Als du aufstehst kannst du natürlich nicht ahnen, was dir noch bevorsteht. Die morgendliche Routine zieht dich wie einen dieser alten mechanischen Blechsoldaten auf und du ratterst in den vorgegebenen Bahnen dahin, ohne dir deiner Umgebung so recht bewusst zu werden. Anziehen, auf die Toilette gehen, waschen, frisieren, Zähne putzen. Später wird dich unentwegt die Frage quälen, ob du in diesen paar Minuten bereits die Grundlage zu dem gelegt hast, was dir kurz darauf zustoßen wird. Noch ein letzter Blick auf die Uhr: Es ist Zeit, in die Arbeit aufzubrechen. Auch das ist Routine, viele hundert Male abgespult. Der Schlüssel des Blechsoldaten dreht sich. Krrrsch. Mechanisch stapft das Männlein dahin und steigt in seinen Wagen ein.

Irgendwo über dir werden Fäden gezogen. Da bist du dir mittlerweile ganz sicher. Anders lässt sich das Folgende nicht erklären. Welche Hände diese Fäden ziehen, weiß du nicht. Wüsstest du es, wärst du wütend und würdest den Marionettenspieler anbrüllen, ob es ihm Spaß bereite, sein grausames Spiel hinter Wörtern wie "Schicksal" oder "Zufall" zu verbergen. Es kann kein Zufall sein …

… als du wie ungezählte Male zuvor – wer führt darüber schon Buch? – die Straße entlang fährst und die beiden Fäden nicht siehst. Der eine Faden zieht dich, der andere das Tier. Dein Fuß reagiert schneller als dein Verstand und tritt verzweifelt die Bremse. Dann erst registrierst du das, was du Sekundenbruchteile zuvor aus den Augenwinkeln heraus gesehen hast und was den Reflex in deinem Fuß ausgelöst hatte. Im selben Moment hörst du den Schlag. Wumm. Dieses Geräusch wirst du nie mehr aus deinem Kopf bekommen. Es wird da drinnen abgespeichert bleiben, in deinem Gehirn, deinem Verstand, deinem Bewusstsein, deiner Seele, so diese existieren sollte. Unaufhaltsam frisst sich dieses Wumm, das so anders ist als jedes andere Geräusch, das du je gehört hast, durch deinen Körper und rüttelt dich durch. Aber das Schlimmste ist natürlich, das was dieses Geräusch verursacht hat.

Verursacht. Wie klinisch und steril das klingt. Ein Stein verursacht einen Schaden am Auto. Das hier ist ein Lebewesen. Das verursacht gar nichts. Es ist, und das genügt, um dich in deinen Grundfesten zu erschüttern. Es ist ein Reh. Der Schock flutet deinen Verstand und Gedanken prasseln in unmöglich scheinender Menge und Intensität auf dich ein. Ein Reh, ein Reh, ich habe ein Reh angefahren.

Unmöglich, das kann nicht sein! Das darf nicht passieren, nicht dir, der du so vorsichtig fährst, dass sich manche über dich lustig machen. Dir, der keine Fliege, Ameise oder Wespe erschlägt, weil sie ihm gerade lästig erscheint.

Es kann doch sein. Du hast es gerade bewiesen. Der Fädenzieher über dir hat es dir bewiesen. In der Fahrschule hat man irgendwann vielleicht sogar erwähnt, was in einem solchen Fall zu tun sei. Aber das ist lange her, und wenn, dann hatten die Worte für dich keinerlei reale Bedeutung, befanden sich außerhalb deiner Realität, befanden sich auf einer Ebene mit den Lektionen in der Schule, was im Falle eines Super-GAUs zu tun sei.

Das darf nicht sein, schießt es dir immer wieder durch den Kopf, während dein Körper offenbar ein Notfallprogramm abspult. Zum ersten Mal in deinem Leben schaltest du die Warnblinkanlage ein. Dann öffnest du vorsichtig die Wagentür, während hinter dir die Autoschlange immer länger wird. Für die anderen Fahrer ist es ein ganz normaler Morgen. Wahrscheinlich flucht der eine oder andere hinterm Steuer, warum so ein Trottel vor ihm den Wagen einfach abgestellt hat. Einige werden zu spät in die Arbeit oder zu einem wichtigen Termin kommen, nur weil sich die Wege zweier Fäden kreuzten.

