5. Kleiner Mann ganz groß: Napoleon!

Der Mythos: "Napoleon war kleinwüchsig und hatte deshalb einen Minderwertigkeitskomplex."

Die Wahrheit: Woran denken Sie, wenn der Name Napoleon fällt? Natürlich an einen grimmig dreinblickenden Franzosen mit Zweispitz, der unter seiner geringen Körpergröße litt und diesen Makel auf dem Schlachtfeld zu kompensieren versuchte. Der Psychologe Alfred Adler benannte sogar einen Minderwertigkeitskomplex nach ihm, den "Napoleon-Komplex". Zu klein gewachsene Männer versuchen demnach ihre geringe Körpergröße durch Überkompensation auf anderen Gebieten auszugleichen. Beispielsweise durch den Einmarsch in, sagen wir mal, Russland.

Aber war Napoleon tatsächlich jener Zwerg, als den wir ihn aus Karikaturen und natürlich aus Filmen kennen, wie dieser Stanley-Kubrick-Dokumentation mit seltenen Videoaufnahmen Napoleons?

Gezeichnet wurde das Bild des royalen Franzosenzwergs wenig überraschend von den verfeindeten Engländern, die natürlich ein Interesse daran hatten, ihren Kontrahenten möglichst lächerlich darzustellen. Doch wie groß war der gebürtige Korse nun wirklich? Mit 1,68 Metern war er gewiss kein Riese und gälte im heutigen Frankreich, wo erwachsene Männer durchschnittlich 1,74 Meter groß werden als knapp unterdurchschnittlich groß. Im Frankreich des 19. Jahrhunderts schlug er mit seinen 1,68 Metern gewiss noch weniger aus der Norm.

Der Mythos des kleinwüchsigen Napoleons speiste sich ursprünglich wohl aus einem Missverständnis, das den unterschiedlichen Auslegungen zwischen dem englischen und französischen Längenmaß Fuß entsprang.

Der englische foot war zwei Zentimeter kleiner als der französische pied. Da Napoleons Größe mit fünf Fuß, zwei Zoll und drei Linien angegeben wurde, summierte sich dieser Unterschied auf zehn Zentimeter, et voilà: Ein royaler Zwerg war geschaffen! Dass sich Napoleon wie weiland Friedrich der Große eine Garde "Langer Kerle" hielt, trug das seine zum Mythos des kleinwüchsigen Wahnsinnigen bei.

Übrigens wurde der ehemalige französische Präsident Nicolas Sarkozy häufig auf boshafte Weise mit Napoleon verglichen, obwohl er mit 1,65 Metern sogar kleiner als dieser war. Dafür landete Sarkozy nicht auf St. Helena, sondern beim Model Carla Bruni, der seine geringe Körpergröße egal war. Was doch so ein schillerndes Präsidentenamt beim schönen Geschlecht alles bewirken kann …

4. Früher glaubte man, die Erde wäre eine Scheibe

Der Mythos: "Im Mittelalter glaubte man, die Erde sei eine Scheibe."

Die Wahrheit: Kaum ein anderer falscher Mythos ist dermaßen weit verbreitet wie jener, man hätte noch im Mittelalter an eine scheibenförmige Erde geglaubt. Ausgeschmückt wurde diese Annahme mit allerlei Details wie jenem, Kolumbus hätte seinen verbohrten Zeitgenossen beweisen wollen, dass die Erde eine Kugel sei. Der Universalgelehrte Eratosthenes von Kyrene berechnete im 3. Jahrhundert vor Christus den Erdumfang mit rund 40.000 Kilometern, und weder die Wikinger, noch sonstige Seevölker waren von der Angst beseelt, sie könnten vom Rand der Erdscheibe kullern.

Wenn die Menschen also bereits seit über zwei Jahrtausenden von der Kugelgestalt der Erde wissen, woher stammt dann der Mythos, sie hätten die Erde für eine Scheibe gehalten? Der amerikanische Historiker Jeffrey Burton Russell widmete dieser Thematik sein Buch "Inventing the Flat Earth: Columbus and Modern Historians" und zog den Schluss, die Erfinder dieser Lüge hätten die Fortschrittsfeindlichkeit der Kirche und die naive Dummheit ihrer Gläubigen herausstreichen wollen. Den historischen Ausgangspunkt des "flat Earth"- Mythos verankert er Anfang des 19. Jahrhunderts.

