dankbarkeit regelmässig in Anspruch nimmt, von verheerender Wirkung auf die moralische Entwicklung der Kinder.

Und um solcherlei Irritationen zu vermeiden, haben die Disney-Autoren eben ihre entsprechenden, typischen Verwandtschafts- und Familienkonstellationen für die Bewohner Entenhausens erdacht und diese auch gleich auf alle Protagonisten angewandt.

kaktus am 14.08.2012

Eben Kommentar geschrieben nicht absendbar, beim Senden: Einloggen! Schon als Kind interessierte mich Donald Duck nicht, der kam mir damals zu blöde vor. Gut analysiert!

rainerinnreiter am 13.08.2012

Oh, danke! Aber wie heißt es in diesem Schlager: "Es ist nie zu spät, für einen neuen Weg ..." :-)
Ich lese nur die älteren Disney-Comics, und als Leser "normaler" Literatur, Hobbyautor und Filmfan kann ich ehrlich sagen, dass viele alte Storys, insbesondere von Carl Barks, "echter" Literatur in kaum etwas nachstehen und schlichtweg Kunst sind. Für mich stellen diese Geschichten moderne Fabeln dar, die oft unglaublich witzig, sowohl in Ausdruck, als auch Sprachwitz (natürlich dank genialer deutscher Übersetzung) sind.

MartinaSmit am 13.08.2012

Einfach klasse! - Ich bereue geradezu, dass ich nie so richtig in die Welt der Ducks & Co eingetaucht bin...




Autor seit 3 Jahren
720 Seiten
Pagewizz auf Facebook
Laden ...
Fehler!