Du gehst nach vorne und siehst das Reh auf der Straße kauern. Als würde es sich nur ein wenig ausruhen und könnte jeden Moment wieder lospreschen, wenn Gefahr droht. Vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm verletzt … du hast ja noch bremsen können und warst nicht allzu schnell unterwegs, vielleicht … es blutet aus dem Maul und zittert. Es zittert aber weniger als du selbst. Dabei bist du doch völlig unverletzt, während es, der Verursacher, das Tier, während also das Reh …

Weg von der Straße! Der Gedanke gilt nicht dir, sondern dem Reh. Wenn es sich am Ende noch aufrappelt und auf die Gegenfahrbahn läuft … du kniest mit einem Bein nieder und hebst es vorsichtig hoch. Du erwartest einen Schrei des Schmerzes und der Todesangst, du erwartest, dass es zu fliehen versuchen oder zumindest verzweifelt strampeln wird. Stattdessen lässt es sich von dir wegtragen. Bislang kanntest du Rehe nur von der Weite oder Filmen her. Jetzt hältst du eines in deinen Armen, die das Gewicht gar nicht zu spüren scheinen. Behutsam legst du es ins Gras am Straßenrand, während sich die Autoschlange auflöst und die Wagen an dir vorüberziehen.

Irgendwas muss jetzt passieren! Ein Wagen muss stehenbleiben und der Fahrer herausspringen, der sich als – welch‘ glückliche Fügung! – Tierarzt herausstellt der mit einem Blick fachmännisch feststellt, dass dem Reh nichts fehlt. Absurd, natürlich.

Irgendwas musst du doch tun können! Aber du kannst nichts tun, außer auf die Polizei zu warten. Quälend langsam verstreicht die Zeit. Das Reh rührt sich keinen Millimeter. Du hast schon oft davon gelesen, wie Rehkitze von Mähdreschern getötet werden, weil sie sich möglichst klein machen anstatt davonzulaufen. So ähnlich fühlst du dich in diesem Augenblick: Ein stählernes Monster mit der Aufschrift "dummer Zufall" rollt auf dich zu und du kannst gar nichts dagegen machen. Die scharfen Messer seines Schneidwerks blitzen auf und kommen näher, näher, näher … nein, wirklich: Du kannst nichts dagegen machen! Dein eigener Faden und jener des Rehs kreuzten sich, oder wurden gekreuzt, in bösartiger oder gleichgültiger Absicht. Es spielt jetzt keine Rolle mehr, während der Schock dich immer noch zittern lässt und das Reh erbarmungswürdig am Boden kauert, als wartete es ebenso auf die Polizei wie du selbst.

Endlich trifft der Wagen ein. Der Beamte stellt dir ein paar Fragen und nimmt deine Personalien auf. Da ist sie wieder zum Greifen nahe, die Routine. Natürlich: Jeden Tag werden Tiere von Autos angefahren. Ein paar Tage – oder waren es Wochen? – zuvor hatte ein Wildunfall in der Nähe mit einer verletzten Fahrerin geendet. Du selbst hast vor vielen Jahren in einem Kurs einen jungen Mann kennengelernt, der seit einem Wildunfall im Rollstahl saß. Dein Auto ist zwar beschädigt und du weißt, dass du die Reparaturkosten mangels entsprechender Versicherung selbst übernehmen wirst müssen. Aber im Moment gilt dein Schmerz diesem Tier, das erlöst werden muss. Alleine das Wort lässt dich schaudern, weil es plötzlich so kalt klingt, obwohl es doch positive Gefühle erzeugen sollte.

Inzwischen hat der Polizist den für das Revier zuständigen Jäger angerufen. Wieder musst du warten. Würdest du auf die Uhr blicken, wären es wohl nur wenige Minuten gewesen. Aber du wartest ja nicht in einem Geschäft darauf, dass der Verkäufer Zeit für dich findet. Du stehst an einem kalten Morgen am Straßenrand und wünschst, du könntest auf magische Weise die Uhr zurückdrehen. Das hast du in Filmen schon oft gesehen. Stattdessen siehst du, wie ein Geländewagen stehenbleibt, zwei Männer aussteigen und den Beamten grüßen. Ein Reh lief auf die Straße und vor einen herannahenden Wagen. Routine eben.