Die Idee, noch im Mittelalter hätten die Menschen an eine flache Erde geglaubt, hält sich dermaßen hartnäckig, dass sie geradezu das Paradebeispiel für – angebliche oder tatsächliche – Ignoranz verkörpert. Wie oft haben Sie nicht einen Satz wie: "Warum sollte das nicht möglich sein? Im Mittelalter glaubten die Leute ja auch, die Erde wäre eine Scheibe, und Galileo Galilei wurde sogar von der Kirche umgebracht, weil er die Erde für eine Kugel hielt!"

Selbst auf der Online-Ausgabe der populären "Was ist was"-Serie findet sich der erstaunliche Satz (Link zur Quelle) "Im Mittelalter glaubten die Menschen, die Erde wäre eine Scheibe, um die sich Sonne, Mond und Sterne drehten."

Diesem Mythos wohnt freilich noch eine ganz andere Komponente inne, nämlich jene, die vorangegangenen Generationen als "rückständig" zu erachten.

3. Caligula war Roms brutalster Kaiser

Der Mythos: "Der brutalste Herrscher Roms war der völlig verrückte Caligula. Hat der nicht seine eigene Schwester geheiratet und ein Pferd zum Senator ernannt?"

Die Wahrheit: Wer Kaiser des auf Eroberung, Versklavung und Gewalt errichteten Römischen Reiches sein wollte, konnte nicht mit milder Hand regieren. Doch kein anderer Herrscher missbrauchte seine Macht auf blutigere, perversere Weise als der von 37 bis 41 nach Christus regierende Caligula. So lautet jedenfalls der Mythos.

Zu den bekanntesten ihm zugeschriebenen Gräueltaten zählt neben wahllosen Hinrichtungen zu seiner Belustigung die monatelange Folterung eines unseligen Passanten, der ihn angeblich beleidigt hatte, sowie die öffentliche Exekution einer ganzen Familie. Als nur noch die 12-jährige Tochter am Leben war, forderte die Menge ihre Freilassung, da sie noch Jungfrau sei, woraufhin Caligula sie erst vergewaltigen und danach hinrichten lassen haben soll.

Berühmt ist auch folgende Anekdote: Da im Amphitheater bei der Hauptattraktion, der Verfütterung an die Löwen, keine Gefangenen mehr übrig waren, ließ Caligula die Zuschauer der ersten fünf Reihen in die Arena werfen. Über mangelnde interaktive Unterhaltung konnte man sich damals wahrlich nicht beschweren!

Angeblich hatte er zudem öffentlichen Sex mit seinen drei Schwestern, trank in Essig aufgelöste Perlen und ernannte sein Lieblingspferd Incitatus zum Senator.

Kurzum: Caligula war offenbar ein von Grausamkeit und Bösartigkeit besessener Gewaltherrscher wie er im Buche steht. Aber war er das wirklich? Überraschend mag zunächst der Umstand wirken, dass Gaius Caesar Augustus Germanicus – der ihm erst später zugedachte Spitzname Caligula ("Soldatenstiefelchen") rührte von seiner engen Verbundenheit mit den Legionären her – durch den Senat zum Kaiser ernannt worden war und die Macht somit nicht in einem blutigen Coup an sich gerissen hatte, wie man dies annehmen könnte.

Zu Beginn seiner Herrschaft war Caligula äußerst populär, sowohl im Volke, das er mit aufwändigen Spielen und Steuersenkungen für sich einnahm, als auch bei seinen Soldaten und speziell der für seinen leiblichen Schutz abgestellten Prätorianergarde, welche er mit Geld überhäufte.

Ein halbes Jahr nach seinem Machtantritt erkrankte er schwer und soll allmählich dem Wahnsinn verfallen sein. Moderne Historiker spekulieren über eine mögliche Gehirnentzündung, die bis hin zu geistiger Einschränkung führen kann. Welche der ihm zugeschriebenen Untaten Mythos oder Realität waren, bleibt unklar. Zweifellos war Caligula ein brutaler, prunksüchtiger Egomane, der sich gegen Ende seiner Herrschaft sogar als Gott verehren ließ. Aber hat er es verdient, eine Sonderstellung unter den römischen Despoten einzunehmen?

Legendenbildungen rund um in Ungnade gefallene Herrscher ist beileibe kein Zug der Moderne. Exemplarisch hierfür sind die beiden anderen berühmtesten römischen Despoten: Nero und Gaius Julius Cäsar. Auch das Bild Neros vom Wahnsinnigen, der die Stadt anzünden ließ und dazu die Lyra spielte, ist historisch nicht zu belegen. Der verheerende Brand war höchstwahrscheinlich der dichten Besiedelung Roms geschuldet und war nicht von Nero in Auftrag gegeben worden, um Platz für einen neuen Palast zu schaffen, wie später behauptet wurde.

Viel positiver fiel und fällt die Wahrnehmung gegenüber Gaius Julius Cäsar aus. Gerne rezeptiert man ihn als weisen, wortgewandten Staatsmann, der mit eiserner, aber gütiger Faust über das Reich herrschte. Tatsächlich führte er unter anderem in Gallien einen blutigen Krieg, der nach späteren, durchaus glaubwürdigen Angaben des griechischen Gelehrten Plutarch eine Million Gallier das Leben gekostet hatte. Julius Cäsar ließ feindliche Stämme niedermetzeln und zeigte bei der Eroberung der gallischen Stadt Uxellodunum keinerlei Gnade: Den Überlebenden Bewohnern wurden die Hände abgehackt.

Natürlich sollen hiermit die Grausamkeiten Caligulas in keiner Weise relativiert werden. Fakt ist aber, dass seine Herrschaft von keiner besonders herausragenden Grausamkeit, sondern von "ganz gewöhnlicher Brutalität" geprägt war.

2. Dumme Dinos, schlaue Säuger

Der Mythos: "Dinosaurier waren riesige, dumme Reptilien, die von den schlauen Säugern verdrängt wurden."

Die Wahrheit: Dieser Mythos ließe sich eigentlich bereits in zwei Sätzen widerlegen. Der älteste bekannte Vorfahr der Säugetiere, das etwa zehn Zentimeter lange, mäuseähnliche Eomaia, lebte vor 125 Millionen Jahren. Dinosaurier beherrschten 170 Millionen Jahre lang das Festland. Mit anderen Worten: Diese angeblich dummen, unbeholfenen Riesen dominierten 170 Millionen Jahre lang die Kontinente. Hätte nicht vor 65 Millionen Jahren ein Meteoriteneinschlag eines der größten Massensterben der Erdgeschichte verursacht, wären Säugetiere möglicherweise nie über das Stadium der geduldeten Mitbewohner hinausgelangt.

Angesichts dessen erscheint es geradezu ungerecht, dass wir erst seit knapp zweihundert Jahren Kenntnis von der Existenz der Urzeitriesen besitzen. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts hinein waren Dinosaurierknochen meist als Überreste von Drachen und anderen Fabelwesen oder sogar als die Gebeine der in der Bibel erwähnten Riesen gedeutet. Erst der britische Zoologe Richard Owen erkannte in den rätselhaften Fossilien eine eigene Tiergattung, die er Dinosaurier nannte. Kurioserweise wurden die Dinosaurier anfangs als agile Lebewesen beschrieben – eine Sichtweise, die sich dramatisch ändern sollte.

Fortan wurde den Dinosauriern auf Grund ihrer relativ kleinen Gehirne – size does matter! – monströse Dummheit attestiert. Illustrationen bis Anfang der 1980er Jahre zeigten die Tiere meist mit grauer oder grüner Haut – an Reptilien angelehnt – und vorwiegend im Sümpfen und seichten Gewässern hausend, um ihre gewaltige Körpergröße überhaupt tragen zu können. Et voilà: Das Klischeebild des grünen Monsters mit dem Gehirn einer Erbse war geboren und blieb bis heute erhalten! Über Zeitgenossen mit unliebsamen Ansichten heißt es oft, sie wären "Dinosaurier". Was als Verspottung gedacht ist, erscheint aber angesichts der viele Millionen Jahre währenden Dominanz der "schrecklichen Echsen" als klassisches Eigentor.

Zwar stimmt es, dass die meisten Dinosaurier ein verhältnismäßig winziges Gehirn besaßen. Gegen die These der stupiden Monster spricht aber die vermutlich intensive Brutpflege. Diverse Funde deuten auf Bewachung der Nester durch die Eltern hin. Auch das soziale Verhalten widerspricht der immer noch gängigen Ansicht tumber Riesenechsen. Versteinerte Fußspuren weisen darauf hin, dass sich Pflanzenfresser in Herden bewegten. Dabei könnten sich sogar unterschiedliche Spezies zusammengeschlossen haben, die einander vielleicht Schutz boten oder Alarm schlugen. Die Spuren von Jungtieren befanden sich dabei stets innerhalb der Herden, beschützt von den ausgewachsenen Exemplaren.

Fleischfresser wie der Tyrannosaurus rex, der Allosaurus oder der Velociraptor jagten in Rudeln – ein Verhalten, das nicht zufällig an jenes von Raubkatzen oder Wölfen erinnert, denen man kaum mangelnde Intelligenz vorwerfen würde. Folglich verfügten die Raubsaurier auch über die größeren Gehirne, wohingegen sich Pflanzenfresser mit kleineren Denkorganen begnügten.