Einer der beiden Jäger wird dir ja wohl die Hand auf die Schulter legen und dich beruhigen. Er wird dir sagen, dass so etwas leider immer wieder vorkommt und du dir keinen Kopf machen solltest, weil er das Reh rasch von seinem Leid erlösen wird, und ob du eine Kaskoversicherung hättest, nein, du hast keine, das ist aber blöd, das wird eine Stange Geld kosten, aber das sei halt echt ein ganz blöder Zufall, dass einem so was passiere, aber sehen Sie, es wurde kein Mensch verletzt, das sei ja das Wichtigste, machen Sie sich also keinen Kopf, wollen Sie vielleicht zur Beruhigung eine Tasse Kaffee, wir haben eine Thermoskanne mit.

Aber keiner der beiden beachtet dich. Sie lachen sogar, während du irgendwas Verrücktes tun möchtest. Vielleicht mit dem Kopf gegen den Polizeiwagen laufen. Oder losheulen. Oder kotzen. Oder in einem befreienden Akt des Wahnsinns alles zusammen tun. Gar nichts Verrücktes wirst du tun, natürlich nicht. Du bist ja jemand, der einen Eisstiel nicht einfach auf die Straße wirft, sondern ihn in der Hand trägt, bis er einen Mülleimer zum Entsorgen findet. Du bist ja jemand der glaubt, wenn er ein anständiges Leben führe, würde ihm nichts allzu Schlimmes widerfahren. Dabei weißt du selbst, wie naiv du bist.

Du fühlst dich wie ein Taucher unter Wasser, als du in deinen Wagen einsteigst um endlich zu fahren. Die Erlaubnis hierzu hast du dir eingeholt. Du möchtest nicht sehen, wie das Reh einem Müllsack gleich in den Geländewagen verladen wird. Dieses Lebewesen, das du in deinen Armen hieltest, nachdem du seinen Lebensfaden durchschnitten hast.

An diesem Tag bist du nicht arbeitsfähig. Du fährst in die Werkstätte und lässt den Schaden schätzen. Einen Monatslohn wird dich die Reparatur kosten. Das Reh hat es sein junges Leben gekostet. Diese eine Sekunde. Wäre es eine Sekunde früher oder später losgelaufen, würdest du jetzt vielleicht einen Kaffee trinken und jemandem erzählen, dass du um ein Haar ein Reh erwischt hättest. Wärst du eine Sekunde früher oder später losgefahren, würdest du diesen Text nicht schreiben müssen. Und du musst, musst!, ihn schreiben, um nicht durchzudrehen. Du schreibst: 1 Sekunde. Und du rechnest: Die durchschnittliche Lebenserwartung eines mitteleuropäischen Mannes beträgt etwa 77 Jahre.

Das ergibt 2.428.272.000 Sekunden Lebenszeit.

Rund zweieinhalb Milliarden Sekunden.

Weit mehr als eine Milliarde davon hast du bereits verbraucht. Und diese Erkenntnis zermürbt dich endgültig: Eine einzige Sekunde entschied darüber, ob du einen ganz normalen Arbeitstag und einen gemütlichen Abend hinter dich bringen oder bis in die kleinste Faser hin erschüttert dich fragen würdest, warum du am Morgen nicht etwas kürzer oder länger hättest schlafen können. Oder eine Sekunde länger oder kürzer die Zähne putzen. Oder den Autoschlüssel fallen hättest lassen können, wie es dir so oft passiert. Zwei, drei Sekunden Aufschub hätten genügt.

Stattdessen vermeinst du, irgendwo das hämische Gelächter des Fädenziehers zu vernehmen. Dieses Lachen wechselt sich mit dem Wumm ab. In die Pausen dazwischen schiebt sich der Gedanke: Warum passiert mir so etwas?

Darauf bekommst du keine Antwort, und möglicherweise solltest du darob froh sein, könnte sie dich doch innerlich brechen. Aber du musst weiterlaufen, obwohl du mittlerweile gar nicht mehr zählen kannst, wie oft du gestürzt bist. Du musst weiterlaufen, mechanisch, stur vorangetrieben von der leidenschaftslosen Routine des Lebens. Dein mechanisches Herz sieht niemand weinen. Krrrsch.

 

 

Von einer bösartigen Laune des Fädenziehers am 24. Oktober 2012 geschrieben.

Autor seit 6 Jahren
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