Das Gehirn des Stegosaurus, der so groß wie ein Elefant war und bis zu fünf Tonnen wog, kam auf gerade einmal 80 Gramm, was wesentlich zum Bild des "dummen Dinosaurier" beitrug. Freilich: Trotz seines Mini-Gehirns überlebte der Stegosaurus viele Millionen Jahre lang. Möglich machte dies seine mit Stacheln bewehrte Schwanzkeule, die für jeden Raubsaurier eine tödliche Gefahr darstellte. Tiere ohne derartige Schutzmechanismen und Fleischfresser benötigen weitaus mehr an Intelligenz, was sich in der Kette der Evolution bis heute durchzieht.

Um mit dem zweiten großen Mythos rund um Dinosaurier aufzuräumen: Viele Arten waren kaum größer als eine Kuh und entsprachen somit nicht der Vorstellung der Urzeitgiganten. Die kleinsten bislang bekannten Dinosaurier wie Compsognathus oder Microraptor konnten sich in Punkto Größe mit Hühner messen. Ungefährlich waren sie dennoch nicht: Beide Arten zählten zu den Fleischfressern. Buchstäblich überschattet wurden diese Winzlinge im Reich der Giganten natürlich von den Riesen wie Brachiosaurus, Argentinosaurus oder Supersaurus, deren Größen mitunter auf bis zu 40 Metern Länge mit einem Gewicht von bis zu 100 Tonnen geschätzt wird.

Steven Spielbergs Dinosaurierschilderungen in "Jurassic Park" können übrigens nicht als neuester Stand der Forschung betrachtet werden, was auch den Produzenten klar war, die etwa dem menschengroßen Raubsaurier Deinonychus den flotteren Namen Velociraptor unterschoben, obwohl der "Raptor" kleiner und weniger furchteinflößend war. Aus gutem Grunde verschloss man sich jedoch der Entdeckung, dass viele Dinosaurier, darunter vermutlich auch der Tyrannosaurus rex, bunt befiedert waren. Trotz seiner 30 Zentimeter langen Zähne hätte ein T-Rex im flauschigen Federnkleid wohl an Bedrohlichkeit eingebüßt, ganz zu schweigen vom ohrenbetäubenden Brüllen im THX-Sound, das am Ende noch wie ein Zwitschern geklungen hätte …

1. Wikinger trugen Hörnerhelme

Der Mythos: "Wikinger trugen gehörnte Helme, um Feinden Furcht einzuflößen."

Die Wahrheit: Ein Wikinger ohne Hörnerhelm? Unvorstellbar! Das wäre ja wie ein Bayer, der nicht im Trachtenanzug zur Aufsichtsratssitzung erscheint oder ein Österreicher ohne Skier an den Füßen!

Um es kurz zu machen: Es gibt keinen einzigen Fund der darauf hindeutet, dass die Wikinger Hörnerhelme trugen, so beeindruckend ein solcher auch den Kopf geschmückt hätte. Hierfür gibt es zwei einleuchtende Gründe: Zum einen wäre ein Wikinger in Spanien möglicherweise ganz schnell aufgespießt worden, zum anderen widerspräche ein Hörnerhelm seinem Zweck, den Träger vor Verletzungen im Kampf zu schützen. Ein gehörnter Helm wäre schließlich selbst mit einem unpräzisen Hieb leicht zu treffen, mit fatalen Folgen für den Helmträger. Wahrscheinlich trugen viele Wikinger überhaupt keine Rüstung, also auch keinen Helm, da sie sich diese nicht leisten konnten.

Aber woher stammt dann unser Bild von den Wikingern mit Helmhörnern? Keinesfalls von Funden. Zwar wurden Helme mit Hörnern gefunden. Diese stammten jedoch von den Kelten und dienten als Kultgegenstände. Manche Historiker machen Richard Wagners Oper "Rheingold" dafür verantwortlich. Bei den Aufführungen sollen die nordischen Recken aus dramaturgischen Gründen mit Hörnerhelmen ausgestattet worden sein.

Die Vorstellung der einst gefürchteten Barbaren mit Hörnerhelmen und geflügelten Helmen gefiel dem Publikum und brannte sich ins kollektive Bewusstsein ein. Fortan wagte sich kein aufrechter Wikinger mehr ohne Hörnerhelm auf Hohe See.

(c) der Fotos (Tipp: Bewegen Sie die Maus drüber!): Pixabay

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